Samstag, 11. Oktober

Um 5:15 Uhr klingelt mein Wecker, der Berg ruft! Sky ist schon wach, bzw. noch, nach einem Horrorfilm konnte er nicht mehr einschlafen. Leise packen wir ein paar Sachen ein, versuchen, die anderen schlafen zu lassen. Angeblich habe ich im Schlaf geredet, „Fuck! Fuck! Fuck!“, sodass Heizo wohl mit seiner Taschenlampe geleuchtet hat, um herauszufinden, mit wem ich rede. Tatsächlich kann ich mich an einen Alptraum erinnern (die ich aber nur sehr selten habe), in dem ich zu töten versucht wurde. Als Mahlzeit für unterwegs kocht Sky sich schnell Instant Nudeln, gute Idee, jetzt kann ich meine hitzefeste Glasbox auch mal ausprobieren. Seine Nudeln kippen ihm zur Hälfte in unser ranziges Waschbecken, aber der Appetit überwiegt wohl und er schaufelt sie zurück, lecker.

Der Ort, den wir uns (auf Google Maps) ausgesucht haben, liegt irgendwo in den Bergen und ist ohne Scooter oder Auto nicht ganz einfach zu erreichen. Eine YouBike-Station, Frühstückseinkauf beim 7/11, dann 50 Minuten Bus durch Vorstadtlandschaften, die durch eine grüne Hügelkette von der Küstenregion abgegrenzt sind. Ein Stopp im dortigen 7/11 inklusive Verzehren des Frühstücks, dann zur nächsten Haltestelle.

Start zum Sonnenaufgang
Guter Zustand, leichte Kratzer, kaum gefahren
Überall haben sie diese Blutdruck-Messgeräte

Ein Schild verweist entgegen Google auf die Haltestellenverlegung und Umleitung wegen Brückensperrung, eine andere findet sich aber nicht und der Busfahrer lässt uns im Staub stehen. Nächster Bus in zwei Stunden. „If we are desperate, we could go all the 2 hour way with YouBike“ meint Sky, und prinzipiell wäre ich dazu bereit, der Geltungsbereich endet aber nach 30 Minuten, sodass wir im „District Meinong“ warten müssen. Guess where? Im dritten 7/11 für heute, dabei haben wir gerade mal viertel vor neun. Die kurze Strecke Fahrrad hat aber sehr gut getan, aus der Ferne sieht man schon die Bergsilhouetten durch den Morgendunst schimmern. Wir kommen auf der schnurgerade Landstraße an jeder Menge Bauernhöfen (bspw. mit Gänse-Gehegen direkt am Straßenrand), Fischteichen, Bananenplantagen, und Felder vorbei, auf denen ein Mann mit Ganzkörperschutzanzug etwas versprüht. Ich bilde mir ein, kurz husten zu müssen, hoffentlich nichts extrem Giftiges. Schnell weiter.

Mit dem YouBike in Richtung Berge
Suchbild: wer findet das Haus auf dem Berg? Und wie ist es da wohl hingekommen?
Die Tempeltore sind doch wie gemacht für Berglandschaften

Der erwähnte convenience store hat angenehme Klimatisierung und ebenso einen eigenes Esszimmer im Obergeschoss, wo wir uns hinsetzen und entspannen. Sky legt den Kopf auf den Tisch und döst weg, ich habe mein Koffein schon getrunken und bin motiviert, die Zeit für eine Zeichnung zu nutzen. Während ich wie ein antiker Astronom konstant mein linkes Auge zukneife und meinen Arm mit Stift in der Hand ausstrecke, um die Abstände zu kalkulieren, kommt ein stiller Herr rein, der sich einfach so in meine Szenerie setzt, sodass ich ihn quasi zeichnen muss. Er freut sich aber darüber, zumindest deute ich sein Lächeln so, und versucht krampfhaft, sich keinen Zentimeter vom Fleck zu bewegen. Sehr vorbildlich. An sein Gesicht wage ich mich aber nicht, ich will die Zeichnung nicht versauen. Außerdem müssen wir los, der Busbahnhof der Kleinstadt liegt zum Glück auf der anderen Straßenseite.

