Weil heute Feiertag ist, beginnt das Spannende erst deutlich nach mittags, davor gammel ich vor allem im Bett rum. „Teachers Day“ wird gefeiert, der Geburtstag von Konfuzius. Alle Lehrer des Landes haben frei, und warum nicht, der Rest natürlich auch. Es gehört sich, allen Lehrern Glückwünsche auszusprechen, und so schreibe ich wie andere unserer Chinesischlehrerin „老師,祝您教師節快樂!“.

Obwohl Feiertag ist, gehen ein paar Leute der Leichtathletikgruppe trainieren, zu der ich letzte Woche eingeladen wurde. Per YouBike fahre ich 25 Minuten zum Nanzih-Campus, weiter hinten auf dem Gelände befindet sich das Stadion. Kaum jemand ist da, aber trotzdem tönt der Schulgong, ein ziemlicher Ohrwurm, über das Gelände. Da dies eh der schönste Campus ist, ist auch die Tribüne des Stadions in schönem asiatischen Stil mit aufsteigender Dachkante gebaut. Trotz Platzierung mitten in der Stadt ist die tiefrote Tartanbahn von so vielen Bäumen umgeben, dass die große freie Fläche sehr ruhig ist und wirkt, als wäre man dem Alltag entflohen. Gegen 16 Uhr bin ich da.

Ray, derjenige, der mich im Gym zu der Gruppe hinzugefügt hatte, winkt mir schon von Weitem zu, er sitzt mit ein paar wenigen anderen am unteren Ende der Tribüne. Vier Leute sind vor Ort, packen gerade ihre Sachen aus oder dehnen sich. Mit Ray drei Jungs, die alle ziemlich sportliche Körper haben und ein Mädchen, das von Körperbau und Gesicht auch das Alter meiner 13-jährigen Schwester haben könnte. Ein Junge stellt sich mir als Etty vor, der andere und das Mädchen brauchen ein paar Anläufe, um mich entweder zu verstehen oder um ihren Namen sagen zu können. Abgesehen von Ray scheint hier niemand richtig Englisch zu sprechen. Ein paar einzelne andere laufen an uns vorbei, machen sich warm, sie trainieren aber wohl alleine. Ray weist mich an, den Anweisungen des einen Jungen zu folgen, er ersetzt heute den Coach, der wegen dem „Teachers Day“ ja auch frei hat.
Wir dehnen uns ein paar Minuten im Kreis, dann geht’s auf die Bahn, und wir machen A-Skip, B-Skip, C-Skip und so weiter. Eine abgewandelte Form vom mir bekannten Lauf-ABC, mit mehr Fokus auf den Kniehub. Wahrscheinlich ist das bei Sprintern beliebter, ähnliche Übungen habe ich auch schon in entsprechenden Lehrvideos auf YouTube gesehen. Dann nehmen wir Therabänder, immer zu zweit; einer spannt den Vordermann ein, und der darf springen oder Kniehebelauf machen. Entweder habe ich vorher zu viel gegessen oder die Hitze setzt mir einfach sehr zu, aber ich spüre meinen Magen und mir ist die ganze Zeit leicht übel, es hält sich aber zum Glück in Grenzen.
Wir gehen dann hinter ein Gebäude zu einer Parkplatzauffahrt, eine ungefähr 60 Meter lange Betonrampe. Der Ersatztrainer plant, dass wir mehrere Sprints hinauf machen sollen. Sechs Anläufe geben mir echt den Rest, nachdem ich schon vom Aufwärmprogramm meine Waden stark spüre. In zwei Gruppen rennen wir nacheinander an; ich mit Ray, der wirklich äußerst schnell ist, auch wenn er die ganze Zeit Frühstarts macht.
Zum Schluss ziehen wir uns noch Spikes an und sprinten einmal 100 Meter. Zum Glück war’s das dann schon, ich bin fast vorm Kotzen von der Hitze. Daran muss ich mich noch gewöhnen. Allerdings sind die Trainingseinheiten an normalen Tagen auch etwas später, erst ab 17:30 Uhr.
Dann wird sich kurz gedehnt, es ist mal wieder überraschend schnell dunkel geworden. Freitags, wird mir gesagt, findet sogar Stabhochsprung statt, leider ziemlich genau zur Zeit meines Chinesischkurses. Ray sagt, dass ich vom teacher bestimmt eine Erlaubnis bekommen würde, so ist es bei ihm, aber das ist gar nicht mein Punkt. Ich muss mich wohl entscheiden, ob ich taiwanesischen Stabhochsprung oder besseres Mandarin können will. Ein Entschluss für wannanders.


