Am Wochenende muss man sich ja immer außerhalb des Campus um Essen kümmern. Mike fragt mich, ob ich zusammen nach etwas zu Mittag suchen will, also ziehen wir los. Vor den Campustoren probieren wir einen Nudel-Laden, der echt annehmbare Sachen anbietet. Die Portion ist zwar etwas klein, aber es reicht fürs Erste aus.

Zuhause schiebe ich noch ein zwei Brötchen hinterher, die ich als Notvorrat gelagert hatte. Ich probiere mich dann an dem Vortrag, den ich in meinem Englischkurs halten muss, gebe aber schnell auf, die Motivation ist einfach nicht da.
Ich verspüre das starke Bedürfnis nach Aktivität, also gehe ich meine Google Maps-Liste durch mit Orten in der Nähe, die ich noch sehen will und finde eine Wanderroute nicht weit nach Osten. Als Sky sich auf den Weg macht, erzählt er mir, dass er ausnahmsweise mal nicht mit seinen indonesischen Freunden abhängt, sondern sich den Sonnenuntergang anschauen will. Allerdings alleine, er braucht „me-time“. Na gut, dann gehe ich eben alleine.
Der Bus braucht nicht lange, um mich am Stadtrand rauszuschmeißen, wo am Straßenrand Kuhställe, Motorradwerkstätten und Räume mit lauter Musik zu sehen sind. Viele alte Leute, manche singen Karaoke (das ist äußerst beliebt hier), andere spielen Karten zu viert. Fast bin ich versucht nach dem Spiel zu fragen, aber ich will weiter. Am Rand der Besiedelung treffe ich auf einen Tempel, was auch sonst, und eine sehr schön breite Pagode. Das bisschen Tourismus wird total ausgenutzt, bei sehr wenig Besuchern gibt es trotzdem eine Menge Stände, die Souvenirs und Essen verkaufen.


Eine Männergruppe mit Wanderstöcken frage ich nach dem Wanderweg, einer sagt etwas aus Chinesisch und weist mir die Richtung. Auf einer Art Parkweg geht es erstmal am Berg- bzw. Waldrand entlang, dann auf eine Straße und erst später biegt ein richtiger Wanderweg zur Seite ab. Einen konkreten Berg auf Google habe ich mir gar nicht ausgesucht, nur die Region, also hoffe ich einfach, etwas Gutes zu finden.



Blöderweise merke ich beim Laufen mein linkes Knie. Ein merkwürdiger Schmerz, nichts Äußeres, eventuell eine Überbelastung durch die Leichtathletik-Trainings unter der Woche. Besonders anstrengend ist die Route zum Glück nicht, vor allem Rentner und ein paar wenige Familien sind unterwegs. Schon nach wenigen Minuten sehe ich die Dächerlandschaft der Stadt, die sich rasant ausweitet. Zuerst eine Richtung, dann wechselt die Seite und schließlich kann ich in fast jede Richtung gucken.

Nach einem Rastplatz zweigt die finale Route ab, ein sehr schmaler Treppenpfad mit Geländer links und rechts zum Festhalten. Immer wieder bleibe ich stehen, um die Aussicht zu genießen und lass mich überholen. Ich bereue nicht, extra früher losgegangen zu sein, um vor dem Sonnenuntergang noch etwas Zeit zu haben.

Mehrere Stellen haben kleine Bänke oder sogar kleine Reckstangen, an denen man theoretisch Workouts machen könnte. Zwei Runde Hin- und Herhangeln probiere ich aus, bevor ich feststelle, dass eine Stange lose ist und fast aus dem Holz rausfällt. An einem Barren mit besonders guter Aussicht stoppe ich, bis ein freundlicher Herr mir zu sagen versucht, dass die Aussichtsplattform nur ein paar Meter weiter ist. Ich danke ihm, allerdings ist der Blick von der Plattform deutlich eingeschränkter, und es sind mehr Leute am selben Fleck. Den höchsten Punkt habe ich hier wohl erreicht, aber weil ich noch Zeit habe, gehe ich in die andere Richtung weiter, sodass ich später wiederkommen kann. Die meisten Wanderer grüßt man mit einem freundlichen Nicken oder einfach mit „nǐ hǎo“. Viele sind zu zweit unterwegs und die, die es nicht sind, haben meistens etwas über ihre Handylautsprecher laufen, Musik oder Podcasts, Radio, … Ich folge den Schildern, die auch auf Englisch sind und gelange an einen sogenannten „Pavillon“, der allerdings mehr nach Obdachlosenzelt aussieht. Eine Frau sitzt in ihr Smartphone vertieft auf einer Bank, die unter einem provisorisch aufgespannten Zeltdach steht.

