Eigentlich soll ich heute mit zwei Taiwanesen einen Vortrag über nordthailändische Asphalttestverfahren und deren mögliche Verbesserungen hinsichtlich der Temperaturbeständigkeit der Straßen halten. Netterweise hat einer der beiden mir direkt angesehen, dass das nicht mein Spezialgebiet ist und angeboten, dass mein Teil sich auf das Vortragen beschränkt. Das Sprechen in Englisch stellt für die Studis i.d.R. die größte Schwierigkeit dar. Meinen Folienanteil habe ich gestern Abend bekommen, also nutze ich den Morgen, um mir von ChatGPT sagen zu lassen, worum es bei den ganzen Diagrammen inhaltlich überhaupt geht. Dann geht aber die Nachricht rum, dass der Kurs heute ausfällt und die Präsentationen auf nächste Woche verschoben werden, da Herr Lin sich in Taipei befindet; er nimmt an der Errichtung einer Brücke teil.

Ray fragt mich, ob wir in die Mensa gehen wollen. Ich setze mich mit ihm und einem weiteren Typen vom Leichtathletik an einen Vierertisch. Seinen Namen habe ich vergessen, aber er war einer derjenigen, die nicht ein Wort auf Englisch rausbekommen haben. Immerhin, als ich ihn jetzt frage, wie es ihm geht, kommt aus ihm nach ein paar Sekunden Bedenkzeit ein unsicheres „not bad“ hervor. Bei weiteren Versuchen, ein Gespräch aufzubauen, wie bspw. „Will you be at the training tomorrow?“ wendet er den Blick lieber zu Ray. Die beiden reden eine Weile miteinander, dann Schweigen, keine Antwort für mich. Ray hat auch seine Schwierigkeiten mit der englischen Sprache und ist daher sehr froh, dass die Vorträge heute ausfallen. Seine drei DIN A4-Seiten mit den „Stichpunkten“ für die Präsentation (es sind wohl eher ausgedruckte Vollsätze) hat er zum besseren Verständnis nochmal ganz auf Chinesisch ausgedruckt. Auf die Frage, ob er das mit ChatGPT gemacht hat, nickt er, als wäre es ihm peinlich. „It was so hard!“
Ray wird morgen nicht beim Training sein, so wie viele, da durch den Nationalfeiertag am Freitag verlängertes Wochenende ist und alle Taiwanesen frei haben. Allerdings bekomme ich schonmal die Info, dass morgen pole vault trainiert wird. Auweia, wir sind da ja im Stadion ohne Anlage, der Trainer wird uns also auf die Hochsprungmatte springen lassen. Das wird lustig. Den Rest des Mittagessens verbringen wir schweigend, wirklich etwas zu sagen haben wir uns dann nicht mehr.
Sebastians und Annas Vorhaben, noch eine Stunde in der Bib zu lernen, motiviert mich, es ihnen gleichzutun. Vor allem freue ich mich auf die Klimaanlage; es ist mal wieder sehr heiß, aktuelle sind fast jeden Tag 33 Grad und Wolken oder längeren Regen gab es schon länger nicht mehr. Wir finden keinen Einzelraum, also nehmen wir an einem der vielen Vierertische des Großraumbereichs Platz. Letzte Woche hatten auf Annas Initiative hin einen Handschlag darauf gegeben, ab sofort jeden Tag eine Stunde Chinesisch zu lernen, daran gehalten habe ich mich nicht unbedingt. Die Stunde jetzt geht aber schnell vorüber, ich übe das Aufschreiben einiger Schriftzeichen und frage mich selber die Aussprache vieler Vokabeln ab.

Die beiden wollen danach schnell zu sich nach Hause, weil es Telefonate mit der Familie zu führen und Besuche zu planen gilt. Ich hatte gehofft, wegen des guten Wetters auf ihre Dachterrasse für den Sonnenuntergang eingeladen zu werden, aber das hat sich damit erledigt. Jetzt bleibt mir die Wahl zwischen zwei Optionen: Das Gym mit Sidd um 18 Uhr, oder eine eigenständige Aktion. Auf jeden Fall muss ich irgendwas machen, auch wenn ich mich irgendwie müde fühle. Der bisherige Tag hat nicht besonders viel zu bieten gehabt.
Wegen der guten Wetteransage (das heißt in dem Fall einfach keine Wolken) mache ich mich auf zum Banpingshan, den Berg im Norden der Stadt, auf dem ich bereits zweimal war. Von dessen Aussichtspunkt hatte ich den bisher weitesten Ausblick, nach Westen auf den Nachbarhafen der Stadt und das Meer in der Ferne. An der Metrostation frage ich nach einem Monatspass für die öffentlichen Verkehrsmittel, der (etwa 400$TD/12€, soweit ich weiß) wesentlich billiger als alle meine Einzelfahrten wäre. Weil ich kein ARC (Alien Resident Certificate) habe, das ist erst ab einer Aufenthaltsdauer von über sechs Monaten nötig, wird er mir leider verweigert. Ich habe aber gehört, dass man, wenn man es an mehreren Metrostationen probiert, auch Glück haben kann und ihn bekommt.
Die 20-30 Minuten Aufstiegszeit lege ich schnell zurück, weil ich oben noch etwas Zeit in der Helligkeit verbringen will.

