Donnerstag, 25. September

Es ist wieder einer der Tage, an dem ich mich aktiv darum kümmern muss, etwas zu tun, damit ich nicht die ganze Zeit im Zimmer rumhänge. Mike hat mich gestern Abend nach dem Gym gefragt, aus dem selben Grund. Er hat das Gefühl, dass er mehr unternehmen muss abgesehen von „studying in the room and feeling tired“. Auch deswegen will er sich für 400$TD (12€) im Monat bei einem Badminton Kurs anmelden. Es beruhigt mich, zu sehen, dass auch andere damit struggeln. Möglicherweise erweist sich die Leichtathletikgruppe (s. gestern Abend, Einladung) noch als Goldgrube diesbezüglich. Gerade hat noch ein member namens Louis Willkommen geschrieben und erzählt, dass sein Sohn ein „exchange student in Austria“ ist. Außerdem, dass er „many athletes from Germany in world masters athletics championships“ kennengelernt hat und glaubt, die „culture of exercising“ sei sehr gut. Da muss ich erstmal die Erwartungen dämpfen und schreibe, dass ich den Sport nur amateurhaft betreibe, das scheint in Ordnung zu sein. Wenn die wirklich professionell trainieren, was ich aufgrund der riesigen Gruppe aber kaum glauben kann, wäre das umso besser für meine Lernkurve.

Ich frage Ashley, ob sie in die Mensa geht, und wir verabreden uns mit ihren Freunden zum Essen. Sie bestätigt meinen Verdacht von neulich, dass der Preis spontan auf Gutdünken erhoben wird. Die Mensafrau ist mir heute wohlgesonnen und ich zahle nur 110$TD.

Nach regnerischen Tagen scheint die Sonne heute bombastisch
Allmählich wünsche ich mir schon etwas anderes als Fisch jeden Tag

Eventuell probiere ich bald mal aus, kein Hauptgericht (also Fleisch) zu nehmen, so gut wie am Anfang schmeckt der Fisch irgendwie nicht mehr… Allgemein habe ich das Gefühl, dass die carnivore Ernährung stopft und mein Körper sich noch nicht daran gewöhnt hat. Ashley und ihre Freunde wundern sich auch, dass ich nur Meerestiere esse. Jede Art von Vegetarismus oder Veganismus ist den Taiwanesen fremd. Die einzigen hier, die es mir gleichtun oder mehr, waren bislang Sidd und Ihsan, beides Ausländer wie ich.

Die beiden Freundinnen von Ashley heißen Rebecca und Lilly (vermutlich die „english names“) und sind äußerst schüchtern. Als ich mich vorstelle, zieht Rebecca ihren Kopf ein, dreht sich zur Seite und lacht verlegen. Bei Lilly dasselbe. Ashley versichert, dass das nicht böse gemeint ist, sondern dass beide eine niedrige „social energy“ haben. Ich mache mir bewusst, dass ich gut und gerne auch der erste Europäer sein könnte, mit dem sie jemals sprechen, so wie es bei Hansen letztens der Fall war. Immerhin Lilly taut ein wenig auf und erzählt (auf Englisch, was ich sehr schätze) ihren Freundinnen von einem ersten „fight“, den sie mit ihrem „future boy friend“ gehabt hat. Während einem Online Kurs hat er sich über ein Programm aufgeregt und seinen Frust an ihr ausgelassen, weil sie das Meeting nicht mit der Frage stören wollte, wie sie das Problem lösen können. Die haben Probleme… Wie passend, dass sie heute Nachmittag einen Kurs namens „Emotion Managment“ hat. Kannste dir nicht ausdenken.

