So früh wie heute (7 Uhr) bin ich in meiner ganzen Zeit hier noch nicht aufgestanden. Um kurz vor 9 will ich mich mit Anna und Sebastian am „Nei Wei Flea Market“ treffen, mein neuer Mitbewohner Mike kommt auch mit, weil er keine anderen Pläne hat.
Der Bus, den wir heute bekommen, ist noch kleiner und gemütlicher als die anderen Busse bisher. Es wirkt fast, als säßen wir in einem großen Familienbus und der Busfahrer hat anders als sonst keine abgetrennte Kabine, außerdem scheint er während der Fahrt zu telefonieren. Die Sitze sind meistens weicher als in den Bahnen, und da generell wenig Menschen das Busangebot nutzen (da sie vermutlich Motorrad oder Auto fahren), sind die Busse, die höchstens ein Drittel eines BVG-Busses an Passagieren fassen, quasi nie gefüllt. Die einzige Ausnahme ist, wenn ganze Klassen nach Schulschluss einsteigen.

Dazu nehme ich das erste Mal einen der schnelleren Züge, am ehesten vergleichbar mit einem Regio aus Deutschland. Die Plätze sind in ihm verteilt wie in einer U-Bahn, nur dass sein Schienennetz über das ganze Land verteilt ist und er an weniger Stationen hält. Ansonsten bezahle ich wie immer mit meiner EasyCard, an einer Art Schleuse.



Auf dem Flohmarkt kommen wir unter eine große überdachte Halle mit riesigen Ventilatoren unter der Decke. Die Verkaufsstände sind teilweise dicht gedrängt, trotzdem zwängen sich ab und zu Motorräder und sogar ein Auto ihren Weg hindurch. Was verkauft wird, ist stark standabhängig. Häufig sind es Deko-Gegenstände, aber auch große Gemälde, Schallplatten/CDs, einige Tshirt-Stände und Schmuckwaren sind zu sehen. Meine Hoffnung, etwas für die blanke schmutzige Wand in meinem Zimmer zu finden, erfüllt sich nicht ganz. Die Motive auf manchen Bildern treffen zwar meinen Geschmack für Humor, aber sie sind entweder zu groß oder können nur mit einem Nagel befestigt werden, was im Dorm garantiert ein No-Go ist.




Auf unserem Rundgang sehen wir auch ulkige Kleidungsstücke, die entweder dreiste Kopien von Marken sind oder einfach total unpraktisch geformt sind.


In manchen Abschnitten der Halle wirkt es gar, als hätte jemand vergessen, seinen Sperrmüll abzutransportieren, oder die Fläche als zweiten Abstellkeller genutzt. Stapelweise alte Haushaltsgeräte und siffige Matratzen sind mit keinem Preisschild versehen und erwecken auch kein Käuferinteresse.
Andere Ecken sind überladen mit abgestellten Pflanzen und Brennholz, die Grenzen des Marktes verfließen.

An wenigen Ständen werden Getränke angeboten, und wir lassen uns einen angeblich originalen taiwanesischen „Tea“ zusammenmixen. Es kommt uns zugute, dass Mike bereits auf B2-Niveau Mandarin spricht, denn wie so oft kann hier kaum jemand Englisch.

Speaking about, ich habe noch eine Email von einem Prof bekommen, den ich nach einer Teilnahme an seinem Architectural Design – Kurs gefragt habe. Auch er würde mich gerne in seinem Kurs begrüßen (wie der andere Prof den ich gefragt hatte), bemängelt aber die Englischfähigkeiten sowohl seiner Stundenten als auch seine eigenen… Fairerweise ist er wohl Japaner und hat den Kopf schon genug voll mit komplizierten Sprachen. Jedenfalls müssen wir wohl mit Übersetzungssoftware auskommen, wenn ich an seinem Kurs teilnehmen will. Und das will ich! Ich studiere ja schließlich nicht zufällig Architektur.

Sebastian und Anna wollen sich heute noch Wohnungen anschauen. Das Dorm ist für die beiden keine Option, da es nur für Studenten (in dem Fall Sebastian) ist und sowieso nach Geschlechter getrennt wird. Meine Geschichten haben bestimmt auch dazu beigetragen, sich fernzuhalten. Bevor wir uns verabschieden, möchte Mike für seine Eltern in Ho-Chi-Minh-City noch ein Bild mit uns machen.

