Mittwoch, 1. Oktober

Mittlerweile weiß der Frühstücksmann in der Mensa, dass ich immer Eierpfannkuchen bestelle und hebt fragend den Daumen, sobald ich reinspaziere. Ein Daumen von mir und er macht sich sofort an die Arbeit. Wenigspäter drückt er mir das fertige Frühstück in die Hand und grinst, als hätten wir einen Insider-Witz genacht.

Zur Abwechslung steht heute eine Morgenwanderung mit Anna an. Beim Radeln durch die Vorstadt fällt mir nochmal auf, wie krass der Gegensatz zwischen grüner Fläche und einzelnen Wohntürmen ist, das dürfte ganz nach dem Geschmack von Le Corbusier mit seinem „plan voisin“.

Die Hochhäuserstadt – Corbu‘s Paradies

Wir treffen uns um 8:30 Uhr an der MRT-Station „World Games“, die nach einem in der Nähe gelegenen Stadion (das zweite große Stadion nach der „Kaohsiung Arena“, auch eine MRT-Station) benannt ist. Zum ersten Mal steige ich hier aus und merke schnell, ungefähr hier passiert der Übergang zwischen Randbezirk und Innenstadt. Während nördlich ab und zu noch Kleingartenanlagen oder Felder auftauchen, zeigt der Blick nach Süden immer mehr und höhere Hochhäuser. Die Metro verschwindet von der Hochtrasse in den Untergrund und der Hügel, den wir heute besteigen, der „Banpingshan“, bildet die geografische Grenze.

Metrostation „World Games“

Um den Eingang zum Nationalpark zu finden, der übrigens ein Teil des „Shoushan National Park“ ist, müssen wir mit YouBike ein gutes Stück an der vierspurigen Schnellstraße zurücklegen, die die Verkehrsroute in die Stadt darstellt. An einer unscheinbaren Stelle verschwindet ein Pfad aus Holzplanken im Dickicht, den wir nehmen. Richtig angenehm, dass der Lärm sofort leiser wird. Der Aufstieg dauert nicht lange, ist wegen der Hitze aber ziemlich schweißtreibend. Schnell sind wir oben am Lookout, auf dem ich vor einigen Wochen bereits einmal war. Irgendwann will nochmal abends hingehen.

Die Tour, die Anna mit einer etwas dubios klingenden App rausgesucht hat, soll uns zu einem Bunker führen. Auf dem Bergrücken kommen immer neue Aussichtspunkte, von denen aus wir ganz besondere Blicke auf die Stadt erhaschen. Auf einer kleinen Lichtung am Wegesrand sitzt eine Rentnergruppe mit etwa zehn Leuten, ab und zu kommen neue dazu.

Mittig im Bild die „World Games“-Station, ein klein wenig dahinter steht die namensgebende Arena mit nach links auslaufendem Arm.

Die alten Leute grüßen uns freundlich und fragen, natürlich, woher wir kommen. Einer entgegnet uns daraufhin „Guten Tag!“ und versteht sogar unsere Antworten. Er habe zwei Jahre am Institut für Fremdsprachen in Taipei gearbeitet, und sowohl in München als auch in Berlin war er schon einmal. Auch eine Frau, die jedes Mal ganz aufgeregt in die Hände klatscht und leicht springt, ist sehr an uns interessiert. Neben Fragen zu Deutschland wollen sie auch wissen, wie uns das taiwanesische Essen gefällt. „So far everything“ ist eine gute Antwort von Anna, die nette Tante ist ganz aus dem Häuschen. Rindfleischsuppe, Sweet Potato Balls, die verschiedenen Teesorten und der Squid gefallen uns am besten. Trotzdem bekommen wir noch Tipps: Guave mit Pulver, das ich nicht kenne, Mondkuchen und Ananas, deren Reifezeit allerdings zwischen Mai und Juli nächstes Jahr ist. Für unseren kurzen Aufenthalt von nur sechs Monaten werden wir gerügt, besser wären natürlich ein oder zwei Jahre.

