Mittwoch, 24. September

Heute spare ich mir zum Frühstück die Mensa und probiere das Müsli aus, das ich neulich gekauft habe. Okay, Müsli ist vielleicht zu viel gesagt, es sind eigentlich nur Haferflocken. Zu meiner positiven Überraschung besteht das große Paket nicht aus tausend Plastikschnipseln, sondern ist in zwei jeweils anderthalb Kilo schwere Haferflockensäckchen geteilt. Mit meiner Sojamilch (die auf zwei Liter übrigens 3000 Kalorien hat!) ergibt das fast einen leckeren Start in den Tag.

„Quaker“ scheint den Müsli-Markt zu dominieren. Die Bezeichnung übrigens: Instant Whole Oats. Als ob man sich den Hafer normalerweise noch mahlen müsste.
Braune Sojamilch oder Schoko-Vla?

Dann schmeiße ich meine zweite Wäsche an, seit ich hier bin. Endlich wasche ich auch mal meinen Bettbezug. Im Trockner stelle ich die Temperatur leider zu hoch, ich bin ziemlich sicher, dass meine Sachen alle ein kleines bisschen eingegangen sind. Immerhin steht mir ChatGPT mit Rat zur Seite und empfiehlt mir, alle Klamotten leicht nass zu machen und dann zu spannen. Dauert zwar, aber ich bilde mir ein, dass es halbwegs funktioniert. Bis auf den Bettbezug, der ist wirklich geschrumpft und lässt sich nur mit großer Mühe wieder auf den Schaumstoff ziehen.

Die Mensafrau weiß heute sofort, dass ich Fisch bestellen will und sagt, als sie mir das Essen reicht, sogar „Dankeschön!“. Das hat sie wohl extra für mich gelernt, wie lieb.

Seit heute kann man sich seine Student ID abholen, mit der u.a. Vergünstigungen im ÖPNV einhergehen. Sky erinnert mich daran. Wo er seine Karte abgeholt hat? Natürlich, sein „leader of the class“ hat sie ihm gegeben, was auch sonst. Langsam habe ich das Gefühl, die Indonesier kriegen alle Extrawürste. Jedes Mal ist von dem „senior“ die Rede, der zuerst Bettzeug und Snacks zur Verfügung gestellt hat, GetTogether für alle Indonesier veranstaltet und seinen Schützlingen bei jedem Problem hilft. Wenn Sky ein Anliegen hat, geht er immer zum „senior“ und beschwert sich oder sucht Hilfe. Irgendwie lustig, aber er ist ja auch erst 18 und nimmt die Hilfe gerne an. Würde ich bestimmt auch.

Ich verpasse die Öffnungszeiten des zuständigen Büros, ist aber nicht schlimm, dann gehe ich morgen. Erst einmal steht wieder Unterricht an, die zweite Stunde des Kurses „High Performance Concrete“. Zur Vorbereitung schaue ich mir kurz die Folien an, die für diese Stunde schon hochgeladen wurden. Bei 76 Seiten voller Formeln, Tabellen und unbeschrifteten Buchstaben wird mir ganz anders, da hätte ich nicht drauf schauen sollen.

Am Anfang der Stunde komme ich sogar noch vergleichsweise gut mit, ich verstehe, was Professor Lin darüber sagt, wie man die Zusammensetzung von Asphalt berechnet und was dabei wichtig ist. Dann wird es aber immer detaillierter, und als er seinen Bachelorkurs „Concrete Mixing“ referenziert, blüht mir, dass es mir nicht zu eigen seiendes Vorwissen gibt. Zwei Faktoren schmälern meine Aufmerksamkeit so stark, dass ich bald nur noch Bahnhof verstehe. Der Lehrer spricht zwar gut verständliches Englisch ohne Stottern, aber man merkt, dass er es nicht oft tut. Viel sucht er nach Worten, und muss seine Sätze wieder von vorne beginnen, da er sich für ein anderes Wort entscheidet. Auch hat er einen Tick, der ihn sich alle paar Sekunden räuspern lässt. Dazu habe ich anscheinend zu wenig geschlafen und meine Augenlider sind bestimmt auffällig weit unten.

Beim Masse-Volumen-Dichte-Dreisatz komme ich noch mit…
…aber es hört bei den Tabellen auf, in denen viele Abkürzungen ohne Erklärung auftauchen. Es geht auch viel um bestimmte Betonmischungen mit kryptischen Namen wie z.B. „T8324“.

