Dienstag, 16. September

Ich starte mal mit einem zimmerinternen Matratzenranking, dem unausgesprochenen Schwanzvergleich eines zero-equipment-Dormitorys. Meine überteuerte 5cm-Schlafunterlage, die ich zwecks fehlender Alternative für 70€ kaufen musste, entpuppt sich als gar nicht mal so schlecht. Den Bezug habe ich noch nicht gewaschen. Ich denke, nach etwa einem Monat Benutzung könnte es soweit sein, zumal ich ja auch tagsüber viel Zeit darauf verbringe, wenn ich im Dorm bin. Der eine Stuhl, der an meinem Tisch steht, dient bislang nur als Ablage für Gegenstände – er klebt zwar nicht, sieht aber äußerst dreckig aus, ich würde beim Sitzen direkt an eine dunkle Wand schauen und das Hartplastik ist auch nicht gerade angenehm. Mein Schlaf ist bisher ziemlich gut, nicht einmal bin ich nachts aufgewacht, weder wegen Schlafproblemen noch weil ich aufs Klo musste. Der Staub im Zimmer macht mir im Gegensatz zu Mike zum Glück auch keine Probleme. Der Vietnamese hat sich eine verhältnismäßig dicke Matratze gekauft, Sky schläft auf einer ausgleierten benutzten und worauf Heizo schläft, ist mir ein Rätsel. Tagsüber sieht man immer die Holzoberfläche seines Bettkastens, und nachts? Ehrlich gesagt, ich weiß nur, dass er unter einer dünnen Decke schläft. Wenn er darunter noch etwas hat, ist es wahrscheinlich auch nur eine filigrane Unterlage. Gerade weil er fast nie einfach nur im Bett chillt, verstehe ich auch nicht, warum er sein Bettzeug tagsüber einrollt. Nur ab und zu, wenn er am PC sitzt, hat er einen Fuß auf dem Holz abgestellt (was auch nicht sehr bequem aussieht). Das ist zwar nur ein Detail, aber die Frage nach seinen Beweggründen beschäftigt mich jetzt schon länger. Ich kann ihn ja auch nicht einfach fragen, ob er zu arm für eine richtige Matratze ist.

Das Zimmer nach zwei Wochen: jeder präferiert eine andere Matratze – v.l.n.r.: Heizo, Mike, Sky, Ich

Die Air Condition regeln wir immer noch nicht mit einer Liste, meistens tut irgendwer seine Karte einfach rein.

Gespräche finden, soweit ich das beurteilen kann, eigentlich nur unter meiner Beteiligung statt. Wenn ich vom Unterricht oder einem Ausflug nach Hause komme, bleibe ich jedenfalls nicht bei meinem Bett stehen, sondern schaue auch hinter die beiden Schränke, um abzuchecken, ob die beiden auch da sind. In den meisten Fällen ergibt sich daraus eine kurze Unterhaltung. Um auf meine sozialen Kosten zu kommen, brauche ich aber definitiv auch die Gespräche im Flur bzw. in der Waschküche mit Sidd, Erin und den ganzen anderen Asiaten, deren Namen ich mir noch nicht merken konnte.

Was ich sehr angenehm finde, ist, dass die allermeisten Leute (vor allem Jungs, weil Boysdorm) mit freundlich zunicken oder sogar „Hello“ sagen, wenn unsere Blicke sich treffen, sogar wenn wir uns noch nie gesehen/gesprochen haben. Ich führe das mal auf mein andersartiges Aussehen zurück, in jedem Fall freut es mich immer. Auch mit Sidd unterhalten sich sehr viele (was bestimmt auch an seiner indischen Herkunft liegt), während es auf der anderen Seite einige Taiwanesen gibt, die schüchtern sind und m.E. bei den Leuten, die mich ansprechen und grüßen, vollkommen unter dem Radar bleiben.

Ich skippe wieder das Frühstück und treffe mich mit Bugi in der großen Mensa, die gerade (um 12 Uhr) großen Ansturm erlebt. Ich sehe Beilagen, die es letztes Mal noch nicht gab, ein gutes Zeichen bei der riesigen Auswahl. Bei einem Blau glitzerndem Gemüse (?) frage ich meinen Vordermann, was das denn sei. Er sagt „english no good, sorry“, googelt dann aber eine Minute lang, um mir am Ende zu zeigen, dass es sich um „eggplant“ handelt, Aubergine. Die Schlange vor der Bezahlkasse ist so lang, dass sich ein Halbkreis bildet, der fast ins Büfet reinragt. Ich habe mal wieder Maximierung des Tellervolumens angewandt und die Mensafrau stößt einen sehr lauten Seufzer aus, als ich den Teller vor ihr hinstelle. „It‘s only rice, you can control!“ Stimmt auch, aber der Berg sieht schon verdächtig aus. Letztlich muss ich mit 140$TD mehr zahlen als letztes Mal, trotz gleicher Menge an Beilagen.

