Dienstag, 23. September

Ich habe den Taifun so groß angekündigt, jetzt taucht er natürlich nicht auf (seine Seitenarme streifen aber die Südküste). Es regnet nur den ganzen Tag und soll bis mindestens Mitternacht anhalten. Winden tut‘s auch nicht, es ist einfach nur Regen. Wie langweilig, es hätte mich schon interessiert, das Spektakel aus dem Fenster zu beobachten.

Regen: Fast wie in Deutschland

Das Tröpfeln ist aber warm und kühlt die Luft auf ein angenehmes Tief. So bereitet das Wetter mal keine schlechte Stimmung, sondern ist vielmehr eine willkommene Abwechslung.

In der Mensa treffe ich Sebastian. Heute überführe ich die Mensafrau an der Kasse, dass es keine einheitlichen Preise gibt! Extra für das Experiment nehme ich mir wie gestern schon Fisch, Reis und zwei Beilagen: während ich gestern 100$TD gezahlt habe, sind es heute auf einmal 130$TD. Kein Wunder, sobald ich meinen Teller vor sie stelle und ihrem kritischen Blick aussetze, schnauft sie erst einmal und braucht dann locker sieben, acht Sekunden, um mir einen Preis zu nennen. Endlich der Beweis: die große Mensa ist ein rechtsfreier Raum, in dem pure Willkür herrscht. Na gut, dann behalte ich mir vor. in Zukunft das dreckige Spiel eventuell mitzuspielen. Bisher hat noch keiner kontrolliert, was unter meinem Reis liegt…

Preisanarchie in der Mensa – ist es das wert?

Mit Sebastian (ich nenne ihn jetzt erstmal wieder so, mit dem Spitznamen fühle ich mich noch nicht ganz wohl) rede ich u.a. über meinen Blog, in dem er gestern ein Weilchen reingeschaut hat. Aufgrund meiner Fronts gegen einige Leute hatte er kurz Angst, dass ich etwas Schlechtes über ihn und Anna schreiben würde, mit meinem Flame gegen seinen Akzent kann er aber wohl leben. Wir stimmen überein, dass der Blog aber im besten Fall nicht die Runde macht, wo ich ja über alle Leute schreibe, mit denen ich Zeit verbringe und einige davon (z.B. Henry oder Luca) aus seiner Sicht nicht allzu gut wegkommen. In meinen Augen schreibe ich einfach nur über das, was Leute mir erzählen, was sie tun oder welchen Eindruck sie erwecken. Aber ich gebe zu, allein die Wiedergabe mancher Aussagen kann man durchaus sarkastisch wertend verstehen. Dennoch stehe ich voll dahinter, denn in erster Linie will ich mir selber treu bleiben; wenn ich 20 Jahren nochmal über den Blog lese, will ich ja auch wirklich wissen, was ich damals gedacht habe.

Dann finden uns noch Sascha und André. Es fällt mir erst auf, nachdem Sebastian es sagt, aber letzterer gibt einem schon ziemliche Henry-Vibes (den Anna und Sebastian tatsächlich vor zwei Wochen auf den Kaohsiunger Pagoden kennengelernt haben, wie ich erfahre. So klein ist die Welt!). Beide sind ein gutes Stück älter als wir und wirken ein bisschen unbeholfen bei der Suche nach neuen Freunden. Während André seit 2007 in Taiwan wohnt, ohne Chinesisch zu sprechen und sich entsprechend riesig über jeden Deutschen freut, reist Henry das erste Mal allein in seinem Leben, verliebt sich in eine Frau am anderen Ende des Planeten und heftet sich an jede Person, die gewillt ist, ihm zuzuhören (mich). Natürlich ist das für sie eine gute Sache und ich würde es in der Situation ihnen gleichtun, denn man sollte immer das Beste rausholen aus seinen Optionen; allerdings kann diese Attitüde zuweilen etwas anstrengend sein, besonders die sehr proaktiv gesuchte Interaktion (von Henry bspw. bekomme ich immer noch regelmäßig Updates über sein Leben). Sascha ist da schon schwerer einzuschätzen. Er ist vielmehr unser Alter und hat sich schon einen ganzes Jahr alleine Mumbai ausgesetzt, sehr mutig. Ich kann nie mit endgültiger Sicherheit sagen, ob er voll angepisst oder einfach nur ein bisschen abwesend ist. Letzten Freitag (er nimmt seitdem auch am Freitags-Mandarinkurs teil) saß ich neben ihm und er hat von einer Kino-Verabredung am Wochenende erzählt. Auf meine Frage, ob das ein Date sei, gab es erst ein klares „Nein“. Nur um es eine halbe Minute später auf ein „Vielleicht, ich weiß es nicht“ zu relativieren. Ob er sich in seiner Privatsphäre verletzt gefühlt hat oder er vor allem schüchtern ist, konnte ich noch nicht herausfinden. Jedenfalls wird das Essen im Deutschen Restaurant am Donnerstag, zu dem wir auf Andrés Initiative hin eingeladen wurden, bestimmt interessant.

