Mittwoch, 3. September

Es ist wieder einer dieser Tage, die sich ganz leicht zum Hängertag entwickeln können. Da ich lange wach war, schlafe ich locker wieder bis 11/12 Uhr, vor allem weil es ordentlich Leerlauf gibt, bis nächste Woche die ganzen Kurse anfangen. Meine beiden Roommates chillen auch noch im Bett oder am PC, und irgendwann raffe ich mich. Ich schicke der Uni Dokumente, wähle noch ein paar Kurse (es gibt heute anscheinend eine Deadline), und versuche erfolglos mein Telefonierguthaben aufzustocken.

Im Rückblick ist mir aufgefallen, dass mein schlechtester Tag bisher derjenige war, an dem ich den ganzen Tag auf dem Campus verbracht habe. Also gucke ich auf Google Maps, was ich in der Stadt noch gerne sehen würde. Ein Sonnenuntergang fehlt mir definitiv noch, die bisherigen Abende am Hafen waren zwar sehr schön, das Sunset war aber jedes Mal durch eine Hügelkuppe und einige Häuser verdeckt. Da fällt mir wieder der Nationalpark ein, in dem ich am ersten Tag hier bereits war, und dass der noch deutlich größer ist, als ich angenommen hatte. Das „Kaohsiung Birds Eye View Observation Deck“ hat auf Maps ansprechende Bilder, also nehme ich mir das als Abendaktivität vor.

Vorher greife ich mir noch ein Cafeteria-Mittagessen ab, heute ist es leicht anders als letztes Mal, zwar immer noch sehr fleischlastig, der Fisch ist diesmal aber so etwas wie Dorsch, und als japanischer BBQ angemacht, leicht süßlich im Geschmack. Gerade im Vergleich zum restlichen Dorm bin ich von der Qualität des Essens dann doch positiv überrascht.

Mittagessen: Fisch, Reis, Grünzeug und ein in Sojasauße eingelegtes Ei

Nach eineinhalb Stunden Busfahrt (ist ist schon nach 17 Uhr, was bedeutet, dass ich bis zum Sonnenuntergang nicht mehr soo viel Zeit habe, ca 18:15 Uhr ist der nämlich) hält der Bus an einer viel befahrenen Straße, die direkt neben den Hügeln des Nationalparks verläuft.

Die Nebenstraße fühlt sich direkt wie eine andere Welt an. Abseits vom lärmenden Verkehr, gießt eine alte Frau ihre Pflanzen, und ich laufe an einem weiteren Buddha-Tempel vorbei, in dem gerade nichts los ist. Kurz vor dem Wanderweg, der auf den Aussichtspunkt führt, herrscht aber wieder reges Treiben. Ich sehe mehrere ältere Leute mit Wanderstöcken, und einen entsprechenden Shop, die diese in allen möglichen Farben und Größen verkauft, sowie eine alte Frau, die eisgekühlte Getränke verkauft. Ob ich mit abgetretenen Sneakern und einem Beutel über der Schulter für den Aufstieg gewappnet bin? Wahrscheinlich ja, der Hügel ist höchstens 150 Meter hoch. Für 15$TD (45 Cent) hole ich mir ein kaltes Getränk, und los geht’s.

Ruhige Nebenstraße einer großen Verkehrsachse
Abgezäunte Baustelle, im Hintergrund ein Buddha-Tempel

Auf den ersten paar Stufen läuft ein älterer kleiner Mann gleichzeitig mit mir los, wir nicken uns zu. Dann sagt er etwas auf Chinesisch, und als er merkt dass ich nicht verstehe, holt er sein äußerst brüchiges Englisch raus. Irgendwie kommen wir ins Gespräch, und fetzenhaft kann ich verstehen, was er mir sagen will. Wie alt er ist, soll ich raten. 66, stolzt es aus ihm hervor, als ich förmlich 50 sage. Ob ich „girlfriend“ habe. Nein. Aber ich sei so „handsome“, das müsse doch gehen. Ob er eine Frau hat? Ja, und sie macht gerade Essen, für ihn, wenn er zurückkommt. Er erzählt mir von seiner Knöchelverletzung durch einen Motorradunfall vor 3 Jahren, erst seit Kurzem kann er wieder ohne Schmerzen Sport machen. Ich lobe das, und er schiebt nach, dass er 10 Pieces Zigaretten am Tag raucht. Dafür läuft er hier fast jeden Tag hoch. Ein Handtuch schwingt um seinen Hals, damit trocknet er den fließenden Schweiß ab, der uns beide befallen hat. Obwohl die paar Stufen nicht besonders anstrengend sind, ölt sich auf diesem Wanderweg jeder Einzelne komplett aus. Der alte Herr fragt mich, ob ich im Dorm untergebracht bin und empfiehlt mir, als Englisch-Lehrer zu arbeiten, um mein Geld etwas aufzubessern. Bei den etwas schwierigeren Fragen holt er sein Handy raus und spricht Chinesisch in den Google-Übersetzer, der es für mich auf Englisch wieder ausspuckt. Wo ich herkomme? Germany. Dann schwärmt er von den Autos, BMW, VW, usw. Wenn ich es richtig verstehe, war er vor 6 Jahren einmal dort. Vielleicht aber auch nicht. Als wir beim Bird View ankommen, machen wir ein paar gemeinsame Fotos, für seine Frau, aber auch für mich als Erinnerung. Der Ausblick auf die Stadt ist wirklich der Wahnsinn, alle Gebäude sind orange/gelblich angestrahlt, und der Blick reicht weit in die Ferne.

