Mein Tag beginnt mit dem Kurs über „consumer behavior“, der Prof namens Danny fabuliert enthusiastisch wieder stundenlang über die psychologischen Regeln des Marketings. Nachdem wir besprochen haben, was ein gutes Logo ausmacht, bzw. nachdem er uns ausführlich das Offensichtliche erklärt hat (dass es z.B. wiederzuerkennen sein sollte), kommt er auf ein Phänomen der Psychologie zu sprechen, dass alle Deutschen im Kurs vermutlich schon in der neunten Klasse Biologie hatten. Was die Logos der Marken McDonald oder Mastercard so erfolgreich macht, ist auch die Werbung, die den Konsumenten mittels visueller und auditiver Verknüpfung mit positiven Ereignissen manipuliert. Von der positiven Konditionierung scheinen die asiatischen Studentinnen im Kurs noch nie gehört zu haben, zumindest gehen sie nicht auf die gestellten Fragen des Profs ein, was es damit auf sich haben könnte oder welche Beispiele es dafür gibt. Kaum zu glauben, aber mit diesem doch äußerst einfachen Thema geht der Lehrer die nächsten 90 Minuten hausieren. Ein Beispiel nach dem anderen, wir schauen Coca Cola-Werbespots und seine Folien stellen sicher, dass es auch der letzte Depp versteht.

Luca und Kaan klappt die sprichwörtliche Kinnlade runter, weil ich immer noch nicht in den Kurs eingeschrieben bin. „Ich würde mir das ja nicht antun!“ Stimmt, so ohne Credits fehlt dem Ganzen ja auch der Sinn. Aber im Ernst, abgesehen davon war es bisher ganz spannend und ich genieße es am Morgen, mich ganz ohne Zwänge berieseln zu lassen. Ich lehne mich zurück, während alle auf ihren Laptops mitschreiben, gehe auf Klo, wenn ich eine kurze Pause brauche und teste die neuen Memory-Levels, die unsere Chinesisch-Lehrerin gestern hochgeladen hat.
In der Pause quatsche ich auch mal mit Fabian, dem Österreicher, der sich zusammen mit Kaan und Phillip (dem letzten Deutschen, den ich noch nicht kenne) eine WG teilt, da alle drei ein ganzes Jahr bleiben. Sein Innsbrucker Dialekt ist sehr witzig und er redet über das, über das er redet, meistens mit Begeisterung in der Stimme. Trotzdem teilt er offensichtlich das Kredo seiner deutschen Clique, dass unibezogene Aktivitäten sich nur für Credits lohnen, vermutlich habe ich ihn außerhalb des Kurses auch deshalb noch nicht gesehen. Beispielsweise das BBQ vor etwas mehr als einer Woche klang für ihn zwar ganz nett, war aber zu weit weg.
Sebastian und ich gehen in die Mensa, wobei uns Fabian heute begleiten muss; später hat er an diesem Campus noch ein Gespräch mit einem Prof für seine Masterarbeit, die er teilweise hier schreiben wird. Dass er die drei Stunden vor Ort bleiben muss und dazu noch in die Mensa (die Jungstruppe bestellt sonst immer bei Uber Eats), klingt aus seinem Mund wie eine halbe Katastrophe. Eigentlich schade, auf mich wirkt er wie jemand, mit dem man eine gute Zeit verbringen kann. Beim Essen ist er sehr skeptisch, weil er das eine Mal, das er schon hier war, enttäuscht wurde; allerdings mundet ihm der Fisch und ganz so schrecklich scheint der Mensaaufenthalt dann auch nicht zu sein.
Ashley setzt sich wieder für eine kleine Deutschstunde zu uns, sie muss erneut die Aussprache von Sätzen üben, wobei im Vergleich zur Woche davor schon deutliche Verbesserungen zu erkennen sind. Es bereitet uns wieder ziemlichen Spaß, ihre Aussprache zu korrigieren, auch weil die Namen der Personen in ihrem Deutschheft kein bisschen deutsch sind, Riccardo Marini oder Juri Yalen klingen teils italienisch, teils ausgedacht. Während wir anderen im Englischen bleiben, redet Fabian viel in seiner Muttersprache, auch das für mich ein Indiz, dass er sonst wenig mit anderen als seinen deutschen Leuten chillt.
Bewusst gehe ich nicht ganz pünktlich zum Bogenschießen, die letzten Male haben immer wenige aufgebaut und der Rest nur zugeschaut. Ich komme genau rechtzeitig zum Warmdehnen, der Coach macht jeden Kurs genau das gleiche Programm. Ein paar Streckungen für die Finger, für die Schultern, Trizeps, Rücken, Nacken. Immer acht Sekunden, „yī,èr,sān,sì,wǔ,liù,qī,bāāāā!“ Irgendwie sind deutlich weniger Studis als sonst da, sodass ich wesentlich häufiger an die Reihe komme mit Schießen. Im Vergleich zur letzten Woche schieben wir die Zielscheiben weiter nach hinten: 7 Meter Entfernung heißt es ab heute.
Nach mehreren wirklich schlechten Versuchen hilft der Lehrer mir, korrigiert meinen Zugarm, macht Bewegungen vor, die ich nachmachen soll und sagt meiner Gruppe lachend, dass sie mir mehr Chinesisch beibringen sollen; er hat wohl keine Lust, Englisch reden zu müssen. Dass ich aber ein wenig kann, stelle ich nach einem Treffer außerhalb der Zielscheibe unter Beweis, „哇耖“ ist der Fluch von letzter Woche. Den Lehrer amüsiert das, aber er ist sowieso die meiste Zeit am Lachen. Zum Schluss darf, wer will, noch zum Üben bleiben. Es wundert mich, dass ich aus meiner Gruppe der Einzige bin, aber habe dafür umso mehr Probeschüsse. Schließlich addieren wir ja wöchentlich unsere Punkte und stehen somit in direkt Konkurrenz zueinander. Es trägt Früchte.

