Donnerstag, 4. September

Auch heute schlafe ich wieder bis 12 Uhr, mit kurzer Pause vom Schlafen, um mir um 9 Uhr in der Cafeteria ein Käse-Ei-Sandwich zu holen. Ich schaffe es leider noch nicht so richtig, frühzeitig in die Stadt zu fahren, da ich fast nie konkret verabredet bin und es durchaus Commitment bedeutet, da man immer über eine Stunde fährt.

Leicht erbärmliches Frühstück: ein Sandwich für 35$TD (1€)

Ich freue mich allerdings sehr auf die Zeit am Tag, die ich in der Stadt verbringen werde, da das Abwechslung und Spaß bedeutet. Auf dem Campus habe ich mich immer noch nicht wirklich eingefunden, ich merke das auch an meinen unordentlichen Gepäckstapeln, für die ich bisher keine Motivation hatte, sie zu sortieren (die unsauberen Schränke geben das auch nicht wirklich her, und die zu säubern erfordert noch mehr Aufwand). Um 13 Uhr schleiche ich mich wieder in die Mensa, zum Mittagessen, welches ich mir wieder To Go geben lasse, auch das weist mich darauf hin, dass ich hier noch ankommen muss. Immerhin erkennt mich einer der Mensamänner wieder. Er erinnert sich, dass ich letztes Mal Fisch gegessen habe, und verspricht dass die Essen auftuende Mensafrau sich das auch merken wird. Dann fragt er mich woher ich komme, und die erste Reaktion auf „Germany“ ist mal wieder „BMW“, schon lustig. Wir labern auch kurz über Sport, Wandern; auf meine Frage, ob er auch wandert, zeigt er nur auf seinen etwas rundlicheren Bauch.

Für heute habe ich grob eine Verabredung mit einem Hinge-Date, da wir aber weder Ort noch Zeit ausgemacht haben, habe ich ihr gegen Mittag bereits 16/17 Uhr vorgeschlagen. Als um 15 Uhr keine Antwort da ist, beschließe ich einfach wieder loszufahren, da Henry seit heute auch in der Stadt ist (ihn hatte ich auf dem Hinweg im Flugzeug kennengelernt). Wir hatten in den letzten Tagen bereits viel ausgetauscht und er wollte sich eigentlich wieder mit seinem Bumble-Date aus Tainan treffen (Tainan ist die nächste größere Stadt hier, nicht weit entfernt), aber sie arbeitet regelmäßig von 8 bis 20 Uhr oder länger (sie arbeitet bei TSMC, was jobmäßig wohl das Non Plus Ultra ist und wofür viele gerne unbezahlte Überstunden machen, wohingegen Henry als studentischer Mitarbeiter eine Vier-Tage-Woche hat) und kann die nächsten zwei Tage wohl nicht, was Henry ziemlich deprimiert. Ich treffe ihn in der Nähe vom „Sky Tower“ aka. Pimmelhochhaus (die Form erklärt sich von selbst), und wir walken Richtung Hafen, sodass ich ihm das Gebiet, was ich bereits kenne, zeigen kann.

Reges Treiben an der U-Bahn-Station „Shopping District“
Abfahrender Zug hinter den Sicherheitsüren
Vorbildliche Nutzung der Rolltreppe: In Deutschland steht hier nicht jeder auf der rechten Seite
Klar markierter Steh- und Überholbereich an jeder Rolltreppe
Sogar das Handy kann man hier laden
Das höchste Gebäude der Stadt: Man achte nicht auf die Form
Die enorme Höhe wird anhand der Fenster so richtig greifbar

Obwohl wir uns erst zum zweiten Mal sehen, tauschen wir aus wie Freunde aus alten Zeiten, beide haben wir in der letzten Woche viel erlebt. Henry war einige Tage in Taipeh (bzw. Taipei) und hat viele Empfehlungen für mich. Auch in das Rotlichtviertel soll ich mal gehen, allein weil es da so interessant aussieht. Ansonsten sind „Ximending“ (ein Stadtviertel) und der „Elefant Mountain“ ein Must-See. Viel zu erzählen hat Henry außerdem über Susi, sein Bumble-Date. In den letzten Tagen habe ich sowieso schon immer ausführliche Updates bekommen, und interessiert höre ich mir an, was er zu erzählen hat. Aus meinem Blickwinkel ist das Ganze eine so absurde Story, die gleichzeitig Respekt, Mitleid und Unverständnis auslöst.

