Heute findet (nach einem Monat) die offizielle Kennenlernveranstaltung für Internationals statt. Dafür muss ich zum Glück nur ein paar Minuten mit dem Fahrrad fahren, Treffpunkt ist die „BBQ Area at Kaohsiung Horticultural Farm Center“. Geplant sind gemeinsames BBQ und ein anschließender Besuch in der Sugar Refinery, wo wir eine Führung auf Chinesisch erhalten sollen. Um kurz vor 11 treffe ich ein, irgendwo zwischen den Felder der Vorstadt. Mike hat sich spontan entschieden, doch im Bett zu bleiben und die Deutschen um Luca, Michael, Kaan & Co. gehen auch nicht hin (man bekommt ja schließlich keine Credits dafür), ansonsten sind die meisten Internationals, die ich kenne, vor Ort.

Das gemeinsame BBQ findet in einer Art Park statt, in dem zig Steintische mit Vorrichtung fürs Grillen stehen. Die Uni hat etwa 25 Tische reserviert, mindestens genauso viele werden aber von anderen Leuten benutzt, die auch einfach den Samstag genießen möchten. Im Park sind einige Familien unterwegs, nebenan befindet sich eine Go-Kart-Bahn und natürlich, es gibt einige Kinder-Glücksspielautomaten.

Jeder hat eine Gruppennummer, und damit einen Tisch zugewiesen bekommen. Ich bin die eins, ganz am Rand. Den Tisch teile ich mir mit fast ausschließlich Indern, wir sind der einzige Vegetarierstand. Auch interessant, dann lerne ich noch mehr aus der indischen Community kennen.
Das Essen (alles Tiefkühlprodukte in Plastik verpackt) steht schon bereit die vier Mädels vor Ort versuchen bereits, das Feuer in Gang zu kriegen. Etwas erfolglos, weshalb die Profi-Anzünderin kommen muss. Inder essen zwar gerne BBQ, wie sie mir erzählen, allerdings nie selbstgemacht.

Als wir dann endlich ein Feuer haben, geht’s los, aber niemand von denen kann richtig damit umgehen. Sofort brennt Essen an, und zwar so richtig. Mehrfach müssen wir mit Wasser löschen, bevor wir etwas Essbares auf den Teller bekommen.


Später treffen auch Ihsan und Vivek (ein Inder aus unserem Sprachkurs) ein, die Runde wird etwas lebendiger. Von den Inderinnen tut sich vor allem eine hervor, Muskan, mit der wir uns mehr unterhalten. Sie ist schon im zweiten Jahr hier und hat ein paar Empfehlungen parat. Wie die meisten Inder hat sie ihre eigenen Gewürze mitgebracht und kocht zuhause so viel es geht, da sie das Essen hier nicht so sehr schätzen (auch aufgrund des vielen Fleischs). In ihrem ersten Jahr war sie für ein Praktikum auch eine Weile an der Universität in Taichung, die für neue Studis sogar Mehrtagestrips angeboten hat. Sie ist der Meinung, dass die NKUST wirklich hinterherhängt, die meisten Unis im Land hätten deutlich durchgeplantere und besser organisierte Programme für newbies. Plausibel. Ich meine, dieses Event hier ist definitiv cool, aber es kommt ziemlich spät, die Uni läuft ja schon seit drei Wochen.
Am OIA-Stand (vom Office der Organisation) können wir uns Eis abholen, ich probiere zum ersten Mal die Taro-Frucht. Im Geschmack erinnert sie stark an eine Süßkartoffel, in Kombination mit dieser extremen Süße aber ist mir das eindeutig zu viel. Die OIA-Leute (deren Gesichter ich teilweise noch zuordnen kann, vom Check-In damals) fragen mich ein paar Sachen über die BHT, die sie 2002 und 2004 sogar einmal besucht hatten. Das war mir gar nicht klar: die Partnerschaft der Hochschulen ist nur deshalb so frisch, weil die NKUST erst seit ein paar Jahren in der Form existiert. Ursprünglich drei Unis, die sich zu einer gemeinsamen Institution verschmolzen haben, setzen die Partnerschaft einer ihrer Bestandteile fort. Deshalb auch die vielen Campus. Wenn ich es richtig verstehe, bin ich trotzdem der erste (deutsche) Student von der BHT, der nach Taiwan geht. Jetzt haben die OIA-Leute mich auch endgültig abgespeichert, das könnte mir noch Vorteile bringen.


