Freitag, 3. Oktober

Eigentlich wollte ich wieder mit Ihsan zu seinem KI-Kurs gehen, aber als er mir morgens schreibt, dass es „zeitlich knapp“ wird, was auch immer das heißen mag, drehe ich mich auch lieber nochmal auf die Seite und zerstöre ein paar Gegner in Clash Royale.

Byran, den ich gestern beim Training kennengelernt habe, schreibt mir, dass wir schon diesen Sonntag nach Tainan fahren könnten. Er will sowieso seine Großeltern besuchen, und da am Montag das „Moon Festival“ stattfindet, lädt er mich zum gemeinsamen Abendessen mit der Familie ein. Schon bemerkenswert, ich kenne ihn schließlich seit gerade einmal 12 Stunden. Vermutlich weiß er sehr genau, welche Erfahrungen im Auslandssemester die wertvollsten sind, war er doch selber letztes Jahr in Wien.

Damit ich aus den Kissen komme, mache ich mich auf die Socken in die Stadt. Sebastian und Anna wollen eine Chinesisch-Session einlegen, in die ich mich gerne einhänge. Normalerweise kann ich besser alleine lernen, aber hier im Chill-Paradies benötige ich eine gewissen Grundmotivation.

Das Megafon liegt immer noch vor der elektrischen Dorm-Eingangs-Schiebetür und tönt vor sich hin. Wie es da so vor sich hintönt, gibt es mir leicht postapokalyptische Vibes. Ich verstehe auf jeden Fall, warum diejenigen Taiwanesen, die sich ein eigenes Apartment leisten können, das auch tun. Die Regelungswut im Wohnheim ist ziemlich lästig, ständig werden Lebensmittel aus den Kühlschränken geschmissen, Leute in der riesigen Chatgruppe ermahnt, mit Strafen versehen (welche auch immer) und jetzt wird uns auch noch das Recht auf freie Türöffnung genommen! Was kommt als Nächstes, Aufforderungen zur Denunziation?

Nicht nur wegen des anstehenden Feiertages höre ich mir im ÖPNV „The Dark Side of the Moon“ an. Ein Freund hatte mir das Album kurz vor meinem Abflug gezeigt und es ist einer meiner letzten musikalischen Eindrücke. Allgemein habe ich, seit ich hier bin, kaum Musik gehört. Eine mehr oder weniger bewusste Entscheidung, angefangen hatte das eigentlich schon im Juli in Berlin. Es war ein Versuch, aus der reizüberfluteten Welt des Alltags zu entkommen, richtig genossen hatte ich Musik schon gar nicht mehr. Also in einzelnen Momenten durchaus, aber oft hat sie als Lückenfüller gedient, auch um unliebsame Gedanken zu verdrängen. In Taiwan musste ich mich bisher aber auch nicht zwingen, Ohrstöpsel außen vor zu lassen. Meine AirPods musste ich erst nach knapp zwei Wochen zum ersten Mal aufladen, garantiert ein persönlicher Rekord. Die neuen Eindrücke waren sowieso so stark, dass das Bedürfnis nach Musik nachgelassen hatte. Außerdem verhindert man mit Kopfhörern sehr effektiv, in Kontakt mit anderen Leuten zu treten, was in einem gänzlich unbekannten Land volle Kanne nach hinten losgehen kann. So viele Begegnungen sind in meiner bisherigen Zeit zufällig entstanden. Okay, nicht unbedingt in Bus und Bahn, aber das Beobachten meiner Umwelt hat auch so Spaß gemacht. Im Zug hin und zurück von Taichung vor drei Wochen hatte ich lange Zeit am Stück Musik gehört, Mike Oldfield, und ab und zu jetzt beim Rasieren für ein paar Minuten, aber das war’s eigentlich. Natürlich war ich trotzdem viel am Handy, ich bin keinesfalls ein frommer Eremit geworden, der die absolute Kontrolle über seine Triebe erlangt hat. Gerade beim Blog Schreiben sitze ich nicht nur abends im Bett, sondern auch tagsüber viel am Handy und sortiere Fotos oder fange schonmal an. Außerdem lese ich weiterhin viel deutsche Zeitung und schreibe natürlich mit Leuten auf Instagram und Line.

