Ich gönne mir einen Hängertag. Keine Kurse, alle anderen sind beschäftigt, in der Mittagshitze lässt sich eh nicht viel machen, und abends gehe ich zum Training, sodass ein längerer Ausflug nicht machbar ist. Zuerst frustriert mich das, aber es funktioniert für mich besser, das aktiv so festzulegen, als den ganzen Tag zu hadern, was ich denn jetzt machen soll.
Immerhin beende ich die Vorbereitung eines Vortrags, mit minimalem Effort, gerade da ich die Einstellung meiner Gruppenmitglieder zur Seriösität der vorgetragenen Inhalte sehe…

Im Prinzip habe ich schon Wochenende wegen dem Feiertag morgen und ich will eigentlich längst mal wieder irgendwo hinfahren, allerdings sind die Preise für Unterkünfte in Taiwan um ein Vielfaches in die Höhe geschossen, weil eben alle frei haben; sodass es sich für mich nicht lohnt, mit Übernachtung wegzufahren. Ich denke aber über etwas Tagestour-mäßiges nach und erstaunlicherweise hat Sky, mein Mitbewohner, Lust, etwas zu machen. Auf Google Maps hat er ein paar interessante Orte gefunden, wobei wir uns auf einen in der Nähe der Berge einigen. Seine größten Bedenken sind, dass er zu müde werden könnte, weshalb ich ihm verspreche, seinen ganzen grünen Tee zu zahlen. Dass er so müde ist, war mir schon vorher aufgefallen. Jeden Tag macht er bestimmt zweimal einen Mittagschlaf und immer wenn er vom Unterricht kommt, fällt er ins Bett, „I‘m soo tired.“ Aber nicht nur er, der wahre Meister im Kurzschlaf ist Heizo, der schweigsame Kaohsiunger. Er macht regelmäßig Powernaps von 20-30 Minuten, wacht dann auf und setzt sich sofort wieder an den PC. Wenn er sich um halb zwölf abends ins Bett legt, heißt das i.d.R. also nicht, dass er endgültig schlafen geht. Sky allerdings pennt manchmal stundenlang tagsüber; ich frage mich ernsthaft, ob er eine Krankheit oder ein Problem hat. Dass wir auf der Tour am Samstag drei Stunden Anfahrt haben, versuche ich ihm daher als Vorteil zu verkaufen; ich werde mich um alle Umstiege kümmern, sodass er genug Zeit zum Schlafen hat.
Ob seine indonesischen Freunde mitkommen wollen? Ganz bestimmt nicht, sagt er. So wie ich es verstehe, nicht wegen mir, sondern aus Prinzip. Generell haben die Leute, die länger als ein Semester bleiben, eine ganz andere Einstellung zum Aufenthalt als ich. Vielleicht auch, weil das Leben in Indonesien verglichen mit Taiwan nicht ganz so anders ist als in Deutschland. Außerdem hat Sky Sorge wegen der Finanzen, er versucht so billig wie möglich leben. Seinen Ausflug letzte Woche nach Tainan hat er hin und zurück komplett mit der Basis-YouBike-Version absolviert, alle halbe Stunde an einer Station angehalten, um nichts zahlen zu müssen. Das nenne ich konsequent, zumal der Zug nach Tainan bestimmt nicht mehr als 100$TD, also 3€ gekostet hätte.
In den Semesterferien will Sky zu seiner Tante nach Chiayi in der Mitte des Landes, etwas südlich von Taichung ziehen, um Miete zu sparen (ein Tag im Dorm würde etwa 3€) kosten. Er findet es schade, als er erfährt, dass ich im Semester danach nicht mehr hier sein werde. Aber vermutlich werde ich im Januar und Februar durchs Land reisen, da können wir uns nochmal sehen.
