Bevor die heutige Action startet, zwinge ich mich unter größter Mühe, ein kleines bisschen für die eine Präsentation im Englischkurs, die wir im ganzen Semester halten müssen, vorzubereiten. Alles was geht, lasse ich (wie ausdrücklich vom Lehrer erlaubt übrigens) von ChatGPT anfertigen. Kein Quellencheck, kein gar nichts. Die bisher geleistete Arbeit meiner Gruppenpartnerinnen lässt auch nicht unbedingt auf gute Recherche schließen. Das Modul ist mir so schnurzegal, die Präsentation mache ich eigentlich nur mit, um die beiden Mädels nicht im Stich zu lassen. Nachdem ich das Allernötigste getan habe (ein paar Seiten komplett unformatiert ohne Design hinter die bestehenden geklatscht), lehne ich mich lieber nach hinten um chille, bis ich abgeholt werde.

Um 12 Uhr steht Byron (und nicht Byran, wie ich erst dachte) mit seinem fetten weißen SUV vor dem Dorm, um mich einzusammeln. Eigentlich wollte er mich nach Tainan mitnehmen, was nur etwa eine halbe Stunde Autofahrt entfernt ist, aber heute ist einer der Tage des Moonfestivals bzw. des Mid Autumn Festivals, wie es auch viel genannt wird; und daher bin ich dazu eingeladen, mit seiner Familie zu essen. Das ist allerdings erst abends, vorher will er mit mir etwas essen gehen und Billard spielen, weil wir darüber neulich geredet haben.
Zuerst fällt es uns beiden etwas schwer, in eine Konversation zu kommen, eigentlich kennen wir uns auch nur von zwei Stunden Leichtathletiktraining in der Gruppe. Er entschuldigt sich für sein Englisch, er habe es schon lange nicht mehr sprechen müssen. In Taiwan, besonders in Kaohsiung, gibt es einfach nicht so viele Ausländer, mit denen man Englisch reden könnte. Anders als in Europa, wo sich (auch an der BHT) die Asiaten nur so tummeln. Wir kommen dann aber nach und nach besser rein. Auf der Rückbank liegen zwei Gegenstände, die wie Geigenkästen aussehen, tatsächlich befinden sich darin aber Billard-Kös. Er hatte schon erzählt, dass er in Wettbewerben teilnimmt, da scheint er nicht übertrieben zu haben. Auf dem Weg durch die verkehrsreichen Straßen Nanzihs und Dashes reden wir viel über Sport. Als Byron in Österreich war, hat er angeblich kein einziges Stadion zum Trainieren gefunden. Dafür hat er hier in Taiwan sechs Paar Spikes. Sechs! Klar, für Hochsprung, Weitsprung, 100 Meter, 400 Meter, 1500 Meter und für Speer, ist doch logisch. Immer mehr bestätigt sich Sebastians Verdacht, der aus meinen Erzählungen geschlussfolgert hatte, Byron sei ein reiches Schnöselkind. Eigenes Auto, die Kös hinten drin, ein teures Rennrad, übermäßig viel Sportausrüstung. Und das ist nur das, was ich bisher weiß.
Ich spreche ihn auf die Politik-Plakate an, die man in der Stadt überall sieht, schon seit ich hier bin, sind die mir aufgefallen. Drei Männer nebeneinander, jeder vor einer anderen Hintergrundfarbe. Zwei ballen die Faust, einer schaut einfach in die Kamera. Bisher dachte ich, es wäre eine Art von Wahlwerbung für ein TV-Duell, aber in Wirklichkeit ist das die Dauerwerbefläche einer Partei, der regierenden, wenn ich Byron richtig verstehe. Ein Mann ist der Präsident des Landes, ein anderer der Bürgermeister von Kaohsiung und der letzte eventuell eine Art Finanzminister? Vom Präsidenten hält Byron nicht, seiner Meinung nach werden die Leute, die in der (hiesigen) Politik an Macht gelangen, schnell korrupt bzw. kümmern sich nur noch ums Geld. Das höre ich nicht zum ersten Mal. Den Bürgermeister Kaohsiungs findet er allerdings toll, ein guter Typ. Das die beiden aus der selben Partei kommen, macht da nichts aus, schließlich schaut Byron auf Taten, nicht auf Parteibücher. Das Blödeste an der Politik sei, dass sich die mächtigsten Menschen dort nicht um die wichtigsten Probleme des Landes kümmern. Die da seien? In erster Linie die niedrige Geburtenrate. Die Antwort überrascht mich, für einen 22-jährigen ist sowas doch ein abstraktes und weit entferntes Thema, oder etwa nicht? Aber es stimmt ja auch, das Land hat eine extrem niedrige Geburtenrate, Kleinkinder sieht man kaum. Wer eins und eins zusammenzählt, kommt auch schnell von alleine darauf, dass eine Gesellschaft jungen Nachschub braucht, um das System mit den vielen Alten am Laufen zu halten.