Typische Situation in einem convenience store

Sky kommuniziert mit den Locals und fragt nach genaueren Infos, damit wir nicht wieder sitzen bleiben. Die geben uns zu verstehen, dass wir nur für 600$TD an unser Ziel gelangen, ich hoffe, das ist ein Missverständnis. Der Bus aber kommt, natürlich nicht. Also wieder rein, den nächsten eine Dreiviertelstunde später bekommen wir aber, und teurer ist er auch nicht. Der letzte Bus legt ordentlich Höhenmeter zurück, und auf einmal sehen wir die Berge nicht mehr von Weitem, sondern sind zwischen ihnen. Die Grenze zwischen Flachland und Beginn des Hochgebirges wird durch ein ziemlich ausgetrocknetes Flussbett definiert. Ab und zu schlagen wir eine falsche Richtung ein, kurzer Schock, nur um eine entlegene Station, an der eh niemand einsteigt, abzuklappern und wieder umzudrehen. Die Dauerwerbeplakate politischer Parteien sind offensichtlich nicht nur in städtischen Regionen, sondern auch am tropischen Wegesrand aufzufinden, was ich etwas bizarr finde.

Sogar auf Google Maps ist das Flussbett ausgetrocknet
Wegesrand
Politische Werbung auf dem Land

Was für eine Tortur, aber gegen frühen Mittag steigen wir endlich am Ziel aus. Die Sonne brennt wie ein heißes Eisen, dafür geht fast meine ganze letzte Sonnencreme drauf. Unser Ausstiegspunkt liegt an einem kleinen Parkplatz, zwei Autos stehen ruhig an der Seite. Weniger ruhig sind die Hunde der Besitzer, sobald wir uns nähern, folgt lautes Gebell. Die Hundeherrin lässt uns aber passieren, wir gelangen auf ein Mini-Plateau. Von dort haben wir nicht nur einen richtig guten Blick auf die Berge und den fast ausgetrockneten Fluss, der sich Arm um Arm seinen Weg zwischen Felsen und Bäumen bahnt, sondern wir bemerken auch einen Adler (zumindest Sky sagt, dass es einer ist), der erstaunlich tiefe Kreise über uns zieht. Als ob er es in Erwägung ziehen würde, uns als Mittagessen zu bestellen.

Mittagshitze
Großer Vogel ganz nah

Um den Weg zu den Treppen zu finden, die Sky uns rausgesucht hat, geht es die Landstraße runter. Wir landen auf einem Campingplatz, der aber eine tolle Aussicht auf eine Fußgängerbrücke bietet, die wir später überqueren wollen. Außerdem bekomme ich ab hier zu spüren, dass in tropischen noch einmal wesentlich mehr Tiere und Viecher unterwegs sind, als man das aus Deutschland so gewohnt ist. Selbst wenn kein Auto fährt, ist es übermäßig laut, Grillen zirpen, Gebüsche rascheln, Vögel Kreischen und auch optisch gibt es eine Vorstellung.

Schmetterlinge so viel das Herz begehrt
Einsamer Campingplatz in den Bergen
Weit gespannte Fußgängerbrücke: Duonagao Suspension Bridge

Setzen uns ans Wasser und reden bisschen über ob man hier bleiben wollen würde (bei mir Faktor Soziales) fantasieren über mögliche Szenarien, weitere Trips zu planen, Fahrräder, usw.

Weiter geht’s. An einer unbeobachteten Stelle muss ich mich mal entleeren, das fühlt sich selbst hier noch kriminell an. Sky sagt, in seinem Land (Indonesien) kann man (wie in Deutschland), ohne moralisch an den Pranger gestellt zu werden, in die Natur urinieren. Allerdings muss man vorher die Geister der Natur fragen, ob das in Ordnung geht. Bitte was? Ja, also das zeige vor allem Respekt der Natur gegenüber und ist so ein Brauch, weil die Indonesier so stolz auf ihre Natur sind. Ah okay. Macht halbwegs Sinn, irgendwie süß. Aber müssen wir das jetzt auch machen? Nee, das gilt nur für Indonesien. Trotzdem gefällt Sky die Landschaft hier. Er sagt, dass er das alles zwar schon tausend mal gesehen hat, aber immer wieder von der Schönheit verblüfft ist. Fühle ich. Auch wenn er mir ein bisschen zu oft zu müde ist, matcht unsere Begeisterung für Natur. Sobald sich eine neue Perspektive ergibt oder ein neues Bauwerk erscheint, wird sein Adrenalin für kurze Zeit nachgeladen.

Skulptur an der Seite
Sky freut sich über den Verkehrsspiegel

Schnell gelangen wir an die Holztreppen, die das eigentlich Ziel der Reise sind. Ein Weg aus Stufen, längeren Laufflächen und Geländer schmiegt sich an die Bergneigung. Den Fotospot von Maps erkennt man sofort, an der höchsten Stufe bzw. Plattform hat man einen umfassenden Panoramablick, Wahnsinn.

Kleine chinesische Mauer in Klein-China?