Zuerst fand ich die Veranstaltung etwas lame, weil man an die Leute seines Tisches limiert war, aber nach dem Essen stehe ich auf und laufe ein bisschen umher. Eigentlich nur, um Sebastian zu suchen, aber alle paar Tische werde ich angesprochen, solange ich nur kurz gucke, was sehr angenehm ist. Mal wieder wollen alle wissen, woher man kommt, aber es ist auch interessant, die Geschichten der anderen zu hören. Es gibt so viele Indonesier, dass ganze Tischreihen von ihnen okkupiert werden. Auch Sky ist dabei, mit in seiner großen Bubble-Community. An Sebastians Tisch sitzt die einzige Koreanerin der exchange students, Dorsy, sowie einige sehr aufgeschlossene Indonesier. Sie fragen uns, ob wir „Tung tung tung sahur“ kennen und rasten förmlich aus, als ich bejahe. Der Brainrot-Trend scheint in Indonesien noch anzuhalten, witzig. Die Frontleute ziehen eine Freundin von sich nach vorne und sagen „She wants to know you“, woraufhin sie sich schüchtern wegdreht. Ich reiche ihr die Hand, wir stellen uns vor, danach sucht sie das Weite. Meine blauen Augen werden von der ganzen Runde betrachtet. Dorsy will, dass wir ihr Alter erraten, sehr schwierig, weil die Asiaten meistens tausend mal jünger aussehen, als sie wirklich sind. Zwischen 25 und 27 ist in dem Fall aber viel zu hoch, sie ist nur 20. Ich werde allerdings auch auf 26 geschätzt. Tracy, eine Indonesierin, legt für uns alle Mochi auf den Grill, und schließlich spießen wir noch Marshmallows auf. Ein paar grob bekannte Gesichter sehe ich noch, und so ziehe ich zwischen einigen Tischer hin und her, was echt Spaß macht. Die Freundlichkeit und Aufmerksamkeit, die mir hier entgegenschlägt, ist schon toll und keineswegs selbstverständlich.
Warum auch immer, wird von der Orga ein Mikrofon angestellt, das verschiedene Tische aufruft und nach vorne bittet. Erst als mein Tisch, „Number One!“ durch die Tischgassen schallt, checke ich, dass etwas ausgelost wird. Wir haben einfach den ersten Preis gewonnen, eine überdimensionale Tüte Tortilla Chips. Genauer gesagt, 1,13kg mit 5537 Kalorien, was für eine Bombe. Als Gruppe posieren wir mit der Trophäe, die ich erstmal rumtragen darf.


Vor dem nächsten Programmpunkt will Ihsan noch beten, und Minda zeigt ihm einen guten Spot auf der Wiese etwas abseits. Dafür hat er extra seinen Gebetsteppich im Rucksack dabei. Später erklärt er, dass Muslime nur auf reinen Flächen beten dürfen. Irgendwo drinnen ist das meistens kein Problem, aber an öffentlichen Bereichen rollt man dafür gerne mal den Teppich aus. Natürlich nur an Orten, die nicht speziell disgusting sind wie bspw. eine Hundewiese.
Nach dem BBQ soll es eigentlich weiter zur sugar refinery gehen, doch die Indonesier verabschieden sich alle, anscheinend hat der „senior“ mal wieder eine Extrawurst organisiert. Sky sagt mir nur, irgendwas mit Spielen, mehr weiß er auch nicht. Extra für die Indonesier stehen außerdem Geschenktüten bereit, das OIA will damit nichts zu tun haben. Dann sind sie weg und die Gesamtgruppe ist bestimmt um die Hälfte geschrumpft. Wahnsinn, der Sinn des Auslandssemesters ist doch nicht, mit deinen Landsleuten zu chillen und dafür Kennlernaktivitäten mit anderen zu schwänzen… Das ist ja fast so, als wenn ich hier nur mit meinen deutschen Freunden abhängen würde und dafür das BBQ-Event sausen lasse… Moment mal, was machen heute eigentlich Luca, Michael und Kaan?
Die verbleibende Truppe geht etwas früher als geplant los, gleich auf dem Gelände ist eine hirstorische Bimmelbahn, die uns zur Zuckerraffinerie bringt. Zwischen den Feldern der Gegend schießen die Hochhäuser aus dem Boden, als wären sie eine invasive Art, und wir landen direkt neben einer solchen Baustelle. Sogleich wir auf dem Bahnsteig stehen, bekomme ich ein bisschen Harry Potter Vibes.