Das Restaurant, zu dem wir fahren, liegt an der Hauptstraße, die in den Dashe-District führt. Ein Haus wie jedes andere, im Erdgeschoss ein großer Raum mit Tischen und einer Theke, hinter der sich eine Küche versteckt. Über den QR-Code auf dem Tisch bestellen wir unser Essen, eine Art Hot Pod, allerdings bereits als fertige Suppe, auch genannt… Suppe. Für mich mit Fisch, ohne Fleisch gibt’s natürlich nicht. Auch eine all you can eat-Selbstbedienungstheke gibt es mal wieder, von der wir uns direkt Reis als Pre-Snack und wintermelon tea (sehr zu empfehlen!) holen. Es gibt auch zuckerfreien grünen Tee, aber das ist Byron zu krass. Er beschreibt sich selbst mehr oder weniger als Schleckermaul, isst für sein Leben gerne süße Sachen. Über meinen Reis gieße ich reichlich Öl, das sich allerdings als saurer Rachenbeißer herausstellt. Extrem im Nachgeschmack, macht es den Reis praktisch ungenießbar. Ganz ohne Not hatte ich meine Schüssel auch noch bis zum Rand gefüllt, der alte Mensareflex. Sehr unangenehm, den Inhalt wegstellen zu müssen.
Wie für mich ist es Byrons erste Mahlzeit des Tages; trotzdem ist er schnell satt. Manchmal esse er nur ein Gericht am Tag, wenn er zu faul ist, sich noch etwas zu holen. Das ist laziness next level! Fühle ich aber irgendwie. Manchmal ist die Energie einfach raus. Heute früh zum Beispiel, die Mensa hat sonntags zu, wollte ich mich nicht außerhalb des Campus begeben und habe stattdessen indonesische Gummibärchen gefressen. Auch jetzt ist er schnell satt, ich brauche mit den Stäbchen etwas länger. Blöderweise bleibt bei diesen Suppen immer etwas übrig, weil man es in der Tiefe des Wassers nicht mehr erkennt und dann übersieht. Die ganze Suppe löffelt man eigentlich nie aus.
Aus seiner gelben Handtasche zieht mein taiwanesischer Geselle stolz eine große Tüte Marshmellows und eine Tube mit erkennbar süßer Creme, natürlich von Nestle. Für später, sagt er. Abgesehen von seiner Tasche ist er auch sonst sehr schick bzw. reich angezogen. Zwei Armbanduhren, eine davon eine teuer aussehende deutsche, Goldschmuck am Arm, schwarze Anzughose und schwarzes Oberteil. Die Schuhe sind aber wie bei so viele Taiwanesen eine Lachnummer: Die Crocs sind eine Verschmelzung mit Birkenstocks eingegangen, so sehen sie aus. Die Kombination mit dem ansonsten schicken Outfit wirkt echt absurd. Ich bin übrigens ganz froh, dass ich ihm das ausgelegte Geld direkt zurückzahlen kann, ich habe das unterbewusste Gefühl, dass jemand wie er mir viel ausgeben würde. Für den Moment fühle ich mich aber wohl damit, meinen Anteil selber zu zahlen, gerade wo wir uns noch nicht lange kennen und man sich noch nicht als (gute) Freunde bezeichnen könnte. Er fragt mich netterweise, ob er mich in seine Story posten darf und bestätigt mir, dass in Taiwan eigentlich niemand etwas auf Persönlichkeitsrechte am eigenen Bild gibt. Ich hatte mich immer etwas kriminell gefühlt, irgendwo zu filmen, aber es scheint voll in Ordnung zu sein. Er versteht auch quasi gar nicht, warum den Leuten in Europa das so wichtig ist. Ja, gute Frage eigentlich. Intuitiv will ich eigentlich nicht überall von Touristen fotografiert werden, aber exakt begründen kann ich das auf die Schnelle nicht.

