Ich werde heute nicht nur von meinen Weckern, sondern auch von einem Alarmton geweckt, der wohl durchs Land zieht. Ähnlich wie es ihn jährlich in Deutschland gibt, wird heute anscheinend ein „Earthquake Desaster Drill“ geübt, für den wir einen präsidialen Alarm aufs Handy bekommen. Kurz bilde ich mir sogar ein, den Boden wackeln zu spüren, bis ich merke, dass es sich nur um einen Test handelt.

Verlinkt ist neben einer Regierungsseite auch ein PDF-Handbuch, in dem allgemeine Schutzinfos bezüglich Naturkatastrophen, aber auch hinsichtlich des Verteidigungsfalls aufgelistet sind.

Den Mittag verbringe ich zum ersten Mal mit richtigem Lernen. Ein Notizbuch, das ich mir gestern gekauft habe, dient ab jetzt als Chinesisch-Lernbuch. Hinein schreibe ich alle Regeln und Vokabeln, die ich bisher gelernt habe und auch in der Sprachapp mache ich weitere Lektionen. Dazu kommt viel Laptoparbeit: Rückerstattung des Semestertickets in Berlin, Emails abarbeiten, erfolgloser Einlogversuch in das hiesige Kurssystem usw.


Nachdem der „Taifun“ gestern mehr als harmlos war, kommt heute die offizielle Warnung über den Floor Manager: Nächste Woche könnte es hart auf hart kommen, also werden wir angewiesen, uns vorzubereiten und im Ernstfall Fenster geschlossen und uns selber im Gebäude zu halten. Es wird explizit empfohlen, sich einen Vorrat an Instant-Nudeln anzulegen. Stimmt, was sollen wir denn auch sonst essen, ohne Küchengeräte?

Im Chinesischkurs heute sind deutlich mehr Leute anwesend als noch letzte Woche, es hat sich wohl rumgesprochen. Wir wiederholen die Begrüßungsformeln und lernen neue Fragen, jetzt kann ich bspw. fragen, ob mein Gegenüber etwas besitzt. Außerdem gibt es neue Vokabeln: Geld, Tee, Fahrzeuge, Handys, aber auch Standardwörter wie Verneinungen in bestimmten Kontexten gehören ab sofort zu meinem Wortschatz. Des Weiteren führt die Lehrerin viele neue Schriftzeichen ein. Um diese zu lernen, sollen wir uns wie letztes Mal bestimmte YouTube-Videos anschauen. Erst nach der Stunde erfahre ich, dass die Lehrerin sie mithilfe von KI erstellt hat. Umso erstaunlicher, da ich sie extrem hilfreich finde und das eigentlich keiner künstlichen Intelligenz zugetraut hätte. Immer zwischen drei und fünf Minuten lang (und erst vor wenigen Tagen hochgeladen), erklären Stimmen mit angenehmen Sprachflüssen jeweils ein Schriftzeichen, wie es entstanden ist und wie man es sich am besten merken kann. Bugi erklärt mir später, dass sie das mit Notepad LM gemacht hat. Er selbst nutzt diesen kostenlosen Google-Dienst, um sich Podcasts zu verschiedenen Themen zu erstellen. Klingt fast so, als wäre ich einer der letzten Hinterwäldler, der von dieser technischen Errungenschaft der Menschheit erfährt. Aber nicht schlecht! YouTube Kanal: „More Mandarin Practise“. Nach dem Anschauen der Clips erklären wir uns die Inhalte in kleinen Gruppen. Ich erfahre heute viele interessante Dinge. In 90% der zusammengesetzten Schriftzeichen ist die zweite Komponente nur für die Phonetik zuständig, während die erste die Bedeutung des Worts festlegt. Z.B. im Fragewort 嗎 „ma“ ist die zweite Komponente das Zeichen für Pferd, während die erste für den Mund steht und damit anscheinend festlegt, dass es sich um etwas Fragendes handelt. Andere nützliche Infos sind etwa, dass viele Zeichen äußerst interpretationsfähig sind, so kann die Sonne auch für den Tag stehen und kommt in Wörtern wie „Geburtstag“ vor. Auch gibt es zusammengesetzte Zeichen („Frau“ und „Baby“ stehen für „gut“) und wenn man im Plural schreiben will, kann man die Zeichen wiederholen. Zwei Bäume beschreiben eine Vielzahl von Bäumen, während drei Bäume einen Wald darstellen. Und so weiter.
Nachdem ich zu Anfang letzter Woche noch nicht so überzeugt vom Unterricht war, werde ich es jetzt umso mehr. Zwar versteht die Frau immer noch oft meine Fragen nicht oder nur zur Hälfte und ihr Englisch lässt (für eine Sprachlehrerin) wirklich zu wünschen übrig, aber der interaktive Unterricht holt mich voll ab. Entweder muss man kurz durch den Raum laufen und mit seinen Mitschülern Basic-Sätze austauschen, oder man gibt auf die vorne gestellten Fragen kurze Antworten. (你有line嗎?) „Nǐ yǒu line ma?“ (我沒有line。) „Wǒ méiyǒu line.“ „Hast du Line?“ – „Ich habe kein Line.“ Die Aussprache ist so schwierig, dass wir viel Zeit damit verbringen, uns korrekt vorsprechen zu lassen und anschließend unser Bestes geben, es ihr gleichzutun. Sobald man einen einzelnen Akzent ein bisschen anders ausspricht, kann sich die Bedeutung der Aussage komplett verändern.
Nach der Stunde raucht mein Kopf, auch weil ich viele Fragen nicht zufriedenstellend beantwortet bekommen habe (wie man bspw. von exakt zwei Bäumen statt einfach nur einer Mehrzahl von Bäumen reden kann). Trotzdem hab ich sehr viel gelernt und finde immer mehr Spaß daran.
In einer Gruppe von sechs Leuten machen wir uns nochmal auf zum Ruifeng Night Market. Auf dem Weg versuchen wir, so viele Schriftzeichen wie möglich (bzw. ihre Bestandteile) zu identifizieren, was mal mehr, mal weniger gut funktioniert. Ich habe glücklicherweise eine neue App entdeckt, mit der ich nicht nur wie mit Google den Kontext von etwas in Chinesisch Geschriebenen übersetzen kann, sondern auch die jeweiligen Zeichen eines Satzes/einer Aufschrift. Die App heißt „HanYou“ und hat im Logo zwar eine Festlandflagge und kostenlos bekommt man nur acht Scans pro Woche, nicht gerade viel. Dennoch sehr hilfreich, wie ich finde.

