Dienstag, 30. September

Der letzte Septembertag fängt früh an. Um 9:10 Uhr startet die „consumer behavior“-class von Sebastian. Schon vor dem Unterrichtsgebäude treffe ich zwei der Deutschen; Michael und Luca, die mir „Ein anderer Weißer!“ zuruft. Jetzt kann ich nicht mehr auf Sebastian warten, sondern fahre mit den beiden in den fünften Stock. Im Aufzug steht ein Mathematiklehrer, der Deutsch spricht und uns anquatscht. Luca unterhält sich sofort mit ihm darüber, wo er und in Deutschland einmal unterrichtet hat und als er aussteigt, sagt sie, „Uni Wuppertal, das muss ich gleich mal googeln!“ Mit dem Energielevel muss ich morgens erstmal klarkommen. Auch Michael schlürft noch seinen Kaffee und schweigt wie ein Grab.

Bergsilhouetten hinter dem morgens nebligen Yanchao-District im Nordosten

Im Klassenraum starrt mich der Lehrer erstmal an, bis ich ihn frage, ob ich mir das Ganze einmal anschauen dürfte. Na klar. Ich setze mich an die Seite und er fängt an. Er hat einen lustigen Akzent, viele Wortendungen werden bei ihm einfach umgedichtet, aus „switch“ wird „switt“ und statt „hundretthousand“ sagt er „thousendhundret“. Er ist aber voll bei der Sache und gestaltet seinen Unterricht angenehm interaktiv. Irgendwie unterhaltsam sind seine Tonlage und Gestiken, bei denen mein Gaydar ausschlägt. Für mein Gefühl braucht man hier kein Vorwissen, wir gehen simplen Werbestrategien auf den Grund. Beispielweise zeigt er uns die Logoentwicklungen verschiedener Firmen wie Pepsi über die Jahrzehnte und gemeinsam finden wir heraus, was sich daran verändert hat (in dem Fall ist das Logo z.B. deutlich minimalistischer geworden). „What does you make feel more impresses?“ Wir machen ein Soundquiz, bei dem wir erraten sollen, welche Firmen welchen Sounds zuzuordnen sind (z.B. Netflix, HBO, Apple, LG, usw.) und besprechen, was für Designs zu welcher Art von Produkt passen.

Zwischendurch haben wir immer mal Zeit, um zu diskutieren, was eigentlich zum zur Seite drehen und quatschen bedeutet. Luca sagt, sie würde sich das ja auf keinen Fall antun an meiner Stelle, so früh am Morgen einen Kurs zu besuchen. Sie, Michael und die anderen Deutschsprachigen, also Kaan und die beiden, die ich noch nicht kenne, fahren nach dem Unterricht auch sofort wieder zurück in die Stadt. Mensa? Das Essen ist da bestimmt zu schlecht. Und was soll man auch sonst noch auf dem Campus machen?

Bevor die Stunde aber endet, diskutieren wir in vier größeren Gruppen jeweils spezifische Fragestellungen. Unser Team soll sich damit beschäftigen, was Werbungen machen können, um ihr Produkt trotz der restlichen Reizüberflutung hervorzuheben bzw. nicht zu dieser beizutragen. Luca notiert sich fleißig unsere Argumente und trägt sie in der Abschlussrunde selbstbewusst vor, natürlich nicht ohne das Mikro des Lehrers und den anschließenden Mic-Drop auf dem Tisch. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass sie später irgendwas mit „Führungskräfte ausbilden“ machen will?

Diskussionsrunde in „consumer behavior„

Sidd ist auch im Kurs, ansonsten sind außer den Deutschen nochmal etwa 15 Asiaten, die meisten davon Frauen. Ich hätte nicht gedacht, dass die Frauenquote in dem Fach so hoch sein würde. Ich merke außerdem, dass ich inhaltlich richtig Spaß habe, Werbungsstrategie funktioniert letztlich ähnlich wie das entwurfliche Argumentieren in der Archtitektur. Beispielsweise muss eine Gruppe überlegen, wie ein von Apple designtes aussehen sollte. Ich kann mich da total reindenken, für mein Gefühl mehr als die anderen, zumindest was die optische Komponente angeht. So wie beim Bauen im Bestand muss man nicht nur Referenzen verwenden, sondern auch nach einer Verhältnismäßigkeit beim Kopieren der bestehenden Elemente suchen.

Mit Sidd und Sebastian geht’s in die brechend volle Mensa, gerade so bekommen wir uns an einen Tisch gequetscht. Sascha und André sehen wir schon von Weitem winken, sie müssen sich aber einen anderen Platz suchen. Sascha hatte mich letzte Woche schon gefragt, ob es okay ist, wenn die beiden sich ab und zu mal dazu setzen. Ja safe, es ist ja auch ganz unterhaltsam so. Am meisten tut mir Sascha selbst leid, der gezwungenermaßen seine ganze Uni-Freizeit mit André verbringt. Hoffentlich findet er noch ein paar andere Leute (Taiwanesen?), mit denen er mal in die Mensa gehen kann, wenn wir nicht gerade da sind.