Als ich an ihr vorbeilaufe, fühle ich mich, als würde ich durch ein fremdes Haus gehen. Auch danach wirds nicht besser. Ein Abstieg, begleitet von Drähten und Spannvorrichtungen in den Bäumen, eine Leiter liegt quer durch die Äste, und schließlich lande ich auf einem kleinen Platz mit einem weiteren Zeltdach. Autoreifen, bunter Stoff und jede Menge Plastik vervollständigen das Ambiente.
Da kehre ich lieber um und gehe wieder zur Stelle mit dem Barren. Eine gute Stunde habe ich noch, jetzt kann ich endlich mal wieder zeichnen. Im Vordergrund der Weg und die umgebenden Pflanzen, rechts und links davon die Aussicht in die Ferne. Je näher wir dem Sonnenuntergang rücken, desto mehr Leute zieht es her. Ein paar Rentner chillen sich dazu, einer von ihnen fragt mich schließlich, ob ich Chinesisch verstehe. Außer ein paar Wörtern leider nichts, aber das macht nichts. Ich versuche mich trotzdem daran zu sagen, dass ich Deutscher bin und und ein paar andere Wörter, aber traurigerweise ist mein Versuch nicht verständlich. Die Sonne sinkt tiefer und auf einmal werde ich von Moskitos zerstochen. Ich verfluche mich schon selbst, weil ich wieder vergessen habe, Spray mitzunehmen, da bietet einer der Herren mir ein kleines Fläschchen mit Öl an, das dagegen helfen soll. Er zeigt mir pantomimisch sehr exakt, an welchen Stellen ich mich einreiben soll, als wäre ich ein kleines Kind, aber er meint es bestimmt gut. Das Öl riecht sehr erfrischend nach Pfefferminze und brennt auf der Haut wie die Hölle. Wahrscheinlich wegen dem enthaltenen Alkohol, dasselbe Gefühl hatte ich zuletzt am Sun Moon Lake, an dem es einen Gratisspender mit Moskitospray gab.
Die Seniorengruppe kommt jeden Tag hier rauf, sie hoffen, mich nochmal antreffen zu können. Weil ich so mit Zeichnen beschäftigt bin, verpasse ich, rechtzeitig ein Bild von der am Horizont glühenden Sonne zu schießen, bevor diese hinter den trüben Wolken der Ferne schwindet. Zu meiner Zeichnung passt diese Szenerie besser, wirklich golden ist der Himmel da auch nicht geworden. Schlimm ist das mit dem Foto eigentlich auch nicht, jetzt habe ich „nur“ eine schöne Erinnerung, die ich mit niemandem physisch teilen kann.
Der Englisch sprechende Herr warnt mich netterweise vor der Dunkelheit, ich trete aber sowieso den Heimweg an. Wir verabschieden uns. Auf dem Abstieg muss ich mal dringend und fühle mich schon wieder sehr kriminell, in die Natur zu urinieren. Ich bin fest davon überzeugt, dass man sowas hier nicht macht, so vorsichtig, wie die Leute auf den Wanderwegen mit der Natur umgehen.
Der Rückweg führt mich über den Dashe Night Market, ein weiterer auf meiner Liste. Er schlängelt sich an einer Hauptverkehrsader des „Dashe District“, neben Kuchen-, Fisch-, Schmuck- und Eisständen wird hier auch Kleinfeuerwerk angeboten, das anlässlich des baldigen Moon Festivals verkauft wird. Über den Abend hinweg höre und sehe ich in den Straßen ganz viele Explosionen und Rauch. Kinder mit ihren Eltern und Jugendliche zünden, was das Zeug hält, allerdings in Phasen mal mehr, mal weniger. Auf einen konkreten Zeitpunkt hin wie an Silvester wird anscheinend nicht gefeiert, jedenfalls nicht heute.

Nach langem Überlegen und Anschauen des Angebots entscheide ich mich für eine Tintenfischsuppe, die ein sehr gutes Preis-Mengenverhältnis hat. Erst will ich die irgendwo hin mitnehmen, entscheide mich aber, an einem Tisch neben dem Stand Platz zu nehmen. Der Inhaber, der kein Wort Englisch spricht, freut sich sichtlich, als ich mich hinsetze und kommt mit einem Teller Essen zu mir. Ohne zu fragen, sondern nur mit einem großzügigen Lächeln kippt er mir ein paar Fleischbällchen in die Suppe und zeigt mir einen Daumen. Ein paar Sekunden später stellt er mir eine Platte mit noch mehr Fleisch daneben. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht, aber sage „xièxiè“ und denke mir, dass ich das Fleisch am Ende ja übrig lassen kann. Dafür, ihm zu sagen, dass ich es nicht essen will, ist es eigentlich zu spät, dann müsste er mir eine neue Suppe machen. Und die Geste ist sehr freundlich gemeint, ich will ihn nicht verletzen. Blöderweise bleibt er aber stehen und zeigt begeistert auf das Fleisch. Na gut, sage ich mir, was in Taiwan passiert, bleibt in Taiwan. Zumindest die kulinarische Erfahrung. Ehrlich gesagt schmeckt das Ganze aber nur so semi. Was mich besonders wundert, ist, dass die „Tintenfischsuppe“ genannte Suppe weniger Tintenfisch enthält als das reingekippte Fleisch.

Zum Nachtisch hole ich mir noch ein Eis, das aus einer undefinierbaren Grundmasse (irgendwas zwischen gefrorenem Wasser und tatsächlichem Speiseeis) und einem Soßentopping besteht. Dazu ein Löffelstrohhalm, als beides nutzbar. Damit setze ich mich in einen nah gelegenen Park und genieße die Abkühlung bei einer angenehmen Grundwärme von etwa 29 Grad.

Der Park ist interessanterweise voll mit Gestalten, die auf Bänken oder dem Boden neben Gebäude hängen und schlafen. Allerdings nicht asi genug, um die Familien auf dem Spielplatz direkt nebenan zu verschrecken, also mache ich es nur auch auf einer Bank gemütlich.
Ein Mann, den ich zu den zuvor genannten Gestalten zählen würde, schiebt sein Fahrrad an die gegenüberliegende Bank, schnauft sehr laut und fällt quasi in die Liege, während er durchwegs an einer Zigarette zieht. Er schaut etwas verwirrt umher und nach weniger als fünf Minuten fängt er an zu schnarchen wie ein Traktor.
Zurück zuhause, Sky erzählt ganz aufgeregt von seiner Tour alleine. Ich bekomme jedes Bild gezeigt, das er geschossen hat, und wie hoch die Wellen am Hafen erst waren! Wahnsinn, wie aufregend! Ich glaube, der Junge hat zum ersten Mal einen Ausflug alleine unternommen. Sage ich, der ihm diese Erfahrung gerade einmal vier Wochen voraus hat.
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