Gestern war der erste Tag, an dem ich den Blog nicht fertig geschafft habe, also hole ich das am Morgen nach. Die Cafeteria schließt, bevor ich es runter schaffe, aber ich habe ja noch genug Essen von Byrons Familie. Sidd begegnet mir auf dem Flur und fragt mich, ob ich mit ihm ans Meer fahren will. Warum nicht? Für einen Sonnenuntergang bin ich immer zu haben. Außerdem wollte ich später sowieso mit Anna und Sebastian zu einer Event Area gehen, die wegen dem Moon Festival stattfindet. Um halb vier fahren wir los, schließlich geht ja schon kurz vor sechs die Sonne unter.
Eigentlich will Sidd zu den Sea Caves, ein laut Maps schöner Ort an der Westseite des Shoushan Parks; aber der Bus, der uns hinbringen soll, verspätet sich. Auf der Fahrt reden wir über Sonnenuntergänge. Unter anderem will ich mal nach Skandinavien, um die dort teils stundenlang dauernden Sonnenauf- und -untergänge zu sehen. Sidd hat davon noch nie gehört, seine Heimatstadt Dehradun am Fuße des Himalayas liegt auf einem nur etwas nördlicheren Breitengrad wie Kaohsiung und hat somit ähnlich kurze Tageswechsel. Apropo Himalaya, ihm fällt ein Film ein, 7 years in Tibet mit Brad Pitt, dessen wahre Geschichte in seiner Heimatstadt stattgefunden hat. Ich soll ihn mir unbedingt ansehen und weil keine Plattform hier den Film hat, schickt Sidd mir einen Link, den ich besser für mich behalte. In Deutschland sind diese Seiten längst gesperrt, in Ostasien ist das wohl noch kein Problem. Sehr nice!
Wegen der Verspätung schaffen wir es nicht ganz ans Ziel, aber können zwischendurch einfach an der Landstraße Halt machen, einen guten Blick hat man von fast überall. Zwischen schnell um die Kurven rasenden Motorrädern wechseln unzählige Affen aus dem Park die Straßenseite, die alles andere als scheu sind. Manche stellen sich einfach vor die Autos, sodass das Rasen vielleicht sogar eine effektive Methode ist, durchzukommen. Für das Klauen berüchtigt, flößen die kleinen Biester einem durchaus Respekt ein. Am besten halten wir uns direkt hinter den Autos, zumal es sowieso keinen Fußgängerweg gibt. In der Mitte der Straße ist es hier fast am sichersten. Sidd erzählt, dass sie in Indien auch große Affenprobleme haben, sie müssen sogar aufpassen, dass die Viecher nicht in die Häuser klettern. Sein Hund, der er als Kind hatte, wurde einmal von Affen im Wald umzingelt und geschlagen, also quasi gemobbt. Obwohl er also Erfahrung mit Affen hat, oder gerade deswegen, geht er einen möglichst großen Bogen um sie.
Zum Glück tummeln sie sich vor allem an einer Stelle und wir kommen an eine Kurve, in der in einer affenfreien Zone ein paar Steinklötze stehen, die man als Aussichtsbank nutzen kann. Ein paar andere Fotojäger sind auch da, allerdings ein paar Meter weiter. Die verbleibenden 10-15 Minuten genieße ich volle Kanne. Sonnenuntergänge, besonders die schönen so wie heute geben mir einfach Lebensenergie.

Auf dem Rückweg werden wir vom Bus im Stich gelassen, also laufen wir ein bisschen, was an der Küste wirklich keine Beschwerlichkeit darstellt. Der ferne Blick auf die Stadt hat auch etwas und die an die Küstenfelsen anschlagenden Wellen sehen von weitem auch sehr beeindruckend aus. An der Affenstelle sind noch deutlich mehr Affen als vorher, sie klettern auf Strommasten, rennen in Gruppen über die Straße, beobachten uns und berühren jeden Müll, als ob es ein Schatz wäre. Gut, dass wir kein knisterndes Plastik dabei haben, das wäre sonst vielleicht unser Ende, jedenfalls unser Ende des Besitztums weltlicher Güter.
Bevor die Stadt wieder beginnt, sind alle Gebäude, die wir passieren, Teil der NSYSU, eine andere Universität mit definitiv besserem Campus, der komplett an der Küste liegt. Glücklicherweise hat auch diese Uni einen convenience store, der Family Mart prangt leuchtend an der Spitze einer Treppe zwischen den dunklen Fenstern der Lehrgebäude hervor. Sidd zeigt mir einen Trick, der hier noch effizienter ist als bei 7/11: zu Produkten mit einem bestimmten Siegel kann man gratis bestimmte andere Getränke nehmen; durch die richtige Kombination spart man also jede Menge Cash. So gelange ich also durch zwei kleine Pfannkuchen zusätzlich an einen Kaffee und eine Proteinmilch mit Schokogeschmack, nicht schlecht.


