Heute ist der erste Tag des Semesters. Als ich um 11 Uhr aufwache, ist Sebastian schon auf dem Campus, wir wollen gemeinsam Mittag essen, bevor wir jeweils unsere ersten Kurse haben. Als ich zu den Fahrrädern laufe, werde ich von einer Gruppe Mädels angehalten, die mich fragen, woher ich komme und laut lachend „Guten Abend, guten Abend“ rufen. Ich muss mein Instagram hergeben, dann lassen sie mich weiterziehen. Ich hole Sebastian mit einem Campus-Bike ab und wir drehen erstmal ein paar Runden, während ich ihm die Sportplätze und sonstigen Bereiche zeige. In der Cafeteria ist es um kurz nach 12 brechend voll, die Schlange ist so lang, dass wir bestimmt 20 Minuten anstehen würden. Da es angeblich noch eine weitere Mensa auf dem Hauptteil des First Campus gibt (das ist der Abschnitt auf der anderen Seite der Autobahn, die den Campus entzwei teilt), wollen wir die einmal ausprobieren. Es ist erst das zweite Mal dass ich mich hier umschaue und auch dieses Gebiet voll mit Unterrichtsgebäuden ist so riesig, dass man sich am besten mit Fahrrad bewegt.

Zufällig treffen wir James, der mit seinen Kolleginnen gerade auf dem Weg vom Labor zur Mensa ist, und er zeigt uns das Aktivitätsgebäude. Es hat wohl mehrere Gemeinschaftsräume mit Tischtennis, Billard usw., im Erdgeschoss gibt es einen 7/11 und die Mensa befindet sich im Untergeschoss. Beim Runterlaufen sehen wir schon, wie riesig diese ist im Vergleich zur anderen. Es gibt eine Selbstbedienungstheke, mit verschiedenen Beilagen und zwei übergroßen Reiskochern, aus denen man sich Reis auftun kann.


Glücklicherweise wird das Essen nicht gewogen, sondern nach Anzahl der Hauptgerichte und Beilagen bemessen. Für meinen üppig befüllten Schüsselteller zahle ich 110$TD, das sind 3€. In der Schlange sehen wir eine Europäerin, die uns anspricht, als sie hört, dass wir deutsch reden. Sie heißt Julia, kommt aus Wien und arbeitet seit 2 Jahren hier als Lektorin und unterrichtet alle möglichen Fächer auf Deutsch am „Institute of Foreign Languages“. Recht aufgeschlossen, lädt sie uns an ihren Tisch ein, dort versammelt sich die deutsche Community, die vor allem aus Lehrenden besteht, etwa 5-6 Personen. Außer Sebastian und mir studiert nur noch Sascha, der aus der Nähe von Bremen kommt. Ein taiwanesischer Herr sitzt auch mit an der Tafel, er spricht gutes Deutsch, wenn auch mit Akzent.
Julia freut sich, dass ich aus Berlin komme und auch gerne Techno feiern gehe. Sie erzählt mir von verschiedenen Clubs im Land, wobei die besten (wer hätte das ahnen können) natürlich in Taipeh sind. Und selbst die hätten wohl mit leeren Tanzflächen zu kämpfen, auch am Wochenende. Ein anderer am Tisch (ich glaube er hat sich als André vorgestellt) ist vermutlich ihr Freund, die beiden teilen sich eine Wohnung an der Metropolitan Park Station. Das ist, wenn man hier arbeitet, wahrscheinlich der beste Standort, da man mit Bus gut an die Uni angebunden ist und mit der Red Line sehr schnell in die Stadt kommt. Auch Sebastian und Anna haben sich dort in der Nähe schon Wohnungen angeschaut, diese Woche müssen sie aus ihrem AirBnB raus.
Als wir fertig gegessen haben, ist es nur noch eine halbe Stunde bis Kursbeginn (also bis 13:30 Uhr), und mir fällt auf dass ich weder Laptop noch Papier noch Stift dabei habe. Glücklicherweise habe ich mir immerhin aufgeschrieben, in welchem Raum mein Kurs stattfindet, B222. Das ist im „Department of Construction Engineering“, am anderen Ende des Campus. Von Sebastian leihe ich mir einen Block und einen Stift, und los geht’s.

