Heute hole ich mir zum Frühstück zwei Sandwiches, das eine gestern war eindeutig zu wenig. Es dauert ziemlich lang, bis die Bedienungen verstanden haben, dass ich nicht zwei Eier, sondern zwei Sandwiches haben will.
Nachdem ich ein paar Feinschliffe getätigt habe, entscheide ich mich den Blog heute an einige Freunde und Familie weiterzuleiten. Die letzte Woche war eine Testphase für mich, in der ich mein Schreiben ausgetestet und gecheckt habe, ob ich mich dabei nicht komplett wegcringe. Aber so wie er jetzt ist, fühle ich ganz okay damit. Ich möchte so ehrlich wie möglich schreiben, ein paar Details (z.B. aus Henrys Geschichten) muss ich der Jugendfreiheit zuliebe aber rauslassen. Was okay ist, der WhatsApp-Chat mit ihm ist für mich jetzt schon legendär. Jetzt habe ich endgültig den Druck, täglich oder wenigstens regelmäßig meine Erlebnisse hochzuladen, ich komme damit jetzt aber gut klar. Es wird bestimmt auch noch etwas weniger werden im Lauf der Zeit, gerade jetzt, wo alles noch ganz neu ist, habe ich viel zu teilen.
Um 13 Uhr hole ich mir wieder Mittagessen und der eine Mensamann hilft mir wieder, meine pescetarischen Wünsche zu vermitteln. Wir quatschen kurz über PC-Games und adden uns dann auf Clash Royale. Eine Runde zocken traut er sich während seiner Shift allerdings nicht, verständlich.

Bevor ich losgehe (Henry und Camille sind auf jeden Fall in der Stadt, und ich versuche heute mal einen Haircut zu bekommen), bin ich noch kurz im Zimmer und packe. Sky und Mike sind schon aus (gerade Sky ist sehr oft weg, auch abends, chillt viel mit seinen indonesischen Kumpanen), Heizo sitzt wie immer an seinem PC. Er fragt mich, wohin ich gehe, und ich frage ihn, ob er weiter Uni vorbereiten muss. Man sieht ihm an, dass er keine Lust hat, vermutlich wird er (wie ich schon öfter beobachtet habe) die meiste Zeit auf YouTube Shorts verbringen. Er erzählt mir, dass er sich sehr für Nachrichten und Politik interessiert (er hat ein Fenster offen, in dem es grob um Trump und Xi geht; die chinesische Militärparade zum 80. Jahrestag des Sieges über Japan mit den schlimmsten Gästen der Welt, Putin, Kim Jong Un, Min Aung Hlaing usw., ist vorgestern erst zuende gegangen); und parallel informiert er sich über deutsches und österreichisches Essen via Deutsche Welle. Einerseits geht mir der Gedanke durch den Kopf, was ein Opfer, sich den ganzen Tag YouTube Shorts anzuschauen, gerade wenn man in so einem schönen Land lebt, andererseits informiert er sich immerhin und wohnt natürlich auch hier, was das für mich Spannende für ihn zum Gewöhnlichen macht. Ist natürlich zu hart geurteilt, ich weiß. Ich selber verbringe abends ja auch nicht gerade wenig Zeit am Mobiltelefon.
Der Weg über den Campus ist schon richtig zur Routine geworden. Und auch wenn ich am Arsch von Taiwan lebe, ist es hier doch echt schön. Auf jeden Fall will ich demnächst mal die Ecken erkunden, die ich noch nicht kenne.



Ich habe hier schon häufiger Helikopter bzw. Flugzeuge gehört, ein Taiwanese meinte vor ein paar Tagen zu mir, dass das meistens Linienflieger seien und hatte gelacht, als ich gefragt habe, ob das Chinas Flugzeuge seien. Jetzt sehe ich aber tatsächlich einen Militärflieger, wenn auch wahrscheinlich taiwanesisch. Ohrenbetäubend.

In drei Stunden (kurz nach 18 Uhr) ist schon Sonnenuntergang! Wie ich das immer total überschätze. Also schnell zum Friseur. Ich habe ehrlich gesagt ziemlich Angst vor einem schlechten Haarschnitt, auch weil ich die letzten Jahre eine Stammfriseurin in Berlin gefunden habe. Auf Maps hab ich jedoch einen Laden gefunden, der mich anspricht und äußerst gute Bewertungen hat. Etwas verwirrend ist das massive gelbe Tor, was als Tür fungiert, aber drinnen sieht es gemütlich aus. Ich frage nach einem Haarschnitt, der Kollege telefoniert kurz, dann soll ich mich hinsetzen. Nach zwei Minuten erscheint ein anderer Friseur, und es geht los. Bevor er anfängt (ich zeige ihm ein Foto, so wie ich es haben möchte), schaut er sich meinen Kopf sehr genau an. Am Tresen stand ein Schild, welches für tierversuchsfreie Produkte wirbt. Das alles gibt mir das Gefühl, bei einem der besseren Läden gelandet zu sein. Seine Schneidetechnik ist m.E. sehr anders als die in Deutschland, fast alle Schnitte führt er parallel zur Haarrichtung aus, was die ganze Prozedur auf eine knappe Stunde ausdehnt. Und tatsächlich bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. 400$TD kostet der Spaß, etwa 13€.




Danach schnell runter zum Hafen, heute probiere ich mal die Fähre aus. Nach Qijin (die längliche Insel vor der Küste), dort soll es auch einen Night Market geben.





