Nach der schlimmsten Nacht bisher stehe ich auf, schlafen konnte ich wegen James‘ lautem Schnarchen leider nicht. Um kurz nach sieben bekommen wir unseren Zug am Hauptbahnhof von Taichung, mit dem wir zum Bus fahren, der uns an den Sun-Moon-Lake bringen wird. Ich bin vollkommen neben der Spur, und obwohl ich weiß, dass James nichts für seine Apnoe kann, bin ich ihm irgendwie dankbar, dass er sich mehrmals dafür entschuldigt. Ich frage ihn auch aus Sorge, ob er schon einmal beim Arzt deswegen war, und er verneint. Angeblich ist das schon so, seit er ein Kind ist, und es hat bisher immer funktioniert. In der Regel lasse er andere Personen immer zuerst einschlafen, in meinem Fall ging das (verständlicherweise) nicht, da ich oft bis spät wach geblieben bin. Er vermutet, dass seine Mandeln zu klein sind hat Angst vor einem operativen Eingriff, auch das ein Grund, weshalb er bisher nichts dagegen unternommen hat. Ich rate ihm stark dazu, aber wer weiß, was er tun wird.



Immerhin kann ich im Bus, der etwas über eine Stunde fährt und den wir mit EasyCard bezahlen, schlafen. Beim Aussteigen eröffnet sich eine neue Welt: Alles an diesem Ort am See schreit nach Tourismus, angefangen bei Kolonnen ausleihbarer Fahrräder über die hässlichen Hoteltürme bis zu den Verkäuferinnen und Verkäufern von Fährtickets, Touren und Unterkünften, die einen regelrecht belagern. Alle drei Meter werden wir angesprochen, bis wir endlich die Adresse unserer Unterkunft finden.




Zum Glück dürfen wir schon früher einchecken und unser Gepäck im AirBnB ablegen. Wir sind im dritten Stockwerk eines Wohnhauses untergebracht, im Zimmer gibt es neben dem großen Bett noch einen Schreibtisch und ein Sofa. Wie wir das mit der Schlafsituation machen heute, müssen wir noch schauen. Ich bin jedenfalls so müde, dass ich erst einmal aufs Bett falle und eineinhalb Stunden durchschlafe, so wie ich raufgefallen bin. Dann kaufe ich mir im 7/11 nebenan zwei Schokobrötchen, Hauptsache eine Menge Kalorien, bevor es losgeht, denn wir wollen heute die Fährenrundfahrt mit drei Stationen (inklusive Starthafen) machen. Die Route hatte James aus einem Reiseblog rausgesucht, sie scheint aber sowieso die Hauptroute zu sein.


Genug Sonnencreme aufgetragen? Dann kann es losgehen. Der Hafen befindet sich unmittelbar hinter den höchsten der Hochhäuser und es liegen jede Menge Schiffe desselben Typs an, vermutlich alles Fähren, die in hoher Taktung an- und ablegen.

Um an Tickets zu kommen, müssen wir eine ältere Frau in Warnweste ansprechen, die wir davor ungefähr fünfmal abgewunken haben. Sie sagt ein paar Schlagwörter auf Englisch, und letztlich kaufen wir ihr für 300$TD (9€) pro Person Tickets ab, mit denen wir heute unbegrenzt fahren können.

Am Pieranfang werden die Tickets abgerissen, und es dauert nicht lange, bis das Boot sich füllt und ablegt. Zuerst fahren wir ein kleines Stück an der Küste entlang, bevor der Kapitän auf den offenen See abbiegt und die Ortschaft immer kleiner wird.
In der Nähe einer Insel verlangsamen wir. Die kleine Fläche sieht aus, als würde sie für die Bewahrung eines Reservats o.Ä. benutzt, die Schiffsansage dazu ist leider nur auf Chinesisch. Vielleicht hat es aber auch nur mit Religion und einem Schrein zu tun, der dort in der Mitte steht.
Nach dem Ausstieg in Xuanguang (der erste Halt auf der Rundtour) müssen wir ein paar Treppen laufen, um etwas zu sehen. Hier wimmelt es vor lauter Ausländern, obwohl auch einige Taiwanesen dabei sind. An einigen Stellen kann man etwas zu Trinken oder kleine Snacks kaufen, und Eingeborene (die angeblich direkt von hier am See stammen), laufen umher, führen Tänze auf oder beten.