In der Zeit zwischen den Kursen ringe ich mir ab, etwas für die kommenden Vorträge zu machen, was eher schlecht als recht funktioniert.
Im Chinesischkurs schreiben wir einen ersten Vokabeltest, der von der Lehrerin eingesammelt wird. Sie spricht nur zehn Silben aus, die wir mit Betonungen in Pinyin aufschreiben sollen. Im Grunde ähnlich wie die ersten Französisch-Tests in der siebten Klasse. Danach bilden wir zwei stehende Reihen im Raum und klappern durch leichtes Rotieren der Gesamtreihe jeden anderen Klassenkameraden ab, um jeweils bestimmte Sätze zu üben. Das bedeutet: wie wir heißen und die Nennung unserer Studentenidentifikationsnummer. Vor jeder Person muss man einmal den ganzen Satz üben. Das hilft zwar bei der Aussprache, aber mich nervt so langsam das Schneckentempo des Kurses. Es muss so sein, weil die allermeisten sonst nicht mitkommen würden (die Aussprachen sind unterirdisch und es wirkt nicht so, als würden die Leute sich zuhause auf den Kurs irgendwie vorbereiten), aber ich merke auch, dass das sonst nichts wird mit einer Konversation auf Chinesisch am Semesterende. Nach schon einem Monat jetzt kann ich gerade mal sagen, welche Sachen ich auf dem Night Market esse oder nicht esse, beherrsche die Zahlen von eins bis hundert, kann mich vorstellen und ein paar wenige Schriftzeichen erkennen. Um meinen eigenen Wünschen/Ansprüchen gerecht zu werden, müsste ich eigentlich selbstständig viel mehr machen, das fällt mir aber relativ schwer, weil der Kurs im Gegensatz zum Schreibtisch eine gute Gelegenheit ist, das Sprechen zu üben. Auch das Schriftzeichenspiel auf ihrer Website habe ich ohne großen Zeitaufwand weitgehend durchgespielt, die neuen Levels von gestern werden da auch nicht lange halten. Wir üben für ein paar neue Vokabeln noch die Aussprache der Betonungen und am Schluss der Stunde spielt der Kurs ein Zahlenbingo auf Chinesisch, welches ich gewinne. Hausaufgabe bis nächste Woche: ein Blatt Papier mit den bereits vor zwei Wochen aufgegebenen Vokabeln beschreiben.

Ich will um 21 Uhr an einem hiking club teilnehmen, auf den ich durch Brian und einem Typ aus dem Bogenschießkurs aufmerksam geworden bin, allerdings kommt kurz vor Beginn für mich die Benachrichtigung, dass sie heute eine Pause nehmen. Ich bin aber sowieso relativ müde, daher nutze ich meine letzte Konzentration für etwas Vortrag und versuche, halbwegs früh schlafen zu gehen. Ein paar Runden CR mit Sky später klappt das dann auch.
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