Kennengelernt hat Henry Susi anscheinend schon einige Monate vor seinem Urlaub, als er auf Bumble den Reisemodus aktiviert und nach einem Urlaubsflirt gesucht hat. Andererseits ist er mit 37 durchaus bereit, sich so langsam zu festigen bzw. sogar eine Familie zu gründen. Da er bereits erwähnte, dass er seine Chancen bei den deutschen Frauen aufgrund seines asiatischen Aussehens nicht so sehr sieht, scheint ihm sogar die enorme Distanz Deutschland-Taiwan nicht im Wege zu stehen. In diesen ca. 3 Monaten seit dem Match haben sie sich quasi jeden Tag geschrieben. Das erklärt, warum er sich vor dem ersten (und zweiten!) Date vorgenommen hat, sie zu einem 150€-Yakiniku einzuladen, mit der Begründung, dass er sie sehr gerne hat. Die ersten beiden Dates liefen wohl sehr gut, und er hofft sie noch einmal sehen zu können, bevor er am Sonntag nach Japan weiterfliegt. Auch scheint sie ihm signalisiert zu haben, sich Ernsteres mit ihm vorstellen zu können, da sie mit ebenfalls 37 Jahren sich gut vorstellen kann, noch Kinder zu bekommen und eine Familie zu gründen. Fest eingeplant ist bei Henry jedenfalls, dass er sie im Dezember nochmal besuchen kommt und sich eine Beziehung mit ihr aufbauen will. So wie er mir davon erzählt, scheint er viel in Details hinein zu interpretieren, jedenfalls begründet er viele seiner Aussagen damit, ChatGPT über Taiwanesische Kultur befragt zu haben. So sei es bspw. ein Zeichen großen Vertrauens, dass sie ihn hinten auf dem Motorrad mitgenommen habe (schließlich könnte er als Mitfahrer leicht einen Unfall verursachen). Oder dass sie ihm beim Essen fürsorglich genug Essen von der Platte auf den Teller lege, sei ein Zeichen großer Zuneigung. Oder dass sie ihm einen kleinen Text schenke, der eigentlich für sie bestimmt war. Und so weiter. Und wenn mir das hier passiere, bei Taiwanesinnen, sagt er, soll ich am Ball bleiben. Henry fantasiert auch viel darüber, in Taiwan zu leben. Laut ChatGPT ist das Einkommen der Menschen hier deutlich geringer als in Deutschland und er rechnet sich durch, dass man sich realistischerweise mit 100.000€ in Kaohsiung zwei Eigentumswohnungen kaufen kann, wobei man die eine vermietet und sich damit das Leben hier finanziert. Auch ich solle mal darüber nachdenken, für den Fall der Fälle. Mich fasziniert an ihm irgendwie, wie konsequent er auf der Suche nach einer Lebenspartnerin ist und wie schwer er es sich gleichzeitigerweise dabei macht (mehrfach im Jahr Taiwan zu besuchen würde auch bei ihm schwer zu Buche schlagen).

Bankskulptur: Subtile Gesellschaftskritik?

Ich schlage vor, auf den Leuchtturm nach Qijin zu gehen, um den Sonnenuntergang von dort zu beobachten, das lehnt Henry aber ab, „nimms mir nicht übel, aber du bist die falsche Person dafür“. Auch als er später fragt ob wir nochmal ein Foto machen wollen, geht das nicht ohne den Zusatz „also no homo“. Trotzdem wird alles sofort auf Insta und WhatsApp gepostet, für die knapp 10 Follower, den Likes nach zu urteilen.

Wir laufen also stattdessen die Hafenpromenade ab und schauen uns im Art District die ganzen Skulpturen an, die herumstehen, und landen schließlich bei der Fischmarkt-Halle.

