Dienstag, 2. September

Heute ist der erste Tag, an dem ich mal früh aufstehen muss, da meine Check-in Zeit beim Office of International Affairs zwischen 9 und 12 Uhr liegt und ich über eine Stunde zum entsprechenden Jiangong-Campus brauche. Mein Frühstück besteht mal wieder aus Zuckergebäck und Sojamilch, was meinen Magen ziemlich füllt. Die Fahrt zum anderen Campus fühlt sich aber längst nicht so lange an wie eine 1-Stunden-Fahrt in Berlin, da immer noch alles so neu ist und es viel zu gucken gibt.

Im Notfall: Hammer vom Klebeband lösen

Außerdem muss ich das erste Mal Tram fahren. Beim Einsteigen finde ich keinen Scanner für meine EasyCard (mit der man alle Öffis bezahlt), also fahre ich unfreiwillig schwarz. Als die Tram mehrmals länger stehenbleibt und chinesische Durchsagen kommen, die ich nicht verstehe, zittern mir schon die Beine. Aber nichts passiert, und beim Aussteigen bemerke ich den Scanner im Eingangsbereich der Station. Unauffällig schlendere ich vorbei, puh, niemand hat es bemerkt. Ich kann nicht einschätzen, was öffentliches Schwarzfahren nach sich zieht, weiß aber dass es in manchen Ländern hart sanktioniert wird.

Eine Weile benötige ich, um das richtige Gebäude zu finden, komme dann aber relativ schnelle in das richtige Büro, welches eine sehr angenehme Air Condition hat. Auf dem Weg schaue ich mir den Campus an, der ähnlich heruntergekommen und relativ hässlich aussieht wie mein eigener (der First Campus), nur dass dieser hier mitten in der Stadt liegt.

Die Bibliothek des Jiangong-Campus

Im Büro muss ich mich in einer Checkliste eintragen und bekomme jede Menge Dokumente, die ich unterschreiben und abhaken soll. Dass ich bisher noch nichts bezahlt habe, ist anscheinend kein Problem, ich bekomme Rechnungen ausgestellt, die ich bei einem Convenience-Store oder einer Bank bezahlen und den Beleg an die Uni schicken soll. Für ein Dokument soll ich auch meinen chinesischen Namen aufschreiben, den mir die Uni zugewiesen hat: drei ziemlich komplizierte Schriftzeichen, für die ich locker eine Minute benötige (ich schreibe sie von meinem Laptopbildschirm ab). Schön sieht es nicht unbedingt aus, aber ich habe jetzt wenigstens einmal meinen Namen geschrieben.

Mein chinesischer Name: die zwei Zeichen in der Mitte gelten wohl als ein Zeichen

Die Bedeutung erfahre ich später von Camille (ich hatte sie am Flughafen kennengelernt), die Chinesisch studiert und mir schreibt, was sie bedeuten. Das erste Zeichen steht für Donner, das zweite für Zypresse (was im Chinesischen aber für Glück bzw. gute Gesundheit steht) und das dritte bedeutet so etwas wie Nettigkeit. Keine Garantie dass das wirklich stimmt, aber wenn doch scheint die Uni mich zu mögen.

Bei einigen Dokumenten habe ich Fragen, die eine Weile dauern zu beantworten, weil die Frauen die dort arbeiten zuerst etwas besprechen oder jemand anderes fragen müssen, jedenfalls verschwinden sie immer wieder in einem anderen Zimmer. In der Zeit sind ein paar andere Studis reingekommen, die denselben Prozess durchlaufen. Einer hat einen so offensichtlichen deutschen Akzent, dass ich ihn anspreche und wir kommen schnell ins Gespräch. Er heißt Sebastian, genannt Bugi, ist 28 Jahre alt und kommt aus Bamberg. Wir beschließen, gemeinsam zur Bank zu gehen um unsere Studienrechnungen zu bezahlen, und nehmen auf dem Weg seine Freundin Anna mit, die spontan beschlossen hat, ihn während seines Auslandssemesters zu begleiten und so eine Art Sabbatical zu machen. Sie wandert sehr gerne und wir halten fest, uns mal dafür zu verabreden. Die beiden haben außerdem vor, eine Fahrradtour um die Insel herum zu machen (was etwa 2 Wochen dauert), dafür haben sie sogar ein Zelt aus Deutschland mitgenommen.

Ich begleite die beiden zuerst noch in einen Mobilfunkvertragsladen, wo sie sich einen Vertrag holen, der ihnen 8GB Datenvolumen für 6 Monate gibt (Respekt!), bevor wir zur Bank weiterwollen. In dem Laden schaue ich mir noch die kaufbaren Hardwareprodukte an, welche ziemlich billig aussehen. iPhones und iPads sind (so wie ich es sehe) für Spottpreise ausgestellt, allerdings muss man nach dem Kauf einen Vertrag abbezahlen, dessen Kosten ich leider nicht ganz überblicke.

Ein iPhone 16 für umgerechnet 437€?

… oder ein iPad A16 für ca. 54€?

