Donnerstag, 18. September

Heute ist der Tag, an dem ich sagen kann: Ich bin im Alltag angekommen. Mein Donnerstag ist jetzt frei, nachdem ich den chinesischen Konstruktions-Kurs nicht mehr besuche. Es nieselt den ganzen Tag über, was zwar in keinster Weise einem angeblichen Taifun entspricht, so richtig was machen kann man aber auch nicht. Also hole ich ein bisschen verpasste Formel eins nach und gehe ein paar Besorgungen machen. Eigentlich mit Ziel Carrefour, entdecke ich eine neue Supermarktkette, PX Mart.

Auf dem Campus: neues Gefährt unlocked
Neue Supermarktkette ausprobieren

Ich brauche Ewigkeiten, um meine Liste abzuarbeiten, da ich systematisch die Regale mit Google Lens abarbeite. Ich könnte natürlich fragen, aber es macht auch irgendwie Spaß. Der Laden kommt einem deutschen Discounter wie Aldi oder Lidl schon recht nahe; das Sortiment ist nicht allzu groß, aber man findet das meiste. Deutlich aufdringlicher als in Deutschland wird man mit Musik beschallt. Besonders für mich eine kulturelle Umgewöhnung bzgl. des Musikstils.

Beschallung im PX Mart

Im Folgenden habe ich eine kleine Auswahl an Supermarktregalen (PX Mart und Carrefour) zusammengestellt, die ich einfach spannend finde.

Man findet tatsächlich Müsli, allerdings zu bodenlosen Preisen. Die meisten Packungen sind viel zu klein (zwischen 100g und 200g) und die Preise vergleichsweise hoch (1€ = 35$TD).
Eine ganze Regalreihe nur für Reis. Dabei sind viele Packungen fest bzw. in einer Tafelform gehalten. Ist zwar leichter für den Transport, aber schlecht wiederverschließbar. Kostenpunkt: unterschiedlich. Ich zahle ca. 5€ für 2,5kg.
Es gibt zwar auch normale Kuhmilch, der Fokus liegt aber auf pflanzlichem Milchersatz. Ich führe das auf die Laktoseintoleranzen in Asien zurück.
Die Übersetzung ist mal wieder Comedy
Die Matratzen im Carrefour sind mehr als halb so billig verglichen mit meiner vom Campus
Backwarenabteilung: Plastik mit ein bisschen Brötchen?
Meine Ausbeute

In die Stadt zu fahren, lohnt sich bei dem Regen nicht, also gehe ich mit Sidd wieder ins Gym. Heute werden Rücken und Bizeps trainiert, Pull Day. Es sind viel weniger Leute da als am Montag, laut Sidd lässt die allgemeine Motivation immer im Lauf der Woche nach. So können wir entspannt jedes Gerät ohne Wartezeit nutzen und ans Limit gehen. Ihsan kommt auch noch dazu, für eine halbe Stunde. Er ist zum First Campus gefahren, da heute Abend ein Event für alle Studis stattfindet, auf dem verschiedene Studentenclubs vorgestellt werden, denen man beitreten kann (Sportclubs genauso wie andere Hobbys). Außerdem gibt es eine Mini-Night Market und eine Bühne mit Live-Musik.

Der Uni-Night Market aus der Ferne

Nach kurzer Duschpause laufen wir direkt dahin. Der Markt ist gefüllt mit ausschließlich Jugendlichen Studierenden, während an den Ständen trotzdem die üblichen Verkäufer stehen, mit denen man kein Wort Englisch reden kann. Ein Crêpe, dann geht’s in das Hauptgebäude, in dem sich die wahre Action abspielt. Wie auf einer Werbemesse stehen überall Schultische mit jeweils zwei Stühlen dahinter, auf denen motivierte Studenten rufen und lächeln, was das Zeug hält.