Ashley erzählt mir von einem Camp, an dem sie in den Sommerferien teilgenommen hat und „group leader“ für eine 20-Personen-Gruppe war. Soweit ich es verstehe, war es ein Kirchen-Event, auf dem auch gebetet wurde. Sie zeigt mir ihre Instagram-Seite, inklusive Reels von den Aktivitäten des Camps: Wer länger die Luft anhalten kann; ein Junge muss in die Runde sagen, auf welches Mädchen er einen Crush hat und mit der er gerne tanzen würde; wer in einer Art Kirchenmanuskript ein bestimmtes Wort schneller findet; aber auch sportliche Aktivitäten wie Volleyball und mehr. Das klingt für mich nach Konferfahrt in der achten Klasse statt wie eine Freizeitveranstaltung für 23A-Jährige (zumindest Ashley ist so alt), aber abgesehen von diesem ersten Eindruck will ich es nicht judgen, denn es sieht schon nach viel Spaß aus.

Am Montag haben hier alle Feiertag, dieses Jahr eingeführt, wird der Geburtstag von Konfuzius gefeiert. Ursprünglich wollte ich mit Sidd nach Kenting fahren, meine Fußverletzung (darf eine Woche nicht mit Meereswasser in Kontakt kommen) lässt den Plan aber fallen, außerdem werden wegen des freien Tags sowieso sehr viele Menschen unterwegs sein. Zudem findet am Samstag endlich die Kennlernveranstaltung für die Inernationals statt. Brian (ein Freund von Ashley) hat mir einen Link zu einem Pool Party Club für Sonntag geschickt, vielleicht wird das ja auch was.

Später gehe ich meine Student ID abholen, in einem kreisrunden roten Gebäude am Center of Foreign Languages hat das Office of General Administration ein repräsentatives Büro.

Sitz des Office of General Administration
Leicht chaotischer Eingangsbereich…
…dafür, dass das Büro selbst Eindruck erwecken soll

Eine Mitarbeiterin im Rollstuhl schickt mich an Counter 14, wo ich ohne Identitätsbestätigung (nur eine schnelle Unterschrift) meinen neuen Ausweis in die Hand gedrückt bekomme. Ein Mitarbeiter will noch wissen, woher ich komme, woraufhin ich „Déguó rén“ erwidern kann (wörtlich übersetzt: ‚Deutschland Mensch‘). Ich ernte freundliches Lächeln.

Chinese name, english name, student ID, den Rest weiß ich noch nicht
Auf der Rückseite das coole Uni-Logo. Die Karte hat eine sehr smoothe und angenehme Oberflächenbeschichtung (tausend mal cooler als mein BHT-Ausweis aus Berlin).

Weil ich bis zum Abend nichts vorhabe und die meisten Leute wieder beim Unterricht sind, erkunde ich einfach noch mehr vom Campus. Zuerst das IBM-Gebäude (International Business Managment). Wie viele Gebäude hier wird man von überdimensionalen Stützen umgeben und von Dächern in großer Höhe überragt. In den Fluren stehen besonders markige, motivierende und vor allem kreative Sprüche an den Wänden, wie bspw. „Robots Will Change Our Lives“, „Artificial Intelligence Will Change the World“, „Innovation is the Only Way to Go“ oder „Big Data in Money and Banking Make the World Go Round“.

IBM-Gebäude am First Campus.
Achsoo!

Viel mehr gibt es hier nicht zu sehen, weiter geht’s zur Bibliothek. Tatsächlich komme ich nur mit meinem neuen Uni-Ausweis durch die Metro-ähnlichen Schranken, bei dem mir freundlicherweise zwei Studenten helfen, ihn aktivieren zu lassen. Das Atrium in der Mitte erstreckt sich über alle vier Geschosse, durchaus ein Eindruck.

Das nenne ich mal eine vernünftige Unibib!

Es ist angenehm klimatisiert, ruhig und das Platzangebot ist überaus groß. Während weiter unten sehr viele Arbeitsplätze sind, gibt es oben zunehmend mehr Bücherregale und spezifische Abteilungen. Der achsialsymmetrische Aufzug ist sehr leise und auch der blau karierte Teppich schafft eine angenehme Stimmung.