Nächste Woche gibt es einen Vortrag, der zwar auf Mandarin gehalten wird, Professor Lin will sich aber darum kümmern, dass für mich Folien mit englischer Schrift bereitstehen. In der Woche darauf gibt es den ersten „Test“. Bereit dafür fühle ich mich keinesfalls, und frustriert gehe ich aus der Stunde. Wenn jetzt auch der letzte fachliche Kurs wegfällt, würde sich das schon sehr blöd anfühlen. Ich werd‘s versuchen, aber mein Bauchgefühl sagt tendenziell nein.

Immerhin hat er früher Schluss gemacht, und so kann ich noch ins Gym gehen. Sidd trainiert wieder Oberkörper, ich gleiche eher aus, bei mir sind Beine dran. Die Maschinen dafür sind hier ganz interessant, die meisten ähnlich wie im Kraftraum meines Leichtathletik-Clubs, aber besser gepolstert. An einigen Maschinen muss ich warten, das bin ich nicht so gewohnt und weiß nicht ganz wie ich die Zeit rumschlagen soll. Nächstes Mal sollte ich auch ein Handtuch mitbringen, am Squat-Reck laste ich mir nämlich 80 Kilo ohne Polsterung auf die Schulter und treffe eine unbequeme Stelle. Ich weiß, dass das nicht sehr gefährlich ist und manchmal geht es ja auch gut, hier aber scheinbar nicht.

Der Eingang ins Gym: schräg über dem Schwimmbecken

Das Training tut sehr gut, und schnell merke ich, wie meine Oberschenkel sich in Wackelpudding verwandeln. Ich bin ja auch wirklich nicht so fit wie früher, mein letztes Beintraining ist über einen Monat her. Jetzt nur gut aufpassen, sich nicht zu verletzen, also mache ich vorsichtig. Vier bis fünf Übungen reichen aus, um mich total zu erschöpfen. Bei den obligatorischen Planks, die ich übrigens jeden Abend mache (4 x 105 Sekunden), zittert mein Rumpf so stark, dass ich fast umkippe. Das werde ich morgen sowas von spüren. Geil!

Die Musik ist ganz okay, vor allem werden 2010er-Songs gespielt. Das passt mal mehr, mal weniger.

Banger
Im Strech-Bereich kann ich in Ruhe meine Übungen machen, irgendwie ist da nie jemand anderes

Sidd stellt mir auf einmal einen class mate von sich vor, Ray, der in einem „track and field“-Club oder -Verein ist. Wenn ich möchte, darf ich mal mittrainieren, montags und donnerstags am Nanzih-Campus. Morgen ist das Essen mit den Deutschen, aber ab nächster Woche gerne. Ray macht sogar „decathlon“, was Stabhochsprung impliziert. Auf meine Nachfrage erklärt er aber, dass das speziell sehr weit weg ist, und tatsächlich braucht man da locker anderthalb bis zwei Stunden hin. Vielleicht probiere ich es mal aus, aber zuerst gehe ich nächste Woche zum Sprinten mit.

Ich bin übrigens wieder sehr amüsiert über das, was sich in der Chatgruppe von Stockwerk 2 abspielt. Der Floor Manager, dessen Profilbild von Patrick aus Spongebob zu einer aus Memes bekannten Katze mit zwei Pistolenhunden in den Händen gewechselt ist, hat vieles am Kühlschrank auszusetzen. Alle Gegenstände, die nicht mit Raum- und Bettnummer beschriftet waren, wurden rausgeschmissen, und eine Packung Eier wird angeprangert: Rohes Essen ist verboten! „If you want to retrieve them, you can go to counter A1, but you will be penalized for violating the refrigerator usage regulations.“ Mein Gott haha, ich bin mir mit Sky und Mike einig: Chillt mal eure Eier.

Neues Profilbild unserer Autoritätsperson – sehr erwachsen und führungsstark

Ich werde dann noch in die Leichtathletik-Line-Gruppe eingefügt, in der 69 Leute sind. Ray sagt, ich solle mich kurz vorstellen. Daraufhin schicken einige Begrüßungssticker, sehr freundlich.

Heutiges Abendessen-Menü: Miso-Instant-Nudeln

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