Ashley stößt auch noch dazu, mit einer fetten Deutsch-Hausaufgabe im Gepäck. Wir müssen ihr unbedingt helfen, weil sie bis morgen Abend ein paar Texte als Memo ihrem Lehrer einsenden muss. Sie hat so wie wir Chinesisch gerade erst begonnen und versteht von den aufgegebenen Sätzen eigentlich kein Wort, es geht vor allem um die Aussprache. Sie versucht sich an der langsamen Aussprache, Sebastian und ich korrigieren, wobei sich Schmunzeln nicht ganz vermeiden lässt. Es ist schon lustig und macht irgendwie Spaß, weil das für uns so unfassbar leicht, für Ashley aber sehr schwierig ist. Besonders schwierig sind für sie anscheinend die „ch“-, „sch“-Laute, das „w“ mit den Oberzähnen auf der Unterlippe auszusprechen (also nicht so flowy wie im Englischen) und die Silben zu erkennen. Wir markieren sie für sie, danach geht es schon deutlich besser. Sidd, der belustigt daneben sitzt, fällt es nicht so schwer, er hat aber auch von Kind auf Englisch gelernt, also ist der Vergleich eigentlich unfair.

Das Bogenschießen läuft heute ab wie sonst auch, lange aufbauen, Dehnen, Trockenübungen, dann darf jeder insgesamt zwei Sets an Pfeilen verschießen. Mal wieder sollen wir Fotos von der Haltung machen, ich dekliniere das jetzt einfach mal dokumentarisch über das Semester hin durch.

Überhaupt nicht am Schwitzen – das alleinige Rumstehen lässt einen schon dehydrieren
Schön das Auge zukneifen

Während ich beim letzten Schießen vor zwei Wochen noch kein Scheunentor getroffen habe, sieht es heute ohne erklärbaren Grund (geübt habe ich jedenfalls nicht) besser aus.

Trefferquote aus fünf Metern

Weil den meisten die fünf Meter leicht fallen, findet die zweite Runde aus sechs bis sieben Metern statt, was das Ganze erstaunlicherweise stark erschwert. Die Zielstäbe und -Gadjets von letzter Woche sind heute nicht im Einsatz, aber dafür bekommen wir das Zählsystem erklärt. Die Mitte und der kleinste Ring bringen zehn Punkte, danach geht es schrittweise abwärts. Trifft man eine Linie, so zählt die höhere Punktzahl. Ab dieser Trainingseinheit sollen wir außerdem jedes Mal Liste führen über die erzielten Punktzahlen. So entsteht innerhalb des Teams ein kleiner Wettbewerb und am Ende wird die Punktzahl den Schülers in eine Tabelle des Trainers eingetragen, der sie wohl später auswerten wird. Auch wenn es heute besser lief, bei manchen sehe ich schon, dass ich kein Land gegen sie gewinnen werde.

Trefferquote aus sechs oder sieben Metern
Schön hinschauen, dass niemand bescheisst
Die chinesische Strichliste sieht einfach cool aus, das muss ich zugeben

Ich versuche mich aktiv am Dialog mit meiner Gruppe, was trotz der Sprachbarriere gut klappt. Auch ein Neuer namens Henry, der jetzt Teil der Schießgruppe ist, trägt dazu bei. Sie helfen mir, die Punkte auf Chinesisch richtig zu zählen und bringen mir bei, wie ich bei einem Fehlschuss fluchen kann. „哇耖“, in Pinyin „wa chào“, bedeutet so viel wie „Scheiße“ oder „Verdammt“ und wird von jungen Leuten viel benutzt. Direkt heute Abend höre ich es zweimal in der Uni.

Die Jungsgruppe lädt mich ein, an einer Drei-Tages-Wanderung im November teilzunehmen, als sie von meiner Bergliebe erfahren. Der Berg, der auf dem 500$TD-Schein gedruckt ist, könnte eine Option sein. Die Bilder, die sie mir zeigen (mehrere von ihnen waren schonmal da), sieht durchaus anspruchsvoll aus, hat am Ende sogar eine Kletterstrecke. Da sage ich natürlich nicht nein, genau nach so etwas suche ich doch. Mega!

Der Taiwanesische Henry bietet mir an, mich später zum Nanzih-Campus zu fahren, obwohl er da nicht wohnt und auch keinen Unterricht hat. Ich will ihm keine Umstände machen, aber es scheint für ihn kein Problem zu sein. Vielleicht kann er sich ja aus Spaß in den Mandarin Kurs reinsetzen? Die Lehrerin verneint mit strengem Ton, als wir dann da sind. Kein Problem, dann bis nächste Woche, Tschüss!

