Nach einer sehr erholsamen Nacht, in der ich eine Menge Schlaf nachhole, beginnt die zweite Woche des Semesters. Die meisten Abläufe hab ich dunkel im Kopf: rechtzeitig aufstehen, um Frühstück zu bekommen (spätestens 10:30 Uhr); bald danach schon Mittagessen, bevor mein Kurs um 13:30 Uhr beginnt, und die Orte, an die ich gehen muss, fallen meinem Gehirn ganz dunkel wieder ein.
Leider eine schlechte Nachricht: Mein Mitbewohner Sky hat mir gestern Abend auf Insta noch geschrieben, dass er nach einem Zimmerwechsel fragen möchte, da Heizo (der etwas verschlossenere Roommate, der die meiste Zeit vor seinem PC sitzt) sehr unfreundlich war, während ich am Wochenende am Sun Moon Lake war. Angeblich hat er jede Charmoffensive Skys abgelehnt, inklusive freundliches Grüßen auf dem Hof und angebotene Snacks. Grundsätzlich redet er wohl nicht mit den anderen beiden (das war mir vorher auch schon aufgefallen), und hat sogar Erin, einen Freund von Sky, aus dem Zimmer beordert, obwohl dieser in der letzten Woche (als ich auch da war) schon häufiger mal kurz bei uns gechillt hat. Ich checke auf jeden Fall nicht so wirklich, warum das so ist, aber es stimmt mich nicht besonders gut. Mit Sky habe ich mich bisher eigentlich am besten verstanden, und er ist auch eine gute Connection zu den Indonesiern, die ich sehr entspannt fand. Mike und Heizo sind (zu mir wenigstens) nett und ich komme mit ihnen klar, aber beide sind nicht unbedingt diejenigen, über die man spannende Leute oder überhaupt Leute kennenlernen kann. Und ich habe das Gefühl, dass ich gerade noch weitere Kontakte benötige, am besten natürlich Gruppen. Ein paar einzelne coole Leute (Bugi und Anna, James und lose Kontakte wie Sidd, Camille oder Tiger) kenne ich zum Glück schon und die meisten Studis auf dem Campus sind sehr nett, sofern Kommunikation möglich ist, aber etwas in mir sagt, dass das nicht reicht. Nicht jeder hat so oft Zeit wie ich, lebt auch im Dorm oder hat überhaupt das Bedürfnis, unbedingt neue Leute kennenzulernen. Zugegeben, ich kenne das ja selber aus Berlin (besonders an der Uni): Die meisten haben i.d.R. schon einen Freundeskreis, neue Leute bedeutet erstmal viel Smalltalk, viele haben einfach keinen Bock auf neue Leute.
An manchen Stellen wird es halt mal etwas deutlicher als sonst: in der Cafeteria, wo ich mein Frühstück hole, oder in meinem Englischkurs, in dem viele kleine Grüppchen zusammensitzen.


Um bei der Wahrheit zu bleiben, gibt es natürlich auch andere Fremde, die noch niemanden kennen, z.B. meine Gruppenpartnerin für die Präsentation des Kurses, Maria. Wir setzen uns nebeneinander und der Teacher, der gerne „JJ“ genannt wird, ist diesmal pünktlich. Ich sehe auch ein paar neue Gesichter im Kurs, die den wohl nachträglich belegt haben, aber die meisten von ihnen sitzen auf der anderen Seite des Raumes.
Der Lehrer kündigt noch an, dass alle ein physisches Notizbuch brauchen werden, und will meines (das ich vom International Office bekommen habe) der Klasse zeigen. Dabei fragt er kurz, wie ich heiße und gibt mir eine Faust, „Nice to meet you, Leo“.
Die heutige Stunde beginnt einer einfachen Aufgabe. Wir sollen uns selber in 7 oder weniger Wörtern beschreiben, wie eine Art Instagram-Bio. „Do you all have access to the Wifi? Because I want you to use ChatGPT!“ Basierend auf unserem digitalen Fußabdruck können wir uns alternativ auch von der KI eine Bio geben lassen. Also falls die Aufgabe zu schwer sein sollte oder uns nichts einfällt. Spaßeshalber probiere ich das auch aus, mehr als „stunning person creating memories through visual art“ kommt dabei aber nicht rum. Da ist meine persönliche mit Stichpunkten wie „athletics, create, …“ doch deutlich spezifischer.