Sogar mit Flügel
Weitläufige Arbeitsbereiche
Irgendwie mag ich die Treppe
Blick von ganz oben. Die gewölbte Lochplattendecke verschluckt Geräusche und reflektiert sie nicht direkt zurück

Ganz oben setze ich mich auf ein Sofa und chille erstmal. Dann sehe ich Heizo aus dem Fahrstuhl aussteigen und straight an mir vorbeilaufen. Das ist wohl die Definition eines Tunnelblicks. Sein Laufstil ist sehr markant, ohne nennenswerte Körperspannung wandert sein Körperschwerpunkt wie ein Pendel von links nach rechts, und er sackt bei jedem Schritt nach unten; so ähnlich wie ich, wenn mir im Absprung (Stabhochsprung) die Energie fehlt und mein Trainer mich zu Recht einen Kartoffelsack nennt. Kurz darauf läuft mein silent roommate aber nochmal vorbei und winkt mir zu, wobei ihm ins Gesicht geschrieben steht, dass er keine Lust auf Lernen hat. So zumindest mein Eindruck soweit.

Ich schließe den Campus immer mehr in mein Herz. Zwei Sachen wundern mich hier aber noch: Warum ist diese Wiese zu jeder Zeit komplett leer und warum haben die Hotels da hinten diese merkwürdigen Strukturen auf dem Dach?

Der Tisch in der Deutschen Küche ist schon für 18 Uhr reserviert, also trete ich bald den Weg an. Im Local Train (Regionalbahn) sehe ich eine Frau, die ihre Handtasche mit Wertsachen auf ihrem Sitz liegen lässt, während sie die Toilette aufsucht. Ein weiterer Beleg für die stetige Sicherheit, auf die man sich in Taiwans Metropolen verlassen kann.

Die obligatorische Verspätung von einer Viertelstunde kommt mir dann etwas zu viel vor und ich beeile mich, im 7/11 noch schnell Geld abheben zu gehen. Damit ich das nicht öfter machen muss, hebe ich einfach wie die gleiche Menge wie letztes Mal ab (max. 20000$TD), wobei der Wechselkurs sich minimal zu meiner Missgunst verändert hat: für den genannten Betrag bekomme ich mittlerweile nur noch 507,07€ statt 507,10€. Schrecklich.

Dann hetze ich mich zurück, um endlich die gute Stube zu betreten. Der Taster für die Schiebetür ist nicht leicht zu finden, aber schließlich stehe ich dem Kellner gegenüber, der mich schon durch das Glas hinweg beobachtet hat. Er ist etwas älter, so Rentenalter, hat einen Buckelrücken und eine Position des Kopfes, die den Rücken um vieles übertrumpft. Direkt neben ihm, am ersten Tisch, sitzt ein Asiate mit dunkelblauer Jeansjacke, einer großen schwarzen Brille, nach hinten gebundenem pechschwarzen Haar und einem auffällig schwach ausgeprägten Kinn. Der Kellner spricht mich auf Deutsch an, und in derselben Sprache frage ich ihn nach einer deutschen Gruppe bzw. nach André, der das Ganze anscheinend veranstaltet. Bislang weiß ich nur, dass André der treibende Faktor hinter diesem Versuch war, die deutsche Unigemeinschaft zu vereinen (das ist einer der Lehrer, die wir neulich in der Mensa kennengelernt haben (Montag, 08.09)), wobei ich mich am meisten auf Julia und ihren Freund gefreut habe, die beide etwas jünger sind und auch entsprechend gemeinsame Themen mit mir haben. Der chinesische Kellner spricht aber nur bruchteilhaft Deutsch und sagt mir auf Englisch, dass André noch nicht da ist.

Deutsche Küche Kaohsiung

Der Asiate steht auf, gibt mir die Hand und stellt sich als Han vor. Mit leiser und ruhiger Stimme erklärt er, dass er auch Deutsch spricht. Das Lokal ist abgesehen von uns übrigens gänzlich leer. So sitze ich ihm also an einem Fünfertisch gegenüber, wir nippen am Wasserglas, das der Kellner sofort nachschenken kommt, und lernen uns erstmal kennen. Han (ich schätze ihn auf Anfang 30) erzählt, dass André einst sein Professor war auch er selber mittlerweile als Deutschlehrer arbeitet. Meine innere Mimik beißt dabei die Zähne zusammen, denn er spricht nicht nur leise, sondern auch etwas unverständlich und ich muss mir Mühe geben, ihm zuzuhören.