Glücklicherweise finde ich den Raum relativ schnell, auch andere Studis warten schon. Der Lehrer kommt ca 5 Minuten zu spät, und nachdem er uns reingelassen hat, bittet er um weitere 10 Minuten Geduld, um alles am PC/Beamer einzurichten. „Please give me 10 minutes to set everything up, just look at your smartphone in the meantime, please.“ Der Raum sieht aus, als wäre er aus einer Schule. Ordentlich aufgereiht stehen Tische und Stühle im Raster, wobei jeweils ein Stuhl und ein Tisch ein Möbelstück ergeben. Sehr unpraktisch, denn wenn man den Stuhl vor oder zurück schieben will, verschiebt man auch den Tisch. Wer sich das wohl ausgedacht hat? Die Vorhänge sind komplett zugezogen, also ist es relativ dunkel, nur das Deckenlicht sorgt für eine klare Sicht. Geschätzt würde ich sagen, dass bestimmt mindestens 40 Leute in den Raum passen, vielleicht sogar mehr. Ich will in einem Raum voller neuer Menschen aber nicht so gerne in meinem Handy versinken, also schlage ich die letzte Seite von Sebastians Notizbuch auf und zeichne die komische Stuhlkonstruktion. Ich merke, dass ein Typ schräg hinter mir guckt, er sagt aber nichts.

Schließlich ist alles eingerichtet, und der Lehrer beginnt den Unterricht. Er ist vielleicht Ende 20, bestimmt Taiwanese, und seine Aussprache ist wirklich sehr gut. Naja, immerhin sind wir hier auch in der class: „English in Foreign Affairs“. Sprechen tut er mittlerweile durch ein Mikro, welches mit Lautsprecherboxen im Raum verbunden ist. Das und sein Gestikulieren lassen ihn ein bisschen wie einen Stand-Up-Comedian wirken (teilweise guckt er Punkte zwischen uns Studierenden an und tut so, als würde er mit der Luft reden, wenn er niemanden konkret ansprechen will). Er stellt sich kurz vor, sein chinesischer Namen geht mir sofort aus dem anderen Ohr wieder flöten, aber er sagt, dass wir ihn auch „JJ“ (also „JayJay“) nennen können. Auf der Leinwand hat er ein Google Docs geöffnet und wir bekommen unsere erste Aufgabe.
3 Sachen sollen wir notieren, erstens unseren Namen, zweitens wo wir herkommen und in drei Worten was unsere Heimatstadt ausmacht, und drittens, warum wir uns für seinen Kurs entschieden haben. Für alles, was er uns an Aufgaben gibt, sagt er beispielhaft für seinen Fall vor. Danach stehen alle auf und sprechen mit mindestens fünf anderen Personen, denen wir uns vorstellen sollen. Sehr cool, wie ich finde, da ich direkt die Chance bekomme, ein paar Leute kennenzulernen. Ich merke schnell, dass die meisten hier struggeln, ein Gespräch in normalem Tempo zu führen, also rede ich ein bisschen langsamer. Die meisten sind Freshmen/Freshwomen und kommen aus allen Ecken des Landes, Taipeh, Taichung, Tainan, auch kleinere Ortschaften. Viele interessieren sich für den Berliner Döner oder das Wetter in Europa.
Der Rest der Unterrichtsstunde besteht hauptsächlich aus der Vorstellung des Kursthemas und gemeinsamen Ausspracheübungen. „I warmly welcome you to use ChatGPT, for your presentations as well as in class, when you don‘t know something.“ JJ zeigt uns zehn Sätze, die er ChatGPT hat schreiben lassen über recycelte Windeln, und gemeinsam üben wir die jeweilige Aussprache. Er macht außerdem vor, wie man schwierige Wörter wie z.B. „superabsorbant“ oder „biodegradable“ in einfacheren Wörtern erklären kann. Scheinbar kommt nicht jeder mit, denn er schiebt alle paar Sätze eine schnelle Erklärung auf Chinesisch hinterher.
Als letztes kündigt er an, dass über das Semester hinweg Vorträge in Zweiergruppen gehalten werden sollen, das Thema ist dabei quasi egal. Wichtig ist, dass in dem Vortrag zehn „key sentences“ vorkommen, ähnlich den zehn aus seinem Docs. Für ihn ist es vollkommen okay, wenn wir die von ChatGPT schreiben lassen, er gibt uns sogar den Tipp, in dem Prompt nach Sprachniveau B1 – B1+ zu fragen.
Die meisten haben schon eine Gruppe, also werde ich als einer der letzten von ihm zusammengewürfelt. Eigentlich wollte ich eine Mitstudentin namens Vivien fragen, sie kann hier mit am besten Englisch, aber auch sie hat schon jemanden. Meine zugeloste Gruppenpartnerin heißt Maria, wenn ich das aus ihrem Akzent richtig rausgehört habe, und kommt aus Myanmar. Ich schätze sie auf ungefähr 1,52m. Wir tragen uns in der Liste für die Vorträge weit vorne ein und entscheiden uns für das Thema „Air pollution“, ich finde, das passt ganz gut zu Taiwan.
Am Ende blendet der Lehrer noch einen QR-Code an die Leinwand, über den wir seiner Facebook-Gruppe beitreten können. In der Gruppe sind fast 400 Leute (vermutlich aus den letzten Semestern) und man kann sich die Präsentationen aus den letzten Semestern ansehen.
Dann ist die Stunde vorbei, und auf einmal ist fast niemand mehr im Raum. Irgendwie hatte ich erwartet, dass die Leute noch ein bisschen bleiben, um zu reden, aber vielleicht haben sie auch anschließende Fächer. Sebastians Fach (irgendwas mit Finance in English) geht eine Stunde länger, also setze ich mich raus auf eine Bank.