Was das Album jetzt angeht, werde ich fast emotional, während ich es höre. Klar handelt die Musik auch von metaphysischen Themen, die einen um den Verstand bringen sollen, aber dass ich generell so wenig höre, verstärkt die Wirkung der Klänge definitiv. Ich bin einfach nicht mehr so abgestumpft. Insofern ist es richtig toll, einzutauchen und die Lebensfragen der 70er auf mich wirken zu lassen.

Nach dem Album reicht es aber auch, bei Buggi und Anna ist Pauken angesagt. Die beiden haben sich schon Karteikarten gebastelt und lernen sogar mithilfe von Speisekarten aus Restaurants. Sehr gute Idee! Etwa eine Stunde sitzen wir am Küchentisch und schreiben bzw. lernen Vokabeln, die wir mutmaßlich heute Abend im Kurs brauchen werden. Ich widme mich vor allem Phonetikregeln, die Auskunft darüber geben, wie die Vokale nach bestimmten Konsonanten ausgesprochen werden müssen und nach welchen Konsonanten auf andere Weise.

Vor der Stunde wollen wir noch trainieren gehen im Gym des Jiangong-Campus, das immerhin einige Stunden am Tag geöffnet hat, ganz im Gegensatz zu dem am First Campus bei mir. Wir essen schnell eine Gemüsebox (wirklich eine Box mit Gemüse, nicht mit Döner verwechseln) in einem Laden um die Ecke, dann geht’s los.

Schnelles (und gesundes) Mittagessen

Das Gym am Jiangong-Campus liegt im Kellergeschoss und strahlt einen gänzlich anderen Vibe aus als das am First Campus. Vor dem Eingang muss man seinen Studentenausweis abgeben und über einen Sensor legen, der die Anwesenheit registriert. Neben einem Tanzraum und einem Tischtennisraum ist da der Kraftraum, das Gym selbst. Es wird keine Musik gespielt, dafür gibt es drei große Bildschirme an der Decke, die ausgeschaltet sind. Der Raum ist quadratischer und insgesamt ein klein wenig größer als der bei mir. Die Spiegel an jeder Wand sind zwar hilfreich, es gibt aber in der Mitte so viele Maschinen (während am First Campus jede Maschine genau einmal existiert), dass man nicht überall in den Spiegel schauen kann. Durchaus ein Manko. Jetzt, um halb drei ist das Gym kaum gefüllt. Ein paar Pumper mit AirPods in den Lauschern sind da, ein ganz Großer trainiert in Jeans und superengem Tanktop seine Oberarme.

Graffiti am Eingang: Hat mich jemand beim Bogenschießen gemalt?
Gym am Jiangong-Campus
Waage nach dem Essen und mit Klamotten – ich habe stark abgenommen, war dieses Jahr bereits auf über 80kg…

Buggi und Anna packen jeweils eine karierte Seite Papier aus, auf der fein säuberlich eine Tabelle mit den Übungen gelistet ist, die sie regelmäßig machen. Deutscher kann man im taiwanesischen Gym eigentlich nicht sein, aber das juckt hier keinen. Ich habe selber keinen Trainingsplan, also hänge ich mich einfach mit ran. So lange es keine Übungen für meine muskelkatergeplagten Beine gibt, bin ich gut bedient. Glücklicherweise ist der Plan von Sebastian für Discopumper ausgelegt, ein perfektes Match also.

Die Übungen machen Spaß, vor allem wegen der neuartigen Geräte. Die Gewichtsscheiben gleiten sanft über die Stangen, nur der Grip am Latzug lässt deutlich zu wünschen übrig. Mir gefällt, dass viele Maschinen mit Griffen für beide Hände die jeweiligen Parts manuell bedienbar gemacht haben, das stärkt das Gleichgewicht. Buggi startet ohne großartiges Warmup seine Übungen; die Gewichte sind für mich meistens die Warmup-Runde, bevor ich es so hoch stelle, dass ich damit maximal acht Wiederholungen schaffe. Er trägt nach jeder Übung auf seinen Karozettel ein, wie viel Gewicht er geschafft hat, um über die Trainings hinweg eine Vergleichbarkeit zu schaffen. Dabei habe ich das Gefühl, dass er an den Maschinen deutlich mehr Power bzw. höhere Gewichte nehmen könnte. So richtig Zähne zusammenbeißen sehe ich ihn nicht. Er sagt mir, dass ich ihm sagen soll, wenn ich Anmerkungen habe. Bei der Ausführung eigentlich nur, wie er die Hände an die Griffe anlegt, ansonsten nichts, ich bin ja auch kein Profi.

