Kurz bevor ich um 4:30 Uhr selber aufstehen kann, werde ich wieder von James‘ Schnarchen geweckt. Das macht jetzt aber nichts, dann gehe ich einfach ein wenig früher los. Das einzige Mal, dass ich eine solche Aktion bisher gemacht habe, war 2021 in Dubrovnik, damals sind wir auch um ca. 4 Uhr morgens aus dem Haus, um den Srd hochzuwandern und die Sonne über den Bergen aufgehen zu sehen.
Da die einzige Möglichkeit, an Wasser zu kommen, in 0,2L Flaschen besteht, stecke ich mir fünf davon ein und mache mich auf den Weg. Das kleine Örtchen wirkt bei Nacht noch gespenstischer als tags, wenige Reklameschilder erhellen die dunklen Straßen.


Im 7/11 sehe ich eine Reinigungskraft, die Straßen sind weitgehend wie leergefegt. Auf einer langen Geraden zischen zwei Motorroller durch die Nacht, außerdem komme ich an einem Auto vorbei, dessen Motor und Lichter zwar an, die Scheiben aber verspiegelt sind. Ansonsten ist da aber nichts. Am Rand der Siedlung biegt eine Straße steil nach oben ab, und dort ist auch der Wanderweg ausgeschildert, den ich suche.


Sicherheitshalber laufe ich mit Handytaschenlampe, und tatsächlich kommt bald ein Auto vorbei, das 100 Meter vor mir anhält. Ich sehe zwei Gestalten aussteigen und als ich an ihnen vorbeikomme und „Hi!“ sage, bekomme ich ein „Good Morning“ zurück. Natürlich, ich hätte mir denken können, dass das auch Touris sind. Und ja, sie wollen auch zum „sunrise“. Ich wandere aber lieber alleine und da ich eh schneller bin, ist es bald wieder ruhig. Einmal wird diese durch eine sehr laute Anlage auf einem Hochhaus gestört, die ich aber nicht näher identifizieren kann.
Hinter einem beleuchteten Schrein, der an einer Haarnadelkurve steht, biege ich auf den Wanderweg ab. Es geht steile Holztreppen hinauf, aber nicht lange. An einer Wegspaltung schaue ich glücklicherweise auf Lens, denn der besser aussehende Weg wird auf Chinesisch als gefährlich und nicht zu betreten ausgewiesen. Google würde mich an der Stelle schnurstracks durch die Wildnis schicken, aber zum Glück hat Komoot diese Route eingespeichert.

Insgesamt sollen es laut der tschechischen Outdoor-App etwas über 200 Höhenmeter sein. Und es dauert nicht lange, da kann ich bereits die Bergsilhouetten hinter dem Sonne-Mond-See erkennen. Im gesamten Tal erstreckt sich hartnäckiger Nebel wie eine Schutzschicht oder ein Schleier vor dem Himmel. Zudem ist über den Bergen ein erster roter Anstrich zu erkennen.

Der weitere Weg ist eine schlichte Straße, die wohl zu einer ausgewiesenen Wetterstation führt. Zwischendurch komme ich immer wieder an kleinen Aussichtsplattformen am Straßenrand vorbei, die teilweise über Nacht mit Spinnenweben versehen wurden. Mehrfach muss ich etwas wild um mich schlagen, weil ich nicht sehe, aber spüre, dass irgendwas an mir herumkrabbelt. Ich bin wie selbstverständlich in kurzer Hose und Tanktop aus dem Haus gegangen, aber tatsächlich sind es (um kurz nach 5 Uhr) nur 19 Grad. Das ist mit Abstand das Kälteste, was ich bisher erlebt habe. Ein Blick auf den Wetterbericht zeigt aber auch, dass man hier fast schon eine andere Klimazone erreicht hat, im Vergleich zu Kaohsiung ist es hier jeden Tag um die 4 Grad kälter.

Einen taiwanesischen Wanderer finde ich, aber als ich winke, starrt er mich nur an. An mehreren Stellen denke ich mir bereits, dass sie ein wunderbarer Spot für den Sonnenaufgang wären, vertraue aber darauf, dass die ausgewiesene Spitze am besten sein wird. Mein Vorteil, dass ich früh genug losgegangen bin, denn ganz oben befindet sich nicht nur die Wetterstation, sondern auch ein Häuserring und: jede Menge Bäume.