Gerade übergesetzt, sehe ich direkt wieder irgendwelche Straßenstände, wie bei einem Night Market, nur dass noch helllichter Tag ist. Das Land ist überschwemmt mit Street Food!! Na guut, dann probiere ich halt noch eine Spezialität. „Spring Roll with ice“, eine ganz besondere Kombination verschiedener Geschmäcker. Ich kann mich nichtmal sagen ob ich das lecker finde oder nicht.


Ich gehe Richtung Leuchtturm, der den Hafen begrenzt und auf einem grünen Hügel steht, trotz totaler Bewölkung erhoffe ich mir einen guten Blick auf das Meer und den Sonnenuntergang. Man kommt anscheinend aber nicht besonders gut hinauf, wie mir eine Taiwanesin erklärt, oder ich bin einfach zu blöd dafür. Beim Versuch, außen herumzulaufen, komme ich über einen Platz; an dessen Seite ein Van geparkt ist, wie er im Buche steht. Aus dem Fenster winkt eine Frau und frag mich in sehr gutem Englisch, ob ich gerne ein Eis hätte. Ich schlucke den Rest des Eis-Pfannkuchens runter und bestelle bei ihr direkt das Nächste. Wir labern kurz. Sie kommt aus Hongkong, aber lebt seit einer Weile in Taiwan und versucht ihr Van-Eis-Business ins Laufen zu bringen. Ich darf mir sogar die Batterien des Vans angucken, und den Kofferraum öffnen. Sie erzählt, dass sie heute im Radio eine Warnung der deutschen Regierung gehört habe, man solle ich Taiwans Straßen aufpassen, wegen der vielen Verkehrsunfälle. Da sie gerne zu wandern scheint, lasse ich mir von ihr ihr Instagram und ein paar Wandertipps geben. Den Yushan, den ich besteigen will, sieht sie nicht als Herausforderung. Ihrer Meinung nach lässt der sich in einem Tag rauf- und wieder runterlaufen. Dafür gibt es andere, bessere Berge, die sie mir später zuschicken will.

Auf den Berg mit dem Leuchtturm komme ich heute wohl nicht mehr. Allerdings gibt es einen Tunnel mit LED-Beleuchtung, der unter dem Berg hindurchführt und auf einen ruhigen, abgeschnittenen Spazierweg einlenkt. Hier stehen einige wenige Menschen und genießen das Rauschen der Wellen und schauen in die Ferne.



Leider darf man nicht auf die Mole laufen (Gefahr großer Wellen usw.), das wäre definitiv mein Sehnsuchtsort gewesen. In einer Gerade inmitten der Wellen ins offene Meer hineinlaufen, nichts um einen herum, sowas liebe ich, und in Urlauben gehe ich immer an solche Orte. Es ist trotzdem schön, den Rand der Insel abzulaufen und trotz Wolken kommt die Sonne hervor, kurz bevor sie untergeht. Blutig rot ist sie, und als wäre es gewollt, geht sie exakt hinter einem Schiff unter, welches eine wunderschöne Silhouette erzeugt. Meine Kamera ist leider etwas zu schlecht, um den Moment realitätsgetreu wiederzugeben, aber was soll’s, am schönsten ist es ja eh vor Ort.

Auf der Insel sehe ich noch eine sehr schöne Kirche mit leuchtendem Kreuz (die will ich bestimmt mal zeichnen) und werde von einem Verkäufer auf der Straße in sein Restaurant reingelockt. Bei einer riesigen Auswahl Fisch bestelle ich die frittierten Oktopuslippen (ja, das Gericht heißt wirklich so) für 150$TD, ca. 4,50€; Reis aus einem monströs großen Reiskocher darf ich mir dazu auftun, so viel ich mag. Ich komme nicht umhin, auf dem Rückweg noch ein Eis zu verschlingen. Milk Tea mit Jelly und Tapioka ist schon pervers geil. So langsam mache ich mir echt Sorgen um meine Ernährung…


Während ich mein Eis esse, sehe ich eine total süße streunende Katze vor dem Laden sitzen, die offensichtlich auf Essen aus ist. Tatsächlich kommt eine Bedienung raus und stellt ihr eine sehr große Menge Trockenfutter hin. Meine Katze in Berlin hätte das locker für 2-3 Tage satt gemacht.


Da ich morgen früh auf einen Flohmarkt gehen will, geht’s heute mal etwas früher nach Hause. In der Bahn werde ich von Erin angesprochen, ein Freund von Edward Sky, der neulich mal mit in unserem Zimmer war. Er hat mich in der U-Bahn entdeckt und hat die halbe Freundesgruppe dabei, abgesehen von ihm ungefähr 15 Mädels, alle indonesisch. Als die anderen herausfinden, dass ich Sky‘s Roommate bin, sind sie sehr interessiert und fragen mich unterschiedliche Dinge. Ob der japanisch-Taiwanesische Mitbewohner wirklich so schlimm ist? Depends. Ist das Dorm bei euch auch so billo mäßig? Ja, wollt ihr sehen was ich am ersten Tag gesehen hab? Igitt. Die Gruppe spricht, wenn ich nicht gerade direkt angesprochen werde, die meiste Zeit indonesisch. Aber dass sie keine Lust haben, mit mir zu chillen, wie Sky meinte, scheint auch nicht gerade der Fall zu sein. Mit ein paar von ihnen tausche ich schließlich Insta aus, vielleicht machen wir ja mal was als Gruppe.
Im Dorm-Flur sehe ich, dass Zimmer 201 (das mit den Mäusen) immer noch leer steht. Anscheinend hat niemand das Loch gestopft bekommen. Oder es kommen keine Schüler mehr nach, was ich aber bezweifle, da meiner Wissens nach alle Zimmer voll sind.

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