Heute ist ein aufregender Tag. Viel hängt davon ab, was mich an der Uni erwartet. Um 12 Uhr muss ich das AirBnB räumen, und es ist mir etwas peinlich, dass ich beim Rausgehen noch nicht einmal richtig Tschüss sagen kann. Ich will definitiv mehr Zeit für meine neuen Chinesisch-Apps aufwenden. Aber erst einmal Geld auf meine EasyCard laden. Das geht an der Ubahnstation (Formosa Boulevard Station, wo gerade ein Musikevent stattfindet), es lässt sich allerdings nur mit Cash aufladen. Warum nicht gleich einen Tausender reinschieben? Reicht bestimmt für ein paar Tage.

Ich frage mich, warum die Ubahnen an den Bahnsteigen nicht offene Gleise haben wie bei uns in Europa, sondern gesonderte Türen, die sich parallel mit denen der Bahn öffnen. Ist es, um mehr allgemeine Sicherheit zu gewährleisten oder um Suizide zu verhindern? Sobald die Bahn den unterirdischen Bereich verlässt, ist dies jedenfalls nicht mehr so.

Ich fahre mit der Red Line ziemlich weit nach Norden raus, und über eine relativ hohe Trasse geht es zwischen Feldern und Hochhäusern weiter. So stelle ich mir das provinzielle Leben hier vor. Trotz äußerst dichter Besiedelung ein ruhiges und in der Natur versunkenes Leben. Als ich an der Qiaotou Station aussteige, bietet sich mir ein Wahnsinnsblick ins Landesinnere.
Ich gehe schnell zur großen Straße nebenan, um auf den Bus zu warten, der laut Plan mal alle halbe Stunde, mal alle 5 Stunden fährt. Als er kommen soll, kommt er nicht. Schön, fast wie in Berlin. Nur dass der nächste erst in drei Stunden kommen soll. Laut Google brauche ich jetzt zu Fuß nur minimal länger als mit den verbleibenden Öffis (beides ca 50min), also laufe ich trotz der immensen Hitze und Gepäck. Ich habe keine Lust auf Warten und so sehe ich bestimmt schon etwas von meiner neuen Umgebung.
Auf den richtigen Weg zu gelangen, gestaltet sich aber schon schwierig. Ich muss über Absperrpoller gehen, und lande nach etwas Kiesweg schließlich auf einer Landstraße ohne Bürgersteig. In 200 Metern soll immerhin einer sein. Also auf geht’s, immer schön vorsichtig gucken, aber alle Autos und Motorräder fahren mit großem Respektabstand vorbei.

Ich merke schon nach wenigen hundert Metern die Schweißperlen in meine Augen tropfen, da wird ein Motorrad hinter mir langsamer und eine Frau fragt mich auf gutem Englisch, if I „need a ride“. Zuerst frage ich mich, ob sie das ernst meint angesichts meines riesigen Koffers plus Wanderrucksack, aber sie sagt dass sie schnell ihr Auto holen will, um mich zu bringen. Sie erwähnt auch, dass die Straße die ich gehen wollte am Ende eine unpassierbare Baustelle hat, und sowieso in eine Autobahn mündet… da hab ich aber Schwein gehabt. Sie fährt kurz weg und nach 6-7min kommt sie auf dem Roller mit einem zweiten Helm zurück, das Auto hat ihr Vater leider mitgenommen. Da mein Koffer zu groß ist für den Vorderfußraum, setze ich mich hinter sie und halte ihn auf der rechten Seite waagerecht. Ziemlich anstrengend, aber allemal besser als zu laufen. Alle paar Minuten machen wir Haltepause, rote Ampeln bieten sich an. Ein paarmal fallen wir fast um, weil sie zu nah an einer Mauer fährt und der Koffer dadurch in Mitleidenschaft gerät, er bleibt aber heil und wir kommen nach 10-15min Rundfahrt am Campus der Uni an. Sie spricht netterweise mit dem Pförtner und bringt mich noch bis vor die Haustür des Dorms. Schwer vorstellbar, in Deutschland auf die Schnelle jemand so Hilfsbereiten zu treffen.