Auf dem Weg runter sehe ich auch die ersten Teeplantagen am Wegesrand, für die der Wanderweg ebenso bekannt ist.
Ich schaffe es noch rechtzeitig zu einer Stelle, an der nur Stromkabel den Himmel durchkreuzen und habe die schönste halbe Stunde. Im Minutentakt verändert sich die Farbe des Himmels und es dauert noch ein Weilchen, bis die Sonne hinter den Bergen hervorkommt.
Um einigen Bienen zu entkommen, gehe ich danach ein Stückchen weiter runter, bis ich an eine größere Teeplantage gelange. Auf dem Weg begegnen mir zunehmend mehr Wanderer, unerwartet viele Taiwanesen. Sie scheinen auf jeden Fall auch ein Wandervolk zu sein und sie grüßen so gut wie immer freundlich, das ist mir sehr sympathisch. Allerdings verstehe ich nicht, dass wenn man schon so früh aufsteht, nicht gleich den Sonnenaufgang mitnimmt. Das ist, als würde man einen Marathon kurz vor dem Ziel aufhören. Aber vielleicht findet man den aufgehenden Feuerball auch nicht mehr so spannend, wenn man hier wohnt.
Auf der Plattform über der Plantage ist es ruhig, und ich setze mich eine Weile hin, schreibe WhatsApp-Nachrichten mit Freunden aus Deutschland, die jetzt gerade ins Bett gehen, während die Sonne rapide an Höhe gewinnt. Schon um 7:30 Uhr wirkt es, als wäre es fast Mittag. Die stark gestiegene Temperatur trägt dazu bei, ich bin vor allem dankbar, dass mein Tanktop den Schweiß austrocknet.


Erst als ich niemanden in der Nähe entdecken kann, traue ich mich, am Straßenrand zu pissen. Mein Bauchgefühl sagt, dass es garantiert verboten ist, auch wenn wir in der Natur sind. Im Low-Energy-Modus lasse ich mich von meinen Beinen der Berg runtertragen und entdecke, an welchen Stellen ich zwei, drei Stunden zuvor im Finsteren vorbeigekommen bin, wobei fast überall irgendwo Tee wächst. Jetzt verstehe ich, warum es hier Eier, Eis, Tofu und vieles mehr mit Teegeschmack gibt.



Zurück im Ort, herrscht reges Treiben, da hab ich wohl genau die richtige Uhrzeit erwischt. Die Taiwanesen gehen früh schlafen (zumindest überall, wo es keine Nachtmärkte gibt) und stehen noch früher auf. Oft habe ich bisher die Öffnungszeiten von Frühstücksläden verpasst, heute klappt es. Ich bestelle mir noch schnell einen Käse-Ei-Pfannkuchen und eine Sojamilch für 1,50€ und schleiche mich schnell wieder ins Apartment, ich brauche nämlich ganz dringend noch etwas Schlaf, bevor wir um 11 Uhr auschecken müssen.

Was jetzt kommt, ist wieder unglaublich und macht mich wahnsinnig. Schon im Flur höre ich James‘ unregelmäßiges und unverhältnismäßig lautes Schnarchen, das mich künftig bestimmt in den schlimmsten Albträumen heimsuchen wird. Ich mache die Tür auf, die die ganze Zeit nicht abgeschlossen war und sehe, wie er halb seitlich, halb auf dem Rücken auf dem ausgeklappten Sofa liegt, das er netterweise übernommen hat, damit ich das große Bett haben kann. Faszinierend, wie James sich im Schlaf bewegt: die Arme auf und ab bewegend, dann wieder still, beim Ausatmen die Zunge aus dem Mund und nach Luft schnappend, selbst die Schweine, die man gerne mit dem Schnarchsound assoziiert, hätten Angst. Dazu krault er sich dezent an den Eiern, was meine baldigen Angstträume nicht besser macht. Das ist so krass, dass ich es eigentlich festhalten muss. Es wäre natürlich äußerst asozial, ihn beim Schlafen zu filmen, also Filme ich nur kurz den Raum, Blick auf das Fenster gerichtet, der Sound ist auf jeden Fall drauf. Bei jedem Ausstoßen erschrecke ich mich, obwohl ich genau weiß, was kommt.
Bei einer Schlafbewegung stößt er sich dann den Fuß an und ist sofort wach. „Ah, you’re back. How was it?“ Ich erzähle kurz, und er ist wie ausgewechselt. Nichts an seiner Stimme oder seinen Bewegungen lässt erahnen, welches Monster hervorkommt, wenn er einschläft.
Wir machen uns dann beide soweit fertig, packen unsere Rucksäcke und geben sie unten im Flur ab. Wir wollen uns noch den Wenwu-Tempel anschauen, bevor es heute Nachmittag zurückgeht. Das riesige Bauwerk mit den vielen orangenen Dächern und einer Konfuzius-Gedenkstätte konnten wir gestern schon aus der Ferne beobachten, ein Must-See am Sun Moon Lake.