Mit Buggi und Ihsan setze ich mich nach ganz vorn, um die Ausblicke als erstes genießen zu können. Ganz langsam zuckelt der Schienenkasten durch die Landschaft, zwischen dichten Bäumen, über Straßenübergänge und unter MRT-Brücken (Metro) hindurch. Sogar zu Fuß wäre man schneller, aber darum geht es ja nicht. Ich bin unsicher wie genau, vermutlich hat es sich an dem langsamen Zug aufgehangen, aber wir kommen auf das schwierige Thema Politik zu sprechen, angefangen bei der Deutschen Bahn. Ich hab von Sebastian schon gehört, dass Ihsan Erdogan-Fan sei und habe das Thema deshalb lieber vermieden. Die Türkei bleibt jetzt zum Glück auch aus dem Spiel, aber Ihsan redet sich in Rage. Wie es denn sein könne, dass die Bahn so viel Verspätungen habe und vergleicht; China habe ja viel krassere Schienennetze mit wesentlich weniger Verspätungen. Sebastian, der als Fahrdienstleiter bei der DB arbeitet, wirft ein, dass Deutschland eins der größten Schienennetze habe und vor allem ein ausgebautes Nahverkehrsnetz, bei dem die meisten Verspätungen entstehen. Gerade wenn sich der ICE mit Regionalbahnen und Güterzügen die Schiene teilen muss, Überholen geht da nicht. Außerdem gibt es in Deutschland Rechte, die Grundstücksbesitzern mehr Sicherheiten geben, dass ihr Familienhaus nicht spontan für eine neue Bahnstrecke enteignet wird. Ihsan verteidigt, das sei ja nicht so schlimm, weil man gut vergütet wird und sich ja ein neues Haus kaufen könne. Zum Allgemeinwohl, wieso nicht? Auch dass Leute auf der Strecke eine Ausnahme bei Verspätungsfällen seien, bestreitet Sebastian sofort. Dass die Infrastruktur über Jahrzehnte vernachlässigt wurde, sei natürlich ein Fakt, den man nennen und auch kritisieren müsse. Aber nicht an allem ist die Bahn Schuld. Das stellt Ihsan nicht zufrieden – dann muss man das aber irgendwie hinbekommen. Einfach ein bisschen Bürokratie wegmachen. „Geld in die Hand nehmen. Deutschland war doch früher so reich, wo ist euer Geld jetzt? Man kann doch nicht Millionen für Putin in die Ukraine schieben, wenn dafür vor der eigenen Haustür nichts mehr funktioniert.“ Abgesehen davon, dass das Land durchaus noch funktioniert und es meiner Meinung nach ein Luxusproblem ist, sich darüber zu beschweren, dass die hohe Taktung, die zum Glück überhaupt existiert, nicht immer pünktlich ist, muss man bzgl. Ukraine m.E. Prioritäten in der Verteidigung Europas setzen; aber mehr als „Das sehe ich anders“ wird in dem Fall als Antwort wohl nichts bringen. Was auch okay ist, ich habe ja ebenfalls eine ausgeprägte Meinung. Des Weiteren solle Deutschland nicht nur Geld in die Hand nehmen, sondern auch bei den Steuern einsparen… „Die finden immer neue Möglichkeiten, dir noch mehr abzuziehen.“ Er sagt das alles so, als gäbe es einen ganz einfachen Weg, die strukturellen Probleme des Landes zu lösen. Ich will ihm aber Props dafür geben, dass er sich in bestimmten Punkten durchaus überzeugen lässt. Des großen Infrastrukturpakets für mehrere Hundert Millionen Euro war er sich nicht bewusst und sagt, dass er das gut findet und seine Aussagen etwas abschwächen will, da er bereit scheint, die Ergebnisse geduldig abzuwarten. Das spricht definitiv für seinen Charakter, aber nicht unbedingt für das Umfeld, mit dem er sonst über Politik redet, so mein Eindruck. Ich reagiere auf wutbürgerartige Tiraden aber auch immer sehr empfindlich.

Als wir aussteigen, ist das Thema ohne Groll schnell vergessen und wir widmen uns der Tour durch das Areal, die wir von einer chinesischen Führerin in roter Weste mit gelben Streifen bekommen, was mich irgendwie an ein spanisches Nationaltrikot erinnert.

Wahrscheinlich gibt es keine Führer mit Englischkenntnissen, und so wird uns ein Übersetzer von der Uni zur Seite gestellt, der aber sichtbare Schwierigkeiten hat. Immerhin die Basic Facts bekommen wir mit, für den Rest bin ich mittlerweile aber auch zu erschöpft und dehydriert, wie viele andere auch. Wird laufen gemeinsam durch ein Gelände, das irgendetwas zwischen Kleingärten, Schlossparkanlage, Street Market, Campingplatz und Industriegelände ist. Ich bekomme mit, dass Japan lange Zeit Taiwan besetzt hatte („Rìběn rén“ sind die Japaner) und auch an der Fabrik mitgewirkt hat. Einige Bauten wie Wassertürme oder repräsentative Residenzen für die nordasiatischen Generäle sind noch erhalten. Zwischen Bungalows mit gemütlich in Gartenstühlen sitzenden älteren Herren spazieren wir durch die Grünen Flächen, besonders schön ist die Nachmittagssonne, die intensive Schatten wirft.