Bei fast allem, was der Lehrer sagt, muss die Klasse übrigens mitsprechen bzw. nachsprechen. „We‘re talking about your bio. What does bio mean? It says something about a person. Everybody say ‚bio‘!“ „Bi-o.“ Und so weiter. Außerdem spricht „JJ“ wieder Monologe. „‚But teacher, what if I’m not good at English, my Chinese is so much better.‘ ‚Don’t worry, I believe you are better than you think. Everybody say that: I am better than I think!‘“ Jetzt cringe ich mich schon ein bisschen weg, und an der genuschelten Antwort des Kurses sehe ich, es geht auch anderen so. Wir gehen dann sprachlich nochmal die ChatGPT-Sätze durch, die er uns schon letzte Woche gezeigt hat, und mir fällt auf, dass er das Wort „Inequality“ wie „Inequaty“ ausspricht. Ansonsten ist seine Aussprache aber sehr gut und er wirkt prinzipiell auch kompetent.
Schwer fällt mir hingegen, Maria zu verstehen. Ich vermute, dass es ihr myanmarischer Akzent ist, aber sie lässt aus irgendeinem Grund bei fast jedem Wort die letzten ein, zwei Buchstaben weg. „Change“ wird zu „Chan“, „Air“ wird zu „A“ usw. Glücklicherweise bekommen wir von den Neuen noch eine weitere Studentin zugeteilt, ihr Englisch kann ich besser verstehen. Wir teilen unseren Vortrag über air pollution noch in drei Themenfelder auf und lassen uns dazu von ChatGPT beraten. Dann ist die Stunde auch schon vorbei, und während wir drei schnell eine Line-Gruppe erstellen, verschwinden alle anderen aus dem Raum und der nächste Kurs fließt rein.


Ich habe vor, wie letzte Woche auf Bugi zu warten und gehe nochmal ins Hauptgebäude, mich umschauen. Auf jeden Fall will ich den Schreibwarenladen besuchen, der Blöcke und andere nützliche Sachen hat. Ich finde ihn über der Mensa und stöbere durch die Regale. Es dauert zwar deutlich länger, in taiwanesischen/chinesischen Läden nach Produkten zu suchen, aber es ist auch immer sehr spannend, da man bis zum Einscannen mit Google Lens meistens nur eine grobe Ahnung hat, was hinter der Verpackung steckt. Stifte und Blöcke erkennt man natürlich sofort, klar, aber so gut wie alles in diesem Land ist ja doppelt und dreifach in Plastik eingepackt und mit lustigen Cartoonzeichnungen versehen, wie ich (glaube ich) schon öfter dokumentiert habe.


Zum Glück habe ich vorher noch kurz mit ChatGPT geredet, denn um chinesische Schriftzeichen zu lernen, sollte man lieber nicht mit Blankopapier anfangen. Es gibt dafür spezielle Blöcke, deren Seiten in Kästchen eingeteilt sind, die jeweils für genau ein Schriftzeichen vorgesehen sind. Außerdem befindet sich in der Mitte jedes Kästchens ein kleines Kreuz, sodass man einen Ankerpunkt hat, während man unsicher mit den Linien und Kurven der Wörter hantiert.
Ich finde auf Anhieb leider nichts, aber meine neue Gruppenpartnerin, die zufällig auch da ist, hilft mir, meine Anfrage an das rein chinesisch sprechende Personal zu übermitteln. Es stellt sich heraus, dass die beschriebene Blockart vor allem für kleine Kinder gedacht ist, die in der Grundschule das Schreiben lernen sollen, was ich am verdutzten Blick des Mitarbeiters erkenne. Allerdings haben sie Blöcke ohne die Kreuze, das wird wohl auch ausreichen. Zusätzlich kaufe ich mir noch einen linierten Block für alles, was mit Pinyin (also der lateinisierten Version von Chinesisch) zu tun hat, sowie zwei neue Stifte (in grün und dunkeltürkis) und ein papierlösliches Tape. Damit hänge ich vielleicht mal ein paar Zeichnungen von mir an der kahlen Wand über meinem Bett auf, sobald genug entstanden sind.

Der Vollständigkeit halber schaue ich mir die Bücherabteilung an. Wie erwartet gibt es hier in erster Linie chinesischsprachige Bücher, wobei fast jedes Cover auch in Englisch angezeigt wird. Die einzigen Wälzer in anderen Sprachen sind Sprachbücher, bspw. in englisch oder koreanisch.





