Auf Erkundungstour am ersten Tag

Nach der beschwerlichen Reise schlafe ich erstmal bis knapp 12 Uhr aus. Da ich keine Lust auf Instant-Nudeln zum Frühstück habe, gehe ich erstmal los. Bei UV-Index 10 gebietet sich starke Sonnencreme genauso wie kurze Sachen und genügend Wasser im Beutel.

Als würde ich zum Strand gehen

In der Rezeption, die gleichzeitig Essraum und GetTogether ist, treffe ich auf einen Zimmernachbarn. Chris ist Mitte/Ende 30, Kanadier und hat schon ein Jahr in Taiwan gelebt und hat daher zum Glück ein paar Tipps für mich.

Erstens: Learning Chinese. Zwei Apps, die mir ChatGPT empfohlen hat, kennt er auch und erklärt mir was an denen gut funktioniert. Dazu zeigt er mir zwei weitere Apps und schwärmt vom hier gesprochenen und geschriebenen traditionellen Chinesisch (im Gegensatz zum Vereinfachten, was auf dem Festland gebräuchlicher ist), da er den Aufbau sehr logisch empfindet. Ich lasse mir erklären, dass die Wörter zwar alle ein eigenes Schriftzeichen haben, aber dass sie aufeinander aufbauen. Beispielsweise setzt sich das Wort für Vulkan aus den Wörtern für „Feuer“ und „Berg“ zusammen, sodass man sich mit dem Basicvokabular den „Feuerberg“ erschließen kann. Seiner Meinung nach kann man mit etwa 1000 Vokabeln ein Vielfaches dessen an Wörtern erkennen. Die wahre Herausforderung liegt wohl im Verstehen bei Konversationen. So wie es im Englischen drei Bedeutungen von „two“/„to“/„too“ aufgrund der gleichen Aussprache gibt, könne man im chinesischen froh sein, wenn es nur drei sind. Chris beschreibt, wie in Gesprächen sein Kopf rattert, weil er ständig über den Kontext des gesagten nachdenken muss. Und dass er viel gelernt hat, indem er sich stundenlang CDs und Hörbücher angehört hat. Die App, mit der ich anfangen soll, heißt „HelloChinese“. Dort bekomme ich zuerst Pinyin beigebracht, die in lateinischen Buchstaben aufgeschriebene Lautsprache vom Mandarin. Chris sagt, dass mich ohne die richtige Betonung niemand verstehen wird, die Lektion solle man nicht auslassen, auch wenn man diese Art Lautschrift nirgendwo im öffentlichen Raum sieht. „Pleco“ ist eine Art Duden, „ImmersiveChinese“ funktioniert wie Karteikarten und mit „Du Chinese“ kann man ganzen Geschichten und Bücher lesen, wobei man sich die Übersetzung eines Satzes durch einen Klick immer anzeigen lassen kann. Sehr praktisch.

Zweitens: Air pollution. Mir ist bereits am Vortag aufgefallen, dass etwa 40% aller Leute draußen eine Maske tragen, und Chris erzählt mir von der unsichtbaren Luftverschmutzung, die einerseits durch die Industrie in Taiwan verursacht wird, aber auch von Fabriken auf dem chinesischen Festland kommt und über das Meer rüberzieht. Er empfiehlt mir, sich einen Luftfilter (Kostenpunkt ungefähr 100 Dollar) anzuschaffen, da die schmutzige Luft anscheinend einen erstzunehmenden langfristigen Effekt auf die Gesundheit hat.

Das hinterlässt bei mir durchaus Eindruck, und so kaufe ich mir bei 7/11 direkt ein Set Masken, was sich so nach Corona anfühlt. Nur dass man jetzt draußen statt drinnen darauf angewiesen ist. 32 Grad bei knallender Sonne machen es nicht besser, und mit aufgesetzter Sonnenbrille (meine lichtempfindlichen Augen machen es sonst nicht mit) fühle ich mich endgültig von der Welt der Mimik und Blicke abgeschnitten. Glücklicherweise gibt es auf den Fußwegen viel Schatten, da diese fast immer eine Art Arkadengang sind, über denen die Gebäude sich emporheben. Das ist einerseits sehr platzsparend, außerdem sorgt es für dringend benötigte Abkühlung.