Nach ein paar Minuten kommt zum Glück auch Sebastian, der ebenso sichtlich verwundert über die bisherige Zusammensetzung der Runde ist. Ham stellt sich ihm auf Deutsch vor, wird aber wohl nicht verstanden, denn Sebastian redet mit ihm auf Englisch, bis Han es nochmal anspricht. Dann taucht ein weiterer Gast auf, ein älterer Herr, der Ingo heißt und äußerst deutsch aussieht. Polo, Armbanduhr, die Brille, die Frisur, zumindest Mitteleuropa kann ich ihn direkt zuordnen. Ausm Harz, ist seine Antwort auf meine Frage. Genauer gesagt Osterode, im Westen. Er wird nächstes Jahr pensioniert, wird also um die Ende 60 sein, und ist ein alter Freund von André. Beide sind vor langer Zeit schon nach Taiwan gezogen (André 2007, Ingo schon 2003), beide mit ihren Frauen (André mit deutscher Frau, beide arbeiten als Deutschlehrer; Ingo hat damals in einer deutschen Stadt, ich glaube es war Zwickau, seine taiwanesische Frau kennengelernt). Beide haben lange Jahre an einer Uni mit katholischer Prägung in der Stadtmitte gelehrt, daher kennen sie sich wohl auch, nur André ist zu diesem Semester an die NKUST gewechselt.

Wir schauen uns schonmal die Speisekarte an, die deutsche Sprache lässt mich fühlen, als wäre ich am falschen Ort, auch wenn es chinesische Untertitel gibt. Die Gerichte sind wie zu erwarten größtenteils nichts für mich, da sehr fleischlastig. Immerhin gibt es einzelne Beilagen zu bestellen und auch ein Gemüsegericht.

Wie deutsch soll die Speisekarte sein? Ja.

Wir warten damit aber noch auf unseren Organisator, der bald darauf zusammen mit Sascha eintrifft (dem neuen Lehrer, der Mitte 20 ist, bereits ein Jahr in Mumbai war und der neuerdings auch unseren Mandarinsprachkurs am Freitag besucht). Anscheinend sind wir schon komplett, denn André kündigt niemand weiteres an und wir müssen an einen größeren Tisch umziehen, den es wohl nur oben gibt. Auch das obere Stockwerk ist brechend leer, trotz der sichtlichen Mühe, die in die Dekoration gesteckt wurde. Bereits unten waren die Wände voll mit liebevoll aufgehängten Bildern, Postern, Mustern und deutschlandbezogenen Gegenständen, aber das wird im Prestigeraum des Hauses nochmal übertroffen. Holzleisten an den Wänden simulieren deutsches Fachwerk, viele deutsche Biersorten haben ein eigenes Poster und die Vorherrschaft der bayerischen Klischees ist erdrückend. Kein Wunder, wenn Ausländer ganz Deutschland mit bayerischen Traditionen assoziieren. Ein blau-weiß-karierter Vorhang nach dem anderen, ein weit gespannter F.C.-Bayern München-Fanschal, aufgehangene Lebkuchenherzen, Oktoberfeststickereien und fast alle Biere, die gezeigt werden, stammen aus Bayern. Getoppt wird das ganze von gefilzten Hüten und Deutschlandbrillen, die am Raumeingang bereitliegen. Natürlich müssen wir die anprobieren, ich bleibe aber der Einzige, der seinen Hut auflässt. Wenn man schon deutsch isst, kann man sich ja auch möglichst deutsch (bzw. in dem Fall bayerisch) fühlen. Muss ja nicht zwangsläufig was Gutes heißen. Was mir auch auffällt, die die ein klein wenig zu vielen Deutschlandfahnen. Nur der Fernseher unter der Decke zeigt englische Programme.

