Wir gehen erst spät schlafen, da ich noch lange am Blog schreibe und James stundenlang Reels schaut. Es ist wahnsinnig heiß und ich schwitze, obwohl ich in Unterhose ohne Decke auf der Matratze liege. Um 3 Uhr beschließe ich dann meine Augen zu schließen und schaffe es fast einzuschlafen, bis James anfängt zu schnarchen. Es hat es vorher bereits erwähnt, und ich Idiot meinte auch noch „all good, I can sleep under almost any condition“. Das stimmt prinzipiell auch, aber die unregelmäßigen Schlafsounds, die teilweise klingen als würde er ersticken, Lassen mich immer wieder aufschrecken.
Ich versuche es eine Weile, aber ich brauche unbedingt etwas auf den Ohren. Ich mache meine Lieblings-Synthwave-Playlist an, aber die ist viel zu schwach, um das Schnarchen zu übertönen. So langsam checke ich warum manche Leute sich zum Einschlafen Pink Noise oder dasselbe in ner anderen Farbe geben. Nicht weil sie es geil finden, sondern weil sie es brauchen. So wie ich jetzt. Ich probiere ein paar Playlists durch, bis ich bei White Noise lande. Für mich hört sich das sehr ähnlich an wie die Triebwerke eines Flugzeugs. Ich erinnere mich wieder an die riesigen Turbinen, die laut aber auch sachte gedröhnt haben, also wir über Südasien geflogen sind. Ich muss die Lautstärke allerdings fast auf Maximum drehen, damit es das einzige ist, was ich höre.
Um ca 10 Uhr wache ich auf, weil jemand unbeständig gegen unsere Zimmertür klopft. Es ist der Kollege von gestern, der uns das neue Zimmer gegeben hat. Er will die alten Schlüssel von uns zurück haben und erklärt, dass wir möglicherweise jeweils in ein anderes Zimmer kommen können. Nach etwas Hin und Her holt er neue Schlüssel, und ich bekomme Zimmer 203, James bekommt 202. Was die Nächte betrifft, Gott sei Dank.

Ich bringe meine Sachen also rüber, und zwei der vier Betten sind bereits belegt, die Inhaber aber nicht im Raum. Der eine der beiden hat ein ganzes PC-Setup aufgebaut und seine sonstigen Sachen relativ unordentlich über sein Bett verstreut. Beim anderen sehe ich nur einen Koffer und eine Zahnbürste. Ich hoffe sehr, endlich mit Taiwanesen in Kontakt zu kommen. Zum Frühstück gönne ich mir zwei der Brötchen, die ich gestern gekauft habe und ein paar Schlucke aus der Braunen-Zucker-Sojamilch, made in Taiwan.

Jedes Stockwerk hat im Flur einen „Refridgerator“, in dem man eigenverantwortlich seine Sachen verstauen kann, sowie einen Wasserautomaten (dessen kaltes Wasser nicht unter 32 Grad kommt), eine Waschmaschine mit Raum zum Aufhängen, und ein paar mehr oder weniger funktionierende Duschkabinen.



Zur Mittagszeit wollen wir uns auf den Weg machen. Meine Zimmergenossen sind leider noch nicht zurück, also mache ich zur Sicherheit ein Foto von meinen Sachen und lasse sie so stehen, wie sie sind. Ich frage kurz nach einem Studiausweis, den kann ich allerdings erst ab morgen beantragen. Die Mensa ist geschlossen, also nehmen James und ich uns ein Unifahrrad und fahren bis zum Campuseingang und laufen von dort zum 7/11. Mein Mittagessen ist ein Thunfisch-Ei-Sandwich und ein Bubble-Green-Tea, Kostenpunkt zusammen ca. 1,70€. Richtig cool finde ich, dass die Supermärkte hier richtig gemütliche Sitzgelegenheiten haben mit Tischen und Stühlen, wie in einer Bar (die großen jedenfalls, aber auch die kleinen haben ein paar Stühle, auf denen man sein gerade gekauftes Essen verzehren kann (i.d.R. Snacks oder Tiefkühlprodukte. Wer etwas Gesundes geschweige denn Gemüse oder Obst essen möchte, ist hier falsch). Außerdem hat jeder 7/11 nicht nur einen ATM, sondern auch mindestens zwei Spielautomaten, bei denen man sehr kleine Beträge (ich glaube ab 10$TD, was ungefähr 30 Cent entspricht) einwerfen und dafür kurze Runden von Videospielen zocken kann, die hier ziemlich populär scheinen.