Angenehmer Wanderweg aus Holzplanken
Birds Eye View

Der Blick ist geil, aber ein richtiger Sonnenuntergang ist es leider nicht. Muss ich wohl weitersuchen die Tage. Der Rückweg ist eine Art Runde, der nette Herr läuft vor. Am vorerst höchsten Punkt hat man eine halbwegs gute Aussicht, und er erleichtert sich mit Blick in die Ferne. Weiter geht es zwischen Felsen und tropischen Bäumen hindurch, sogar eine Höhle sehe ich. Jetzt sind wir definitiv im Affengebiet, ständig sieht man in den Augenwinkeln welche vorbeihuschen oder an Bäumen klettern. Der Geruch erinnert mich stark an die Tropenhäuser in deutschen Zoos, und ich verstehe endlich warum diese so riechen. Weil es eine gute Simulation eines echten Dschungels ist, wer hätte das gedacht. Der Affenkot tut sein Übriges.

Unbegehbare Höhle im Nationalpark
Der ältere Taiwanese läuft vor

Wir kommen an einer Felswand vorbei, auf deren Vorsprüngen viele Affen gleichzeitig zu sehen sind, ziemlich cool. Ich solle mich in Acht nehmen, ein guter Rat sei es, kein Plastik dabeizuhaben, da die Affen auf das Geräusch von Plastik konditioniert sind und glauben, dass da Essen drin ist, selbst wenn es nur ein Taschentuch ist.

Affen am chillen

Dafür, dass wir auf dem Rückweg sind, geht es doch erstaunlich steil bergauf und tatsächlich, wir kommen an einen noch höheren Punkt, der einen Blick aufs Meer erlaubt. Der Sonnenuntergang ist zwar leider schon vorbei, aber die wahre Schönheit dessen kommt sowieso erst danach zum Vorschein, wenn das untergehende Sonnenlicht die Wolken am Himmel in die warmen Farbtöne taucht, die ich hier sehe. Die Boote auf dem Meer mit ihrer leichten Spur im Wasser und die grüne Natur, die das Ganze einrahmt, machen die Szenerie äußerst malerisch.

Die Schwitzerei hat sich gelohnt

Mein Wanderkumpel möchte unbedingt noch mehr Fotos machen und bittet eine junge Frau, uns zu fotografieren. Nach ein paar Shots bittet er sie auch dazu für ein Foto zu dritt, weil sie so „beautiful“ sei. Mir ist das etwas unangenehm, aber tatsächlich will sie am Ende auf ihrem eigenen Handy selbst noch Bilder machen.

Spontane Begegnung

„Chen“, so stellt der Mann sich noch vor, muss dann los, da er schlecht sieht und nicht im Dunkeln den Berg hinunter möchte. Außerdem stehe das Essen seiner Frau schon auf dem Tisch. Ich bleibe noch eine Weile, schaue wie der Horizont dunkler wird. Es sind noch einige andere Wanderer unterwegs. Mit der taiwanesischen Frau laufe ich dann später gemeinsam runter. Sie kennt den Weg in- und auswendig, anscheinend macht sie die Tour jede Woche, auch wenn sie wohl am Fuß des Berges wohnt. Ich hole mir von ihr ein paar Tipps zum Wandern ein, bspw. darf man die Wanderung auf den Yushan (Taiwans höchster Berg) nur in Begleitung von Local Guides machen, da die Temperaturen ziemlich sinken und man sich leicht verlaufen kann. Außerdem empfiehlt sie eine Route im Norden Taiwans und eine Café am Meer auf der Rückseite des Berges, den wir herunterlaufen.

Blick auf Kaohsiung bei Nacht

Später treffe ich mich noch mit Anna und Sebastian in einem Café im Bezirk „Zuoying“, der sich stark nach Berlin-Ku’damm anfühlt. Hohe Gebäude, alles leuchtet, Business dominiert das Stadtbild, alle Restaurants haben deutlich höhere Preise im Vergleich zum Rest der Stadt, usw. Ich bestelle mir einen „Smoked Salmon – Salad“ und einen Berry-Elderfruit-Smoothie“, Kostenpunkt 7,18€. Viel, für Taiwan-Verhältnisse.

Ins Café zum Abendessen?

Danach besuchen wir kurz den Liuhe-Nighmarket, ich muss nach 15min allerdings schon los, um meinen letzten Bus zu bekommen und zu verhindern, dass ich 50min zu Fuß laufen muss.

Um 23 Uhr ist der Formosa Boulevard (die größte U-Bahn-Station) wie leergefegt

Um kurz nach Null bin ich wieder im Dorm. Heute ist mir einmal mehr klar geworden, dass wenn man alleine reist, prinzipiell nur losgehen muss, damit sich die verschiedensten spannenden Situationen ergeben. Tausendmal besser als den Tag über auf dem Campus rumzuhängen, denn erstaunlicherweise (das hat Sebastian auch festgestellt) sind es nicht die Studenten, mit denen man ins Gespräch kommt und gemeinsame Erlebnisse sammelt, sondern alle möglichen anderen Leute auf der Straße. Ich nehme mir auf jeden Fall vor (jedenfalls bis die Kurse beginnen nächste Woche), jetzt täglich in die Stadt oder nach außerhalb zu fahren.

Das Einzige was sich in Campusnähe abends noch bewegt: die Fußgängerampeln

Hinterlasse einen Kommentar