Der Raum im Obergeschoss
Filzhut und Deutschlandbrille für die Gäste

Wir setzen uns also zu sechs hin und bestellen dann. Die Preise sind wirklich sehr happig, vermutlich durch den Import deutscher Biere usw. bedingt. Da ich eh kein Fleisch esse, bestelle ich mir neben einem Bamberger Bier (Empfehlung von Sebastian) Käsespätzle und Pommes. André dreht sich zu Sebastian und mir um und sagt wie selbstverständlich, dass er uns übrigens einlädt. Erst als Sebastian ablehnt, checke ich, worum es geht und lehne lieber auch ab. Die Preise sind ja schon unverhältnismäßig hoch und mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich bei André nicht emotional in der Schuld stehen will. Jedenfalls habe ich keine Lust, mich als Ausgleich dafür regelmäßig mit ihm zu treffen oder so. Der muss übrigens sofort ein Gruppenfoto machen, was meinem Blog zugutekommt. Der Kellner ist so freundlich und übernimmt.

v.l.n.r.: André, Sebastian, Ich, Ingo, Sascha, Han. Ist das ein AfD-Stammtisch oder eine nette Runde von Deutschen in Taiwan?

Als hätte er es nicht mitbekommen, steht Ingo nach fünf Minuten auf und sagt „So, jetzt muss ich nochmal ein Foto von euch machen.“ Daraufhin André: „Oh ja, mach das mal auf dein Instagram, Ingo! Achso, ne, haste nicht? Ich auch nicht.“ Schon vorher hatte ich es bemerkt, aber einen Blick mit Sebastian später ist mir klar, was auch er über das ganze Treffen denkt. Es entwickelt sich leicht in Richtung Fiebertraum.

Auch als das Essen kommt, muss jeder sofort ein Foto machen. Ich schreibe ja immerhin noch einen Blog. Es sieht aber wirklich nicht schlecht aus, gerade die fleischhaltigen Gerichte erinnern durchaus an echte deutsche Küche.

Ingo mit seinen Würsten, Sauerkraut und Leberkas

Mein Essen ist so okay. Es ist genießbar, aber die Käsespätzle sind eindeutig zu trocken (auch wenn es ein wenig Pilzsoße dazu gibt) und auch die Pommes haben irgendwie keinen richtigen Geschmack, ganz zu schweigen vom Ketchup, dessen Menge für ungefähr drei Stück reicht. Das Bamberger Bier ist ein Rauchbier und schmeckt stark nach Schinken. Interessante Erfahrung, würde ich aber nicht unbedingt nochmal bestellen.

Meine Beilagen
Tischgesellschaft

Da ich Ingo gegenübersitze und Sebastian viel nach rechts hin redet, tausche ich mich vor allem mit ihm aus. Hatte er zu Anfang noch einen unangenehmen Eindruck auf mich gemacht, auch weil er nicht nach meinem Namen oder so gefragt hatte und ich seine Gestiken als überheblich gedeutet hatte, so wirkt er jetzt doch deutlich sympathischer. Was sehr lustig ist und irgendwie voll ins Bild passt: Ingo scheint ziemliche Probleme mit seinen Ohren zu haben, denn obwohl ich bewusst sehr laut, ein winziges bisschen langsamer und vor allem deutlich zu sprechen versuche, beugt er sich jedes Mal, wenn ich rede, stark nach vorne und dreht seinen Kopf, damit sein Ohr möglichst nah an der Geräuschquelle sitzt. Das bedeutet auch, dass er einem öfter mal ins Wort fällt, weil er wahrscheinlich nicht gehört hat, dass jemand spricht. Einmal fragt er bspw., „Han! Wann hast du nochmal deinen Abschluss gemacht?“ „Ich glaube, das war… das war 2015.“ „2017! Ahja.“ Ich gucke Han an, woraufhin er nur mit den Schultern zuckt, er scheint es gewöhnt zu sein.