Abgesehen von YouTube-Videos im Bett schauen schreibe ich noch eine Email an die BHT in Berlin, die ich mir schon länger vorgenommen hatte. Es geht grob darum, dass sie bei der nächsten Infoveranstaltung zum Ausland nicht nochmal denselben Schmarn erzählen. Ich hatte mich letztes Jahr mit der Erwartung beworben, Profiteur einer finanziellen Unterstützung seitens Taiwan zu werden, außerdem hatte niemand darauf hingewiesen, dass es keine Architekturkurse gibt oder dass das Meiste nur auf Chinesisch unterrichtet wird. Ich habe bis jetzt eine gute Zeit, kann mir aber vorstellen, dass künftige Austauschstudierende mit dem Angebot bzw. den Möglichkeiten hier nicht allzu glücklich werden.
Die Trainingsgruppe hat heute eine andere Konstellation als sonst. Byron, Bryan, Ray und andere sind nicht da (vermutlich verreist wegen dem Feiertag), dafür sind ein paar für mich neue Leute am Start. Darunter auch mehr Mädchen als letztes Mal, ich war schon davon ausgegangen, dass es eine fast reine Jungsgruppe sei. Ich sage wieder Hallo in die Runde, allgemeines Murmeln, Momo und der Typ vom Mittagessen gestern lächeln zurück. Dieser Junge, sein Name war glaube ich nur ein chinesischer, ist so etwas wie der Kapitän der Mannschaft. Sobald das Training los geht, was nur ein paar Sekunden nach meiner Ankunft ist (als hätte man auf mich gewartet), folgen alle seinen Anweisungen. Ein paar Runden Einlaufen, ich mische mich unter die Gruppe von knapp 15 Leuten. Viele haben eine Zweier- oder Dreiergruppe zum Laufen, so kenne ich das aus Deutschland ja auch, nur ein paar wenige sind allein. Momo gehört dazu und ich versuche, mit ihr zu reden, was aber kläglich scheitert. „How are you?“ Ein paar Sekunden Bedenkzeit und eine gestammelte Antwort, die vermutlich „Good“ oder sowas bedeutet. Ich frage, ob wir heute „pole vault“ machen, Ray hatte mir das gestern ja schon angekündigt, ich sehe allerdings weder eine Anlage noch eine Matte. Darauf kann Momo aber nur „My English… not so good…“ erwidern. Ich zeige nen Daumen nach oben, kein Problem. Die restlichen drei Runden laufen wir alle schweigend nebeneinander, ich wüsste nicht, was ich noch sagen könnte.
In der kurzen Trinkpause setze ich mich hin, trinke ein paar Schluck, warte ab. Vielleicht rede ich heute einfach mal gar nicht, unfreiwillig. Edward der Trainer bringt mich letztlich doch dazu, als er ankommt. Begeistert erzählt er mir, dass wir heute Hochsprung und Stabhochsprung machen. Das freut mich, Ray hat ihm wohl erzählt, dass ich mich für die Schulwettkämpfe im November angemeldet habe, 100 Meter und Hochsprung.
Das Dehnprozedere ist dasselbe wie die letzten Male, der unausgesprochene Kapitän gibt vor, die Gruppe macht nach. Ein paar der Übungen finde ich sehr interessant, die Dehnungen habe ich teilweise noch nie gemacht (bevor ich auf die Gruppe gestoßen bin), allerdings habe ich das Gefühl, dass manche Bereiche ausgelassen werden, das hole ich danach selbst kurz nach. Außerdem ergibt es für mich keinen Sinn, dass wir in manche Dehnposen dynamisch gehen und in manche statisch. Soweit ich weiß, sind sich in Deutschland alle Trainer einig (und so großen Konsens gibt es selten), dass man sich vor dem Training dynamisch dehnt, um den Körper vor der Belastung zu aktivieren, und nach dem Training statisch, wenn man seine Stränge verlängern will (die genauen Fachbegriffe kenne ich nicht).