Auf dem Gelände herrscht reges Treiben. Heute ist der erste Tag, an dem die Studis für das neue Semester (welches im September beginnt) die Wohnheimzimmer beziehen können. Viele werden von ihren Eltern per Van gebracht (zwei Dads wollen wir sogar die Hand schütteln) und ich sehe einige auch Matratzen inklusive Bettzeug herumschleppen. Jetzt rächt sich meine Naivität. Schon im Frühling hatte ich auf der Website gelesen dass man seine eigene Matratze mitbringen soll, ich hatte das aber stets für einen Übersetzungsfehler gehalten. Und sowieso, wie hätte ich die denn besorgen geschweige denn mitbringen sollen?
An der Rezeption wird mir gesagt, in welchem Stockwerk mein Zimmer ist, kaum hochgegangen, stelle ich fest dass ich noch gar keinen Schlüssel habe. Also wieder zurück, da werde ich auf einen Stand mit Plastiktischen auf dem Hof verwiesen, an dem die Anmeldungen stattfinden. Auf Nachfrage kann ich zwar kein Proof of Payment vorweisen (Long Story Short: Beim Überweisen des Deposit hatte ich ChatGPT gefragt, die Bankdaten von Chinesisch ins Deutsche zu übersetzen. Letztlich hab ich das Geld an die falsche Bank überwiesen und wurde von der Uni angewiesen, auf „further instructions“ zu warten.), allerdings scheint das egal zu sein, da ich eine zugewiesene Zimmer- und Bettnummer vorzeigen kann. Generell fällt auf, dass alle Ansprechpersonen ungefähr mein Alter haben; später wird mir gesagt, dass erst mit Beginn des Schulbetriebs ab nächster/übernächster Woche das Lehrpersonal zurückkehrt. Außerdem sprechen die wenigsten von ihnen Englisch, weshalb ich die meiste Zeit mit Google Übersetzer hantiere, was aber recht gut funktioniert.
So wie ich es überblicke, bin ich stand heute der einzige Europäer, ich werde jedenfalls von vielen Seiten wie ein bunter Hund begutachtet. Der Vibe ist aber freundlich, wenn ich lächle, bekomme ich in der Regel auch ein Lächeln zurück.
Mein Zimmer ist mit „A201“ betitelt und ich habe Bett „D“ zugewiesen bekommen. Dazu einen Schlüssel mit der Zimmernummer und eine Chipkarte, die (wie ich später erfahren werde) als Bezahlkarte für die Air Condition fungiert. Als ich das Zimmer betrete, schlägt mir zuallererst ein auffällig unangenehmer Geruch entgegen. Ich brauche bestimmt ein paar Tage um beschreiben zu können, wonach das riecht. Wenn man ein paar Minuten im Raum ist, fällt es immerhin nicht mehr wirklich auf. Ich sehe, dass ein Zimmergenosse bereits seine Sachen hier liegen hat. Ein Haufen Dreckwäsche, Elektronik und ein Parfüm mit dem Namen „Bombshell“ fällt unter meinen Blick. Über Gesellschaft freue ich mich auf jeden Fall.
Jetzt geht’s aber los: Meine Befürchtung hat sich bestätigt, ich brauche tatsächlich eine eigene Matratze, denn die Betten bestehen nur aus hochstelzten Holplanken. Einen Schlafsack habe ich dabei, das Schlimmste wird wohl verhindert. Dass die Ausstattung Low-Budget ist, wird an einigen anderen Stellen sehr deutlich. Praktisch jede Wand hat Flecken, die auf zu viel Feuchtigkeit hinweisen, die Fliesen auf dem Boden sehen äußerst verschmutzt aus, ganz zu schweigen von den Unmengen Staub, und auch die Schränke/Wandregale haben allesamt undefinierbare Flecken, die mal einfach nur dreckig, mal klebrig aussehen.