Nach ein paar Minuten kommen wir in einen Bereich mit Aufenthaltsmöglichkeit. Ein Tempel steht in der Mitte, und innen kann man Buddha-Merch kaufen oder dessen Statuen bewundern.


Um noch mehr sehen zu können (und das wollen wir, denn bis zur letzten Fähre haben wir noch über sechs Stunden Zeit), müssen wir den Berg noch weiter rauf. Der Weg ist aber angenehm zu laufen aufgrund von sorgfältig verlegten Steinplatten und weder besonders steil noch lang. Entweder sparen sich einige den Aufstieg oder die Massen verteilen sich einfach besser – jedenfalls ist es hier viel ruhiger und man kann die Natur besser auf sich wirken lassen. Herrlich.




Als wäre der Anstieg eine wahre Zumutung, findet man nach 400 Metern eine kleine Lichtung mit einem Pavillon zum Ausruhen. Auch ein Wünschebaum mit Hunderten Buddha-Anhängern als laminierte Karten steht dort.
Was mich sehr fasziniert, sind die Geräusche der Natur. Gefühlt hunderte verschiedene Geräusche kann man hören, davon viele viele Tiere. Auch wenn ich keine Affen gesehen habe, bin ich sicher, dass auch hier welche leben. Daneben wachsen an der Seite des Weges auch Bananenbäume und Mais.

Nicht viel später gelangen wir an eine Bergstraße, die uns nach links weist. Dort führt sie eine Kurve um den Berg herum und ein paar Autos sowie Häuser, die Shops beinhalten, versperren vorerst die Aussicht. Da mein Wasser schon heute früh leer war, habe ich blöderweise nichts mitgenommen und muss mir jetzt etwas kaufen. In den Shops wird nicht nur Essen, sondern alles Mögliche rund um Buddha und was sich sonst noch so zu Geld machen lässt, verkauft.

In dem Geschäft ist auch gerade eine große Gruppe Europäer unterwegs, wobei ich zuerst nicht erkenne, ob sie Deutsch oder Niederländisch sprechen. Irgendwie passen sie aber nicht an diesen Ort, so laut und aufgedreht wie manche von ihnen sind.
Auf der anderen Straßenseite geht eine kleine Treppe zum ausgewiesenen Xuanguang-Tempel rauf. Imposant hebt sich die Eingangspforte über der Straße empor. Unterhalb des Aufgangs ist eine große Landkarte Asiens an die Bergwand gemalt, auf der mehrere Wege eingezeichnet sind, die auf mich den Eindruck machen, sie wären das buddhistische Jakobsweg-Äquivalent.


Hinter dem großen Torbogen tut sich eine gemütliche, vom Schatten und Abgeschiedenheit bestimmte Zone hervor. Rechts und links wachen je eine vergoldete Statue über die Besucher, in der Torachse erscheint der Tempel, während an der Seite hohe Bäume wachsen.





Es gibt so viele interessante Details zu sehen, dass die Zeit wie im Flug vergeht. Auch ist der Ort so angenehm, weil die meisten Touristen entweder in den Souvenirshops sind oder sich an der Aussichtsterrasse tummeln. Nur die vorhin genannte Gruppe ist tatsächlich hier. Jetzt höre ich auch deutlich, dass sie deutsch sind. Sie diskutieren, ob ich auch deutsch bin. Nicht so schwer zu erraten, wenn man bedenkt, dass in mir hochgezogenen weißen Socken in Adiletten rumlaufe. Lust, mit ihnen zu reden, habe ich irgendwie nicht.
James bleibt draußen, aber ich will das Innere sehen. Neben einem Schrein im Erdgeschoss gibt es noch zwei weitere Stockwerke, für die man seine Schuhe ausziehen muss. Ich bin der einzige, und kann mir in Ruhe die Tafeln über den Buddhismus durchlesen, bspw. werden verschiedene Leben des Buddha beschrieben. Im obersten Stockwerk stehen anscheinend besonders wertvolle Reliquien, weshalb man respektvollerweise nur auf den lilanen Teppichen bleiben soll.