Weil Sebastian die Zeit bis zum Abendkurs totschlagen muss, schließt er sich spontan mir an. Trotz des „Unwetters“ findet das Bogenschießen statt, wenn auch nur als Trockenübung unter dem Vordach der Schwimmhalle. Alle Studenten, die nicht auf dem Campus wohnen, dürfen fernbleiben, und so sind wir nur zu neunt. Dass Sebastian dabei ist, juckt den Lehrer nicht die Bohne, er grüßt mich freundlich mit einem Schlag auf die Schulter und sagt etwas auf Chinesisch.

Der Geräteraum: Ich fühl mich wie zurück in der Schule

Ich stelle mich schon darauf ein, nichts Neues zu lernen und Sebastian direkt wieder zu vergraulen, weil wir mit denselben Übungen beginnen wie sonst auch. Wenigstens wir haben wir jetzt aufgrund der geringen Teilnehmerzahl jeder einen eigenen Bogen. Immer und immer wieder üben wir, den antiken Schießapparat zu spannen, die Spannung zu halten und die Spannung mit der lustigen und markanten Handbewegung nach hinten aufzulösen. Weil mir langweilig ist, will ich die Sehne mal so richtig schnappen und vibrieren sehen, also lasse ich aus voller Spannung los. Normalerweise kein Problem, so schießt man letztlich auch, nur reißt bei mir die Schnur und der Bogen zerlegt sich in zwei Teile (zwei tatsächliche Teile, die man vorher zusammenbaut, er ist also nicht gebrochen), die zwei, drei Meter nach vorne fliegen und dabei mein Handgelenk treffen. Die Stelle schwillt sofort an, was für ein Pech hab ich schon wieder. Gut, die Schnur war vorher schon etwas zerfranst, aber ich habe auf die bestimmt regelmäßig durchgeführte Qualitätskontrolle vertraut…

Weil ich weiß, dass man nach so einer Art von Unfall direkt weitermachen sollte (damit man keine mit Angst verknüpfte Konditionierung entwickelt), führe ich die Übung noch ein, zwei Mal durch. Wie jede Stunde übrigens werden wir wieder angewiesen, Fotos und Videos von unserer Haltung zu machen.

Der neue Schüler wird eingewiesen
Von der Kraft her geht’s voll, ist nur mega umständlich, die Ruhe mit Zielfokus zu behalten

Das Büro ist glücklicherweise direkt nebenan und sie behandeln mich mit Desinfektion. Das Kühlpack soll ich mit Hülle auf die Haut legen, es ist aber viel zu wirkungslos, also missachte ich diese Anweisung.

Dicke Stelle nach Bogenbruch

Der Lehrer stellt heute aber tatsächlich neue Gadjets vor, die ich, wenn ich das so sehe, auch aus dem Fernsehen kenne. Er schraubt einen langen Stock vorne an den Bogen, der wohl die Schießrichtung anzeigt. Dazu kommen zwei abgeschrägte kleine Arme, mithilfe derer man beim Zielen überprüfen kann, ob die Ausrichtung horizontal genug ist. Eine weiter oben angebrachte silberne Vorrichtung erleichtert das Zielen: durch ein kleines Loch sollen wir unsere Destination ins Auge fassen, quasi wie ein Sniper. Außerdem erklärt er uns, wie wir mithilfe eines T-Lineals den Stopper an der Schnur ausrichten (der dafür da ist, die Zughand konstant an der richtigen Stelle zu halten) und schnallt sich einen Köcher um, der ihn vollends in einen Hightec-Schützen verwandelt.

Neue Gadjets unlocked
Austarieren der Griffhöhe an der Schnur

Weil ich beim Kühlen immer wieder Pause machen soll, kann ich immer noch mitmachen. Außerdem verstehe ich mittlerweile alle Zahlen, die der Coach nutzt, um die Haltezeiten runterzuzählen. Immer acht Sekunden: „bā, qī, liù, wǔ, sì, sān, èr, yī“ und „líng!“ (Null), fertig.