Generell ist die Kultur in Taiwan (genauso wie in Südkorea und anderen ostasiatischen Ländern, von dem was ich gehört habe) sehr gameifiziert bzw. ist alles in süßen Zeichnungen und Covern verpackt. Das fängt bei der Außenwerbung der Busse an und endet bei den Metrokarten (EasyCards), die man auch als Nicht-Karte z.B. im Design eines Fingers oder eines Pokémoncharakters kaufen kann, sodass man bei jedem Einsteigen in den öffentlichen Nahverkehr der Welt zeigen kann, welches Sammelobjekt man besitzt.


Wo wir schon über Supermärkte sprechen: Was ich hier sehr schätze, sind die ganzen Möglichkeiten, kostenlos eine öffentliche Toilette aufzusuchen. In ausnahmslos jedem Supermarkt und auch jeder Bahnstation sind die WCs deutlich ausgeschildert, die sind gratis und sie werden auch mehrmals täglich gereinigt, sodass man sich vor dem Losgehen von Zuhause eigentlich keine Gedanken machen muss, wann man das nächste Mal an einer Toilette vorbeikommt. Was lustigerweise total fehlt, sind öffentliche Mülleimer. Gerade da man unterwegs durchaus mal etwas zu trinken kauft oder sonstwie an Müll gelangt (da alles doppelt und dreifach in Plastik verpackt ist…), passiert es schonmal, dass man die Hände voller Verpackungen hat und nicht weiß wohin damit. Tatsächlich kann man es wohl im Supermarkt ohne Weiteres an der Kasse abgeben, erzählt mir James. Außerdem hat jede öffentlich Toilette einen Mülleimer, das ist der Geheimtipp. Im Dorm ist die Situation so, dass jeglicher Müll in eine der Mülltonnen auf der Straße vor dem Gebäude geschmissen werden soll.



Nachdem wir im 7/11 die Zeit abgewartet haben, bis der Bus kommt, treffen wir Heena und Aneesha und fahren Richtung Innenstadt. Auf dem Weg fallen mir wieder die vielen sehr hohen Plattenbauten auf, und besonders die Bedeckung deren Dächer mit Skelettartigen Strukturen. Vermutlich dienen die in irgendeiner Art und Weise der Kühlung bzw. dem Sonnenschutz.


Wir fahren mit zwei U-Bahn-Linien in Richtung Hafen, steigen etwas vorher aus und laufen ein Stück. Wir kommen an einer wunderschönen Tram-Strecke vorbei, deren Ränder mit rötlichen Blumen geschmückt sind und deren Strecke direkt in die Skyline der Stadt führt.

Anschließend sehen wir einen Straßenkünstler, der für kleine Kinder auftritt, einen kleinen Straßenmarkt, wo ich eine neue Sorte Bubble Tea probiere, und, überall stehen lustige Skulpturen herum, die meisten sind übergroße Maskottchen, es ist aber auch eine Art Transformer dabei.

Das Areal, in dem wir sind, besteht aus einigen mehr oder weniger zerfallenen Backsteingebäuden, die auf interessante Weise genutzt werden. Toiletten, Museen, riesige Grafitti und eine Zockerhalle, die sich „Card Games Event“ nennt. Da müssen wir doch mal unbedingt rein. Ich war noch nie auf der Gamescom, aber das hier ist bestimmt eine Mini-Version davon. Auf einer Bühne treten zwei Jungs in irgendeinem Videospiel gegeneinander an, während die Menge ihnen zuschaut, viele viele Spielautomaten (natürlich hat alles einen Bezug zu Kartenspielen, bspw. Pokémonkarten) werden von Spielenden bedient und alles wird beschallt von den diversesten Videospielsounds.

James und ich stellen uns bei einem Spiel namens „Kingdoms Fantasy“ an, welches man zu zweit spielen kann. Dass wir das Spiel nicht kennen, amüsiert die beiden Instructorinnen sehr, aber sie zeigen uns, wie man die paar Knöpfe bedient. Bevor es losgeht, muss jeder 30$TD einwerfen (knapp 1€). Danach bekommt jeder vier physische Karten, von denen man drei auswählt, um Spielcharakter, Fähigkeit und Waffe (Oder so ähnlich) zu bestimmen. Mit den ausgewählten Karten spielen wir dann als Schlächter aus der Vogelperspektive und müssen so viele Gegner wie möglich besiegen, wobei wir meistens 10 auf einmal klatschen. Nach 5-10 Minuten sind unsere Figuren aber selber am Ende und das Spiel ist vorbei. Der Automat spuckt jedem noch eine vierte physische Karte aus, man darf alle vier behalten. Jetzt verstehe ich, warum das Spiel so beliebt ist. Mit einer großen Sammlung an Spielkarten kommt man bestimmt deutlich weiter als wir. Außerdem sehen die Karten ziemlich cool aus. James meint, dass er das Spiel auch im 7/11 gesehen hat.