Ingo erzählt viel von Taiwan, z.B. dass es früher sehr anders war. Damals hätten die Schlachter ihre Tiere noch auf dem Night Market zerlegt, die Geburtenraten waren höher (laut ihm hat das Land die zweitniedrigste nach Südkorea) und natürlich, die Mietpreise waren viel niedriger. Er erzählt viel von seinem Job: ein deutsches Institut oder Programm hat ihn angestellt, und so kommt er über Studentenaustausche auch ab und zu wieder nach Deutschland, was ihm sehr viel Spaß macht. Er schätzt wie wir alle die Freundlichkeit im Land und scheint eigentlich sehr zufrieden zu sein. Was ich aber ziemlich krass finde, ist, dass er genau wie André wenig bis kein Chinesisch spricht. Ich meine, er ist im Land, seit ich ein Jahr alt war, da hätte er doch genug Zeit gehabt, sich ein wenig zu integrieren. Ich wusste das von André schon, aber mich macht das immer noch fassungslos. Ich habe mich letztens ja über Luca echauffiert, die in ihren sechs Monaten kein Interesse an einem Sprachkurs zeigt, aber das ist wirklich next level. Klar ist es deren eigene Entscheidung, aber die Symptome dieser Entscheidung zeigen sich ja sehr schnell. Andrés Bedürfnis, mit uns anzuhängen, ist vermutlich auch deshalb so hoch, weil er sonst einfach kaum jemanden hat. Wie auch, in einem Land, in dem die meisten Leute kein Englisch sprechen? Als wir außerdem kurz über das Metrosystem sprechen und darüber, dass man sich Monatstickets (anstelle von den einfachen Bezahlkarten, wie wir sie bisher nutzen) kaufen kann, stellt André fest, dass diese überhaupt existieren und sich finanziell für ihn lohnen würden. Nachdem er die letzten 18 Jahre wahrscheinlich Tausende Taiwan Dollar verschenkt hat. Das ist so krass. Und nur ein Beispiel. Immer wieder erwähnen wir ein paar Details, die man eher in den ersten Tagen und Wochen erfahren könnte anstatt in den ersten zwei Jahrzehnten.

Nachdem Sebastian kurz auf Toilette war und sich wieder setzt, platzt es aus André heraus: „Mensch, Sebastian, schönes Tshirt! Ich mag das, so ein schönes schlichtes Adidas Shirt.“ „Ich mag dein Hemd auch, André.“ „Nein! Wirklich?? Danke!“

Ich selber muss spätestens nach dem zweiten Bier (was aber ein Paulaner wird) auch mal die Toilette aufsuchen. Der Männerbereich ist witzigerweise durch einen kleinen Vorhang zu erreichen und ausschließlich mit Urinalen versehen, ganz nach dem Motto: Echte Männer scheißen nicht?

Die Toilette ist ein Unikat, auch wegen des Feigling-Posters an der Wand
Schon Goethe trank Köstritzer

Sascha erzählt von einem Kinobesuch letzte Woche mit seinem Studiengangsleiter (auf jeden Fall irgendjemand aus der Uni), woraufhin André unbedingt selbst etwas erzählen will. „War das auch mit so Effekten? Ich habe letztens mal diesen Film gesehen, Tennent oder so.“ „Tenet.“ „Ja, genau, Tenet! Da gab es so viele Special Effects, das fand ich so anstrengend.“ Ich erschließe mir übrigens, dass das wohl Saschas Date war, von dem er mir letzte Woche kurz erzählt hat. Interessant.

Des Weiteren bekommen wir weitere Geschichten aus dem Paulaner Garten zu hören, oder mit anderen Worten, aus Andrés Leben. Nur am Rande bekomme ich mit, dass seine Mutter aus Bolivien kommt und er einmal nachts an einem Berghang aus dem Bus aussteigen und sich in Reihe vor dem Militär aufstellen musste. Der Kellner dieses Restaurants ist wohl außerdem derselbe wie damals, als er und Ingo das erste und bislang auch letzte Mal hier waren, im Jahr 2008 ungefähr. Eine weitere Info, die mich irgendwie nicht wundert: es gibt eine Art Stammtisch, an dem sich einmal im Monat viele Deutsche in Kaohsiung treffen. Viele Deutsche bedeutet in dem Fall maximal zwei Frauen. Anscheinend passiert es öfter, dass deutsche Männer für ihre Frauen nach Taiwan ziehen oder sogar auf gut Glück aufbrechen, um hier ihre große Liebe zu finden.