Jetzt aber mal gut mit den ganzen neuen Wörtern! Wir speisen wieder am selben Stand wie am Dienstag, diesmal mit etwas weniger Chili. Ich finde heraus, dass es sich um einen mongolischen Stand handelt, daher also die ungewöhnlich große Auswahl an non-carnivorer Kost.




In der Sechsergruppe sind wir zwar fünf Deutsche, aber die eine Indonesierin bewirkt, dass wir trotzdem größtenteils auf Englisch reden. Das erste Mal, seit ich in Taiwan bin, erlebe ich so etwas wie ein Gruppengefühl, richtig toll (auch wenn es wie gesagt hauptsächlich Deutsche sind).

Anschließend lassen wir uns nochmal am Flipper abzocken, schauen durch noch mehr Verkaufsreihen und kaufen uns Eis gegen die Hitze.
Die Heimfahrt bestreite ich mit Minda, die im Girls Dormitory bei den Basketballplätzen wohnt. Während wir auf die Bahn warten, gehe ich in die Hocke und übe mich an der Pose, in der die Fußsohlen kompletten Bodenkontakt haben („Vollhocke“ oder „Asian Squad“, wenn man es googelt). Sie sieht allerdings sofort, dass das nicht sonderlich bequem ist und fragt mich, warum die Europäer das nicht können. Gute Frage. Ich vermute mal, dass es in Europa mehr Sitzmöglichkeiten gibt und deshalb niemand die Muskeln dafür trainiert?
Am Abend habe ich mal wieder starke Internet-Hänger, genauso wie Sky. Ich hatte ja neulich schon gehört, dass China manchmal die Funknetze stört, u.a. soll zuletzt ein Unterseekabel gekappt worden sein. Mich würde echt interessieren, ob das jetzt daran liegt.
Hinterlasse einen Kommentar