Es folgt dasselbe Lauf-ABC wie sonst (bzw. A- bis D-Skip), Steigerung, Kreuzlauf. Danach geht es an den Aufbau. Aus dem breiten Laubengang der Sporthalle nebenan holen wir drei dicke Matten (pro Stück vier Leute), die zusammen eine etwas größere Fläche ergeben. Ein paar Worte kann ich jetzt mit den Leuten wechseln, beim Absprechen, wer was trägt und so weiter. Ich habe das Gefühl, dass die Bereitschaft, mit mir zu kommunizieren, da ist, aber die Sprache einfach nicht so funktioniert. Mir bleibt vor allem, den anderen zuzuhören, wobei ich einzelne Worter immer mal wieder aufgreife. Tatsächlich können die aber je nach Kontext sehr unterschiedliche Sachen bedeuten. Mit Sicherheit verstehe ich das häufige „ma“ an den Satzenden, welches eine Frage markiert.

Zwei rostige Hochsprungständer mit einer Gummischnur werden aufgestellt, und die Gruppe bildet eine Schlange. Zuerst sollen wir auf der Matte rückwärts über die Schnur einen Flop hinlegen, also rückwärts mit dem Rücken rüberspringen und auf diesem landen. Danach mit ca. fünf Schritten Anlauf Scherensprug, danach einen richtigen Flop. Hatte ich letztens gesagt, dass diese Gruppe professionell trainiert? Ich weiß es nicht mehr. Sie tut es jedenfalls nicht. Dafür, dass Zehnkampf das eigentliche Ziel ist, ist das trotzdem ziemlich schlecht. Ich dachte immer, mein Berliner Verein wären Laien. Ein paar Jungs können zwar echt schnell rennen, aber mit Technik scheinen sie es nicht unbedingt zu haben. Teilweise sieht es so aus, als würden sie das zum ersten Mal machen, springen gegen die Schnur, mit dem falschen Bein ab, Tippelschritte am Ende, weil sie sich offensichtlich unsicher sind. Vor dem ersten Sprung traut sich niemand nach vorne, sodass ein paar Leute „Leo“ rufen. Kein Problem, ich mach das gerne. Und über die kurze Aufmerksamkeit freue ich mich auch. Der Trainer hat Hütchen für den Anlauf aufgebaut, die für meinen Geschmack eine zu flache Anlaufkurve bilden. Das sei dahingestellt, mehr als fünf, sechs Sprünge am Fließband machen wir sowieso nicht. Die Tipps, die Edward seinen Schäfchen gibt, beschränken sich vor allem auf die Aufforderung, im Absprung mehr nach oben zu gehen und… ja, das war’s eigentlich.
Jetzt kommt aber der wirklich wilde Part. Stabhochsprung, präsentiert Edward, als müsste ich vor Freude aus dem Häuschen springen. Es ist auch irgendwie süß, wie er das an die große Glocke hängt, um mich zu beeindrucken. Er ordnet an, die drei Matten an den Rand des einsam im Boden liegenden Einstichkastens zu verschieben. Die Konstruktion besteht nicht nur aus dem Mattentrio, darauf liegt nämlich noch eine Obermatte, die an den Seiten mit winzigen Karabinern verankert ist, sodass man eine gleichmäßige Fläche ohne Ritzen hat. Alle reden auf Chinesisch und ich schaue mich nur belustigt um, was ein paar der Leute zum Grinsen bringt. Wahrscheinlich sehe ich so richtig lost aus.


Aus dem Nichts liegen auf einmal zwei Stäbe zum Springen bereit, einer für die Jungs, einer für die Mädels. Das alte Tape wird abgemacht und neues herausgeholt. Edward erkennt vermutlich meinen gequälten Blick beim Zuschauen, wie der Kapitän es anbringen will und übergibt mir die Aufgabe. Ich zeige, dass man Tape an Stäben am besten vom unteren bis zum oberen Ende des Stabs aufzieht, damit man es beim Halten/Springen nicht über die Zeit abpult. Ein leises „Ohh“, während ich das weiße Klebeband aufbringe.