Das Klo ist ein fensterloser komplett verfliester Raum, in dem außer der Kloschüssel praktisch nichts existiert. Das Waschbecken befindet sich im großen Raum neben dem Eingang, auch dessen Flächen haben lange keinen Lappen gesehen, sind aber prinzipiell akzeptabel. Die Fensterfront (eine halbwegs engmaschige Unterteilung in Ober- und Unterlichter) hält sich auf dem selben Level wie der Rest. Die Griffe klebrig oder verrostet, ist vor fast jeder Öffnung aber ein Fliegengitter. Mein Versuch, eins der Fenster zu öffnen, scheitert vorerst. Ist aber okay, denn draußen ist es wahrscheinlich sowieso wärmer als drinnen und ein rotierender Ventilator an der Zimmerdecke sorgt für angenehme Windböen zwischendurch. Die Klimaanlage über den Fenstern ist momentan ausgestellt, vielleicht hilft die in Zukunft auch noch aus. Die Vorhänge vor den Betten (die sich jeweils am Rand des Zimmers befinden), wirken ein bisschen nutzlos, wirklich reingucken kann man wahrscheinlich sowieso nicht, auf der anderen Seite befindet sich kein Gebäude und dazu sind die Scheiben auch zu vermilcht. Was soll’s, lecker sehen die nicht gerade aus, also fasse ich sie nicht an.
Ich stelle Koffer und Rucksack ab und setze mich erschöpft auf das Holzgestell, das neben dem Fenster noch freigeblieben ist, nachdem ich mit der Hand etwas Schmutz beiseite gewischt habe. Kurz Nachrichten checken, da sehe ich etwas in meinem Augenwinkel. Irgendwas ist ins Klozimmer gehuscht. Ich stehe sofort auf und schau nach, da ist tatsächlich eine Maus! Sie ist nicht groß, kleiner als meine Faust und hat so viel Angst vor mir, dass sie sich hinter der Kloschüssel versteckt. Ein gutes Foto gelingt mir nicht, aber jetzt bin ich alarmiert. Wo ist sie bloß hergekommen?? Meine Blicke rund um den Eingang zeigen, dass es kaum eine Möglichkeit gibt, wie sie hätte reinkommen können. Evtl durch einen ganz ganz schmalen Schlitz unter dem Kleiderschrank?

In dem Moment öffnet sich die Tür, und mein augenscheinlicher Mitbewohner kommt rein. Ca. 1,75m, etwas kräftiger und nur mit einem Hawaii-Kleid wirkt er sehr lustig. James heißt er, spricht gutes Englisch, kommt von den Phillipinen, und ist ein Intern, macht hier also ein Praktikum statt zu studieren. Ich erfahre, dass er schon seit Juli an der Uni ist und nur bis Ende September bleiben wird. Über die Sommerferien war er wohl die meiste Zeit alleine hier und wurde erst letzte Woche aus einem anderen Dormgebäude in dieses hier versetzt. Als ich ihm von der Maus erzähle, weiß er von nichts, jedenfalls sei er nur nachts zum Schlafen hier. Er hat außerdem noch Aufgaben zu erledigen, also verlässt er das Zimmer schnell wieder. Er gibt mir aber noch den Tipp, dass man nach Bettzeug fragen kann, er habe seins von der Dorm Managerin geliehen bekommen. Als ich unten nachfrage, werde ich wieder auf den Hof verwiesen. Dort kann ich mir für 2300$TD, ungefähr 67€, eine Matratze kaufen (es gibt leider nur noch welche mit 5cm Dicke). Naja, besser als nichts allemal. Ich falte sie im Zimmer direkt aus und lege mich hin, irgendwie bin ich ziemlich fertig, und ich merke dass mich das schäbige Zimmer durchaus frustriert, auch wenn ich es bei dem Preis eigentlich hätte erwarten können. Woran ich auch knabbere, ist die Sprachbarriere, die doch echt häufig auftritt. Ich fühle definitiv den Druck, schnell Chinesisch zu lernen und mache direkt weiter in meiner App. Dann werde ich aber müde und versuche zu dösen. Von Windstößen des Deckenventilators werde ich immer kurz aufgeweckt, aber als ich meinen Kopf Richtung Fenster drehe, fällt etwas neben mir von ganz oben direkt neben das Bett. Ich schrecke hoch und stehe schnell auf, das kann doch nicht wahr sein. Ich sehe die Maus noch unter mein Bett huschen, dann ist sie verschwunden. Das will was heißen, die Bettkante geht nämlich bis fast ganz zum Boden. Da kann ich mich auf jeden Fall nicht sofort wieder hinlegen. Meine Laune sinkt immer weiter. Ich muss davon ausgehen, dass die Maus (oder Mäuse) jeden Ort im Zimmer erreichen können, wenn sie auf das oberste Fenstergesims gelangen können, besonders mein Bett und offene Gepäckstücke. James kommt wieder rein, und ich erzähle es ihm. Gemeinsam ziehen wir kurz den suspicious Vorhang zurück, und siehe da, auf der Fensterbank des Oberlichts zwischen den beiden Verglasungen, hockt eine weitere Maus und guckt hervor. Jetzt hat James auch keinen Bock mehr und wir beschließen, dass ich nach unten gehe und was sage. Die ekelerregte Reaktion der Orga-Studis zeigt, dass das durchaus nicht normal ist und sie versprechen, jemanden hochzuschicken.
Dieser jemand kommt sogleich, und ist auch angewidert, als er die Mäuse sieht. Während er kurz weg ist, bekomme ich die Mäuse ganz gut auf die Kamera, wie sie an Kabeln hochklettern und über das Gesims hinter die Klimaanlage tippeln. Da läuft mir die Gänsehaut über den Rücken. Der Typ kommt kurz darauf wieder, und zeigt mir auf seinem Smartphone einen Text, der nicht gerade aufmunternd ist. Da aktuell kein Lehrpersonal an der Uni ist, sollen wir das Problem ignorieren, bis am Montag (übermorgen) jemand Fallen aufstellen wird.
Das lassen wir nicht auf uns sitzen und gehen uns nochmal beschweren, zeigen auch das Video, welches Eindruck hinterlässt. So bekommen wir für die Nacht ein noch leeres Zimmer, welches morgen aber besetzt wird, sodass wir dann leider zurückmüssen. Wir wollen am Abend aber noch selbstständig Fallen einkaufen gehen.
James zeigt mir auf dem Weg zum Bus etwas vom Campus. Es gibt Fahrräder mit Unilogo, die unangeschlossen herumstehen und die auf dem Campus frei benutzt werden dürfen.