Kaum ein paar Hundert Meter weiter die Straße hinauf ist die Billard-Spielhalle. In einem Gebäude, das von außen auch eine Garage sein könnte, stoßen die Kös an die Kugeln, was man schon von draußen hört. Wir bezahlen (175$TD pro Person, anscheinend unbegrenzte Zeit inklusive eines Getränks) und gehen an unseren Tisch. Jetzt wird das ganze Arsenal ausgepackt: Köendstück, die verschiedenen Ausätze für normale Spielzüge und für den Break, einen kurzen Kö für die Tricks (beispielsweise wenn man eine Kugel lupfen muss) und diverse Köverlängerungen für Stellen, an denen man weit zielen muss. Als Byron einen Spezialhandschuh auspackt, muss ich schon lachen, aber auf den zweiten Blick tragen den alle im Saal und ich solle mir auch einen von vorne ausleihen. Der ist für die Hand gedacht, die den Kö vorne stabilisiert, sodass dieser reibungsloser durch oder über die Finger gleiten kann. Ringfinger und kleiner Finger sind ausgespart, so ergibt sich ein einzigartiger Look, der sich beim Tragen durchaus professionell anfühlt. Auch ich soll mir zwei verschiedene Kös holen, für Spielzüge und für den Break. Letzterer ist etwas schwerer und stumpfer in der Spitze, um einen möglichst kraftvollen Anstoß zu ermöglichen. Wie ein solcher aussehen kann, stellt Byron sofort eindrucksvoll unter Beweis. Die Halle donnert und zwei Kugeln gehen sofort in Löcher nach seinem Anfang.
Die Regeln sind hier etwas anders, als ich sie kenne: Man muss jeden Ball, sollte er nicht offensichtlich sein, ansagen, ansonsten hat man im Falle eines Treffers keinen weiteren Schuss. Das soll wohl Zufallstreffer abstrafen. Bei jedem Shot muss eine Kugel entweder reingehen oder die Bande berühren, das verhindert gemeine Abwehraktionen, bei denen man leicht eine Kugel anspielt, um eine schlechte Position für den Gegner herbeizuführen. Wenn die schwarze Kugel reingeht, wird sie einfach wieder aufs Feld gelegt und der Gegner hat einen Freistoß. Alle Kugeln, die beim Break reingehen, zählen noch als neutral, erst ab dem Stoß danach wird die Zugehörigkeit zu halb oder voll bestimmt.
Ein paar kleine Tricks bekomme ich gezeigt: wie meine Füße stehen müssen, in welchem Abstand von der Kugel, die ich schießen will. Den Stoßarm vertikal anheben, wie ich den Kö auf meine Finger legen soll, linke Schulter an die Wange für besseres Zielen usw.
Byron nimmt mich schnell auseinander; was bei mir und Freunden sonst Glückssache ist, geht bei ihm sofort rein. Netterweise nimmt er irgendwann die riskanten Shots, sodass ich zwar Chancen habe, aufzuholen, ihn aber nicht besiege. An den bestimmt 20 Tischen spielen ausschließlich Männer, so durchmischt wie in Berlin ist das hier keinesfalls. An der Wand hinter uns stehen natürlich wieder jede Menge Flipperautomaten, ein älterer Mann wirft Münze nach Münze ein, irgendwie einsam sieht er da aus. Die beiden Bedienungen sind Frauen, eine ältere, der der Schuppen vermutlich gehört, und eine jüngere unseren Alters, die in Cosplay-artigem Outfit rumläuft. Beim Vorbeikommen sagt sie einmal „Hallo!“, sie hat irgendwie mitbekommen, dass ich Deutscher bin. Wenig später bleibt sie bei uns stehen und sagt etwas zu Byron. Er übersetzt: Sie findet meine blauen Augen schön. Ich bedanke mich in meinem besten Chinesisch und frage sie, ob sie mit uns spielen will. Sie ist leider etwas busy, erklärt sie Byron, aber vielleicht nach ihrer Schicht.