Wenig später sind wir auch schon durch. Die kleine Mensa hat leider noch zu, aber eine Taiwanesin und ein Taiwanese haben einen großen Keksverkaufsstand (handgemacht) aufgebaut, und sie bieten uns direkt Probierstücke an. Da sie nur einmal pro Monat da sind, teilen wir uns eine Packung aus sechs Sorten unserer Wahl für 60$TD – mein persönliches Ranking folgt dieser Reihenfolge (1 bis 6): Black Tea, Mint Chocolate, Earl Grey, Blueberry Cheesecake, Ferrero Chocolate, Spicy Cheese (aber nur, weil der Keks auch süß war).

Cookie Market?
Bunte Auswahl

Um die Zeit totzuschlagen, gammeln wir uns in den klimatisierten Aufenthaltsraum. Im Wissen, dass ich seit letzter Stunde kaum etwas gemacht habe, fange ich an, neue Vokabeln in mein Heft zu schreiben, wobei ich auch die Schriftzeichen übe. Tatsächlich werde ich schon jetzt merklich besser im Schreiben dieser. Sebastian fragt mich, ob ich das chinesische Wort kenne, das wie das deutsche N-Wort klingt, angeblich sagen das viele Leute. Mir ist es noch nicht aufgefallen, also fragen wir den Voice Assistant von ChatGPT. Der will es partout nicht aussprechen, obwohl wir uns nur für das chinesische Wort interessieren. Es ist aber wohl ein Füllwort ähnlich wie „uhm, ähm“ und wird laut Reddit „nà ge“, im Alltag aber oft auch „nèi ge“ ausgesprochen, dazu öfters hintereinander. Wie das klingt, kann man sich denken. Bestimmt wird mir das ab sofort nicht mehr entgehen.

Zeit totschlagen

Dann ist es wieder soweit, der bereits letztens verhängnisvoll verlaufene Weg nach Nanzih steht wieder an. Und ja, die Busse haben wieder massive Verspätung, sind im Regen total überfüllt und stecken im Berufsverkehr fest, sodass wir über eine Stunde für eine 20 Minuten-Fahrradstrecke brauchen. Eigentlich wollte ich mein Cape vom Sun Moon Lake wiederverwenden, aber es stinkt so monströs aufgrund von gesammelter Feuchtigkeit, sodass ich es wegschmeißen muss.

Sehr lustiges Äußeres: die Regenponchos der Rollerkolonnen
Überfüllter Kleinbus

So kommen wir schon wieder deutlich zu spät. Die Lehrerin scheint es nicht allzu toll zu finden, als Ihsan noch deutlich später erscheint, tippt sie auf Chinesisch in den Übersetzer ein: „10 minutes too late, will be missed class“. Auch scheint sie mit der Performance einiger Studierender unzufrieden zu sein. Als simple Wiederholung will sie mit uns die Zahlen üben, aber ein indischer Student namens Vivek versteht nicht einmal ihre Anweisung, englische Zahlen ins Chinesische zu übersetzen. Von der Aussprache vieler ganz zu schweigen. Es verleitet sie wohl zu der Aussage: „from this week, you study hard.“ Nach und nach kommen wir dann aber besser rein, und an der Stelle muss ich nochmal mein Lob für ihre interaktive Unterrichtsmethoden aussprechen. Wir sollen ihre Aufzählung aus Zahlenabfolgen mitschreiben und uns von mindestens drei Mitschülern ihre Telefonnummern diktieren lassen. Für den Rest der Stunde ist offene Diskussion angesagt, zuerst zeigt sie ein Bild (z.B. von einer Aktivität, also einem Verb, oder aber von Tieren), woraufhin sie das chinesische Wort ausspricht. Wir sollen dann die Buchstabierung erkennen und reinrufen, genauso wie die Betonungen (Ton 1 bis 4). Echt schwierig, wenn man bedenkt, dass die Töne für j, q, x, sh, zh, ch alle zum Verwechseln ähnlich klingen.

Wie lautet das chinesische Wort?
„shǔ“!

Am Ende bekommen wir neue Hausaufgaben: mehr Schriftzeichen lernen, Aussprache üben und viele neue Pinyin-Vokabeln (s.o.: Ratte usw.). Auf der Website der Lehrerin gibt es außerdem die Möglichkeit, verschiedene Skills zu üben. Ein Memorie-Spiel trainiert die Verbindung von Schriftzeichen mit englischer Bedeutung, wir sollen alle Level vier schaffen und einen Screenshot vom Ergebnis in die Line-Gruppe schicken.