Nebenan stehen noch zwei, drei weitere Gebäude, deren Bedeutung sich mir nicht ganz erschließt. Eventuell wohnen hier sogar Mönche. Im Erdgeschoss eines Hauses ist jedenfalls ein weiterer Souvenirladen untergebracht, in dem ein für die Region berühmter schwarzer Tee („Sun Moon Black Tea“) gratis angeboten wird.


James und ich wären fast schon wieder hinabgestiegen, da fällt mir ein Wegweiser auf, der auf die „Ci‘en Pagoda“ hinweist, eine auf einem Hügel stehende Pagode. Als wir den Turm in der Ferne aber sehen, beschließt James, statt des Aufstiegs lieber unten auf mich zu warten. Ich bin zwar auch nicht bestens ausgerüstet, aber es wird schon machbar sein.


Der Aufstieg wird einem durch ordentliche Treppen wieder leicht gemacht, und so bin ich nach 15 Minuten bereits oben angelangt, wenn auch stark verschwitzt. Vor der Pagode ist eine sehr große freie Fläche, deren Boden aus Kies besteht und mir so das Gefühl vermittelt, dass der Ort etwas majestätisches an sich hat. Symmetrisch dazu steht auf der anderen Seite ein traditionelles Haus, in dem bestimmt trainiert oder unterrichtet wurde. Ich laufe zuerst um dieses Haus herum, und allein der Anblick hier ist wundervoll: Gerade weil man nicht auf den See schaut und entsprechend keine Betonhöllen sehen muss, sondern nur in Wolken verhüllte Berge, ist der Ausblick etwas ganz besonderes.



Auf den obersten Rängen der Pagode erblicke ich wenige andere Besucher. Man kann also rauf, perfekt! Aus der Nähe betrachte ich die vielen Feinheiten des Bauwerks: Nahezu alles ist irgendwie verziert, sei es das Muster in den Steinen der Außenwand, die Geländer, die Malereien an den glatten Wandstellen, die kleinteilige Fensteraufteilung, und und und. Besonders die runden Fenster geben dem Ganzen einen Charakter. Innen drin führen zwei spiegelseitig verlaufende Treppen im Kreis nach oben, wobei in jedem Stockwerk die Möglichkeit besteht, auf dem Balkon eine Runde zu drehen und auf der anderen Treppe weiterzulaufen. Anders aus außen ist das Design innen schlicht weiß gehalten, mit blauen Akzenten an Geländer und Wand. Ganz oben ist eine massive Glocke angebracht. Wie die wohl klingt?



War der Ausblick von unten schon schön, so ist er jetzt atemberaubend. Rundum gibt es Dinge zu sehen, auf der einen Seite den Sonne-Mond-See mit von hier winzigen Booten, Häusern und Menschen, etwas weiter Bergsilhouetten in der Ferne und etwas näher sogar massiv ansteigende Berge, deren genaue Höhe aufgrund ihrer Einhüllung in Wolken gar nicht erkennbar ist.


Aus irgendeinem Grund ist das Tierreich auf dieser höchsten Ebene auch zahlreich vertreten. Spinnenweben, soweit das Auge reicht und um die Turmspitze schwirren Hunderte Libellen. Man kann fast kein Foto machen, auf dem sie nicht zu sehen sind.

Weil ich noch mehr vom See sehen will, geht’s dann auch schon wieder runter. Zu gerne hätte ich hier etwas gezeichnet, aber dafür reicht die Zeit nicht und James wartet auch schon eine Weile. Der Weg runter ist kein Problem, schnurstracks bin ich wieder am Ausgangspunkt.