Edward geht mit den Mädchen und deren Stab zur Sandgrube und trägt mir auf, an der Matte mit den Jungs zu üben, ich soll mal zeigen, wie es geht. Uff, in der Form habe ich nicht damit gerechnet, jetzt bin ich auf einmal Trainer. Weder weiß ich, wie lang der Stab ist, wieviele Kilo/lbs der hat noch wie hoch mein Griff eigentlich war. Wenigstens hat der Tartan Längenmarkierungen, ich platziere ein Hütchen einfach mal bei 9 Meter, mein Vierschritteanlauf ohne Tippelschritt am Anfang. Griffhöhe Pi mal Daumen, ein vorsichtiger Sprung nur mit dem rechten Arm, der linke bleibt unten. Trotzdem lande ich schon fast am hinteren Ende der Matte, heiliger Bimbam. Ein weiterer Versuch, etwas stabiler, aber sicherlich sieht man mir an, dass ich mich nicht sicher fühle. Ich übergebe an die anderen, die fortan ihr Bestes geben und mal besser, mal weniger gut springen.
Ich fange mit ganz groben Tipps an. Sie sollen sich merken, wo sie anlaufen, um den Start anpassen zu können. Keine Tippelschritte am Ende, sondern kraftvolle, mit eindeutigem Absprung. Rechter Arm lang, fester Griff, Körperspannung, Griffhöhe, Griffposition der Handgelenke, Abstand zwischen den Armen, mit richtigem Bein abspringen, nicht durchhängen sind nur ein paar Tipps, die ich geben kann. Ich fange an zu filmen, das macht es deutlich leichter. Mit der Slo-Mo kann ich gut zeigen, was ich meine und leichte Verbesserungen sind danach zu erkennen. Am Ende springen alle mit dem richtigen Bein ab und gehen auf der richtigen Seite des Stabs vorbei. Ich sehe natürlich auch, dass Leute wie Ray, der nachgekommen war, das schon öfter gemacht haben und saisonbedingt etwas raus sind. Ich selber traue mich gar nicht mehr auf die Anlage, seit ich bei zwei leichten Sprüngen bereits auf dem hinteren Rand gelandet bin. Ich würde so gerne zeigen, was ich kann, wenigstens einmal aufrollen, aber die dürftige Ausstattung macht es mir nicht möglich.
Ray fragt als Einziger nach jedem Sprung nach, was er anders machen soll. Ich zeige ihm neben seinen eigenen Videos auch welche auf YouTube von den Profis, meiner Meinung nach lernt am sehr viel, wenn man sich ihre Technik einfach oft anschaut und versucht, auf sich zu übertragen. In dem Fall nicht unbedingt die Biegung des Stabs, aber schon aus dem Anlauf und dem Absprung eines Duplantis kann man viel mitnehmen.
Die Mädels kommen dann dazu, schauen zu und zwei wagen sich auch an die Matte. Ich werde gefragt, wie groß ich bin. 186cm. Angeblich ist keiner aus der Gruppe größer, auch wenn einige wohl nah rankommen. Am Ende bedankt sich Edward nicht nur für meine Hilfe, sondern lässt die Gruppe auch noch applaudieren. Na, jetzt erwarte ich aber auch eine goldene Ehrennadel des Vereins.