Treffpunkt für alte Menschen: der Banpingshan
Anna und ich nach dem Aufstieg

Den Mondkuchen dürfen wir gleich probieren, denn zu einem richtig Seniorentreff gehört natürlich die Brotzeit. Die Frau Schneider die kleinen Gebäcke mit einem Küchenmesser in je zwei Hälften, die wir probieren müssen. Nächste Woche Montag ist das Mondfest (schon wieder ein Feiertag), da müssen wir ja gut vorbereitet sein. Im cremigen Gebäck, etwas größer als tischtennisballgroß, befindet sich Marmelade, in jedem Stück eine andere Sorte. Dass man die Dinger verputzt wie nichts, kann ich mir gut vorstellen. Servietten werden uns angereicht und auf der anderen Seite werden Guaven ausgepackt, die wir ebenfalls probieren sollen. Der ältere Herr erzählt uns, wie sie (die Senioren) als Kinder nach dem Essen der Guaven deren Schalen aus Spaß auf ihren Köpfen getragen haben, deshalb sollen wir es ihnen nachtun. Unser Anblick löst sichtbare Freude aus. Außerdem scheint das Arbeiten mit der orange-gelblichen Schale eine Kunst zu sein, wie in Deutschland das Schnitzen von Kürbissen in genau dieser Jahreszeit.

Rentnerin schneidet Mondkuchen zurecht
first time Guave
Wie die Kinder mit Guavenschalen auf dem Kopf

Weitere Tipps an uns beinhalten z.B., dass wir Weihnachten in einer Shopping Mall in der Nähe zu Flughafens feiern können. Das wird bestimmt interessant, für mich wird es das erste Weihnachten weg von zuhause. Nach Wandermöglichkeiten gefragt, empfiehlt mir der Deutsch sprechende Herr den Alishan, seiner Meinung nach der schönste Ort in Taiwan. Ich solle vier Tage einplanen, zwei für den Alishan, und von dort aus weiter auf den Yushan, den höchsten Berg.

Dann gehen wir weiter und bekommen einen guten Blick auf die ansässige Fabrik von TSMC, die ein riesiges Gebiet rund um diesen Berg für diverse Erweiterungsareale nutzen. Aus der Ferne sehen wir Dutzende Fahrzeuge und Kräne, die sich im Tagesbetrieb bewegen und das taiwanesische Bruttoinlandsprodukt ankurbeln. Wenn das mal kein Argument ist, das Portfolio um eine Aktie zu ergänzen.

Fabrikgelände TSMC
Industriebaustelle mitten in der Stadt

Weiter geht’s durch enge Pfade, große Pflanzen und kleine Insekten inklusive, sowie viele Echsen.

Regenwald oder Stadtpark? Oder beides?
Einfahrender HSR in die Zuoying-Station
Beweglichkeit ist auf der Route gefragt
Baumumarmender Hippie

Schließlich gelangen wir ans Ziel, ein Bunker mitten im Berg. Ein Hauptgang führt auf die andere Seite, durch ein paar Seitentunnel gelangt man in leere oder verschüttete Räume oder zu Öffnungen, die an riesige Schießscharten erinnern. Im Betrieb ist der Bunker offensichtlich nicht mehr, m.E. wäre man hier aber durchaus sicher, sollte eine Invasion drohen. Die Gesteinsmassen halten leichte Bomben bestimmt ab, sofern man denn einen Berg bombardieren würde, und der Weg hierhin war beschwerlich genug, um nicht sofort erstürmt zu werden.

Bunker am Berghang
Blick durch die Riesenschießscharte

Obwohl, wenn ich es genau betrachte, wird der Bunker doch benutzt. Die Mietnomaden hört man schon durch die Gewölbe, lautes Gepiepse. Ihr Anblick ist wirklich etwas bedrohlich, wie eine Schattenarmee hängen sie nur wenige Meter von uns entfernt. Gefährlich sind sie bestimmt nicht, aber Covid-25 würden wir gerne vermeiden wollen.