Dann kommen wir endlich zur Fabrik. Minimal abgelegen vom Rest, und längst nicht mehr im Betrieb, schauen wir uns die alten Industrieanlagen in Ruhe an.
Innen sehen wir neben Infotafeln und verrosteten Riesenzahnrädern auch Fledermäuse, die von der Decke hängen und jeden Sommer einen Monat in der Fabrik chillen. Die Leiterin erklärt uns, wie sie zum Pinkeln eine 90-Grad-Drehung hinlegen, und prompt bekommen wir es vorgeführt, woraufhin die Mädels der Gruppe vor Ekel lachend ein paar Schritte zurückweichen. Unser Übersetzer schafft es nicht mehr, alles zu übersetzen, also spricht die Dame jetzt alles in ihr Handy und lässt dieses auf Englisch für uns sprechen.


Ihsan erwähnt, dass er im Bachelor ein Fach hatte, in dem er Fabrik-Layouts entwickeln sollte, also die Produktionsketten geplant hat. Sie hatten eine Aufgabe bekommen, von einer bestimmten Autofirma eine konkrete Bestellung zu bekommen und mussten einen darauf zugeschnittenen Ablauf in einer Fabrik entwickeln. Ich finde das super spannend (Abläufe planen und sehen, wenn alle Zahnräder ineinander greifen) und er empfiehlt mir den Film „The Founder“, der vom Aufbau des McDonalds-Imperiums handelt. Den lade ich mir direkt runter.


Langsam, aber sicher schwindet meine Energie. Raus aus der Fabrik, ich bekomme von Sebastian etwas Wasser, setze mich aber bei jeder Gelegenheit hin und stütze mich ab. Im Grunde warte ich nur noch ab, bis wir zurückgehen. Die Tour ist dann auch vorbei und nachdem wir bei alten Lokomotiven gechillt haben, geht’s zurück, die Ausflugsführerin hat uns den Eisladen dort empfohlen.

Zur heutigen Gruppe, die sich im Laufe der Zeit immer weiter ausgedünnt hat, gehören auch zwei Vietnamesinnen, deren Namen ich leider schon vergessen habe. Die eine zeigt mir später ein Bild, das sie von mir gemacht hat, als ich im Halbschlaf an der Lokomotive gelehnt habe. Sie findet, dass ich darauf wie ein Model aussehe. Danke! Ich lasse mir das Bild airdroppen, sieht wirklich ganz cool aus.

Der Eisladen entpuppt sich als halbwegs gewöhnlicher Supermarkt mit Fokus auf Tiefkühleis, übrigens dasselbe, was die OIA beim BBQ verteilt hat und von dem ich schon drei hatte. Jeder holt sich was, ich eine halbe Stunde chillen wir uns noch zu etwa 10 Leuten auf ein paar Stühle im Schatten.

Der Übersetzer der Tour setzt sich auch dazu, ist an einer Unterhaltung interessiert. Er empfiehlt mir ein Getränk gegen „heat stroke“ und eine Fahrschule (die möglicherweise nur auf Chinesisch unterrichtet, aber in Nähe vom Nanzih-Campus liegt), seiner meiner Meinung nach kann man ohne große Probleme einen Motorradführerschein machen. Er zeigt mir auch eine Website, auf der man gratis für die Prüfung lernen kann, so wie bei den kostenpflichtigen deutschen Apps. Auch interessant: er kommt aus der Sonderverwaltungszone Macao, dem Las Vegas Asiens, einer äußerst teuren Stadt.

Auf dem Heimweg bin ich alleine, fahre YouBike durch den Vorstadtdschungel. Ich komme an einem riesigen Golfplatz vorbei und kann aus ruhigen Baumgassen den Himmel sich orange färben sehen.


Im Dorm sacke ich voll in mein Bett, für alles Mögliche fehlt mir die Kraft. Später will ich eigentlich noch mit Tiger feiern gehen, er hat einen Club, der um 0:30 Uhr aufmacht. Ich würde also definitiv die Nacht in der Stadt verbringen.
Meine Schwester hat heute Geburtstag, leider erreiche ich sie am Abend nicht mehr, meine Nachricht hat sie zum Glück aber bekommen.
Heute vor einem Monat bin ich losgeflogen. Ein Fazit will ich jetzt nicht ziehen, aber dass ich viel erlebt habe, ist unbestritten. Coole Sache.
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