Am Schluss wollen wir noch Klimmzüge machen, die Maschine/Stange ist dafür aber denkbar ungünstig gebaut. Entweder man nutzt einen eigentlich zu weiten Griff, oder man wird gezwungen, seine Arme nach innen oder außen zu drehen und eine geriffelte Metallfläche zu nutzen. Am weiten Griff schaffe ich zehn saubere und zwei weitere mit Schwung, dann bin ich durch. Für etwa eine Stunde Training ganz gut, ich bin zufrieden.

Am Eingang steht ein Blutdruckmesser, wie ich ihn zuletzt letzte Woche Montag im Krankenhaus gesehen habe. So teuer scheinen die Dinger nicht sein zu können, wenn sie so oft einfach herumstehen. Schon bzgl. des Krankenhauses hatte irgendjemand die Idee, dass damit vor allem die Assistenten beschäftigt werden sollen. Mehrfach den Blutdruck eines Patienten zu messen, schadet ja nicht, kostet ein paar Cent Strom und wirkt sehr professionell. Anna erklärt uns, was die Werte bedeuten. Das Gerät misst anscheinend den oberen und den unteren Blutdruck, indem es den Arm mehrfach abquetscht. Der Werte geben an, mit welchem Puls dein Herz schlagen muss, um den Körper mit ausreichend Blut zu versorgen, wenn ich das richtig verstanden habe. Gute Werte sind wohl um die 80 und 130; da bin ich mit ca. 90 und 140 leicht drüber, genau wie Sebastian. Anna selbst hat zu ihrem eigenen Erstaunen die höchsten Werte mit 100 und 150. Es könnte aber auch an dem hinter uns liegenden Sport liegen.

Blutdruck testen – dafür könnte man auch eine eigene Tabellenspalte eröffnen

Bevor wir weitermüssen, geht’s unter die Gymdusche, die vom Raumdesign sehr an mein Dorm erinnert. Allerdings stinkt es hier unnormal krass nach Kläranlage, hundertprozentig sauber fühle ich mich im Anschluss irgendwie nicht. Die Wechselsachen stellen aber ein gutes Gefühl her. Auch der Proteinshake, den ich von den beiden bekommen habe, tut gut.

Eine verpasste Bahn lässt uns zu spät zum Unterricht erscheinen. Inhaltlich kein Problem, denn wie jede Woche sollen wir zu Anfang zwei Runden im Radical Matching Game spielen, eine Arr Online-Memorie für die Schriftzeichen und ihre englische Bedeutung. Das Spiel habe ich längst durchgespielt, und den obligatorischen Beweis-Screenshot für die Line-Gruppe kopiere ich einfach vom letzten Mal.

Wir wiederholen einige Phrasen der letzten Male und lernen ein paar neue Wörter wie „yào“, was „wollen“ bedeutet. Wir üben, in einer Behörde Fragen nach unseren Namen zu erkennen und entsprechend zu antworten.

In der Pause holen wir uns im 7/11 ein paar kleine Snacks. Sebastian will, dass wir alle Einkäufe zusammen an der SB-Kasse einscannen. Mit Ironie in der Stimme sagt er „Ich würde dich einladen“ und spielt auf meine von ihm ausgeschlagene Einladung am Dienstag an. Die Sache beschäftigt ihn wohl, denn der Joke macht diesen Abend noch ein paar Mal die Runde. Soll mir recht sein. 1100 Kalorien Walnusskäsebrot sollten mich für die zweite Hälfte der Stunde sättigen.

Schließlich verbringen wir die Zeit mit dem Lernen, wie man chinesische Schriftzeichen schreibt. Vier simple Regeln legen fest, welche Striche vor oder nach anderen folgen: von links nach rechts, von oben nach unten, von außen nach innen und der unterste Strich zuletzt. Welche Prioritäten die Regeln untereinander haben, verstehe ich noch nicht, aber es erleichtert das Schreieben bereits jetzt ungemein.