Später kommen wir an einer riesigen Wiese vorbei, die offensichtlich ein ehemaliger Endbahnhof ist, viele Gleise säumen die Fläche mitsamt stillgelegten Wagons und einigen aufgestellten Skulpturen. Eltern mit Kindern lassen Drachen steigen, pusten Seifenblasen oder steuern eine Drohne. Dieser Ort hat ein bisschen was vom Tempelhofer Feld.



Ich bekomme eine Nachricht auf Line von einem gewissen Hardy Null, der erzählt er sei mein classmate und fragt ob wir Freunde sein können. Auf so eine Frage reagiere ich eigentlich allergisch, weil es etwas zwanghaftes an sich hat, aber ich bin ehrlich gesagt einfach froh Leute zu finden. Ich sag ihm dass wir gerne mal chillen können, und er bietet an mir mit meinem Chinesisch helfen zu können.
Da die Sonne immer weiter sinkt, machen wir uns auf den Weg näher zum Hafen Richtung Fischmarkt. Vor der großen Halle ist eine Mini-Halbinsel, von der aus nicht nur eine Fähre ablegt, sondern man auch einen sehr guten Blick auf die längliche Insel „Qijin“ hat, die den Hafen zu einem Binnengewässer macht. Nur am Rand gibt es kleine Bereiche, durch die Schiffe passieren können. Hier steht ein Liebesbaum voller roter Herzen (für viele ein Insta-Spot), wir sehen außerdem ein gelbes U-Boot neben einigen knallig angestrichenen Wohnhäusern direkt am Wasser und ein junger Asiate spielt Gitarre, während er auf Englisch ein Liebeslied singt. Dazu passend färben sich die Wolken in ein leichtes Orange.




In der Halle setzen wir uns und bestellen gemeinsam Sushi (viel roher Fisch dabei) und jeder eine „Thuna-Miso-Soup“, nach der langen Lauferei ein einzigartiger Genuss.

Als wir rausgehen, ist es bereits stockdunkel. Die Stadt ist aber hell erleuchtet. Den Hafen entlang, sind wir bald an der „Great Harbour Bridge“, die eine tolle Konstruktion ist, da sie alle auf Zug gespannten Bauteile an einem mittleren Mast auf sich vereinigt. Ihre charakteristische Form bekommt sie durch organisch gegossenen Beton, der wie alle Bauteile in strahlendem Weiß gestrichen ist.



Auf dem Rückweg kommen wir noch kurz am „Kaohsiung Music Center“ vorbei, dürfen sogar in das Erdgeschoss reinschauen (beeindruckende Halle im Inneren), und setzen uns auf der Gebäuderückseite an den Pier, an dem wir erneut die Skyline bei Nacht genießen können.
Die anschließende Fahrt dauert, aber es hat sich definitiv gelohnt. Im letzten Bus werde ich vom Busfahrer angeschnauzt, weil ich anscheinend zu laut rede, wie mir eine andere Frau mit einem Augenrollen bezüglich des Fahrers freundlich erklärt. Es ist verpönt, in den Öffis normale Lautstärke zu reden, einige machen es aber trotzdem. Aus meiner Sicht relativ unverständlich, schließlich war der Bus selbst deutlich lauter als ich (so ein Ruckeln und Zuckeln hab ich lang nicht mehr erlebt, also wirklich).

Im Dorm lerne ich endlich meine beiden neuen Roommates kennen, das vierte Bett bleibt vorerst leer. Edward „Sky“ (so soll ich ihn nennen) schüttelt mir direkt die Hand, macht einen sehr freundlichen Eindruck und erzählt mir, dass er Indonesier ist und froh ist, Leute kennenzulernen. Den Namen des anderen Mitbewohners erfahre ich vorerst nicht, bzw. verstehe ich ihn akustisch nicht. Er ist derjenige, dem der PC und der unordentliche Koffer gehört. Er hat seinen Stuhl ganz nah an den Tisch herangeschoben, sitzt mit Knien am Kinn darauf und guckt auf den Bildschirm, der ungefähr 10cm vor seinen Augen ist. Sein Blick ist nicht gerade freundlich, bestenfalls neutral. Nach ein paar Sekunden setzt er sein Headset auf und schaut irgendwelche Videos. Als er rausgeht, um zu duschen, erzählt mir Sky, dass der andere Roommate sehr unfreundlich sei und sich weigert irgendwas aufzuräumen. Er habe sich sogar schon zweimal beim Office über die Unordenrlichkeit beschwert und zeigt mir ein Foto von Tag des Einzugs (gestern!), auf dem das Zimmer wirklich schlimm aussieht. Ich tausche mit Sky Nummern aus und wir reden ein bisschen darüber wo wir herkommen, was wir machen usw. Wir sind glaub ich beide sehr froh, jemandem im Zimmer zu haben, mit dem wir uns verstehen.

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