Mit im Kurs saß übrigens Hansen, ein Indonesier, der mich bereits zweimal in der Mensa angesprochen hatte. Sein Name entstammt anscheinend wirklich dem deutschen „Hans“, warum, habe ich nicht ganz verstanden, es hat aber wohl mit seinem Vater zu tun. Hansen kann eigentlich schon ein bisschen Mandarin, aber er wurde in den falschen Kurs geschickt.

Nanzih-Campustor bei Nacht

Ihsan, Sebastian, Hansen und ich machen uns dann wieder auf zum Ruifeng Night Market, wo Anna dazustößt. Ihsan und mich zieht es wieder zum Mongolen, während die anderen drei einen Hot Pod gegenüber probieren. Mit Ihsan unterhalte ich mich viel über unser Fazit zu den ersten paar Wochen Ausland, und beruhigenderweise ist es uns in vielen Punkten ähnlich ergangen, in zwischenzeitlichen Downs bezüglich dem Kennenlernen von Leuten (er wohnt ja sogar alleine in einem Apartment) genauso wie bei manchem Kulturschock, bspw. der Sprachbarriere oder dem Essen (als Muslim isst er hier nur Fleisch, das korrekt geschlachtet wurde, also quasi nichts).

Dieses mongolische Gericht könnte mein Lieblingsessen hier werden

Für Ihsan war auch die große Entfernung von zuhause ein Problem. Eigentlich sei er niemand, der groß Heimweh habe, aber dieses Mal bekommt man ungewollt überall unter die Nase gerieben, wie weit man von Europa entfernt ist, das ist schon hart. Aber: Er ist sonst wirklich nicht der Typ, der Heimweh hat! Ist ja auch das Normalste überhaupt, denke ich mir. Da gibt es nichts zu verurteilen. Ich selbst habe das irgendwie noch gar nicht gespürt, vielleicht, weil es fast jeden Tag bisher so viel Neues und Interessantes zu erleben gab, dass mir für Heimweh einfach die Kapazität fehlt? Das soll kein Angeben sein, es überrascht mich selbst. Ist vielleicht auch besser so. Ich weiß ja auch, dass ich die ganzen Leute ab nächstem Jahr wiedersehen werde, also halb so wild.

Die Skyline hinter dem Night Market: unheimliche Betonkratzer

Den Rückweg bestreite ich mit Hansen, der übrigens Sidds Roommate ist, in Zimmer 205. Weil ich im Bus mit dem Blogeintrag für heute anfange, fragt er interessiert, was das ist und ob er es auch lesen kann. Ist ja eh auf Deutsch, also geb ich ihm den Link. Schnell übersetzt er aber die Seite und vertieft sich in meine Berichte über Heizo, über den er von Sky nicht allzu viel Gutes gehört hat (die beiden kennen sich über die große indonesische Gruppe im Dorm). Hansen will gern ein Foto mit mir machen, denn ich bin der erste Europäer bzw. westliche Person, die er jemals gesehen hat. Was für eine Ehre? Jedenfalls irgendwie beeindruckend, als jemand, der aus Berlin kommt. Das Foto verwende ich gerne für den Blog, und er scheint sich zu freuen, dass er auch darin vorkommen darf.

Hansen und ich warten an der Bushaltestelle auf einen der letzten Busse

Hansen ist wie Sky 18 Jahre alt, er kommt aus dem vergleichsweise wenig bevölkerten Borneo, findet die Pläne für eine dortige neue Hauptstadt rücksichtslos und spricht wie viele andere von der Korruption im Land, die anscheinend ein ziemliches Problem ist. Vielleicht einer der Gründe, weshalb er für immer in Taiwan bleiben will. Ob er nicht Angst vor einer Invasion durch China hat? Nein, das würde niemals passieren. Das sind alles nur Gerüchte, die die USA verbreiten. Ich habe da zwar so meine Zweifel, aber Hansens Vater kennt Politiker, die ihm das gesagt haben, also wird es wohl stimmen. Machste nix. Wir stimmen auf jeden Fall überein, dass es echt toll wäre, wenn China nicht einmarschiert. Und dass wir, selbst wenn, immer noch in unsere Heimatländer zurückgehen könnten.

Hansen liest meinen Blog auf Englisch, die Übersetzung funktioniert dabei wirklich gut, auch in kontextuellen Abschnitten

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