Der Bus fährt nicht oft, dafür aber ziemlich kurz. Nach der Ankunft am Tempel haben wir noch vier Stunden, um in Ruhe alles ganz genau anzuschauen.




Der Wenwu-Tempel hat nach hinten mehrere Ebenen. Jedes Mal, wenn man denkt, man hätte die letzte erreicht, führt noch eine kleine Treppe den Berg rauf und ein neues Zwischengebäude erschließt sich. Selbstverständlich sind alle Säulen in rot gehalten (die Farbe muss auf jeden Fall eine spezielle Bedeutung haben) und es gibt nichts, was nichts verziert wurde. Wände, Decken, Balken, Dächer, Ränder, Altäre, alle sind entweder mit Figürchen geschmückt, wurden mit Mustern bemalt oder haben eingravierte Schriften. Das meiste in gold, versteht sich.





Irgendwann ist dann doch die letzte Stufe erreicht, eine farblich abgetrennte Mauer, die vor Bildhauereien und Gravuren blüht und die mithilfe von zwei symmetrischen Steintreppen erklimmen werden kann. Ganz oben wartet eine letzte Pforte, auch aus Stein.


Wir haben noch über zwei Stunden, also bleibt mir noch die Möglichkeit, etwas zu zeichnen. Das meiste ist zu kompliziert wegen den vielen Verzierungen, aber ich muss sowieso abstrahieren. Auf einer Bank setze ich mich und fange an. Ein paar Kinder schauen mir zu.
Dann fängt es an zu regnen, und zwar so richtig. Trotz Überdach bekommt man fünf Meter weiter innen Wasser ab. Alles fließt in Strömen, und wir müssen bald den Bus bekommen. Die wichtigste Mission ist es, meine Zeichnung zu retten, deshalb kaufe ich mir genau wie James für 40$TD (1,15€) einen (vermeintlichen) Einweg-Poncho. So durchsichtig, wie der ist, vertraue ich zwar nicht ganz, aber mir bleibt keine Wahl. Die Straße ist so überschwemmt, dass sie einem kleinen Fluss gleicht und alle Autos fahren höchstens Schritttempo.

Der Bus lässt lange auf sich warten, vermutlich wegen des Regens, und bis zum Rand mit Insassen gefüllt tuckert er durch die Kurven. James sagt, dass am Anfang seiner Zeit in Taiwan, also im Juli, fast jeder Tag so ausgesehen habe. Junge, bin ich froh, dass ich im Wintersemester hier bin.
Der Poncho hat letzten Endes funktioniert, alles darunter ist trocken geblieben. Wir haben dann noch eine Stunde und wollen eigentlich nur schnell unser Gepäck holen, dann lädt uns aber die Dame, die vor dem AirBnB einen kleinen Bäckereistand hat, auf einen Tee ein, der zu vier Tee, Limonensaft und salzige Ei-Kugeln wird. Immer wenn meine Tasse leer ist, schenkt sie nach. Sie würde gerne eine große Packung Tee für ungefähr 8€ verkaufen, aber ich sehe mich nicht dazu verpflichtet. Sieht sie auch so, und wir verabschieden uns freundlich. Es hört dann endlich auf zu regnen, und wir können den Heimweg antreten. Kurz bevor wir nach Taichung reinfahren, sehen wir auch noch einen Sonnenuntergang am Horizont. Im Bus fängt James wieder an zu schnarchen, obwohl er wach ist und nur ab und zu die Augen schließt. Er entschuldigt sich sogar, als ich kurz rüberschaue, der Arme. Es wird mir ein Rätsel bleiben, wie sowas möglich ist. Passender Abschluss, würde ich sagen.
Wir trennen uns dann in Taichung, weil James einen späteren High Speed Train nehmen will (er hat noch eine Videokonferenz und in den Zügen ist Telefonieren verboten). Mir ist der aber zu teuer und ich fahre mit dem Local Train, der zwar knapp vier Stunden braucht, dafür nur 11€ kostet. Die Fahrt ist relativ unangenehm, da die Wagons wie U-Bahnen aufgebaut sind und man sich schlecht irgendwo anlehnen kann, wenn man müde ist. Außerdem ist das eines der seltenen Male, das ich friere, weil ich ausschließlich kurze Sachen dabei habe und die AC des Zuges ordentlich Stoff gibt. Daraus lerne ich fürs nächste Mal!


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