Messeartiges Werben um neue Mitglieder in Studentenclubs

An einem Stand stoppt uns Brian, der mich letzte Woche angesprochen und in seinem Auto ein Stückchen mitgenommen hatte. Er leitet einen Club, in dem Basketball und (American) Football gespielt wird. Inmitten des Treibens zeigt er mir, wie man einen Football wirft und fängt und lädt uns ein, der Line-Gruppe seines Clubs beizutreten. Jeder Stand hat ein großes Schild mit einem Line-QR-Code. Auch wenn ich auf die beiden Sportarten eigentlich keine Lust habe (besonders auf Basketball), bin ich ja, wie ich bin, und trete sofort bei. In der Gruppe sind zum Glück schon über 60 Leute, da fällt es bestimmt nicht auf, wenn ich nicht erscheine. Brian bringt für mich in Erfahrung, dass es (leider) keinen Leichtathletikclub gibt.

Sidd erzählt mir aber noch, dass es nicht nur Sprintwettkämpfe im November gibt, sondern auch Weitsprung & Co., wofür ich auf dem Nanzih-Campus üben könne. So langsam kriege ich darauf immer mehr Lust, ich will mir auf jeden Fall einen Trainingsplan erstellen, um darauf hinzuarbeiten.

Der nächste Stand wird von drei, vier mittelalten Damen geleitet, die sehr interessiert an unseren Internationalitäten sind. Sie leitet einen Art Visitor-Guide-Club, was auch immer das bedeuten soll. Jedenfalls lassen wir uns überreden, im Tausch für ein paar Kekse, uns in ihre Liste einzutragen, und an irgendeinem Event teilzunehmen, das im Oktober stattfindet. Daraufhin explodieren sie regelrecht vor Begeisterung und wollen unbedingt ein Gruppenfoto machen.

Links von mir Sidd, rechts von mir Ihsan. Rest: unbekannt

Jetzt sind wir an der großen Bühne angelangt, die zwar mit ihrer Lichtershow beeindruckt, mit der asiatischen Musik allerdings weniger. Wir lassen uns weiter zwischen den Ständen gleiten.

Kern des Events ist eine Musikshow

Von einem Cosplaystand und einem Cheerleaderclub bekommen wir jeweils Flyer zugesteckt, woanders werden uns Postkarten mit Orten der Uni als Motiven geschenkt und noch woanders dürfen wir unser Schicksal in einem kleinen Glas zusammenmixen. Aus fünf Schüsseln mit unterschiedlich farbigem Sand kreieren Ihsan und ich unser persönliches Mini-Reagenzglas, welches daraufhin von den Jungs am Stand in chinesischer Tradition gedeutet wird. So richtig klar wird aber nicht, was das über mich aussagt. Auf jeden Fall werden wir danach auch von ihnen zu mehreren Events eingeladen, wie bspw. Astrologie, aber auch Eiscreme selber machen oder einen Ratgeberkurs für zwischenmenschliche Beziehungen.

Kurz danach, um 21 Uhr, endet die Veranstaltung aber schon und die Bürgersteige werden hochgeklappt, ehe wir uns versehen. Auch der 7/11 im Gebäude schließt und bald sieht man nur noch aufräumende Freiwillige. Immerhin findet draußen auf der Wiese noch eine Aufführung mit brennenden Stäben statt. Wir machen uns auf den Rückweg, Ihsan muss seinen Bus kriegen und Sidd beginnt bald mit seinem Arbeitstag (Remotejob), für den er in Videokonferenzen arbeiten muss. Sein Arbeitgeber sitzt in den um 15 Zeitzonen entfernten USA, weshalb er nachts arbeiten muss.

Kleines Spektakel

Mangels Alternative hole ich mir dann noch zwei Fertiggerichte beim 7/11, und mach mir nen Gemütlichen.

Später am Abend kommt kurz ein indonesischer Freund von Sky in unser Zimmer, ich vermute um Sky abzuholen. Von meinem Bett aus sehe ich sehr deutlich, wie Heizo daraufhin seine Kopfhörer absetzt, sich umdreht und mehrfach in nicht gerade freundlichem Ton „Go!“ sagt. Ein „Quickly!“ schiebt er noch hinterher, als die beiden Indonesier schon am Rausgehen sind. Dann setzt er sein Headset wieder auf und vertieft sich erneut in den Bildschirm, wo er wieder auf YouTube Shorts unterwegs ist. Das also meinte Sky immer, als er sich bei mir über Heizo beschwert hat. So richtig checke ich Heizos Reaktion auf jeden Fall auch nicht, schließlich war niemand laut und er war auch nicht gerade dabei, einzuschlafen. Merkwürdig.

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