Damit die Spiele schnelllebiger werden, spielen Byron und ich jetzt 9-Ball. Die ersten neun Kugeln werden in einer Raute gelegt. Man muss immer die niedrigste Kugel anspielen und wer die 9 ins Loch schießt, hat gewonnen. Entweder macht man alle nacheinander rein und als letztes die 9, oder man probiert sich an einem trickreicheren Schuss, wenn man bspw. die zwei anspielen muss, dass man mit der zwei die neun trifft und reinmacht. Ich habe ziemliches Schussglück und führe 3:0, was Byron in seine Story posten muss. Er freut sich über jeden meiner Treffer, als wäre ich sein Schüler in einem Wettbewerb.

Die Bedienung von vorhin kommt immer wieder vorbei und redet mit Byron, sie scheinen sich auf jeden Fall schon länger zu kennen. So gut, wie er spielt, muss er ja häufiger hier sein. Sie machen mutmaßlich Witze oder erzählen sich lustige Dinge, es wird viel gelacht. Als die Halle beginnt, sich zu leeren, darf sie sich zu uns gesellen und wir spielen eine Variante, bei der jedem fünf Kugeln gehören und das Ziel des Spiels ist, die Kugeln der anderen rauszuschießen, sodass man als Letzter selbst übrig bleibt. Bevor wir loslegen, fragt mich die hübsche Dame ganz langsam auf Englisch, wie ich heiße. Rückfrage: Yana ist ihr Name. Dann wird die Kommunikation aber schon schwerer: „Your turn“ wird erst mit Handgesten verständlich, ein Gespräch kommt quasi nicht zustande. Schon belastend, aber ich versuche, das Spiel zu genießen.
Wir haben bestimmt drei Stunden gespielt, da leert sich die Halle rasant und wir müssen los, Byrons Eltern abholen. Dafür geht’s durch die ganze Stadt, sie wohnen irgendwo zentral. Auf der Fahrt hören wir auf meine Bitte asiatische Musik, die ihm gefällt. Ein Song ist sehr eingängig, „Fly“ von „ANU“, der kommt aus einer chinesischen Bergprovinz und wird in der dortigen Sprache gesungen. Angeblich geht es um einen positiven Blick aufs Leben und dass man immer nach vorne schauen soll, das passt sehr zu Byron.
Seine Eltern steigen hinten ein, sie sind sehr freundlich und daran interessiert, sich mit mir zu unterhalten. Die Mutter spricht besseres Englisch als der Vater, entsprechend ist ihr Redeanteil größer. Sie heißt Aurora, er hat keinen englischen Namen und wird „Wai el“ oder so ähnlich genannt. Er arbeitet als Ingenieur für TSMC in der Nähe von Taipei und kommt nur für Wochenenden nach Kaohsiung. Daher also der vermeintliche Reichtum. Die Mutter macht alle zwei Sonntage einen Freiwilligendienst im Museum für Kultur, dabei kann sie sich die Kunstwerke gratis ansehen. Ich werde nach meiner Familie gefragt. Drei kleine Geschwister beeindrucken und es geht schon wieder um die Geburtenrate. Das Thema beschäftigt viele. Beide Eltern sind 52, die Mutter sagt, ich soll raten, wer von beiden jünger sei. Sie natürlich! „No question at all.“ Die beiden kennen sich seit dem College, sie fragen mich, warum ich Taiwan gewählt habe. Weil meine ursprüngliche Austauschpartnerin vor Angst aus China abgesprungen ist, reden wir kurz über Politik. Die Mutter erzählt, dass erst neulich in China irgendwer umgebracht/verschwunden sei. Ich vermute, es geht um einen ranghohen General in Chinas Militär, darüber hatte ich neulich gelesen. Schreckliche Dinge passieren da, verlauten die Eltern. Dann wechselt das Thema aber schnell wieder. Aurora war 1995 schonmal in Deutschland, auch in Berlin, ein paar Klassiker wie „Guten Tag“, „Dank!“ kann sie noch. Als Byron letztes Jahr im Austausch in Wien war, hat sie ihn mit ihrer Mutter zusammen besucht, im Anschluss einen Urlaub in Ungarn gemacht. Sie schwärmt von Budapest, das auch noch auf meiner Liste steht. Sie fragen mich, ob ich Hunger habe. „A little bit“. Das scheint zu beruhigen, denn Byrons älterer Bruder werde immer sehr „angry“, wenn er „hungry“ ist. Keine Sorge, ich nicht, zumindest nicht so schnell.