In der Bank angekommen, müssen wir (wie im deutschen Bürgeramt) Nummern ziehen, bis wir drankommen. An Counter 5 zeige ich der Bankangestellten meine zwei Rechnungen, einmal 200$TD als Registrierungsgebühren (5,70€), und einmal 9700$TD als Kosten für 4 Monate Dormitory (277€!). Sie sagt mir, dass ich das nur als Cash oder per Line-Pay (man kann in der Messenger-App eine Bezahlfunktion einrichten) bezahlen kann, also laufe ich schnell zum nächsten 7/11, um Geld abzuheben. Da ich nur zwischen 10.000$TD und 20.000$TD entscheiden kann, wähle ich letzteres, bei einer Transaktionsgebühr von umgerechnet 3€. Das fette Bündel 1000$er-Scheine fühlt sich ziemlich mächtig an zwischen meinen Fingern, die Hälfte werde ich aber direkt los, und ich bekomme meine Belege.

Weird Flex: Taiwanesisches Geld fühlt sich nach sehr viel an

Da Sebastian und Anna erst gestern angekommen sind, sind sie meinem Eindruck nach auch froh bereits jemanden zu kennen, und wir gehen gemeinsam etwas essen. Ein kleiner Laden sieht recht gemütlich aus (vor allem hat er eine Klimaanlage!), und wir bestellen unser jeder eine Nudel-Suppenbowl mit unterschiedlichem Gemüse, Ei oder Fleisch als Inhalten. Die Verkäuferin glaubt mir nur so halb, dass ich gerne viel Schärfe hätte, und versichert, dass sie etwas gegen die Schärfe zur Hand hätte, sollte es mir schlecht gehen. Die Portionen sind riesig, und fast zum ersten Mal hier habe ich das Gefühl, eine vollwertige Mahlzeit zu mir zu nehmen, die nicht total fettig oder süß ist und mich für einige Zeit sättigt. Und dabei kostet das Ganze nur 4€ pro Schüssel! Als wir fertig sind, bringt die Kellnerin jedem von uns einen kleinen Drink aus dem Tetrapack (Sorte: Sojamilch mit (rohem) Ei. Klingt widerlich, schmeckt erstaunlich gut), und schreibt auf ihr Handy „Welcome to Taiwan“.

Das schmeckt!

Die beiden haben für den Rest des Tages wohl nichts mehr vor, und fragen mich ob ich Lust hätte mit ihnen noch etwas rumzulaufen. Klaro! Ich schlage vor zum Hafen zu fahren, weil ich es dort echt schön fand. Jetzt bin ich nach 5 Tagen in Tawain bereits der Stadtführer. Dafür fahren wir die Green Line (die Tram), diesmal mit EasyCard-Scan, und es gibt viel zu sehen, während die Bahn durch die Straßen saust. Zwar finde ich viele Gebäude nach wie vor sehr hässlich, mich stört vor allem dass so viel mit Fliesen in Grautönen gearbeitet wird (von Weiß bis Schwarz), aber es gibt doch einige durchaus interessante Häuser zwischendurch. Besonders spannend finde ich diejenigen Hochhäuser, die versuchen klassische (europäische) Elemente wie Säulen und sonstige Ornamente zu verwenden, da man die Form der Architektur sonst nicht unbedingt von so hohen Gebäuden kennt. In meinen Augen wird dadurch ein neuer Stil kreiert, denn es müssen für die anderen Höhenproportionen neue Lösungen gefunden werden. Ich sehe mich in den nächsten Tagen bestimmt noch mehr nach dieser Art Hochhaus um.

Wenn auch etwas gräulich: irgendwie spannend
Diese Türmchen und Zierstreifen: Wunderbar

Als wir am Hafen sind, gehen wir wieder zum Fischmarkt und der Mole, weil ich es letztes Mal so schön fand, und schauen uns den Sonnenuntergang an. Anschließend geht es neben dem Wasser langsam wieder Richtung City. Ich habe es bestimmt schon erwähnt in einem der letzten Beiträge, aber es ist Wahnsinn wie viele Skulpturen und Kunst in der Stadt, insbesondere in Hafennähe stehen. Von recycelten Eisenbahnwagons über alte Ankerketten, Lichtinstallationen bis zu 3D-Gemälden und übergroßen Actionfiguren. Es gibt dadurch unfassbar viel zu entdecken und es macht jeden Ort auch ein Stückchen individueller.

Glockeninstallation am Hafen
3D-Gemälde mit mehreren Ebenen

An der U-Bahn-Station muss ich noch schnell aufs Klo, eigentlich keine Meldung wert, aber ich komme mit einer besonderen Art von Toilette in Kontakt. Da die „normale“ besetzt ist, bin ich auf ein Boden(loses) Klo angewiesen. Ist zwar durchaus die Erfahrung wert, allerdings bevorzuge ich dennoch die europäische Variante.

Quizfrage: Wie ist dieser Abort zu benutzen?

Bevor wir den Nachhauseweg antreten, holen wir uns noch jeweils ein Getränk am Bahnhofsautomaten. Wenn wir die Getränkauswahl dem Automaten überlassen, wird es um 5$TD billiger.

Sebastian und Anna
Das Schicksal beschert mir ein Deadpool – Wolverine – Spaßgetränk

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