Gemeinsames Foto für die Follower

Wir setzen uns rein, genießen die AC (Air Condition), bestellen uns was Kleines. In der Halle probiert ein Amateursänger sich an ABBA- und Rhianna-Klassikern. Er hat keine Spendenkiste, wird also wohl von den Hallenbetreibern bezahlt. Seine Gesangskünste halten sich stark in Grenzen, was bei uns beiden verschmitztes Grinsen hervorruft, das hält Henry nicht davon ab das Ganze zu filmen und dem armen Kerl Daumen hoch zu zeigen. Schon etwas assi, andererseits können wir davon ausgehen dass hier niemand Deutsch versteht und darunter leidet.

Beginn des Abendessens: Shrimp-Dumplings
Gewöhnungsbedürftige Unterhaltung: Sänger im Fischmarkt

Wir beschließen, danach noch einen Night Market aufzusuchen, und tauschen uns auf dem Weg zur Metro weiter über das Reisen alleine aus. Ich habe schon bemerkt, dass Henry ziemlich viele Leute kennenlernt, da in seinen Storys täglich Fotos mit irgendwelchen Taiwanesen zu sehen sind. Er will auf jeden Fall seinen Leuten in Deutschland zeigen, was er alles erlebt und wen er trifft. „Du bist der King, wenn du da mit irgendwelchen Taiwanesinnen zu sehen bist!“. Zuerst denke ich mir, dass das echt ein bisschen drüber ist. Als wir in der U-Bahn sind, sitzen uns gegenüber vier junge Frauen, die anscheinend vorhaben, heute noch etwas zu unternehmen. Henry zeigt keine Scheu, sondern fragt die vier wo es heute noch hingeht. Ich cringe mich erstmal weg, erstens wegen Henrys extrem deutschen Akzent, weil er mindestens doppelt so alt ist wie unsere Gegenüber und weil es in den Bahnen sonst sehr still und verpönt ist, sich überhaupt zu unterhalten. Allerdings kommen wir wirklich ins Gespräch, und erfahren, dass die vier aus Hongkong kommen und bevor sie morgen die Stadt verlassen, noch auf einen Night Market gehen wollen. Also schließen wir uns an, und da zumindest zwei von ihnen echt gutes Englisch reden, reden wir über dies und das. Als Henry (der selbst halb Hongkonger ist, allerdings in Deutschland aufgewachsen) nach der politischen Lage bzgl. China fragt, wird es allerdings still bzw. hören wir einige „Weelllll…“‘s. „It‘s a sensible topic“ und „If you talk about it, you might go to jail“ bekommen wir noch raus, dann wechseln wir das Thema. Dass man als Hongkonger sogar in Taiwan das Thema meidet, wundert mich.

Wir kommen am Ruifeng-Night Market an, der anders als die, die ich bisher gesehen habe, sehr verdichtet ist und aus engen Gassen mit gedrängten Geschäften besteht. Auch ein Vibe. Nach ein paar Snacks wollen die vier Mädels sich etwas zu trinken in einem Merchandise-Shop vom Demon Slayer-Kinofilm holen, und ich hab so langsam das Gefühl, dass wir als Gruppe nicht so ganz zueinander passen. Das ist nicht böse gemeint, aber Henry wirkt durch sein Alter einfach sehr fehl am Platz, also trennen wir uns.

Verdichteter Night Market Ruifeng

Henry und ich pilgern von Stand zu Stand. Obwohl die Begegnung zuvor irgendwie komisch war, verstehe ich voll, warum er das macht. Wenn man irgendwo alleine unterwegs ist und Leute kennenlernen möchte, darf man nicht groß nachdenken, sondern muss einfach auf die Menschen zugehen. Bei einem Squid-Stand fragt er eine nebenstehende Taiwanesin direkt, ob sie uns bei der sprachlichen Barriere mit dem Verkäufer helfen kann. Sie handelt für mich einen Mengenrabatt aus und ich bekomme ein ziemlich großes Stück gut gewürzten Tintenfisch für 250$TD, gute 7,20€. Im Vergleich mit Deutschland spottbillig, mal wieder.