Das Haus der Oma befindet sich direkt neben dem Rollfeld des Kaohsiunger Flughafens, möglicherweise habe ich es bei meiner Landung also schon gesehen. In einer kleinen Gasse, in der der SUV gerade so reinpasst, sehen wir den berüchtigten Bruder schon stehen. Dieser ist 24, hat eine etwas klobige Figur, eine knallorangenes Tshirt und sein Gesicht kommt so gar nicht nach denen seines Bruders und seiner Mutter, die für taiwanesische Verhältnisse bestimmt Models sein könnten. Ich werde von ihm quasi ignoriert, er scheint wie angekündigt schlechte Laune zu haben. Die anderen sagen, er hat seine Emotionen nicht unter Kontrolle. „Albert“ soll ich ihn nennen.

Vor dem Haus hat die Familie einen Gartentisch sowie einen Mini-Grill aufgebaut. Ich begrüße die Oma und darf drinnen erstmal das Klo benutzen, in das ich auf Nachfrage auch Klopapier schmeißen darf. Danach werde ich gebeten, auf dem Sofa Platz zu nehmen; ich soll doch bitte schonmal anfangen, Kürbisstücke und in Essig eingelegte rote Zwiebeln zu snacken, während im TV vor mir taiwanesische Nachrichten laufen. Unter anderem hat sich ein psychisch kranker vietnamesischer exchange student an einem Bankraub versucht und wurde von einer Überwachungskamera sofort identifiziert, was Byron zum Lachen bringt. Aus dem Kühlschrank soll ich mir eines der Biere aussuchen. Jedes davon hat 3% Alkohol und eine große Menge Zuckergehalt, mehr vertragen die Taiwanesen wohl nicht.





Auf Anweisung seines Bruders sagt Albert ein schnelles „nǐ hǎo“. Mein erster Eindruck: schwarzes Schaf der Familie, das aber trotzdem alle liebhaben. Während die anderen irgendwie ihre Rolle finden (abgesehen von mir natürlich auch, mein Angebot zu helfen wird freundlich mit „maybe later“ abgelehnt), läuft er durch die Gegend, schaut die ganze Zeit auf sein Handy (auf dem ein Anime läuft) und scheint zu meckern.I
Ich darf mich dann raussetzen, zum Vater und der Oma, die beide den Grill bedienen. Nur einmal im Jahr machen sie das, weil heute das mid autumn festival ist. Mir wird eine Maske gereicht, wegen des minimalen Rauchs, der vom Grill ausgeht. Aus Höflichkeit (?) ziehe ich sie auf, aber irgendwie kommt mir das lächerlich vor und später setze ich sie ab. Man kann es auch übertreiben mit der Gesundheit. Später sagt Byron mir, dass viele Leute aus der Covid-Zeit Masken so sehr gewöhnt sind, dass sie ihr Gesicht nicht mehr zeigen wollen, was ein weiterer Grund für die starke Präsenz dessen im öffentlichen Raum ist. Der Grillanfacher ist ein Werbegeschenk der Grünen Partei Taiwans, die auch die Plakate in der Stadt prägen. Ich finde es absurd, mit den Gesichtern von Politikern Feuer anzufachen; was kommt als Nächstes, Klopapier damit? Die Familie lacht über meine Faszination dafür und schenkt mir den Fächer als „Souvenir“. Na vielen Dank, den kann ich jetzt über meinem Bett aufhängen.