Vier goldene Regeln der Schriftzeichen-Schreibweise

Übungsweise gehen wir als Klasse einige gemeinsame Zeichen durch. Frau Peiti zeigt uns eine Website (https://stroke-order.learningweb.moe.edu.tw/searchW.jsp?ID2=1), mithilfe der wir jedes einzelne Zeichen schreiben üben können. Hausaufgabe bis zum nächsten Mal: den eigenen Namen schreiben können, ohne abgucken zu müssen. In der Anwesenheitsliste sollen wir uns ab sofort nicht mehr mit unserem english name, sondern mit dem chinese name einschreiben. Zum Üben bekommt jeder einen auf sich zugeschnittenen Übungszettel, der neben Standardschriftzeichen auch die unseres jeweiligen Namens enthält. Die Übungskästchen haben ein Kreuz in der Mitte, um die Dimensionen der Striche besser abschätzen zu können.

Übungszettel Schriftzeichen – die untersten drei bilden meinen Namen

Sascha hat sich während der Stunde herausgestohlen, als hätte er wieder ein geheimes Treffen, und Ihsan ist heute mit Luca nach Taipei gefahren, also bleibt am Ende der Stunde neben Anna, Sebastian und mir noch Minda. Wir fahren in die Stadt und schlendern lange durch die Straßen. In einem Index (indonesischer Supermarkt) kaufen wir ein paar Snacks, nur um etwas Neues auszuprobieren. Nach einer Weile landen wir auf dem Liuhe Night Market an der Formosa Boulevard Station.

Buggi und ich gönnen uns ein frisch gezapftes Taiwan Beer und „stoßen“ auf den Tag der Deutschen Einheit „an“. Minda ist ganz interessiert an der deutschen Nationalhymne, aber komischerweise hat Anna keine Lust, sie auf dem Night Market anzustimmen. Ein von Minda rausgesuchtes Video auf YouTube spielt sogar die zweite, verbotene Strophe. Dafür bekommt sie andere Infos über Deutschland, z.B. über die Spaltungen von Aldi Süd und Aldi Nord, Puma und Adidas, Hans im Glück und Peter Pane. Ich verliere eine 150$TD-Wette gegen Buggi, dass es mindestens eine Aldi- oder Lidl-Filiale in Taiwan gibt. Wenn es Carrefour gibt, warum nicht? Aber gut, 150$TD sind zum Glück nicht ganz so viel.

Frisch gezapftes „Taiwan Beer“

Eine taiwanesische Familie sitzt neben uns und die Tochter spricht uns an. Wir rätseln im Nachhinein, ob der Junge neben ihr ihr Freund oder ihr Bruder ist. Sie wollen wissen, woher wir kommen und die Mutter, die Mandarinlehrerin ist, zeigt uns stolz einen Mantelduft namens „China Öl“, der aus Deutschland kommt und den in Taiwan viele Leute kennen, wir allerdings nicht.

Auf dem Rückweg unterhalte ich mich mit Minda, die auch ins Dorm muss, über Musik. Ich wollte ihr eigentlich erzählen, dass ich hier kaum Musik höre, aber letztendlich will sie die Musik haben, die ich sonst so höre. Mit meinen AirPods hören wir meine Lieblingssongs durch und sie ist tatsächlich begeistert. Ihre Art ist sowieso sehr expressiv, und das zeigt sie auch beim Hören von Musik. Schon nach ein paar Sekunden eines Tracks leuchten ihre Augen und sie notiert sich den Namen des jeweiligen Tracks. Wir hören Parov Stelar, Sandra, TwentyOnePilots und TwoDoorCinemaClub.

Das Megafon vor dem Dorm ist zum Glück verschwunden, von innen steht jetzt ein riesiges Aufstellschild mit den Hausregeln vor der versperrten Tür.

Absurde Hausregeln

Unter anderem wird noch einmal deutlich auf die Verbote hingewiesen, bspw. ja keine Küchengeräte im Zimmer zu benutzen. Bei Verstößen bekommt man Abzug in einer Art Punktesystem, das für die Schullotterie nächstes Semester eine Rolle spielt und wird angeblich definitiv aus dem Dorm geschmissen. Gleichzeitig ist jede Art von Glückspiel verboten und wird ebenfalls hart bestraft. Nicht nur wird explizit Poker untersagt, auch die Brettspiele Mahjong und Schach werden im gesamten Dormitory untersagt. Außerdem wird aufgezeichnet, wenn man zu spät nach Hause kommt. Zwischen 0:00 Uhr und 6:00 Uhr gilt aus zu spät. Bei über zehn Malen zu spät sein werden die Eltern kontaktiert, was auch immer das bedeuten soll. Ich habe dafür wirklich keine Worte mehr, alter Falter. Wir sind doch kein Kindergarten oder etwa doch??

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