Bunt schillernde Auswahl an Gemüse
Endlich wieder etwas Gesundes

An unserem Tisch finden uns schnell Sascha und André, zwei Deutsche aus dem Lehrstuhl der Uni, die wir letzte Woche eben hier kennengelernt hatten. Wir quatschen ein wenig, und ich finde heraus dass Sascha für den DAAD (das ist dieses Austauschprogramm, das Auslandsaufenthalte von Deutschen und Sprachunterricht in anderen Ländern fördert) hier ist, nachdem er ein Jahr lang in Mumbai unterrichtet hat. In Taiwan will er zwei Jahre bleiben, erst in spätestens vier Jahren muss er zurück nach Deutschland. Sascha schätze ich auf Mitte/Ende 20, während André bestimmt um die 50 oder 60 ist und seit 2007 mit seiner Frau in Taiwan lebt, allerdings erst zu diesem Semester an die NKUST gewechselt und auch generell nach Kaohsiung gezogen ist. Beide unterrichten Deutsch als Fremdsprache und gelegentlich einfachen Fachunterricht für die wenigen Fortgeschrittenen. Sascha erzählt, dass er einen Kulturschock bezüglich des niedrigen Sprachniveaus von seiner Klasse hat (wo wir ihm alle zustimmen). In seinem Kurs heute früh hat er wohl mit allen Schülern zusammen „Äpfel“ und „Erdbeeren gepflückt“, sprich mithilfe von Pantomimen einfache Vokabeln erklären müssen.

Mit den beiden Deutschen tauschen wir jetzt auch Nummern aus, gerade André scheint sehr auf der Suche nach Kontakten. Kein Wunder, wenn man seit fast 20 Jahren in einem Land wohnt, dessen Sprache man höchstens halbwegs mächtig ist.

Für mich geht’s weiter zur Archery I class, wir treffen uns wieder auf dem Schießplatz hinter den Motorrädern. Ich sehe neben einigen neuen Gesichtern (noch kann man seine Kurse alle umwählen) auch einen Typen aus meiner Fünfer-Schießgruppe, der sich auch an mich erinnert und sein Bestes gibt, sich mit mir zu unterhalten.

Der Schießplatz hinter dem Jungs-Dorm

Der Lehrer und sein Tutor haben diesmal die Ausrüstung schon mitgebracht. Da wir heute anfangen wollen mit Schießen, gibt es Aufbauarbeiten. Wir sollen die umgeklappten Metallgerüste (s.o.) herholen und in fünf Metern Entfernung zur Abschusslinie am Rand des Feldes aufstellen. Als Untergrund für die Zielscheibe sollen zwei Lagen aus Strohpaletten dienen, die dauerhaft an der Seite gelagert werden. Während die Aufstellenden sich vor den gewaltigen Ameisenmassen darauf ekeln und Handschuhe anziehen, ruft der Coach etwas, das sogar ich als ein „Habt euch nicht so“ verstehe.

Die Zielunterlagen sind anscheinend ein Leckerbissen
Tutor und Coach bauen auf. Materialkosten der Zielscheiben: vermutlich gegen Null
Bevor es losgeht, wieder Trockenübungen mit Fotoshooting

Bevor es losgeht, befestigen wir an jedem Schießstand eine Zielscheibe aus Papier, die in verschiedene Farben entsprechend des Abstands zur Mitte eingeteilt ist. Der Ablauf der Stunde ist dann ungefähr so: 5 Minuten gemeinsames Dehnen, dann jeder noch einmal Trockenübungen am Bogen. Anschließend zeigt der Lehrer einmal mit Pfeil, wie es funktioniert, und dann dürfen wir selber schießen. Jeder drei Pfeile, dann ist der nächste dran. Ich bekomme es ganz okay hin, treffe sogar einmal die gelbe Mitte. Danach darf noch einmal jeder, diesmal alle sechs Pfeile. Der Lehrer geht rum, bei mir verbessert er die Haltung an vielen Punkten. Ich kann aber leider auch nicht verstehen, was er der Gruppe ansagt. Mein Ergebnis: dürftig.