Im Unterricht habe ich eigentlich direkt das Gefühl, dass es ab heute unangenehm werden könnte. Nicht, weil ich zu wenig kann, sondern eher wegen den anderen, die die Anforderung teils nicht im Ansatz erfüllen. Die Ungeduld von Miss Peiti (ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das ihr Vor- oder Nachname ist) lässt sich praktisch aus der Luft greifen, als einige der Inder ihrer Aufforderung, Pinyin-Silben zu buchstabieren, nicht nachkommen können. Ein Mini-Dikat folgt, sie geht daraufhin herum und überprüft. Manche haben gar nichts aufgeschrieben; ich hatte keine Probleme, auch weil in meinem vor mir aufgeschlagenen Notizheft alle Vokabeln drinstanden. Der beste Cheat ist immer noch der offensichtlichste. Ihsan ist heute nicht aufgetaucht, und irgendwas sagt mir, dass wir ihn hier (zumindest mal dienstags) auch nicht mehr sehen werden.

Wir verschwenden sehr viel Zeit damit, die Spracheinstellungen unserer Handys einzurichten, was ihr sehr wichtig zu sein scheint. Auf ihrer Website „https://sites.google.com/view/peitichinese-classroom/home“ richtet sie fortlaufend neue Lernmethoden und Übungen ein, dafür brauchen wir auch eine korrekte chinesische Tonausgabe. Im Hauptreiter der Seite direkt zu finden ist das sehr coole „Radical Matching Game“, bei dem man Memory mit den traditionellen chinesischen Schriftzeichen und dem englischen Bedeutungswort spielt. Je nach Level werden die Vokabeln etwas schwieriger und ausgewählter, während im Level eins die häufig benutzten Zeichen für Sonne, Mond, Auge, Baby, Berg, Person usw. vorkommen.

Danach üben wir noch die Zahlen von eins bis hundert. Dafür sollen wir am Schluss zu viert ein Spiel spielen, bei dem wir abwechselnd zählen und immer, wenn eine drei vorkommt (also etwa in drei, dreizehn, dreißig oder achtunddreißig), stattdessen in die Hände klatschen. Für Sebastian und mich kein Problem, aber der eine Inder lernt gerade noch den einstelligen Zahlenraum und Vivek hat das Spiel einfach nicht kapiert. Jedes einzelne Mal spricht er die drei aus, obwohl wir es ihm immer wieder sagen. Das ist so lustig, dass wir aus dem Lachen fast nicht mehr rauskommen. Auch seine Aussprache der Zahlen ist so grottig und verwechselbar mit ungefähr hundert anderen Wörtern und er fühlt sich dabei auch noch so sicher, dass er seinen Freund belehrt, dass ich mich richtig wegkugel. Dazu kommt, dass die Zwanzigerzahlen alle wie ein vulgäres deutsches Wort klingen, „èr shí“ (bedeutet 20) wird wie „ar sche“ ausgesprochen. Heute ist das noch sehr lustig, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie locker die Hälfte des Kurses dem Niveau der nächsten Wochen folgen können soll, und irgendwann platzt Miss Peiti bestimmt der Kragen. So eine Situation hätte ich in dem Fall zuletzt in der Schule erlebt, also dass man sich als Klasse ein bisschen schämt, den Lehrer zu enttäuschen, auch wenn man persönlich vielleicht ganz okay abgeschnitten hat.

Kein Night Market heute, aber ich gehe mit Sebastian noch in der näheren Stadt etwas essen. Sidd will nächstes Wochenende wegfahren, Sebastian sagt aber direkt ab, weil seine Schmerzen im Knöchel dafür zu groß sind. Mir war bisher nicht wirklich klar, wie stark ihn das einschränkt, jetzt sehe ich ihm den Frust bzw. den Schmerz ins Gesicht geschrieben. Ich will ihn auf das Essen einladen, aber er lehnt ab, „Seit wann machen wir das denn?“ Okay, zu Recht, das war irgendwie eine intuitive Handlung. Außerdem habe ich noch Schulden bei ihm, deshalb kann man von Einladung gar nicht sprechen.

Garnelenreis und Gemüsedumplings mit Milchtee

Beim Uniqlo an der Bahnstation kaufe ich mir endlich noch eine neue Bauchtasche, die alte war schon vor ein paar Wochen kaputtgegangen.

Ich habe auf Instagram in den Storys vieler Accounts eine Traueranzeige der Uni für einen Jungen gesehen, der vermutlich Student war. Persönlich hat niemand darüber geredet, aber er scheint tragischerweise verstorben zu sein.

Diese Traueranzeige macht in den sozialen Netzwerken die Runde

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