Ich fühle mich etwas unwohl, weil ich als Einziger die ganze Zeit sitze und von allen Seiten bedient werde. Hier und da soll ich als Erster probieren, ob das Essen schon gut durch ist, teilweise bei Gerichten, die ich noch nie gegessen habe. Aber so soll es heute wohl sein, nach und nach setzen sich zum Glück auch die anderen. Es gibt Tintenfisch, Muscheln, Austern, Maiskolben, Bambussprieße, Knoblauchzehen und Chiliölsauße, Fischbällchen, Würstchen (nicht für mich), Tigergarnelen, Gemüsemix, verschiedene Pilze, Melone, Mochi, Marshmellow, Mooncake, Sojadingens. Noch mehr Bier, Wasser, Milchtee aus Tetrapak. Einen Pilz, den ich aus diversen Hot Pods kenne, nennen sie „see you tomorrow“, weil man den nicht gut verträgt. Eine Art Riesenmuschel, „Seeohr“ sagt Google, ist eine Meeresschnecke. Schleimige Konsistenz, aber gut im Geschmack, allerdings vertrage ich sie nicht besonders gut, nach zweien muss ich aufhören.
Albert und seine Mutter fahren mit einem Fahrrad immer wieder kurz weg, um vermutlich Nachschub zu besorgen, sind nach locker zwei Minuten aber wieder da.
Jetzt soll ich das Alter der Oma erraten. Weil die Mutter ja 35 ist, wie sie mit Augenzwinkern sagt, muss die Oma natürlich 50 sein. Nein aber im Ernst, ich rate auf Chinesisch, die Zahlen kann ich schon echt ganz gut. Bei 82 zeigen sie die Daumen hoch, ich tue natürlich sehr erstaunt. Umso mehr, weil gesagt wird, dass sie bei der Europareise vergangenes Jahr jeden Tag über 20.000 Schritte gemacht habe. Das finde ich ehrlich beeindruckend, ich mache ja selber nichtmal so viele, abgesehen von einzelnen Tagen auf Wanderungen. Sport hält jung, sagt die alte Frau.
Die schlechte Laune von Albert legt sich, er stellt einen Mini-Beamer auf und projiziert seine Anime-Serie an das Garagentor. Die Nachbarn ein paar Meter weiter zünden die ersten Feuerwerke. Jetzt fühle ich mich richtig wohl, die Szenerie erinnert mich stark an Sommerabende aus meiner Kindheit in Den Haag, als ich mein Abendessen (Reis mit Ketchup) vor der Haustür im Abendlicht gegessen habe. Ob ich ein Foto vom Vater und der Oma machen darf? Ja natürlich. Die Oma findet sich selbst eigentlich zu hässlich, aber der Vater überredet sie.

Geräusche hört man nicht nur von Böllern, sondern auch von landenden und startenden Flugzeugen. Es ist vor allem der starke Turbinenwind, der das Gefühl erzeugt, man sitze unter einer Eisenbahnbrücke. Nachtruhe an Flughäfen? Fremdwort.
Ein Mann stößt zur Runde dazu. Erst zeigt er Verhalten auf mich, bevor er sich dazusetzt. Er stellt sich mir als Vincent vor, er ist der Cousin der Mutter und wohnt im Norden der Stadt in Zuoying. Ich schätze ihn auf 60, und ich brauche nicht zu fragen, um festzustellen, dass er vermutlich alleinstehend ist, der nette, sehr ruhige Familienonkel. Er hat einen Excel-Bürojob im Verkehrsministerium im Bereich der „highway maintainance“ und viele Fragen zu Deutschland. Ich will ihm ja nicht zu nahe treten, aber wirklich gut „maintained“ sind die Straßen hierzulande nicht besonders. Vielleicht sieht er es ähnlich, denn sein Bild von Deutschland und Europa ist sehr positiv. Über den Abend hinweg beginnen die kurze Gespräche mit ihm immer gleich. Ein „Germany, …“, gefolgt von einer Pause, bis ich mich ihm zugewandt habe. Dann folgt eine langsame Feststellung bzw. Aussage über Deutschland, die ich ihm möglichst bestätigen soll. „Germany, … is a developed country. More than Taiwan.“ Naja, zumindest, seit TSMC eine Fabrik bei Dresden bauen will. Allgemeine Erheiterung. Temperaturen in Deutschland? Im Moment ekelhafte 14 Grad Celsius. Oha, ihr Deutschen nutzt auch Grad Celsius? Ja genau. Ihr habt viele Migranten aus Nahost, oder? Ja, in den letzten zehn Jahren sind viele Menschen aus der Region vor Kriegen nach Europa geflüchtet. Sind die größten Menschen Europas nicht die Niederländer? Meines Wissens nach eher die Montenegriner. Dafür können die Leute aus den „netherlands“ (es ist ihm wichtig, nicht Holländer zu sagen, obwohl sogar das chinesische Wort für Niederländer „Hélán rén“ lautet) das beste Englisch. Stimmt. Besonders interessant ist, dass ich kaum Fleisch esse. Was sagt denn meine Mama, wenn sie etwas gekocht hat und ich kein Fleisch esse? Ach, so oft essen wir gar kein Fleisch. Und wenn doch, gibt es für mich immer die leckeren Beilagen. Also Kuh und Schwein esse ich ja nicht. Aber was ist mit Hühnchen? Auch nicht?? Ja. Deutsches Brot, das sei ja sehr gesund. Viel gesünder als das süße taiwanesische Brot. Aber hallo! Man erzählt sich, dass viele vietnamesische Frauen nach Taiwan einheiraten (tatsächlich hat mein vietnamesischer MB Mike Freundinnen aus Vietnam, die hier geheiratet haben). Man sagt ihnen nach, dass sie eigentlich sehr dünn sein, aber sobald sie etwa vier, fünf Jahre hierzulande leben… Onkel Vincent formt mit seinen Armen eine Kugel.