Als Sebastians Stunde vorbei ist, suche ich ihn vor seinem Gebäude. Anscheinend sehe ich hilflos aus, denn zwei Studis sprechen in respektablem Englisch an und fragen mich, ob ich Hilfe brauche. Ich verneine, und wir kommen über die übliche Frage, woher ich komme, ins Gespräch. Er heißt Bryan, ihren Namen habe ich leider vergessen, jedenfalls haben beide eine Rolle inne, in der sie Veranstaltungen an der Uni wie Freshmen-Partys veranstalten. Wir tauschen Line-QR-Codes aus, und sie wollen mich in eine entsprechende Gruppe packen. Das Mädchen fragt mich nach einem Foto, weil sie einen Vlog macht. Trifft sich gut, dann mach ich auch eins für meinen Blog. Sie muss dann weiter, Bryan nimmt mich sogar noch in seinem Auto mit, um mich beim Dorm abzusetzen. Er erzählt, dass er in der Innenstadt wohnt und dass ich auch mal bei ihm vorbeikommen kann, wenn ich vorher Bescheid sage bzw. wir etwas ausmachen.

In der Lobby des Dorms wartet Sebastian, er wollte sich ja mal mein Zimmer ansehen (und gucken, was er verpasst oder besser gesagt nicht verpasst). Er sitzt mit einem anderen Dude zusammen, den ich vor ein paar Tagen schonmal gesehen habe und den ich äußerlich irgendwo zwischen Indien und Afghanistan einordnen würde. Die beiden hatten ihren Kurs zusammen und scheinen sich gut zu verstehen. Sidd, so stellt er sich vor, studiert hier schon im zweiten Jahr (Master) und kommt aus Indien, von den Füßen des Himalaya. Er hilft mir, herauszufinden, welche Art von Sportkurs ich gewählt habe (im Website-System hatte ich nur „Physical Education“ zur Auswahl), der morgen stattfinden soll. Als ich sehe, dass es ein Schwimmkurs sein soll, droppe ich den Kurs sofort und schaue mich nach anderen Kursen um. Wöchentlich in das Hallenbad hier muss ich nicht unbedingt, ich bin überzeugt, dass es da spannendere Sachen gibt. Sidd empfiehlt „Archery“, das hat er letztes Semester gemacht. Die meisten Angebote sind Basketball (das einzige, was noch schlimmer als Schwimmen ist), Volleyball, Badminton, alles nicht so der Burner aus meiner Sicht. Interessant sieht noch „Billard“ aus, vor allem findet der Kurs auf „Cijin“ statt, der Insel im Hafengebiet. Man kann zwar nur einen Sportkurs belegen, aber Sidd sagt, das man bei vielen einfach hingehen und fragen kann. Sebastian will sich auch nach Vereinen umsehen, das kann ich mir auch gut vorstellen, gerade etwas mit Teamsport wäre smart.

Wir gehen dann zu dritt hoch, mein Zimmer anschauen. Nach ein zwei Sätzen zum Zimmer merke ich, dass es schon nichts weiter zu zeigen gibt. Ganz komisch, wenn ich in Berlin Leuten meine WG gezeigt habe, gab’s immer viel mehr zu erzählen. Weiter geht’s in Sidds Zimmer. Der ganze Raum riecht nach Gewürzen und Curry, der Kollege scheint meinen Reiskocher-Trick wohl auch schon zu kennen.
Wir zeigen Sebastian dann noch den Waschraum, die Duschen und den Wasserspender, bei dem das „warme“ Wasser mit 29 Grad einfach kälter ist als das „kalte“ Wasser mit 31 Grad. Auf seinem Gesicht zeichnet sich klar ab, wie erleichtert er ist, doch nicht ins Dorm gegangen zu sein, auch wenn er „ist doch ok, ist doch ok“ sagt. Das Grinsen kann er nicht ganz verstecken.
Sidd fragt mich dann, ob ich später mit ihm ins Campus-Gym gehen will, gegen 18 Uhr verabreden wir uns. Leider hat es aus irgendeinem Grund noch nicht offen. In den Semesterferien soll es regulär geschlossen sein, aber jetzt brauchen sie vielleicht noch eine Woche, um es wieder zu eröffnen. Würde mich bei der bisherigen Uni-Bürokratie nicht besonders wundern. Selbst dann hat es laut Sidd nur abends zwischen 18 und 20 Uhr offen. Ich kann mir schon gut vorstellen, wie alle Maschinen besetzt sein werden, bei der Masse an Leuten, die ich heute gesehen habe… Immerhin soll ein Eintritt nur 20$TD kosten, knapp 60 Cent.