Schokocroissants oder Tintenfische?
Große Portion Tintenfisch mit Zwiebeln

Ein paar Meter weiter fällt mir ein Stand sofort ins Auge. „Stinky Tofu“! Davon habe ich schon gehört, scheint es Must-Try in Taiwan zu sein, auch wenn die meisten es wohl nicht so gerne essen. Vom Aussehen wie komplett verschmorte Brownies, ist es zum Glück nicht allzu teuer, und Henry sponsert die Portion. Schon beim ersten Bissen merke ich, dass das nichts für mich ist. Der Vergleich mit Blauschimmelkäse liegt nahe und passt auch sehr gut. Die Kruste ist tatsächlich ganz gut, aber von innen ist das Tofu wirklich etwas zu reif, wenn auch gewollt. Da keiner von uns Lust auf Aufessen Lust hat, bieten wir den Rest einem Singapurer an, der sich an den Stand verirrt hat. Er ist auch kein Fan und meint, das echte Stinky Tofu gäbe es nur auf dem Festland. Und zack, fragt Henry ihn schon nach einem Foto. Ich schreibe es hier zwar so, als würde ich es komplett judgen, in Wahrheit freue ich mich aber natürlich auch über die Fotos, gerade mit kurzweiligen Begegnungen, für die Erinnerung.

Stinky Tofu. Stinkt wirklich
Weitere Fototrophäe für Henry (und mich)

Wir kommen noch an einigen Zockerständen vorbei (Glücksspiel hat in dieser Kultur wirklich einen ANDEREN Stellenwerten) und wollen langsam abhauen, als wir einen ziemlich großgewachsenen blonden Europäer sehen, der etwas lost in der Gegend herumsteht. Ich nicke ihm zu, und Henry fragt ihn direkt woher er kommt. Niederlande. Also können wir easy Deutsch reden, befindet Henry. Klappt tatsächlich. Thomas ist 26, kommt aus der Nähe von Enschede, wohnt aber seit zwei Jahren in Kuala Lumpur, um dort ein Wohnwagenunternehmen aufzubauen. Seine Beweggründe, dauerhaft nach Asien zu ziehen? Der Krieg und die „starke konservative Parteie“ in Europa. Ich werfe ein, dass auch in Asien, genauer gesagt „hier“, in Zukunft ein Krieg ausbrechen könnte. Weder Henry noch Thomas glauben daran. Aktuell ist der Niederländer urlaubsmäßig eine Woche in Taiwan, fährt allerdings morgen wieder. Da er nichts vorhat und allgemein sehr spontan zu sein scheint, laufen wir zu dritt durch die Stadt, mit einem weiteren Night Market als Ziel. Auf dem Weg hole ich mir von Thomas noch ein paar hilfreiche Tipps und Empfehlungen ein, sowohl für Taiwan (Ostküste, die er die letzten Tage bereist hat) als auch für Malaysia; besonders Kuala Lumpur, in weiser Voraussicht, dass ich gegen Ende des halben Jahres wahrscheinlich noch eine Woche dort sein werde (mit Vater und Bruder, die mich abholen kommen wollen).

Zockerkultur: Vor dem 7/11 stapeln sich die Automaten
Fakt am Rande: Stadtviertel mit Kakerlaken
„Jilin Street Night Market“
v. L. n. R.: Ich, Henry, Thomas

Auf einmal muss ich schnell los, um den letzten Bus noch kriegen zu können. Ein riesiger Standortnachteil von meinem Campus, leider. Alternativ kann ich auf Fahrradservice, Uber oder Taxi ausweichen, was mir als sparsam erzogenem Deutschen aber sehr schwerfällt.

Kurz nach 0 Uhr bin ich wieder zuhause, und wie Sky (mein indonesischer Roommate) bereits angekündigt hat, ist das vierte Bett im Zimmer jetzt auch belegt! Mike, kommt aus Vietnam, studiert Finanzen und macht auf mich einen sehr entspannten Eindruck. Er hatte wohl genauso wie Sky direkt Stress mit Heizo (dem taiwanesisch-japanischen Roommate), weil er zu laut telefoniert hat. Wir quatschen kurz, dann legt er sich schlafen, da er erst heute gelandet ist.

Hinterlasse einen Kommentar