Ich stelle auch Rückfragen, zu chinesischen Schriftzeichen, wie man bestimmte Sachen sagt usw. Insgesamt ein guter Mix aus Fragen, ich will ja auch umgekehrt etwas Neues lernen. Zum Nachtisch gibt es Mondkuchen, gegrillte Mochi und Marshmellows, an denen ich meine Lippe verbrenne. Sofort eilen alle zur Hilfe, Wasser und Eis wird mir in großen Mengen angereicht. Außerdem wird mir immer mehr Essen nachgeschoben, auch weil Byron erzählt hat, dass ich viel essen kann. Irgendwann muss ich aber ablehnen, ich bin viel zu vollgestopft. Eigentlich ist es relativ einfach, die Gunst der Gastgeber zu gewinnen, Lächeln, viel essen und am besten nicht helfen, das ist mir eh nicht erlaubt, höchstens als Geste.
Zum Schluss gehen Byron, sein Bruder und ich an den Rand des Flugfeldes, das nur mit einem bauchhohen Drahtzaun begrenzt ist. Sicherheit? Nee. Von dort zünden wir viele kleine Mini-Raketen, auch in Rollfeldrichtung (das aber zu weit weg ist und hinter ein paar Bäumen liegt). Vom Zaun aus, aus dem Boden, in einer Abwasserrinne, auf einer Wäschespinne aus Holz und schließlich in einer Getränkedose. Die beiden Brüder haben tierischen Spaß, ab und zu müssen wir wegrennen, wenn eine fehlerhafte Rakete nur ein paar Meter weit fliegt. Onkel Vincent kommt dazu, eigentlich will er sich nicht beteiligen, aber dann packt ihn die Versuchung. Ängstlich hält er sich die Ohren zu, freut sich aber. Nebenbei landen alle paar Minuten Flieger, ich bin aber der Einzige, der das spannend findet.

Dann kommt die Mutter uns holen, wie damals, als man nach dem Spielen reinkommen musste, weil es schon zu spät war. Auf dem Weg zum Haus kommen wir am self made Garten der Oma vorbei, Dutzende Blumenkübel am Straßenrand. Drinnen chillen wir kurz, ich bekomme natürlich noch eine Plastiktüte mit jede Menge Resten und Mondkuchen mit, und auf Initiative der Mutter machen wir ein gemeinsames Erinnerungsfoto. Vincent macht das Foto, Albert hat keine Lust bzw. ist im Haus verschwunden. Zur Verabschiedung schütteln mir Vincent und die Oma kräftig die Hände; ich sei jederzeit wieder willkommen. Mehr als „xièxiè“ und leichtem Verneigen bleibt mir nicht übrig.

Zum Glück werde ich noch nach Hause gefahren, mit den Öffis wäre ich garantiert nicht 100 Minuten unterwegs gewesen. Auf Instagram sehe ich, dass viele meiner Bekannten auch mit Freunden oder befreundeten Familien das Moonfestival feiern, ähnlich wie wir mit Feuerwerk und Grillen auf der Straße.
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