Dafür gehe ich heute zum ersten Mal ins „Stadion“ für ein Sprinttraining, also auf die Tartanbahn neben den Basketball-/Volleyball-Sportplätzen. Genau dafür habe ich meine Spikes mitgebracht, ich bin froh sie endlich mal benutzen zu können. Allerdings ist der Sonnenuntergang schon passiert und es wird recht schnell dunkel. Leider hat die Bahn im Gegensatz zu den anderen Sportplätzen keine Flutlichter, und man muss mit dem abgestrahlten Licht der Nachbarplätze klarkommen. Für die meisten Leute ist das kein Problem, viele gehen hier abends einfach nur ihre Runden. Mit Spikes habe ich hier sowieso noch niemanden gesehen.

Ein kleines bisschen Helligkeit bleibt aber noch, und ich hab richtig Spaß, endlich mal wieder ein Sprinttraining. Ein Vorteil des warmen Wetters ist definitiv, das mein Körper sich schnell aufwärmt und mich besser vor Verletzungen schützt. Ich komme aber auch quasi instantly ins Schwitzen und durchnässe durch das Training meine gesamten Klamotten.

2 x 30m, 2 x 50m, 2 x 30m, eigentlich relativ wenig, aber entweder liegt es an der Hitze oder daran, dass ich in letzter Zeit nicht so oft trainiert habe, auf jeden Fall bin ich schnell komplett erledigt. Tatsächlich sehe ich ein anderes Mädchen, die definitiv auch Leichtathletik im Verein macht oder gemacht hat, die ganzen Lauf-ABC-Sachen und ihr Aufwärmprogramm sehen sehr professionell aus.
Während des Trainings höre ich auf einmal wieder Flugzeuggeräusche, und als ich in den Himmel gucke, entdecke ich gleich sechs Jets hintereinander fliegen. Es dauert nicht lange, bis die nächsten hinterherziehen. Sehr interessant, obwohl sie so tief fliegen, kommt das Düsengeräusch immer von wesentlich weiter hinten. Das sind (erkenne ich auch am Look generell) definitiv Militärflugzeuge. Sie alle vollziehen ziemlich genau über dem Sportplatz eine Kurve und sind sehr schnell wieder aus dem Blickfeld verschwunden. Innerhalb von zehn Minuten sehe und höre ich bestimmt über 30 Flieger. Die anderen Trainierenden scheint das nicht die Bohne zu jucken, also mache ich mir keine Sorgen. Ich gehe davon aus, dass irgendwo nördlich des Campus ein Militärstützpunkt ist, zumindest kommen die Flieger daher und fliegen auch dahin zurück.
Am Ende zwinge ich mich noch zu Brathähnchen (Spitzname für Planken auf allen vier Seiten), Liegestütze, kurz ans Reck und Dehnen. Bis zur vollständigen Zerstörung, würde Sascha Huber sagen.
Da die beknackte Mensa abends schon ab 7 Uhr zu hat, muss ich für Abendessen auf den 7/11 ausweichen. Ich hab einen Bärenhunger, also wähle ich mein Essen nach Kalorien aus. Einmal Trüffelrisotto und einmal japanisches Reisomlett, 1100 Kalorien für ungefähr 5€. Mein Mitbewohner Sky hat mir gestern außerdem Wasabi-Chips geschenkt, die verputze ich auch wie nichts.


Als Heizo (mein taiwanesischer MB) sieht, dass ich mein Abendessen aus dem Convenience-Store geholt habe, versucht er mir etwas zu sagen, braucht aber auch mit Google Übersetzer eine Weile, um sich auszudrückend. Schließlich bietet er mir an, mich bei der Suche nach gesünderem Essen zu unterstützen und will mir nächstes Mal einheimische Restaurants zeigen. Sehr lieb von ihm, allerdings weiß ich nicht, ob ich dafür bereit sein werde, einen deutlich längeren Weg auf mich zu nehmen.

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