Die beiden älteren Herren sind, was Lokale Politik angeht, recht gut informiert und auch interessiert. Wir erfahren einiges über die militärische Situation, u.a., dass das Auftauchen von Drohnen der Volksrepublik gar nicht so unwahrscheinlich ist und uns durchaus passieren könnte. Es geht natürlich um reine Spionagedrohnen, also keine unmittelbare Gefahr, ist aber trotzdem sehr bedrohlich. André erklärt, dass es nahe Tainan einen Flugübungsplatz gibt, was die vielen Kampfjets über dem First Campus erklärt. China durchdringe wohl auch deshalb täglichen den taiwanesischen Luftraum, um die hiesigen Jets in die Luft zu zwingen und eine Abnutzungs- bzw. Verschleissschlacht sondergleichen herbeizuführen. Dasselbe mache China auch mit Japan; eine Abgabe, die ich weder belegen noch bestätigen kann, allerdings noch nie davon gehört habe.

Ingo warnt mich noch vor dem Affenpark (der Shoushan National Park, den ich ja an meinem allerersten Tag bereits besucht hatte). Ein Parkwächter habe ihm mal erzählt, dass es dort verschiedene Affenclans gibt, die jeweils eigenes Territorium besitzen. Wenn dieses überschritten wird, kann es zu regelrechten Affenkriegen kommen, von denen er selbst einmal zufällig Zeuge geworden ist. Die Affen sollen dann aneinander ziehen, auf sich einschlagen, bis zu Todesfällen, richtig grausam. Außerdem gibt es in diesen Clans starke Hierarchien, jeweils unter den Männchen und unter den Weibchen. Anführer werden nicht nach Stärke, sondern nach Erfahrung sprich Intelligenz ausgewählt. In den letzten Jahren haben sich die Populationen stark vergrößert und sind zu einer Plage geworden. Teilweise haben die Clans Systeme, innerhalb derer ein Pionier-Affe den Clan informiert, wenn er einen Menschen mit Essen gesehen hat, sodass dieser umzingelt werden kann. Das klingt entweder nach Science Fiction oder nach einem Videospiel, scheint aber zumindest in manchen Regionen des Parks Realität zu sein, das kaufe ich Ingo durchaus ab.

Wir reden als Gruppe auch kurz über Gewohnheiten in Taiwan, Sascha erzählt, dass er sich jeden Morgen im 7/11 eine dieser Plastikflaschen mit schwarzem Tee kauft. Als ich verwundert nachfrage, begründet er es mit seinem (früheren) Dasein als Student. Na klar, der typische Mate-Trinker, hätte ich mir ja denken können.

Zum Nachtisch bestellen sich die anderen ordentlich Kaiserschmarn, gekochte Apfelringe und anderes Gebäck. Mondkuchel gibt’s aufs Haus. André hat sich Salzburger Nockerl bestellt und gibt bereitwillig viel davon ab, wie schon bei seinem Hauptgericht, das er großzügig mit Sebastian geteilt hat. Und das, obwohl Sascha uns später erzählt, André hätte ihm gesagt, dass er die taiwanesische Tradition, Gerichte untereinander zu teilen, überhaupt nicht abkönne. Seine Nockerl jedenfalls fotografiert er auch und sagt: „Salzburger Nockerl. Jetzt brauch ich nur noch so ein IG Konto oder so.“ Sascha: „…Achso, Instagram!“

Ich erzähle Sebastian kurz, dass Hansen jetzt auch meinen Blog hat, was etwas unglücklich ist, weil ich dachte, dass er mit dem Deutsch nichts anfangen kann und zu faul für einen Übersetzer ist. Eigentlich will ich den kaum jemandem aus Taiwan geben, aber sei‘s drum. Sascha jedenfalls hat mitgehört und fragt jetzt auch danach. Er will mich ködern über seine eigene angebliche Website, die er mir im Tausch anbieten könnte, aber ich lehne dankend ab. Ich will mir unbedingt vorbehalten, meine unverblümte Meinung über die Bekanntschaften hier loszulassen. Bei Sebastian und Anna ist es erstens zu spät und zweitens habe ich aber auch das Gefühl, dass sie es am ehesten vertragen würden, von mir aufs Korn genommen zu werden.