Die Kasse im Laden funktioniert wie bei einigen McPaper-Filialen in Deutschland. Es gibt verschiedene Terminals für Paketsendungen, irgendwelche Identifikationsverfahren (Postident in Deutschland) und eine für die Produkte im Laden. Dass ich mit Karte zahlen will, scheint sehr ungewöhnlich zu sein: es wird ein weiterer Mitarbeiter dazugerufen, der meine Visa-Karte nimmt und hinten auf einem Schreibtisch in ein Bezahlgerät steckt. Dann läuft er zum Computer, klickt eine Weile herum und nach ungefähr drei Minuten bekomme ich sie zusammen mit einem ausführlichen Beleg zurück.


Bugi hat keine Zeit, also gehe ich dann nach Hause, schließlich will ich heute mit Sidd mal das Gym ausprobieren.

Um 18 Uhr gehen wir rüber, und im Gegensatz zu letzter Woche hat das Gym jetzt endlich offen. Unten an einer Rezeption, an der zwei Damen sitzen, bezahlt man 20$TD (schlappe 60 Cent), um einmal rein zu dürfen. Dabei nimmt eine der beiden das Geld an, die andere stempelt ein Papierstück als Beleg und drückt es einem in die Hand. Im Erdgeschoss befindet sich neben allgemeinen Kabinen und Geräteräumen (in denen z.B. auch die Bögen aus meiner „archery class“ aufbewahrt werden) noch das große Schwimmbecken, weshalb das Gym eine Treppe aufwärts angesiedelt ist. Dort gibt es eine zweite Rezeption, an der eine Frau den Bezahlbeleg locht, die Entwertung des Tickets.

Das Gym ist ein großer, in die Länge gezogener Raum, in dessen Vorderbereich die zweite Rezeption und einige Spinds liegen. Die linke Seite ist eine Glasfront, durch die man einen Gesamtblick auf das Schwimmbad bekommt und den Schwimmern beim Bahnen ziehen zugucken kann. Ein Großteil der rechten und hinteren Seite ist großflächig mit Spiegeln bepflastert, was den Raum sehr groß wirken lässt. Alles steht voll mit Geräten, und da das Gym immer nur von 18-20 Uhr geöffnet ist, versammeln sich hier in dem Zeitraum alle, die Gewichte stemmen wollen. Das Feeling ist ganz neu für mich, genau genommen bin ich heute zum ersten Mal in meinem Leben in einem richtig klassischen Gym, bisher habe ich meistens draußen oder im Kraftraum meines Vereins trainiert, in dem man aber meistens alleine oder in der Gesellschaft von netten Rentnern war.

Sidd und ich legen unsere Sachen in die Spinds (die wir nicht abschließen – als ich danach frage, schüttelt er nur lächelnd den Kopf) und nehmen unser Wasser mit nach hinten. Heute folge ich einfach mal seinem Trainingsplan: Montags ist Push Day, aka. Chest Day. Sein Warm-Up besteht aus drei Sets Liegestütze (so viel man schafft), die ich zwar mitmache, ich dehne mich davor aber lieber ein wenig. Danach kommen eine Menge Brustübungen, mit Hanteln, an der Smith Machine, am Cabel Tower und ebenfalls dort ein paar Trizeps- und Schulterübungen. Die meisten Geräte gibt es nur genau ein Mal, weshalb wir ab und zu warten müssen, bis es frei wird. Die Atmosphäre ist aber sehr freundlich: man fragt sich höflich, wie lange man noch braucht oder man eine Hantel haben kann, einmal werde ich sogar von einer Jungsgruppe angeguckt und einer sagt mir, ich sei „handsome“.
Sidd ist zwar drahtig, aber ziemlich definiert gerade dafür, dass das Gym die letzten Monate geschlossen war und er sich fühlt, „like I am starting from the scratch“. Er stemmt die Gewichte ohne lange Pausen, das ist schon ziemlich anstrengend mitzuhalten. Wir reden kurz über den Zustand des Track and Field-Feldes draußen, es geht vor allem um das fehlende Flutlicht für die Dunkelheit, da erfahre ich, dass es im November einen Wettkampf geben soll, bei dem verschiedenste Strecken gerannt werden sollen. Sidd hat mal Langlauf gemacht und letztes Jahr am 1500-Meter-Lauf teilgenommen. Ich brauche nicht lange, um zu überlegen, natürlich mache ich da mit. Jetzt habe ich sogar ein konkretes Ziel und einen Ansporn, regelmäßige Sprinttrainings zu machen. Da ich bei meinem Training letzte Woche (und auch sonst immer, wenn ich am Feld vorbeikomme) quasi nur Hobbyjogger gesehen habe, frage ich mich noch, ob ich meine Gegner alle gottlos abziehen werde oder ob ich sie einfach noch nicht gesehen habe.
Die Musik ist ziemlich laut, und nicht unbedingt perfekt zum Trainieren, es laufen Coverversionen von Popsongs von Bands wie One Republic und den Imagine Dragons.