Ich komme auch an eine Stelle, die den Blick Richtung Süden wendet. So sehe ich zum ersten Mal den Lotus Pond (der See, an dem die Pagoden der Stadt stehen), irgendwie hatte ich den bisher immer ausgeklammert. Mir kommen generell viele Leute entgegen, die aus irgendeinem Grund nicht am Sonnenuntergang interessiert scheinen. So sind ganz oben nur eine handvoll Menschen, größtenteils Ü60, die sich dehnen oder das Handy für einen Zeitraffer des Himmels angelehnt haben.
Auch wenn der Himmel weitgehend frei ist, ist die Szenerie nicht extrem beeindruckend. Die rote Farbe beschränkt sich vor allem auf den Bereich um die Sonne, die dafür umso mehr zum glühenden Feuerball wird.

Während ich da auf einer Bank sitze und meinen Kopf nach vorne an den Handlauf des Geländers lehne, werde ich von der Seite angesprochen. Ein eigentlich dünner Mann mit eckiger Brille und grauen Haaren, großgewachsen, fragt mich, ob ich öfter herkomme, weil er mich noch nie hier gesehen hat. Er hat das graue Tshirt, was weit über seinen Bierbauch hinausgeht und irgendwie ausgeleiert aussieht, mit einem Zugband bzw. Gürtelersatz festgezogen, eine stylisch fragwürdige Entscheidung. Auch die braunen Wander-Halbschuhe sehen ziemlich durchgetreten aus, mit weißen Socken, farblich fittet da nichts.
Weil seine Frau Taiwanesin ist, natürlich, was auch sonst, leben die beiden drei Monate im Jahr in Kaohsiung, die restlichen neun in den USA, wo er herkommt. Tom, so sein Name, will wissen, wo ich studiere und warum ich mich für Taiwan entschieden habe. Er ist erstaunt, dass ich schon im Bunker dieses Berges war und auch ich wundere mich, dass ich fast alle seine Vorschläge, u.a. Cijin Island und Shoushan National Park, schon besichtigt habe. Taiwan sei toll, sicher, geringe Lebenskosten, wenn man von den Mieten, auch in Kaohsiung City, absieht. Er wohnt recht nah am Berg, acht Minuten mit Motorrad, zum Hafen sind es nur um die 20. Den Bunker habe er über das Internet gefunden, es gibt da so einen Asiaten, der lost places ausfindig macht und sie im Blog-/Vlog-Format ins Internet hochlädt. Wie der denn heiße? Keine Ahnung, aber bei sich am PC poppt der irgendwie immer auf, wenn er ein, zwei Schlagwörter bei Google eingibt. Von irgendeinem Ort will er mir Bilder zeigen, aber er sagt schon, „I am not so good at my phone.“ Statt in der Kachelansicht seiner Galerie wischt Tom mit seinem schwitzigen Finger jedes einzelne Bild von links nach rechts, sodass ich neben Freunden vom Moonfestival auch seine Frau an verschiedensten Orten sehe, im Restaurant, zuhause, auf einem IKEA-Sofa. Dazwischen immer mal halb unscharfe, doppelte oder mit von Bäumen versperrte Sicht-Bilder. Macht mich nur ein bisschen verrückt. Aber gut, zehn Minuten vor Sonnenuntergang muss er los, er wünscht mir noch eine tolle Zeit, vielleicht sehe man sich hier ja mal wieder. „Welcome to Taiwan!“, sagt der, der nur ein Viertel des Jahres hier ist, genau mein Humor. Aber vielleicht zieht er das ja genauso durch wie André und Ingo seit 20 Jahren.
Auf dem Weg runter vergleiche ich die Aussicht auf den Lotus Pond mit der bei Tag, und tatsächlich färben sich die Wolken noch orangener, als ich es zuerst vermutet hatte.


Ich schlendere ein bisschen durch das Kaufhaus neben der Zuoying-Station und gehe dann in das Restaurant, in dem ich neulich mit Sebastian schon war.


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