Wichtig: linkes Auge zukneifen
Das muss ich noch üben

Einer aus unserem Team trifft fast jeden seiner Pfeile in die Mitte, wir feiern ihn dafür. Die anderen drei erklären mir, dass sie Schwierigkeiten mit dem Zukneifen ihrer Augen haben, da sie alle drei dicke Brillen tragen. Ich erzähle von meinen Kontaktlinsen und will wissen, wieviel Dioptrien sie haben. Wahnsinn: sie haben -7, -7 und -8 Dioptrien, sind ohne Brille also mehr oder weniger blind. Die Gläser der Brillen sehen auf den zweiten Blick auch aus wie Panzerglas, verrückt.

Dann ist die Stunde auch schon vorbei. Etwas schade, dass man so wenig drankommt, die meiste Zeit habe ich nur am Rand gestanden und zugesehen. Über die anscheinend sehr lustigen Witze des Lehrers konnte ich auch nicht lachen, das ist schon ein bisschen frustrierend. Das Schießen selbst macht aber Spaß und von anderen Kursen habe ich auch gehört, dass die Kapazitäten begrenzt seien. Bugi ist z.B. in einem Tenniskurs mit 20 Leuten, denen aber nur zwei Spielfelder zur Verfügung stehen und die bislang auch nur Trockenübungen hatten.

Meine Gruppe hat zwar Schwierigkeiten, mit mir zu sprechen (und ich mit ihnen), aber sie fragen mich trotzdem, ob ich mit ihnen ins Gym gehen will. Leider hab ich später noch den Mandarinkurs, aber vielleicht morgen? Ich soll mich über Insta melden. Heute ist Pause eh gut, da ich massiv Muskelkater in der Brust vom gestrigen Training habe.

Später geht’s mit Bugi zu Mandarin I, am Nanzih-Campus. Unser Bus hat fett Verspätung, und beim spekulativen Einsteigen in einen anderen Bus geraten wir in die falsche Richtung. Also bleiben uns nur die You-Bikes, mit denen wir eine spektakuläre Fahrt durch den Verkehrsflow von Kaohsiung-Nanzih (so heißt der Stadtteil) nehmen. Nach einer Kreuzung geraten wir in eine Herde von 30-40 Motorrädern, wir alle biegen in eine schmale Zweirad-Straße ab, die sich alsbald senkt und zu einem Tunnel wird, in dem alle wie verrückt rasen. Wenn man sich hier hinpackt, wird man sofort überfahren und ist vermutlich tot. Wieder im Tageslicht, geht es steil rauf und man bleibt am Hang an einer Ampel stehen. Später kommt eine Kreuzung, die sieben Einfahrten hat (wenn ich richtig gezählt habe) und ich gucke mich bei der Überfahrt bestimmt viermal in jede Richtung um, um nicht in Gefahr zu geraten. Nach einer weiteren schmalen Gasse stoßen wir an eine kleine Dreierkreuzung, zu der die Straße aber plötzlich ein bis zwei Höhenmeter abflacht und unsere Bremsen an ihr Limit bringt. Danach noch eine schöne Motorradbrücke und vorbei ist der Husarenritt. Ich hätte gerne Fotos gemacht oder gefilmt, aber dann war mir mein Leben doch mehr wert.

Wir sind zwar viel zu spät dran, aber selbst 20 Minuten nach Unterrichtsbeginn ist die Lehrerin immer noch mit der Anwesenheitsliste beschäftigt. Kurz nach tatsächlichem Beginn kommt noch Ihsan (den ich letzte Woche auf der Einführungsveranstaltung für Internationals kennengelernt hatte); er muss wie ich keine Credits sammeln und belegt den Kurs jetzt aus Spaß.

Wir behandeln in der Stunde heute fast ausschließlich die Aussprache des Pinyin, insbesondere mit Fokus auf die Intonation abhängig von den vier möglichen Akzenten auf den Vokalen: bspw. ā, á, à oder ǎ sind neben dem normalen a möglich. Die Lehrerin spricht vor, wie sprechen nach. Zahlen und unsere chinesischen Namen sind dabei die Übungswörter. Weil nicht nur die Aussprache, sondern auch das Erkennen der vielen unterschiedlichen Vokale schwierig ist, erklärt sie uns, dass die Chinesen/Taiwanesen Zahlen immer in Dreiergruppen aufsagen, um den Überblick zu behalten (d.h. mit einer kleinen sprachlichen Pause vor der jeweils nächsten Dreiergruppe).