Als wir uns kurz über die neuen Studentenausweise unterhalten, holt Ingo, um auch einen Beitrag zu leisten, seine eigenen Ausweise raus, darunter Perso, Krankenkassenkarte, Führerschein und ARC (Alien Resident Certificate). Cool, interessant.

Als alle fertig sind, holt Han auf einmal einen Umschlag aus seiner Tasche und gibt jedem von uns eine Karte in die Hand. André lobt ihn als großen Künstler, der auch Geld mit seinen Grafiken verdient, das Motiv der Karte stammt von ihm. Es ist gedruckt und zeigt die Kaohsiunger Skyline mitsamt Mond und Sternen. Der Stil ist cartoonartig und auf jeden Fall schön, besonders herausragend ist das Werk in meinen Augen aber nicht und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich im Zeitalter der KI damit Geld verdienen lässt. Aber das ist auch nebensächlich, die Geste ist super lieb. Handschriftlich hat er jedem auf die Rückseite (auf der ein leicht anderes Motiv ist) frohe Wünsche zum Mondfest geschrieben. Die Karte hänge ich mir bestimmt bald über mein Bett.

Karte designed by Han
Handschriftliche Grüße von Han. Am besten ist der Schlussgruß: Gott befohlen!

Nach knapp drei Stunden surrealem Stammtisch gehen wir nach unten, bezahlen. Das funktioniert so: der Kellner hakt die Bestellungen ab, tippt die Preise in seinen bestimmt 10cm*20cm großen Taschenrechner ein, nimmt das Geld entgegen, gibt es seiner Gehilfin, die das Wechselgeld aussucht, ihm gibt, und er gibt es mir zurück. Wie so oft: da sehe ich Job-Einspar-Potenzial! Ich zahle jedenfalls 790$TD (knapp 23€) für meine zwei Bier und zwei Beilagen, wobei die beiden Biere zwei Drittel des Preises ausmachen. Ganz schön happig. Ich muss dem Besitzer aber Respekt zollen, die riesige Auswahl auf der Speisekarte ist bestimmt nicht leicht zu stemmen und die Gerichte waren alle schnell und frisch aus der Pfanne oder dem Ofen zubereitet.

Eine Deutschland-Weltkarte über dem Tresen

Vor dem Laden kommt das, was ich schon die ganze Zeit erwartet habe: „Jaaa, das war doch ein schöner Abend…“ Sebastian greift das klug auf: „Ja genau, und wir sehen uns jetzt dann bestimmt öfter mal in der Mensa.“ Da stimmen wir alle zu und wir gehen unserer Wege.

Ich werde sehr nett eingeladen, mir doch mal die Wohnung von ihm und Anna anzuschauen aka vor Neid zu erblassen, denn sie haben sich ja (auch auf meinen Rat hin) für die luxuriösere Variante im 24. Stock eines Hochhauses entschieden.

Die Wohnung bzw. alle damit verbundenen Annehmlichkeiten wie z.B. der sehr luxuriöse Saloon im obersten Geschoss sind wirklich extrem beeindruckend (auch für Anna und Sebastian, so nehme ich es wahr), und die Wohnung hat einige lustige Besonderheiten, die ich aber ein anderes Mal genauer beschreiben werde.

Auf meine neue Studentenkarte lade ich in der Metro erstmal einen Tausenderschein. Mit den Vergünstigungen als Student sollte der ja echt für eine Weile reichen, oder? Naja, einen Euro kosten die paar Stationen dann doch. Wenigstens die YouBikes sind weiterhin sehr günstig, wenige Cent pro Fahrt bringen mich schneller als der Bus zum Campus.

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