Ab und zu grüßt mein neuer indischer Gymbro Leute, die er kennt. Einer ist ein äußerst muskulöser Breitling, der unschwer zu erkennen, er sagt es auch gleich, Budybuilding betreibt. Er stellt sich als Mario vor, und ist nur für Sidd gekommen, sein eigentliches Gym, für das er 1500$TD im Monat zahlt (40€!), liegt etwas außerhalb des Campus und ist garantiert professioneller ausgestattet.
Während wir unsere Brust weiter zerstören, plaudert Mario frei von der Leber weg. Er kommt aus einer Stadt irgendwo zwischen Tainan und Taichung, und sagt sogar ein paar deutsche Wörter wie „Guten Tag“, „Danke“ bei ziemlich guter Aussprache, er studiert Deutsch im Hauptfach. Er hat bei Julia, die wir letzte Woche in der Mensa kennengelernt haben, Unterricht und sie geht wohl auch in das selbe Gym wie er. Zu Sidd sagt er mit breitem Grinsen „Scheisse“ und „Fick dich!“, das hat ihm angeblich ein Lehrer beigebracht. Ansonsten ist er sehr interessiert an Deutschland und fragt mich über viele Dinge, ob die denn wirklich so sind. Das Klischee der Unfreundlichkeit, deutsche Küche usw. Bei der Musik stimmt er mir zu. Am liebsten hört er sonst Rammstein, das gebe ihm richtig Power zum Trainieren.
Ein großer Plan von ihm ist es, einen Body Building-Club in der Uni aufzumachen. Eigentlich erst nächstes Semester, aber als Sidd erwähnt, dass ich dann schon weg bin, überlegt er, ob er es nicht früher schafft (ob er das ernst meint, kann ich nicht sagen). Generell ist ihm der Sport aber sehr wichtig, sein Traum ist es, „trainer“ zu werden (ich vermute mal Body Building bezogen). Deshalb trinkt er auch keinen Alkohol (er fühle sich dann sofort sehr benommen), auch wenn er sich sehr auf das Oktoberfest des Deutsch-Fachbereichs freut.
Mit Sidd treffe ich übrigens das erste Mal in Taiwan auf einen Vegetarier. Jetzt wird mir umso klarer, warum er (verbotenerweise) immer in seinem Zimmer kocht. Die Cafeteria hat schlicht nichts, was sie ihm als Hauptgericht anbieten könnte.
Sidd, der mit Mario äußerst gut befreundet zu sein scheint (Sidd ist übrigens 28, Mario 21), erzählt uns von einem indischen Fest, das am 18. Oktober auf Cijin Island gefeiert wird, bevor der eigentliche Feiertag (angeblich das größte indische Fest überhaupt) wenig später in Indien begangen wird. Er schickt uns je einen Link zu einem Formular, mit dem wir dort ein bisschen was umsonst bekommen können.
Ich tausche mit Mario noch Insta aus, bevor wir dann um kurz vor acht von der Rezeptionistin hinausbeordert werden.
Ich freue mich sehr, dass ich heute einen Taiwanesen kennengelernt habe, mit dem ich mich auf Anhieb gut verstanden habe und der nicht nur normales Englisch, sondern sogar ein wenig Deutsch spricht.
Heute Nachmittag, als ich das Motivationsloch hatte bezüglich des Kennenlernens von neuen Leuten bzw. Gruppen, hatte ich als Konsequenz (nicht nur Beschweren, sondern Handeln) auch noch Tiger angeschrieben, den Thailänder/Chinesen, den wir letzte Woche im Mandarin I – Kurs kennengelernt hatten. Bei ihm hatte ich auch das Gefühl, dass wir uns gut verstehen könnten, und wir wollen uns jetzt Donnerstag auf ein Bier treffen. Wo auch immer man eins bekommen soll, abgesehen von den überteuerten Bars.
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