Aus der Insta-Story von Ihsan: Wir gehen anhand unserer chinesischen Namen die Intonationen durch

Am Ende der Stunde sprechen wir noch kurz mit Vivek, einem Inder aus dem Kurs. Er ist eine sehr witzige Figur, nicht nur wegen seines sehr schwer zu verstehenden Akzents. Er grinst immer auf sehr lustige Art, wenn jemand anderes etwas Witziges erzählt und schreibt später in die Line-Gruppe des Kurses: „Thank you mam for chinese class“.

Bugi, Ihsan und ich fahren mit der Metro zum Ruifeng-Night Market, auf dem Anna zu uns stößt. Relativ schnell entdecken wir einen Stand, an dem es kein Fleisch gibt (sehr zur Freude des normalerweise Pescetariers, in Taiwan sogar Vegetariers Ihsan). Aus einem großen Buffet von verschiedenem Gemüse, Tofu und Nudeln tut man sich in eine Schüssel so viel wie hineinpasst. Der Verkäufer brät den Inhalt daraufhin und serviert ihn in einem tiefen Teller, plus gratis unlimited Reis und gesüßtem Grüntee. Ihsan und ich haben uns beim Chili einen „Wer schafft mehr“-Wettbewerb geliefert und leiden beide unter dem unerwartet scharfen Gericht, wobei es mich schlimmer getroffen hat, weil ich massiv viel drauf habe. Normalerweise mag ich sehr scharfe Gerichte gerne, aber diese Schärfe ist ziemlich unangenehm, da sie keinen eigenen Geschmack hat und sich langsam aufbaut. Ich brauche mit Abstand am längsten, um fertig zu werden, und mein Gesicht spricht vermutlich für sich, den Reaktionen nach zu urteilen.

Gemüsegericht. Ihsan, Anna.

Wir schlendern auf dem großen Markt noch weiter, und stoßen auf einen Zockerstand, an dem es als Höchstpreis ein oder zwei Würstchen zu gewinnen gibt. Anna spendiert ein paar Runden, bei einem Einsatz von jeweils 10$TD (ca. 30 Cent). Das eine Spiel funktioniert wie ein Flipper, nur ohne Möglichkeit der Einflussnahme, sprich komplett auf Glück basiert. Das anderen Spiel ist nicht besser, es ist nicht mehr als ein horizontales Glücksrad. Meistens gibt es einen Trostpreis in Form eines Bonbons.

Alte Klapperkiste
Wirklich spannend ist das nicht

Nach drei Runden am Automat eins verpasse ich ganz knapp ein Würstchen (das ich Bugi gegeben hätte) und es geht weiter. Ihsan kauft sich einen Sternfrucht-Drink, der ihm aber kein bisschen schmeckt und daher an uns verschenkt wird. Der Anfang liegt sehr süß und leicht säuerlich auf der Zunge, im Nachgeschmack erinnert er mich aber stark an Anis bzw. Alkohole wie Uso, die ein laktritzartiges Aroma haben. Mir ist das aber auch eindeutig zu komisch.

An einem Boxstand (an dem man auf eine Polsterung einschlagen muss, die nach oben verschwindet und anschließend eine Punktzahl bis zu 900 anzeigt, je nachdem wie hart der Schlag war) blamiere ich mich einmal mit einer 240, weil ich den Schlag nur an der Seite getroffen hab und dabei auch noch fremdes Publikum hatte. Ich muss meine Ehre retten und schaffe immerhin 690, als Preis zahle ich nicht nur 10$TD, sondern auch mit Handgelenksschmerzen. Ihsan holt locker über 800.

Bugi und ich bekommen von André eine Nachricht, der uns vor einem Taifun warnt, der eventuell am Donnerstag in Taiwan Einzug halten wird. In jedem Fall soll es heftig regnen und er empfiehlt uns, sich haltbare Vorräte anzuschaffen. Das könnte spannend werden…

Auf dem Heimweg will ich wieder Fahrrad fahren, allerdings hat das System die letzte Fahrt noch nicht abgerechnet. Meine Kreditkarte wird in der App nicht mehr als Zahlungsmittel akzeptiert. In letzter Zeit hat sie auch häufiger in Läden nicht funktioniert, meistens erst beim dritten Versuch, wenn überhaupt. Zum Glück fährt noch ein Bus, sonst hätte ich laufen müssen.

Motorradstellplatz hinter dem Dorm bei Nacht: Wie an einem Bahnhof oder Flughafen
Kleine Mieze: Frisst du für uns bitte mal die Mäuse?

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