Sonntag, 28. September

Ich treffe mich um 0:30 Uhr am Central Park mit Tiger, den ich vorletzte Woche im Mandarin I-Kurs kennengelernt hatte. Er ist ein wuchtiger Typ, hat einen sehr individuellen Style (u.a. Ear-Cuffs, Cargo-Cordhose) und ein verschmitzteres Grinsen hab ich wahrscheinlich noch nie gesehen. Ich hatte es gar nicht mehr so in Erinnerung, aber sein Englisch ist nicht besonders gut, häufig muss ich nachfragen, was er meint. Zwei Freundinnen von ihm sind mit dabei, er stellt sie als Fearn (auch aus Thailand) und Sero (eine Taiwanesin) vor. Während ich von letzterer über den ganzen Abend hinweg kein einziges Wort vernehme, bekomme ich von Fearn immerhin einsilbige Antworten auf meine Fragen. An der Station sind jede Menge andere foreigner ausgestiegen, entgegen meiner Erwartung laufen wir aber nicht zum selben Club. „COCCO&Co.“ heißt die Location, zu der Tiger mich führt. So wie ich es verstanden habe, gehen er und seine Freunde da öfter hin.

Vor dem Eingang sehe ich ausschließlich Asiaten, das scheint wirklich ein authentischer taiwanesischer Club zu sein. Wir stellen uns an und Tiger verzieht sich zweimal kurz aus der Schlange, um eine Zise zu rauchen. Er hat Bedenken, dass ich erstens wegen meiner kurzen Hose (zum Glück hab ich kein Tanktop angezogen) und zweitens ohne Reisepass (nur Perso dabei) nicht reinkomme, aber ich wirke wohl alt genug. Mein Wasser stelle ich ab, dann werden wir durchgelassen. Für 300$TD (8,50€) bekomme ich einen UV-aktiven Stempel auf den Unterarm und einen Gutschein für zwei kleine Drinks, ein Traum, verglichen mit meist über 20€ Eintritt in ein Ritter Butzke. Dann geht’s in einen der zwei Aufzüge. Wir sammeln noch jemanden im Untergeschoss ein, dort hört man laute Lady Gaga-Musik, kommt angeblich von K-TV, also einer Karaokebar, die hier überall aus dem Boden sprießen. Danach aber geht’s zum Club, in den achten Stock. Ein Typ scannt mit einer Schwarzlicht-Taschenlampe meinen Arm, winkt mich durch. Der Eventraum ist so aufgebaut, dass in der Mitte einer Barinsel ist, die von fast jeder Seite aus bedient. Am Eingang ist eine freie Fläche, auf der später getanzt werden soll (auch wenn das DJ-Pult weiter hinten im Raum steht) und wo es Abzweige zu den Toiletten gibt. Im hinteren Bereich steht wie gesagt das DJ-Pult mit etwas Tanzfläche drumherum, während dieser Teil des Raums u-förmig von Sofaecken umrahmt wird, in denen auch jeweils ein Tisch steht. Dort sitzen schon einzelne Gruppen und trinken Cocktails. Prinzipiell ist diese Art von Club überhaupt nicht mein Fall, dieses Rumgesitze und elitäre Gehabe mit Cocktails auf der Tanzfläche, welche Gruppe ist die krassere usw., aber schauen wir mal. Obwohl bestimmt 50 Leute da sind, tanzt noch niemand, die Musik, die läuft, kommt auch aus den Boxen, ein DJ ist aber noch nicht in Sicht. Tiger sagt, taiwanesische Clubs füllen sich typischerweise erst sehr spät, sowieso sind wir erstmal nur für die AC hochgekommen. Er in seiner langen, stoffigen Hose muss sich auch echt den Arsch abgeschwitzt haben.

Er zeigt mir die Schließfächer, in die ich meinen Beutel einschließen kann. Zwar wird das schon niemand klauen, aber ganz so darauf würde ich hier wirklich nicht vertrauen. Nach 10, 15 Minuten gehen wir runter und suchen uns im 7/11 nebenan so viele viele, viele weitere Bier heraus. Tiger und seine Freunde nehmen jeweils zwei sehr kleine Dosen, die stark nach Radler aussehen. Ich gehe davon aus, dass ich schon ein bisschen betrunken sein muss, um den Club zu fühlen, also wirds ein großes Heineken.

Die großen Biere sind hier irgendwie alle 0,6 Liter

Tiger legt aus und wir setzen uns alle auf eine kleine Aufkantung vor dem Rollo eines geschlossenen Ladens. Ich schaue mich um, die meisten tun es und gleich. Einige Gruppen stehen an der Straße und rauchen, Tiger gesellt sich zu ihnen, manche sitzen auf kleinen Bänken in der Nähe, andere wie wir quasi auf dem Boden. Ziemlich genau vor mir auf einer Bank sitzt ein Typ mit verschränkten Beinen, lange schwarze Haare, Sonnenbrille, Lederschuhe mit hohem Schaft; und hört Musik über Kabelkopfhörer, wozu er mit femininer Stimme laut singt. In Berlin würde er nicht auffallen, hier ist das schon etwas spezieller.