Überdachte Fußgängerwege in der Innenstadt

Ich hätte Lust, mir hier etwas zu essen zu holen, allerdings kann man bei den meisten Ständen hier nur mit Cash bezahlen, welches ich mir wenig später am ATM im 7/11 hole (erstmal 6000$NTD, umgerechnet etwa 175€).

Ich habe kein direktes Ziel, aber das Hafenviertel mit angrenzendem Nationalpark sah auf Google sehr interessant aus, und so laufe ich meine Straße dank schachbrettartigem Städtebau straight runter. Die Eindrücke, die ich dabei sammle, flashen mich an jeder Ecke erneut. Die eben beschriebenen Fußgängerwege unter den Geschossdecken der ersten Stockwerke sind gefühlte Grauzonen der Öffentlichkeit. Da sind quasi alle 20 Meter neue Street Food Stände, die leckersten Delikatessen werden für wenig Geld angeboten, teilweise ist die Küche ein zur Straße offener Raum und man kann bei der Zubereitung des Essens zusehen, und zwischen den Sitzbänken und dem Stand gibt es Platz um durchzugehen, was auch einige Leute tun (alternativ kann man sich meistens auch am Straßenrand an parkenden Autos und Motorrädern vorbeischlängeln, ohne groß Angst haben zu müssen, überfahren zu werden). Es gibt aber auch viele Stellen in diesen Arkaden, in denen sich die Querung eher schwierig gestaltet. Einige Autowaschanlagen sehe ich, Heimwerkstätten, in denen große Küchenmesser geschliffen werden, teilweise auch kleine Müllhalden; ab und zu muss man ein/zwei Stufen rauf- oder runterlaufen, weil jemand seinen Hauseingang angehoben hat, und sowieso stehen Motorräder, wohin man nur sieht. Ein paar Mal muss ich zurücklaufen, weil ich gar nicht durchkomme. Das hindert die Kaohsiunger nicht daran, sich mit dem motorisierten Zweirad durch die engsten Lücken zu zwängen.

Nach knapp 30min muss ich abbiegen, um den „Liebes-Fluss“ zu überqueren. Der Stadtteil wechselt, die Straßen werden etwas breiter und ich passiere mehrere Regierungsgebäude, darunter verschiedene Ministerien, Banken und staatliche Museen. Hier gibt es weniger Street Food und es ist auch weniger Verkehr unterwegs, von den Hauptstraßen abgesehen. Hier in Hafennähe entscheide ich mich, in den „Shoushan National Park“ zu gehen. Den großen grünen Berg habe ich schon aus dem Flugzeug gesehen und auf Google ist auch ein Aussichtspunkt markiert.

„Liebes-Fluss“

Auf dem Weg hole ich mir einen Milch-Tee, der Hitze macht sehr schnell durstig. Den Geschmack würde mein Vater ziemlich sicher als „pervers“ bezeichnen, aber ich liebe diese Chemie. So wie alles hier, natürlich mit maximal viel Plastik: der Becher ist mit einer Plastikfolie überzogen, durch die ich den in Plastik eingepackten Plastikstrohalm durchstoßen muss, obwohl mir der Tee direkt in die Hand gegeben wird. 45$NTD, etwa 1,30€, nicht schlecht. Die Frau spricht zwar kein Englisch, so wie viele ältere Menschen hier, aber mit Gestikulieren kommt man gut durch.