Sound an – Fledermäuse am Relaxen
An einer Stelle bricht Tageslicht herein

Der Rückweg der Runde gibt nochmal schöne Blicke auf die Stadt, die sich mit dichtem Unterholz abwechseln. Wie üblich auf Wanderungen, müssen wir nicht nur über zukünftige Touren, sondern auch über Bildschirmzeiten und Digital Detox reden, wo wir doch gerade als Paradebeispiele Naturverbundenheit praktizieren.

Rückweg mit Blick auf die World Games-Arena und das Meer

Um 12 Uhr geht’s zurück zum Campus, schließlich haben wir ja unter der Woche. Sebastian erwischen wir noch für die Mensa, bevor der Unterricht losgeht.

Ohne Fleisch spart man: 70$TD (2€) für diesen Wahnsinnsteller

Auf „High Performance Concrete“ habe ich kaum noch Lust, zwinge mich aber hin. Jetzt erkenne ich auch Ray (der Typ vom Leichtathletik), er ist derjenige, der die letzten Male immer geschlafen hat. Heute ist ein Gastdozent gekommen, um einen Vortrag (auf Chinesisch) über irgendwas mit Berufsaussichten zu halten. Mir wurde in Aussicht gestellt, englische Untertitel oder zumindest Folien zu bekommen, aber niente. Mir bleibt nur, mich auf dem zwischen zwei nah aneinanderliegenden Sitzreihen eingeengten quietschenden Stuhl je zehn Zentimeter vor- und zurückzubewegen und zu überlegen, was der Professor wohl meinen könnte.

Vortrag von Gastprofessor
Er erzählt mutmaßlich über Standorte von Bergbauwerken
Die Desktops in Taiwan sehen auch nicht anders aus als bei uns

Zum Glück ist das Ganze nach 90 Minuten vorbei. Meine Gruppenpartner für den Vortrag nächste Woche kommen auf mich zu und erzählen, dass sie die PowerPoint machen werden und ich nur einen Redeanteil übernehmen muss. Das tue ich gerne, allein weil das Englisch aller so schlecht ist, dass ich locker punkten kann. Dann werde ich also nach nächster Woche entscheiden, ob ich im Modul bleibe.

Spontan gehe ich mit Sidd ins Gym, Schultern trainieren. Ein paar Indonesier von der BBQ-Feier am Samstag erkenne ich wieder. Sie stellen mir einen Freund vor, Mars, der Deutsch studiert und mit dem ich ein paar Worte wechsle. Mir fällt erneut auf, dass Sidd bei der Ausführung vieler Übungen mit dem ganzen Körper wackelt, also Schwung holt, um das Gewicht stemmen zu können. Da er mich auch schon korrigiert hat, merke ich es subtil an, indem ich es allgemein formuliere, aber er versteht es irgendwie nicht oder denkt, dass er schon eine saubere Ausführung hat. Egal, soll er machen, wie er will. Ick sach ja nur. Die Mucke ist heute top, das Tempo und der Vibe passen gut zu den Übungen. Angeblich wird die Musik immer vom Personal hinter dem oberen Tresen bestimmt. Die ersten Male waren das irgendwelche Mädchen, die Coldplay oder Taylor Swift angemacht hatten, heute sitzt da ein Junge, den ich auch schon trainieren sehen habe.

Von Sky erfahre ich später, dass der Junge, dessen Traueranzeige auf Instagram die Runde gemacht hatte, ein indonesischer Austauschstudent war (den Sky aber nicht kannte) und der an einem Wasserfall ins Nasse gefallen ist. Dabei konnte er genauso wie sein anwesender Freund nicht schwimmen und der Notarzt ist zu spät gekommen. Richtig krass, wie sowas einfach passieren kann.

Eine Bemerkung zu meinem Abendessen von 7/11 hat Sky auch noch: Er würde sich ebenfalls gerne ein Aufwärmgericht holen, allerdings sagen seine Freunde ihm, dass da zu viele Konservierungsstoffe enthalten sind. Wenn die Indonesier, die den ganzen Tag Instant-Nudeln essen, das schon sagen, sollte ich mir vielleicht wirklich Gedanken machen…

Abendessen mit Netflix

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