Ray und einer seiner Freunde holen sich meine Meinung ein, was wir zu Abend essen wollen. Irgendwas mit Reis, sage ich. Obwohl, Reis gibt’s ja eigentlich zu allem hier. Toller Witz. Sie entscheiden sich dann für was und geben mir die Location. Weil niemand einen zweiten Helm dabei hat, muss ich anders hinkommen. YouBike natürlich. Erst als ich aufsattele, merke ich, dass das Lokal ziemlich nah ist, im Endeffekt fahre ich vielleicht 400 Meter bis zur nächsten Station und laufe weitere drei Minuten. Ray winkt mir von der anderen Straßenseite zu, da merke ich, dass mein Portemonnaie fehlt. Blitzartig erinnere ich mich daran, dass während der Radfahrt irgendwas geholpert hat oder so ähnlich, ich hatte es für einen Stein oder Ast gehalten, über den ich gefahren bin. Das muss es gewesen sein. Ich eile zurück, laufe die relativ kurze Strecke komplett zu Fuß ab, finde aber nichts. Nach zehn Minuten telefoniere ich mit Ray und er bringt mich zur nächsten Polizeistation, die direkt gegenüber vom Restaurant liegt. Ich mache alle meine Angaben, Name, Telefonnummer, wie sieht das Portemonnaie aus, wieviel ist drin? Leider habe ich kein Foto, aber ich erinnere mich an ein silbermetallenes Badge mit dem Schriftzug „BODENSCHATZ“, das zeichne ich kurz auf. Sowie meine zwei deutschen Kreditkarten, die dürften hier ziemlich unverwechselbar sein. Gott sei Dank habe ich von den 20.000$TD (etwa 570€), die ich neulich abgehoben hatte, das meiste in meinem Schrank verstaut, sodass nur etwa 1800$TD, also 51€, noch im Portemonnaie sind. Nicht wenig, aber auch nicht bodenlos viel. Und ganz wichtig, meinen Studentenausweise habe ich in der Hosentasche gelassen, den brauche ich nämlich nicht nur für die öffentlichen Verkehrsmittel inklusive YouBike, sondern auch, um später ins Dorm zu kommen…
Dann gehen wir erstmal essen. Zwei andere aus der Gruppe warten schon, das Geld wird mir netterweise ausgelegt. Ich bestelle zwei kleine Fischgerichte, eine Suppe und ein Filet. Die Jungs löchern mich während dem Essen mit Fragen, wie genau ich das Portemonnaie verloren habe. Mich beruhigt das, denn sie scheinen mir echt helfen zu wollen. Auf Nachfrage bekomme ich versichert, klauen will das bestimmt niemand. Die Taiwanesen klauen höchstens unbeaufsichtigtes Essen von Motorrädern oder Regenschirme. Für schwerere Delikte gibt es neben der gutbürgerlichen Mentalität einfach zu viele Kameras, über die man erwischt wird und mit meinen deutschen Karten kann man sowieso nicht viel anfangen. Im schlimmsten Fall müsse ich um das Bargeld fürchten. Damit könnte ich definitiv leben!

Als wir fertig sind, stehen alle schnell auf und sie begleiten mich dabei, den gefahrenen Weg noch zweimal abzulaufen. Einem von ihnen sei das auch mal passiert, mit gutem Ausgang. Wir verfolgen meinen Weg geradezu detektivisch zurück, kein Gullideckel, der nicht durchleuchtet wird, kein Auto, unter das nicht geschaut wird. Am Ausgangspunkt, einer YouBike-Station am Rande einer Drei-Straßen-Kreuzung geht der eine Kollege schnurstracks in das angrenzende Hotel. Der Portier kommt kurz raus und bietet dann an, die Überwachungskamera für uns zurückzuspulen. Hinter seinem Tresen rechnen wir anhand meiner Nachrichten an Ray die Zeit zurück und finden heraus, dass ich wohl gegen 20:35 Uhr da gewesen sein muss. Tatsächlich, ich bin zu sehen, wie ich meine student ID zücke, meinen Beutel im Fahrradkorb verstaue und zügig losfahre. Das Bild ist durchaus ein bisschen verpixelt, einen schwarzen Punkt in meinem Beutel kann man nicht einseitig zuordnen, ich bin mir aber sicher, dass es das Portemonnaie ist, was danach rausfallen wird.