Der „Eingang“ zum Berg ist eine Art Landstraße ohne Bürgersteig, auf der die Autos in erhöhtem Tempo fahren. Allerdings führt nach kurzer Zeit am linken Rand eine Treppe durch den Wald nach oben. Auf den Stufen, die aus teils bröckeligem Beton bestehen, fühle ich mich direkt wie im Dschungel. Tropische Bäume ranken sich rechts, links und oberhalb von mir um den Weg. Am Rand liegt relativ viel Müll und dieser Bereich hat generell einen sehr speziellen Geruch, den ich aber nicht unbedingt dem Müll zuschreiben würde. Schon nach ein paar Stufen rinnen mir die Schweißperlen von der Stirn, nachdem ich sowieso schon sehr am Schwitzen war. Zwischendurch muss ich die genannte Landstraße überqueren, die sich in Serpentinen nach oben schlängelt. In einer Kurve muss ich über eine Kreuzung nach schräg links, dort sehe ich eine bestimmt 10 Meter breite Treppe den Hang hinaufführen. Am unteren Ende steht eine Gruppe Jugendlicher (ca. 30 Leute, ungefähr 18 Jahre alt m.E.), die alle dasselbe blaue Sporttrikot mit der Aufschrift Soccer anhaben.

Sport in den sengenden Hitze

Sie werden von 3-4 Trainern angetrieben, die Treppen immer wieder rauf- und runterzuhechten, mit Staffelstäben in der Hand. Da ich sie nicht stören will, gehe ich meinen Dschungelpfad weiter. Auf der nächsten Treppe ist ein Baum quer in den Weg gewachsen, unter dem ich mich durchwinden muss.

Weg im „Shoushan National Park“

Weiter oben bin ich vermutlich am höchsten zugänglichen Punkt angelangt, dort endet die große Straße in einem Parkplatz und einer Straßensperre. Als ich näher hingehe, sehe ich zwei Militärs, die Wache stehen. Um das Sperrschild zu lesen, gehe ich näher und zücke mal wieder Google Lens. Doch sofort hebt der eine Militär seinen Arm und brüllt „No!“. Also trete ich den Rückzug an, und laufe die Straße ein Stück zurück. Auf dem Weg kommen mir unentwegt Jogger mit blauen Tshirts entgegen, einer winkt mir zu. Jetzt finde ich den Weg zum Aussichtspunkt, an dem sich auch ein buddhistischer Tempel befindet. Meine Aufmerksamkeit widmet sich allerdings erst einmal der atemberaubenden Aussicht auf Stadt und Hafen.

Blick vom „Shoushan LOVE Lookout“…
… auf den Hafen und das Meer
Panorama

Auf einem kleinen Aussichtstürmchen gibt es eine horizontale Plastikkarte, auf der die wichtigsten Orte markiert sind. Der „Tuntex Sky Tower“, das höchste Gebäude der Stadt, der Fischmarkt im Hafenviertel, das notiere ich mir mal. Die Säulen der Plattform haben runde Sitzbänke um sich, und nach der langen Strecke setz ich mich erstmal. Hier wäre doch ein guter Ort für eine Zeichnung, und zum Glück hab ich den Block bei mir. Zwischendurch kommen immer mal wieder Fahrradfahrer vorbei, die für die Aussicht gekommen sind. Meistens sind es junge Chinesen, die englische Musik auf ihren Boxen abspielen und laut reden. Ein paar sagen „Hi!“, eine Gruppe fragt mich, woher ich komme. „Germany“ sag ich. „Germaanii“, „Gerrmanie“, versuchen sie es auszusprechen. Da sie noch mehr von mir wissen wollen, hilft jetzt Google Übersetzer. Sie sagen mir, dass ich schön zeichne, und raten mir dringend davon ab, chinesisch zu lernen (zu schwer). Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass die Taiwanesen interessiert sind, aber vielen mangelt es an Englischkenntnissen (bzw. mir an Chinesichkenntnissen), andere sind relativ schüchtern und stellen sich z.B. in meine Nähe, sagen aber nichts.

Meine Perspektive auf die City

Mehrmals kommen die Affen, die in dem Park zuhause sind, vorbei und suchen auffällig oft die Nähe meiner Tasche, sodass ich schnell aufstehe und meine Sachen festhalte. Auch die Taiwanesen haben Respekt vor ihnen.

Die Affen sind im Nationalpark zuhause
Affenskulpturen stehen überall

Ab etwa 16/17 Uhr lässt die Sonne nach und ich trete den Rückweg an. Einmal schaue ich mir kurz den Garten vor dem Tempel an, der Tempel selbst sieht allerdings nicht so aus, als können man ohne Weiteres hineinspazieren.