Ein Kabel für mein iPhone kaufe ich noch für 60$TD, das war’s dann aber auch und Mike und ich machen uns auf die Suche nach Frühstück. Es ist erst 10:30 Uhr, aber der Feuerball am Himmel brettert uns schon wieder die Birne weg. Obwohl Mike sagt, dass es bei ihm zuhause in Vietnam gleich warm, wenn nicht sogar heißer ist, hält er es nicht lange in der Sonne aus. Schließlich finden wir so etwas wie ein Frühstücksrestaurant. Er ist irgendwas mit Nudeln und Ei, ich versuche mich wenigstens am Toast. Der ist vom Toast der Cafeteria nicht zu unterscheiden, in Geschmack, Aussehen und Sättigungseffekt. Eine gekühlte Sojamilch dazu, ist okay.

Dann fragt Mike, was wir als Nächstes machen. Ich fühle mich bei der Frage etwas unwohl, weil ich eigentlich keine Lust hab den ganzen Tag mit ihm zu verbringen. Er ist sehr entspannt, aber zumindest bis jetzt auch nicht besonders spannend. Außerdem wollte ich mich noch mit Camille treffen, sie wollte irgendwo wandern gehen, und ihn nicht aus Prinzip mitschleppen. Wir stellen aber beide fest, dass die Hitze zu stark für irgendwas ist und fahren ins Dorm zurück, wo wir uns mit Mittagsschlaf den Mangel aus der Nacht zurückholen.
Nach zwei Stunden Pause fahre ich wieder los. An der U-Bahn-Station „Zuoying“ liegt ein weiterer dieser schönen grünen Hügel in der Stadt, eine ausgeschilderte Aussichtsplattform verspricht weiten Ausblick. An der Station selbst fällt mir noch eine Werbetafel auf, die mal wieder im cartoonhaften Stil dargestellt ist (wirklich egal welches Thema, alles hier wird verniedlicht). Nicht weniger als in die Taiwanesische Luftwaffe Wolle man eintreten.

Ich treffe mich mit Camille (ich hatte sie bei meiner Ankunft am Flughafen kennengelernt), und ich vergesse natürlich, dass die Franzosen „la bise“ machen, kleiner Faux-pas. Die Taiwanesen selbst begrüßen sich sehr distanziert, meistens mit einem Winken, selbst unter Freunden (zumindest habe ich das bisher so mitbekommen). Umarmt habe ich eigentlich niemanden, seit ich hier bin. Ist schon alles ziemlich anders.

Der Hügel ist nicht besonders hoch, und so brauchen wir auch nicht länger als 20-30 Minuten. Wir begegnen einem älteren Herrn, der uns etwas auf Chinesisch mitteilen will. Ein Glück studiert Camille Chinesisch. Tatsächlich verstehe ich sogar einzelne Bruchstücke der Konversation, bspw. die Worte für „Wir“ oder „Menschen“ (in dem Kontext Staatsbürger, da es darum geht, wo wir herkommen). Ich stehe daneben und grinse, weil der Mann, der einen kegelförmigen Strohhut aufhat, einen lustigen Eindruck macht und selber nicht aus dem Lachen kommt. Wie ich danach erfahre, wollte er uns unbedingt mitteilen, wie gleich alle Europäer für ihn aussehen. Ein Schwede, der zugehört hat und uns kurz danach anspricht, ergänzt noch; dass der ältere Herr, als dieser erfahren hat, dass ich aus Deutschland komme, das mit „Ahh, Hitler“ kommentiert hat.
Der „Wanderweg“ besteht aus zwei schmalen parallel verlaufenden Linien aus Beton und Stein, dazwischen ist meistens Erde, Kies oder ein bisschen Unkraut. Damit wir nebeneinander laufen können, laufe ich auf dem Mittelstreifen, sehr zum Unmut eines anderen Wanderers, der sich mir in den Weg stellt und ohne ein Wort auf den Boden zeigt. „Sorry“, sage ich und laufe fortan wie vorgegeben. Andere Länder, andere Sitten.
Nach kurzer Zeit sind wir ganz oben, und schwitzen mal wieder wie die Schweine, trotz kurzer und einfacher Tour. Die Aussicht geht in weite Ferne und besonders interessant ist, dass wir diesmal nicht auf den uns bereits bekannten Stadtteil, sondern mehr in westliche und nördliche Richtung blicken können. So sehen wir einige weitere Häfen der Küste, obwohl der größte der ganzen Insel (der in Kaohsiung) nicht weit entfernt ist.