Wir bedanken uns artig und laufen die Strecke ein weiteres Mal ab, diesmal in Fahrtrichtung. Die meiste Zeit war ich auf der Straße, da ist sicher nichts mehr, auf auch am Rand hat es niemand abgelegt. Nur das letzte Stück bin ich auf dem Fußgängerweg gefahren, dort leuchten wir unter jedes der hunderten parkenden Motorräder, bleiben aber unfündig. Aus Verzweiflung nochmal in die Polizeistation, aber nein. Nichts hier. „Go home“ sagt einer aus der Gruppe, Recht hat er. Wenn etwas auftaucht, werden sie mich schon anrufen. Fühlt sich trotzdem kacke an.
Weil ich’s nicht lassen kann, fahre ich auf dem Heimweg nochmal den Sportcampus ab. Da finde ich zwar kein Portemonnaie, aber zwei auf der Straße Badminton spielende Inder aus dem Chinesischkurs. Sie erkennen mich sofort und fragen, ob ich zum Spielen gekommen bin. Natürlich, ich komme jeden Donnerstag Abend um 23 Uhr ohne jede Info zum Spielen an einen anderen Campus. Ne aber im Ernst, für zehn Minuten lasse ich mich überreden, die Ablenkung kann ich gut gebrauchen. Der Typ sagt, er spiele für sein Leben gerne Badminton und könne das stundenlang so machen. Merke ich, es macht auch wirklich Spaß. Dann muss ich aber los, im YouBike läuft schließlich die Bezahlzeit an.
Am Campustor wird heute das allererste Mal nach dem Studiausweis gefragt, was für ein Zufall. Wenigstens den habe ich, damit komme ich auch ins Dorm, das war’s dann aber auch. Jetzt kann ich immerhin sagen: es gibt wenig schlechtere Gefühle, als mit einem verlorenen Portemonnaie ins Bett zu gehen. Irgendwie nackt fühle ich mich dabei. Trotzdem war die zweite Hälfte des Tages irgendwie cool, weil ich Sachen erlebt habe und im Endeffekt ist ein verlorenes Portemonnaie immer noch tausend mal besser als ein Verkehrsunfall, ein Rausschmiss aus dem Dorm oder ein halbes Jahr ohne Kontaktlinsen (die bewahre ich wie den heiligen Gral in der hintersten Ecke des Schranks auf).
Mike erzählt mir noch, dass er ein deutsches vermeintliches Pärchen getroffen habe. Luca und Michael sind nicht zusammen, versichere ich ihm, sie haben jeweils Partner in Deutschland, soweit ich weiß. Mike zieht die Augenbrauen hoch. Ein vietnamesisches Mädchen sei mit den beiden im Louisa-Café gewesen, eine Kette, die u.a. am First Campus eine Filiale betreibt. Ich meine, das müsste Vanessa sein, eine recht hübsche, die ich bisher immer mit Luca zusammen gesehen habe. Vielleicht meinen wir nicht dieselbe, aber Mike sagt, dass seine Ansprüche höher seien, was Vietnamesinnen betrifft. Das macht mich neugierig, was hat er denn so auf Lager? Er beginnt auf Facebook zu suchen, so lange, dass es echt nicht viele hübsche Mädchen in Vietnam geben kann, oder er einfach utopische Vorstellungen hat. Schließlich zeigt er mir ein Bild seiner Ex, mit der er zwei Jahre zusammen war. „Not beautiful, but I really liked her style.“ Ich wage nicht zu urteilen. Mike erzählt über weitere Frauen in Vietnam, und dass Vietnamesen sich gegenseitig nicht besonders schön finden, das deckt sich mit den Berichten der Vietnamesen aus Ihsans KI-Kurs, die über die vielen Schönheitsoperationen im Land erzählt hatten. Mike hat mal einen wichtigen Job in einer Bank gehabt, das ist bestimmt auch attraktiv. Es gebe in Vietnam ein Sprichwort, dass sinngemäß so viel heißt wie ‚Auf den Hügeln nebenan sieht das Gras immer grün aus.“ Aha.
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