Ich sitze jetzt also mehr oder weniger alleine auf dem Fußgängerweg in der Innenstadt, nippe an meinem 0,6L-Heineken und spüre alle möglichen Blicke auf mich. Besonders toll ist das nicht, aber ich halte es aus. Zum Glück kommen dann noch mehr Leute aus Tigers Freundesgruppe und setzen sich dazu. Die meisten unterhalten sich auf Thai, aber ein zwei von ihnen sind offen dafür, sich wenigstens kurz mit mir zu unterhalten.

Vorglühen auf der Türschwelle des Clubs

Dann geht’s rein, ein bisschen voller ist es schon geworden. Nach etwas Tanzen wollen wir unsere Gutscheine an der Bar einlösen, da sehe ich die ersten anderen nichtasiatischen Gesichter. Eine Gruppe von vier bis fünf Personen, Amerikaner sind sie, als ich sie frage. Nur einer bleibt stehen, Chris, mit ihm quatsche ich ein bisschen an der Bar. Die Gruppe kommt aus Taitung im Südosten und ist übers Wochenende hier in Kaohsiung. Sie arbeiten in der kleinen Stadt an der Ostküste als Englisch-Lehrer für taiwanesische Schulkinder und bleiben ein ganzes Jahr. Weil wir beide die Musik nicht so ganz fühlen (Chris spricht mir schon sein Mitleid aus, als er hört, dass ich aus Berlin komme; er geht schon von meinen hohen Ansprüchen aus), bleiben wir eine Weile stehen und reden über unsere Erfahrungen mit der Kultur. Ich lasse mir für die Ostküste ein paar Tipps geben, und bekomme von ihm sogar ein Bier spendiert, dann gehen wir auf die Tanzfläche.

Semi-gefüllter Club, wenig Tanzende
Die Toiletten sind bis zur Decke mit diesen Hentai-Stickern zugeklebt

Nach etwas Suchen finden wir dann seine Gruppe, mit denen ich mich kurz unterhalte, sie haben aber m.E. kein großes Interesse, neue Leute kennenzulernen. Obwohl ich jetzt ganz gut angeschwipst bin, finde ich nicht so wirklich rein, die Musik ist zwischendurch richtig grauenhaft. Tiger meinte schon, dass der Sound „random“ wird, aber das ist echt krass. Irgendwo zwischen melancholischem Bruno Mars zu piano sounds und schrägem hardstyle wechselt die Mucke, wobei das Publikum irgendwie alles zu feiern scheint. Nun ja, jedem das Seine.

Da fehlen nur noch die winkenden Handy-Taschenlampen

Besonders schlimm ist, zu wissen, dass die erste Metro nach Hause um sechs Uhr fährt. Zwar haben Anna und Sebastian angeboten, dass ich sie für eine Übernachtungsmöglichkeit wachklingel, aber jetzt lohnt sich das fast nicht mehr, auch weil ich zu ihnen ohne Metro quasi nicht hinkomme. Irgendwie vergeht die Zeit dann aber, ich werde auch so müde, dass ich mich neben einen Taiwanesen auf ein Sofa setze. Irgendwann kommen seine Freunde und wecken mich aus meiner Halbschlaftrance, weil sie selber gerne Platz nehmen würden. Tiger finde ich nicht mehr, also gehe ich.

Die Metrostation ist noch nicht aufgeschlossen, also setze ich mich an den Rand und warte ab, während der Himmel rasant heller wird. Meine Kontaktlinsen schmerzen schon empfindlich und ich fühle mich richtig beschissen. Also klar, das war es schon wert, allein um die Erfahrung gemacht zu haben, aber wiederholen würde ich es definitiv nicht. Die Musik war Scheisse, die Leute waren verschlossen und ich bin total übermüdet, was bestimmt auch von der Hitze gestern kommt.

Warten auf die erste Metro

Dann kommt die Bahn aber und es geht nach Hause. Vor Müdigkeit verpasse ich den Busausstieg, schließlich falle ich um kurz nach sieben komplett erledigt ins Bett.

Gegen mittags wache ich auf, Mike bietet mir netterweise an, aus einem Restaurant, zu dem er fährt, etwas mitzubringen. Was mein Wunsch sei? „Just something without meat, please.“ Im Halbschlaf bekomme ich mit, wie er mir später etwas hinstellt.