Ein Pärchen, das auch oben auf der Pagode war, überholt mich abwechselnd und ich die beiden, da wir jeweils für Fotos oder Ausblicke stehen bleiben. Kurz bevor wir unten sind, sage ich belustigt „You again“ und die beiden fragen mich, ob ich aus Deutschland komme. Mein Schuhwerk hat mich verraten. Die beiden, Luise und Alexi, sind wie ich vor zwei Wochen nach Taiwan gekommen, Louise studiert in Taipei Politikwissenschaften und Alexi arbeitet in der Zeit in einem italienischen Restaurant. Wir treffen James, und ziehen zu viert weiter auf die Fähre.


Der nächste Spot nennt sich „Ita Thao“ und ist deutlich touristischer. Auch hier gibt es viele Übernachtungsmöglichkeiten in Hochhäusern und eine Menge Street Food sowie ausreichend teure Restaurants.

Ein langer gestelzter Weg führt am Wasser entlang von der Stadt weg und hin zu einer berühmten Gondelbahn, die hinter einen Berg führt. Dort gibt es nicht nur die Anschlussgondel hin zu einem Freizeitpark mit Freefall-Tower und Achterbahnen, sondern die Hauptattraktion ist ein Eingeborenendorf. Wir zahlen pro Person etwa 10€ für die Gondel und fahren rauf. Vor dem Aufstieg gibt es einen kostenlosen Moskitospray-Spender, bei dem wir uns großzügig bedienen. Das war möglicherweise ein Fehler, denn die Creme hat einen hohen Alkoholanteil und meine Haut fängt an zu brennen.





In der Gondel scheißen sich James und Alexi vor Höhenangst fast in die Hosen, während ich die Aussicht glücklicherweise genießen kann. Und dabei sitzen wir noch nicht einmal in einer der Gondeln, die einen Glasboden hat.


An der Bergstation müssen wir leider feststellen, dass wir in eine Touristenfalle geraten sind. Unten am Schalter konnte man entweder für 9€ (so wie wir) einen Gondelpass kaufen, und optional für weitere 20€ den Eintritt in das Eingeborenendorf bezahlen, was wir uns sparen wollten. Man kann abgesehen von dem Dorf die Bergstation der Gondel aber gar nicht verlassen, wir sind also mehr oder weniger nur für die Gondelfahrt selber hochgefahren…

Auch weil das Dorf nur noch eine Stunde geöffnet hat, beschließen wir, wieder runterzufahren. Alexi nimmt sich vor, die Gondel später mit zwei Sternen auf Google zu bewerten, da der Ausblick immerhin schön war.
In Ita Thao erfahren wir, dass die letzte Fähre früher fährt als gedacht, wir können den Sonnenuntergang also leider nicht vom Pier verfolgen. Die letzte Stunde verbringen wir in den Gassen, die fast überquillen vor Gästen an den vielen Streetfood-Ständen. Wir probieren in Schwarztee eingelegtes Tofu, ebenfalls eine hiesige Spezialität.


Wir nehmen also die letzte Fähre, und fahren der zunehmend tiefer am Himmel liegenden Sonne entgegen.
James und ich suchen in Shuishe (da, wo unsere Unterkunft liegt) noch nach etwas Essbarem, Fehlanzeige. Um 20:30 Uhr haben bereits alle Streetfood-Läden und Restaurants bis auf eine Frittierte Snacks-Bar geschlossen, trotz riesiger Touristenmassen, auch aus Europa bzw. westlichen Kulturkreisen. Das wundert mich schon sehr. Wir haben also keine andere Option, als erneut auf ein 7/11-Abendgericht auszuweichen, da der Pommes-Snack bei weitem nicht sättigt.

Das AirBnB liegt in einem Haus, in dem eine Menge anderer Zimmer ebenfalls vermietet werden. Trotzdem gibt es keine Wassermaschine, sondern nur 0,2L-Flaschen Wasser.
Die Schlafsituation haben wir jetzt so geregelt: Ich möchte morgen früh aufstehen, um für den Sonnenaufgang auf einen nahe gelegenen Berg zu wandern, also darf ich früher einschlafen, sodass ich es hoffentlich nicht bemerke, wenn James später anfängt zu schnarchen. Er bietet netterweise an, so lange wie nötig wach zu bleiben und sich Filme anzugucken, damit ich in Ruhe einschlafen kann.
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