Alternativ gibt es wie in Berlin die Nextbikes oder in Paris die Vélib ein ähnliches System für Kaohsiung, diese Bikes sind aber fast alle in Benutzung. Es gibt ein großes Schwimmbad und ein Gym, beide Gebäude sehen von außen ziemlich benutzt aus, sollen aber tolle Möglichkeiten zum Sport machen bieten. Wir kommen an den ganzen Sportplätzen vorbei, wo bereits Leute Basketball spielen oder ihre Runden joggen (die Prime Time ist allem Anschein nach zwischen 8 und 10 Uhr abends, wenn die Temperaturen am angenehmsten sind). Am Campuseingang befindet sich ein sehr schöner kleiner See, in dessen Nähe sich auch Schlangen aufhalten sollen. Vor dem Campustor stehen einige Hochhäuser, unter denen auch andere Dormitorys und diverse Hotels sind. Man bekommt den Eindruck, das Campustor sei das abschließende Puzzleteil eines Stadtviertels, da es am Ende einer großen Straße steht. Der Bus kommt nach ein paar Minuten, und wir fahren ca 10min bis zu einem Einkaufszentrum. Im Carrefour will James nach Mausefallen suchen, und wir werden schnell bei einer großen Auswahl fündig. 6 Klebefallen kaufen wir. Zwei Kolleginnen aus seinem Chemielabor-Internship sind auch in der Nähe, und wir kaufen noch gemeinsam ein. Zum Zubereiten von warmen Speisen hole ich mir eine hitzfeste Glas-Tupperbox, dazu ein Metallbesteck-Set (natürlich mit Essstäbchen), Klopapier, Instant-Nudeln, Cracker, einen sehr billigen großen Pudding, Brauner Zucker-Sojamilch und Brokkoli für meine Health (auch wenn ich ihn vermutlich nicht zubereiten kann, hat er roh wenigstens eine Menge Vitamine). Danach gehen wir etwas essen, wir setzen uns in das erstbeste Restaurant der Mall, wo James und ich uns eine heated Bowl bestellen, das soll in Taiwan sehr beliebt sein. Heena und Aneesha kommen nach. Beide stammen aus Indien und sprechen den allseits bekannten Akzent.
Mit den dreien komme ich sehr gut ins Quatschen, und wir verabreden uns für morgen Nachmittag, ein paar Sehenswürdigkeiten der Umgebung abzuklappern.
Später stellen James und ich noch die Klebefallen auf, schließen ab und beziehen das neue Zimmer. Hier mache ich noch meine Abendroutine aus Planken und Dehnen, ehe ich mich in mein Handy vertiefe (Nachrichten, Blog schreiben, Instagram).
Als ich noch Duschen gehe, fällt mir auf, dass das Leitungswasser in Taiwan so warm ist, dass die kälteste Einstellung immer noch mit deutschem Lauwarm gleichzieht. Selbst der Wasserautomat mit 3 Temperatureinstellungen gibt mir um 1 Uhr nachts bei „cold water“ immer noch 32 Grad warmes Wasser.
Was für ein aufregender Tag. Ich bin definitiv geschockt über die Bedingungen hier, kann mit der Situation aber denke ich auch umgehen. Das Wichtigste ist mir jedenfalls, mit Leuten zu connecten, damit lassen sich viele Probleme lösen. Dass ich für morgen schon etwas vorhabe, beruhigt mich sehr.
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