Der Bus lässt uns im Stich, also greift man auf das verlässliche YouBike zurück. Auf der „Focasa“, so heißt die große Feier im Stadtzentrum anlässlich des Moon Festivals, treffen wir nicht nur Anna und Sebastian, sondern auch Ashley, die sich spontan mit angehängt hat. In den großen Zelten finden akrobatische Shows statt, die allerdings recht teuer sein sollen (600$TD / 27€ mindestens für eine Stunde). Drumherum gibt es aber viele gratis Vorstellungen, die vielleicht auch deshalb so wenig beeindruckend sind, damit man für die Aufführungen in den Zelten zahlt. Eine lange aufgebaute Straße sorgt in klassischer Night Market-Manier für genug Essen und Getränke, während es zudem ausreichend Sitzmöglichkeiten in der Mitte der kurzzeitig bebauten Wiese gibt.
Zwei Jungs werden von einer riesigen Menge Menschen umringt, deren Kunststücke, leichte Akrobatik und viele rhythmische Bewegungen, die Zuschauerzahl nicht unbedingt rechtfertigen. Allerdings gerade, als ich die lahme Ente filmen will, beginnen sie, mehr zu zeigen. Sie jonglieren mit Keulen und der eine baut einen immer höheren Turm, auf dem er kopfüber turnt. Auf der letzten Stufe, der Turm ist bereits zweimal fünf Stäbe hoch, braucht er eine ganze Weile, bis er sein Gleichgewicht findet und schafft es schließlich tatsächlich in den Handstand.
Nach dieser Schwitzerleistung wird abgebaut, Anna spendet ein wenig. Wir gehen weiter und laufen an einer Bühne vorbei, deren Publikum im einstelligen Alter ist und enthusiastisch die Tiere pantomimisch nachstellt, die von der Yogafrau auf der Bühne vorgegeben werden.
Ashley und Anna motivieren uns, mitzumachen, und so stellen wir gemeinsam Krokodile und Giraffen nach. Anschließend gibt es ein paar Dehn- und Partnerübungen, eigentlich eine willkommene Yogasession am Abend.

Sidd muss dann los, er arbeitet ja nachts meistens für seine amerikanische Firma, an dessen vier Zeitzonen er sich halten muss. Weil wir restlichen keine ermäßigten Tickets für eine der Shows bekommen, entscheiden wir uns, zu einer Bar zu gehen. Ashley sagt ganz besorgt, dass sie keinen Alkohol trinkt, das ist aber kein Problem, wir wollen ja vor allem in einer Runde sitzen und gesellig sein.
Es dauert eine Weile, einen geeigneten Ort zu finden. Die eine Bar hat entgegen Google nicht geöffnet, in der anderen gibt es trotz komplett leerer Stube einen unfairen Mindestbestellwert. Wir finden zwar eine Karaokebar, die vielversprechend aussieht, aber Ashley und Anna haben ein Hot Pod-Restaurant ausfindig gemacht, in das wir uns nur für Getränke setzen dürfen. Da müssen wir Männer wohl mal alleine hin. Dass Ashley keinen Alkohol trinkt, könnte auch mit ihrer Mitgliedschaft in der Kirche zusammenhängen. Sie hatte mir neulich schon etwas über die Sommer-Freizeitcamps erzählt und dass sie dort viel beten. Anscheinend ist sie in einer Mormonenkirche, deren Regeln zumindest laut Google ziemlich streng sind. Verbote von Alkohol, Kaffee, Tabak, Extra-Steuern an die Kirche von 10% (jeden Zehnten) oder kein Sex vor der Ehe stehen da als Regeln. Ob das in Ashleys Kirche genauso gehandhabt wird, ist eine andere Sache, allerdings war sie sehr daran interessiert, wie schnell Anna und Sebastian zusammengekommen sind…
Buggi und ich bestellen klassisch ein 0,6L Taiwan Beer, das ist jetzt schon öfter getrunken habe und wirklich sehr gut schmeckt. Besser als die 3% Radlerbrause, die so zuckrig ist, dass man kein bisschen Bier mehr herausschmeckt. Die Kellnerin macht sich um unsere Verträglichkeit Sorgen und fragt, ob wir uns nicht lieber eines teilen wollen. Sie wohl noch nicht so oft Europäer bedient.
Ein Glück habe ich Doppelkopf eingesteckt, endlich kann ich das deutsche Kartenspiel mal mit jemandem spielen. Es passt auch, weil wir Ashley ja deutsche Sachen beibringen wollen. Ich versuche, die Regeln auf Englisch, aber mit deutschen Begriffen wie Kreuz, Pik, Herz, Karo, Karlchen Müller, Fuchs, Schweinchen, Doppelkopf zu erklären. Das Spiel hat sau viele Sonderregeln, die ich erstmal weglasse und wir spielen die ersten Runden auch mit offenen Karten. Sebastian und Anna kennen das Spiel zwar auch nicht, aber immerhin das französische Blatt und haben schon Schafkopf gespielt, das ähnlich sein soll. Ashley hat da schon mehr Schwierigkeiten, bei jedem Spielzug fragt sie, ob der Kreuzkönig jetzt nicht Trumpf ist oder was sie spielen sollte. Ich kann mich auch nicht zurückhalten, Ratschläge für den besten Spielzug und dessen Begründung zu geben.


Nach einer guten Stunde müssen wir leider gehen, die letzte Metro fährt aber sowieso bald und ich glaube, Anna und Ashley reicht es dann auch. Ich hoffe, dass wir das bald nochmal spielen können, denn besonders spaßig wird das Spiel erst, sobald der Spielfluss sich verschnellert und man mit verdeckten Karten mehr Überraschungen generiert. Allerdings wollen wir nächstes Mal ein chinesisches Kartenspiel lernen, darauf freue ich mich auch.

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