Lange kann man hier nicht bleiben, und so geht’s schnell wieder in die klimatisierte Metro.
Ich tausche mich mit Camille viel über unsere ersten Erfahrungen in Taiwan aus, die recht unterschiedlich aussehen. Sie hatte bereits die ganze Woche Unterricht, muss anders als ich Credits sammeln und schreibt am Montag auch schon Tests. Sie hat bisher weder den Hafen gesehen noch einen Night Market besucht, und hat ihr Dorm fast nur zum Essen gehen/besorgen verlassen. In dem Kontext fühle ich mich fast schon wie ein Local Guide, als wir zum Hafen fahren und ich manche Stellen sehe, an denen ich jetzt bestimmt schon 3-4 Mal war.
Einig sind wir uns auf jeden Fall über die ganzen Unterschiede in der Kultur und den allgemeinen Lebensbedingungen (ALB?) hier. Dass das Essen im Prinzip geil ist, man aber nirgendwo vernünftig Obst/Gemüse einkaufen kann, ärgert uns beide. Ganz zu schweigen davon, dass man in den Dorms keine Möglichkeit hat, Essen zuzubereiten, abgesehen von der Water Machine, die Wasser erhitzen kann. Dass der Straßenverkehr ziemlich gefährlich ist, weil erstens so viele Motorräder unterwegs sind und die Fußgängerwege oft nicht passierbar, sodass man auf die Straßen ausweichen muss. Dass die ganze Plastikverschwendung im Herzen wehtut, weil wir den Umgang mit Müll (auch bzgl. Mülltrennung, Pfand) anders gewohnt sind. Dass es in unserer Wahrnehmung auch in dieser 2,7 Millionen-Stadt nicht so aussieht, als gäbe es irgendwelche Möglichkeiten, in Bars Alkohol zu trinken oder gar feiern zu gehen (auch wenn ich vereinzelt schon Bier in Supermärkten entdeckt habe). Dass die öffentlichen Transportmittel und generell die Lebenskosten extrem gering sind und man auf gewisse Weise den Bezug zum Geld verliert (auch durch grobe/falsche Umrechnungen im Kopf). Wir beide hoffen, dass die Temperaturen ab Oktober/November erträglicher werden, am „kältesten“ wird schließlich der Januar mit durchschnittlich 24 Grad als Tageshöchsttemperatur.
Ansonsten reden wir noch etwas über französische und chinesische Politik, andere Leute, die wir hier getroffen haben und gehen auf einen Night Market, essen japanische Garnelen-Bällchen. Camille bringt mir schonmal ein paar Fisch-Zeichen bei, das könnte sich als sehr praktisch herausstellen.


Auf dem Rückweg zum Dorm werde ich an der Bushaltestelle unfreiwillig Zeuge einer Gruppe Jugendlicher, die wieder und wieder versucht, ein TikTok aufzunehmen. Kein weiterer Kommentar.

Ich soll später noch für Sebastian auf meinem Campus nachschauen, wann ein bestimmtes Büro seine Öffnungszeiten hat. Dafür überquere ich zum ersten Mal die Brücke auf dem Campus, die über die Autobahn führt. Aber das Gelände mit den Unterrichtsgebäuden dahinter ist riesig, und selbst beim richtigen Gebäude ist kein Plan ausgehängt, wo sich was befindet. Immerhin bleibt die Uni sich selber treu in ihrer Art zu kommunizieren.
Auf dem Rückweg komme ich an einem Freilichttheater vorbei, das mich direkt an das im Mauerpark in Berlin erinnert. Hier gibt es im Semester bestimmt ab und zu Events.

Zurück im Zimmer, quatsche ich noch kurz mit meinen Roommates und mache mein tägliches kleines Workout bestehend aus Planken, Liegestütze und Dehnen. Mike erzählt uns, dass wir unsere Kassenbons aus Supermärkten wie Family Mart gut aufheben sollten, da auf jedem dieser Bons Gewinncodes für eine Lotterie stehen. Auch manuell gekaufte Bahntickets funktionieren als Los. Warum wundert mich das eigentlich nicht mehr?

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