Als ich gegen halb fünf nachmittags aufwache, kommt mir ein deftiges Mittagessen gerade recht. Allerdings sehe ich auf den Nudeln von Mike direkt kleine Hackfleischstückchen. Ich frage ihn, ob er sicher ist, dass da kein Fleisch drin ist. Er weiß es nicht, habe einfach das Gericht mit dem Gemüse innen drin bestellt. Als ich dann sage, dass ich das eher nicht essen würde, fragt er nur, „What‘s the problem with you, are you sick?“ Dass man als Vegetarier kein Fleisch essen will, versteht er nur auf den zweiten Blick. Obwohl es in Vietnam Vegetarier gibt, wie ich erfrage. „Are you part-time vegetarian or full-vegetarian?“ Was ist denn bitte ein „part-time vegetarian“? Naja, jemand, der halt auch mal Tage in der Woche hat, wo er kein Fleisch isst, was denn auch sonst? Außerdem haben die „Vegetarier“ in buddhistischen Ländern irgendwie andere Regeln, soweit ich das verstehe, essen sie auch andere eigentlich vegetarische Produkte nicht. Frühlingszwiebeln z.B. schädigen die acht Körpergeister – das klingt fast nach Aluhut-Ideologie. Na jut, immerhin gibt Mike mir das Geld zurück und teilt sich das Essen mit Sky, sehr lieb auf jeden Fall.

Das Hackfleisch sieht man ja schon vor dem Auspacken

Kleiner Exkurs in unsere Toilettensituation: Da ich weiß, dass Sky nie unser Klo benutzt, waren zuletzt nur Heizo und Mike übrig geblieben. Mike frage ich jetzt, und er sagt, dass er tatsächlich im Stehen pinkelt, allerdings immer die Klobrille hochklappt. Ansonsten setzt er sich auch hin, findet den Raum an sich aber eklig. Das heißt, die Pisse auf der Klobrille muss eigentlich von Heizo stammen. Die beiden wollen es aber auf keinen Fall selber ansprechen, ich bekomme die Aufgabe. Wahrscheinlich ist es mir auch am Wichtigsten, aber ich finde es schon krass unnötig, so ignorant auf ein Klo zu pissen, das man sich mit drei anderen teilt. Ich will es mir aber auch nicht mit Heizo verscherzen, also mal schauen, wann es sich ergibt…

Eigentlich will ich den Rest des Tages im Zimmer chillen, aber Sebastian schreibt mir später, dass sie mit der einen Vietnamesin von gestern auf einen Night Market in der Nähe des First Campus gehen, und meine FOMO führt mich dazu. Deutsch, wie ich bin, bin ich sogar zu früh da, während die anderen sich um 30 Minuten verspäten. Ich bereue es fast schon, überhaupt hingefahren zu sein, ich bin immer noch sehr müde, aber nach ein bisschen Rumlaufen finde ich meinen Spaß. Ein, zwei ganz kurze Gespräche mit einem Verkäufer und einem Taiwanesischen Pärchen ergeben sich, das heitert mich schon auf. Außerdem werde ich von einem Indonesier mit „Hey Leo!“ angesprochen. „Hey man!“ erwidere ich, mir kommt sein Gesicht bekannt vor, aber ich habe keine Plan, woher ich ihn kenne noch wie er heißt. Wir laufen ein bisschen rum, bis wir auf Anna und Sebastian treffen, die mir auf die Sprünge helfen. Hernandez war gestern auch beim BBQ-Event. Lucy aus Vietnam und Peggy aus Taiwan stoßen noch dazu. Der „Nandu Night Market“ liegt direkt an einer viel befahrenen Straße, erstreckt sich aber auch in einige Gassen, die man zuerst gar nicht wahrnimmt.

Leicht gefährlich

Insgesamt gefällt er mir sehr gut, es gibt eine große Auswahl an Ständen, und auch einige individuelle, z.B. einen Pfannkuchenstand mit vielen verschiedenen Sorten und eine sehr große Auswahl an seafood, wobei ich knapp 8€ für Tintenfisch dalasse.

Einer dieser Spieße für 150$TD (4,30€) macht definitiv satt

Besonders krass sieht ein Massagestand aus, der spezielle Glashauben nutzt, um mit einem Vakuum die Haut zu dehnen. Die Behandelnde Frau erklärt mir, dass dabei kaum Schmerzen zu erwarten sind und dass zehn Minuten nur 100$TD (3€) kosten. Schnäppchen, also stelle ich mich an. Sie braucht aber sehr lange für ihren Kunden, und ich will ehrlich gesagt morgen zum ersten Training der Leichtathletikgruppe nicht mit riesigen kreisförmigen Abdrücken am ganzen Körper erscheinen, also frage ich sie, ob sie nächste Woche nochmal da steht. Sie bejaht und gibt mir den QR-Code zu ihrer Line-Gruppe, über die ich Fragen stellen kann.

Das sieht so schmerzhaft aus, aber irgendwie will ich es probieren

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