War das Training doch recht schweigsam, lockert sich die Stimmung danach. Zwei der Langläufer stoßen zur Gruppe und Ray fragt mich, ob ich mit den anderen zusammen dinner haben möchte. Ich erwarte eigentlich nicht viel, aber komme trotzdem gerne mit. Schließlich ist das genau die Erfahrung, für die ich hergekommen bin: umgeben von lauter Taiwanesen und einer fremden Sprache die Sachen machen, die die Normalos hier im Alltag eben so tun.
Natürlich sind alle mit Motorrad da, Ray nimmt mich mit, und nach ungefähr drei Minuten Fahrzeit sind wir schon am Ziel. Zu acht gehen wir in das Restaurant der Wahl, besetzen zwei Tische und bestellen, wobei wir auch hier im Voraus zahlen. Essen wählen wir standardmäßig über eine laminierte Karte, mit Filzstift kreuzen wir die Menüs an. Die zwei Langläufer zeigen mir eine weitere Zählweise des Chinesischen: wenn man ein Gericht mehrfach bestellen will, muss man Striche sehr merkwürdig miteinander kombinieren, um die gewünschte Zahl anzugeben.

Während ich gierig zulange und das Gefühl habe, den Jackpot der Restaurants erwischt zu haben, beschweren die anderen sich über den Salzungsgrad. Da sind die Ansprüche wohl etwas höher.
Tatsächlich entsteht eine Art Gespräch mit Google Translate, die drei stellen mir jede Menge Fragen. Was für Sportarten ich gucke, ob ich jemals Bubble Tea getrunken habe, welcher Campus meiner Meinung nach die schönsten Mädchen hat, Messi oder Ronaldo, wie lange ich bleibe. Deutschland hätte damals mit Neymar im Gegnerteam gegen Brasilien verloren („please don‘t hit me“); ja ich glaub auch, natürlich. Einer der drei hat bei TSMC (die Firma wird von den Taiwanesen nur „semiconductor“ genannt) ein Praktikum gemacht und will nach dem Studium dort wieder anfangen. Sie lachen und erzählen, dass man da sehr sehr viele Überstunden machen muss. „If you want to make money, you need to stay longer.“ zeigt der Übersetzer an. Es deckt sich mit den Erzählungen von Henry, dem Deutschen, den ich zu Anfang kennengelernt hatte; dessen Bumble-Liebe in Tainan für TSMC arbeitet und wegen der Arbeit immer erst spät abends Zeit für ihn hatte. Übrigens hat die weltbekannte Halbleiterfirma in allen größeren taiwanesischen Städten Standorte, bis auf Taipei.
Die drei Kollegen diskutieren und lachen viel, bevor sie ihre Antworten ins Handy eingeben, das macht das Gespräch irgendwie unterhaltsam. Ich frage sie auch nach dem chinesischen Wort, das mir immer häufiger auffällt und das sehr stark nach dem N-Wort klingt. Sie erklären, es bedeutet „that“ und wird häufig als Füllwort benutzt – ich höre es in fast jedem Satz raus. Ausländer machen sich laut ihnen oft darüber lustig, kein Wunder. Als würde das irgendwas damit zu tun haben, kriege ich noch erzählt, dass sie sich gerne über die südostasiatischen Gastarbeiter lustig machen, mehrheitlich aus Indonesien und Thailand. Okay, alles klar.
Einer der drei lädt uns auf einen Bubble Tea ein, den wir aber nicht zusammen trinken; sondern danach verabschieden sich alle sehr schnell und gehen ihres Weges. Ray besteht darauf, mich mit dem Motorrad nach Hause zu bringen, sehr sehr nett. Ich setze mich wieder hinten rauf und er düst richtig los. Mit teilweise 80 Sachen, sehe ich auf dem Tacho, schießt er durch die nächtlichen Straßen. Bei offenem Visier spüre ich meine Kontaktlinsen schon förmlich wegfliegen, also schnell runter mit dem Ding. Ganz sicher fühle ich mich nicht, aber ich akzeptiere die Situation. Ist ja auch ganz geil, schnell zuhause zu sein. Ich bedanke mich und sage „see you thursday“, aber Ray erinnert mich, dass wir am Mittwoch gemeinsam Unterricht haben. Ich habe die letzten zwei Wochen einfach nicht bemerkt, dass wir im selben Kurs sitzen. Peinlich, aber was willste machen, bei so vielen ähnlich aussehenden Asiaten?
Heute Abend ist wieder Telefonierzeit, weil Deutschland sechs Stunden hinterher ist und dort gegen 17, 18 Uhr die meisten Zeit haben. Ich rede mit einem Kumpel und mit meiner Schwester, bevor ich dann etwas früher als sonst schlafen gehe. Morgen früh will ich mich mal in einen Wirtschaftskurs von Sebastian reinsetzen.
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