Vorsicht vor Schlangen?

Am oberen Ende der großen Treppe angelangt, spreche ich zwei der Sportler an, die wohl eine Trainingsfunktion innehaben, da sie die anderen immer wieder antreiben und die Zeit stoppen. Der während das Mädchen zuerst ihre Trainees filmt und danach die Kamera ziemlich lang direkt auf mich hält, kann der Junge ganz gutes Englisch und kann sogar auf Deutsch sagen, wie er heißt. Er warnt mich vor den Affen und erzählt, dass die Season Mitte September wieder beginnt und die Gruppe daher jeden Tag hier trainiert. Ganz ordentlich, gerade da sie schon ein paar Stunden hier sind. Angeblich ist dieser Berg den Sommer über eine Art Hotspot für Trainingsgruppen, die die großen Treppen nutzen und auf den Straßen des Bergs ihre Runden rennen. Ich lasse mir noch sagen, welcher Ort in der Stadt der beste für Essen ist (irgendwas am Hafen in der 85. Straße), dann mache ich mich auf den Rückweg. Ich habe heute quasi noch nichts gegessen und es ist schon 17 Uhr.

Jetzt ist die Temperatur wirklich perfekt, eine ganz leichte Brise weht durch die Straßen und ich setze mich beim erstbesten Stand auf einen Hocker und lehne mich an die Arkade. Es gibt sogar ein englisches Menü und ich bestelle Dumplings mit Garnelen und irgendeinem Grünzeug. Das ganze ist mit einer Art riesigen Kruste überzogen, und da es nur Stäbchen oder Löffel gibt, stelle ich mich zwar blöd an, aber im Endeffekt juckt das hier keinen.

Mit Kruste überzogene Dumplings

Später zuhause merke ich, wie fertig ich bin, und lege mich eine Weile aufs Bett. Ich will später unbedingt auf den Night Market in der Nähe gehen, Henry hat mir gestern schon ganz viele Fotos aus Teipeh geschickt, von Stuff den er dort gesehen und probiert hat. Er hat dort auch einen deutschen Bratwurststand gefunden, den ich unbedingt besuchen soll wenn ich mal nach Taipeh komme. Seine WhatsApp- und Insta-Storys sind voll von jeder Situation, die er erlebt, und auch im Privatchat bekomme ich regelmäßig seine Highlights mitgeteilt. Das stört mich aber (noch) nicht, bisher kenne ich ja eh kaum jemanden hier, da ist das recht erfrischend.

Ich frage sowohl Camille als auch Chris, ob sie mit mir auf den Liuhe Night Market gehen wollen, leider haben beide keine Zeit. Also gehe ich allein. Keine 5min von der Unterkunft ist die Straße für ein paar Blockabschnitte gesperrt, und dahinter reiht sich Stand an Stand für lange Zeit. Überall leuchten Anzeigen und Lichter, genau so hab ich mir Taiwan vorgestellt.

Liuhe Night Market

Ich hole mir frittierte Süßkartoffelbällchen, einen Adapter für die hiesigen Steckdosen, einen Bubbletea mit Oreogeschmack und einen frittierten Pfannkuchen, in den Frühlingszwiebeln, Ei und Käse eingebacken sind. Die Verkäuferin fragt mich ob ich es „spicy“ haben will und lacht, als ich bejahe. Ich soll aber erst probieren, ob es denn wirklich in Ordnung geht. Geht tatsächlich ziemlich klar. Schade. Der Pfannkuchen ist trotzdem sehr sehr lecker, unglaublich gut gewürzt. Beim Durchschlängeln höre ich drei Leute Deutsch reden und überlege kurz anzuhalten, laufe aber weiter als ich merke, dass das Gespräch um irgendwelche Antragsgenehmigungen in den Niederlanden geht.

Taiwanesische Spezialität: Süßkartoffelbällchen

Jetzt aber wieder nach Hause, morgen geht’s schon ins Dorm!

Hinterlasse einen Kommentar