Der Aussichtspfad verläuft über ungefähr fünf Minuten, es kommen uns einige taiwanesische Wanderer entgegen, darunter Familien mit Kindern. Irgendwo scheint ein Parkplatz zu sein. In Rückrichtung steht die schmale Seilbrücke, das wahre Highlight der Region. Auf dem Weg runter kommen wir an einem der vielen Pavillons vorbei, die einfach zum Rasten gedacht sind. Dort sitzt eine Frau mittleren Alters auf dem Schoß eines Mannes hohen Alters, ihm zugewandt, seine Hände weit unten, sie lachen, setzen sich aber schnell nebeneinander, als sie unsere Anwesenheit bemerken. Sky kurz darauf: „Maybe they are a grandfather and a daughter or granddaughter.“ Nah, ich glaube kaum, die waren ziemlich sicher am Rummachen. Aber tatsächlich, sie überholen uns wenig später, er läuft gebückt und sie hält seinen Arm, als wenn sie einen Spaziergang im Garten des Pflegeheims machen würden.

Die „Duonagao Suspension Bridge“ ist auch von nahem sehr beeindruckend. Ich mag gar nicht schätzen, wie viele Meter das filigrane Konstrukt überspannt, aber es sind viele. Bei jedem Schritt spüre ich die Schwingung und die Schrauben der Befestigungen sind auch nicht so massiv, wie ich es von anderen Bauwerken dieser Größe gewohnt bin. Sie muss allerdings auch nicht so viel Gewicht tragen, zwei Personen können gemütlich aneinander vorbeigehen, mehr nicht. Nachdem wir einmal gequert haben, fährt ein Motorrad rauf, das bereitet mir schon ein mulmiges Gefühl. Über taiwanesische Sicherheitsstandards bei öffentlichen Bauwerken habe ich mich nicht konkret informiert, deshalb vertraue ich lieber auf mein Bauchgefühl. Wenn ich zu lange darüber nachdenke, muss ich an Final Destination V denken… Nichtsdestotrotz sieht das Ding ziemlich geil aus.

Einzig die Auflager sind wirklich monumental, das ist ja fast ein Bungalow
„Indigenious“ Bemalungen
Noch schöner wäre die Sicht ohne das Geländer, aber auch gefährlicher
Einmal Größenvergleich
Wenn eine dieser kleinen Schrauben mal bricht…
Blick nach Norden: riesiger Felsüberhang
Blick nach Süden: Landstraßenbrücke, über die der Bus gefahren ist

Am anderen Ende stehen noch mehr Aussichtsbänke, dort legen wir Pause ein. Die Instant-Nudeln aus der Brotbox, und warum nicht, noch eine Zeichnung. Sky hat damit kein Problem, gegen eine Runde Entspannen hat er glaube ich nie etwas einzuwenden. Das Schwierigste an dieser Zeichnung ist die ungleichmäßige Kurve der Brückenseile, die ich akzeptabel, aber nicht wie gewollt hinbekomme. Beim Füllen des Hintergrunds übertreibe ich leider und füge zu viel ein, dafür werden die mittlerweile aufziehenden Wolken ganz gut. Naja, das erste Bild heute war besser.

Für meinen Geschmack etwas zu überladen, das rot kommt zu wenig hervor

Unter den anderen Wanderern sind auf einmal auch zwei, drei Indonesier, die sich belustigt mit Sky unterhalten. Ich verstehe nur, wie Sky „bule“ sagt, das indonesische Wort für die „western people“. Während ich zeichne, spielt Sky den Song „Counting Stars“ in Dauerschleife ab, weil er die richtigen lines für seine Instagram-Story finden möchte. Davon werde ich den Rest des Tages einen Ohrwurm haben. Ich weiß nicht mehr wie, aber wir kommen auf Religion zu sprechen. Sky betont, dass er nicht religiös ist, aber seine Mutter wünscht ihm und seinen Geschwistern ein gutes Leben. Das geht doch auch ohne Religion? Ganz verstehe ich seine Erklärung nicht, aber es hat etwas mit den vorhin erwähnten Geistern zu tun. Seine Mutter erzählt ihm immer wieder, dass er als Zweijähriger einmal etwas aus dem Fenster gesehen hat, und seine Schwester auch, die Eltern hingegen nicht. Sie hält es für die Geister der Natur, weil, was sollen kleine Kinder denn auch sonst sehen? Den Weihnachtsmann? Ich traue mich fast nicht zu fragen, so albern klingt die Frage für mich, „So, … do you believe in ghosts?“ Sky bejaht. Ich weiß, es ist seine Sache, aber ich kann nicht ganz lockerlassen. Ob er glaubt, dass man die Geister eines Tages wissenschaftlich wird nachweisen können? „Maybe…? I don’t know, but maybe.“ Dann schiebt er noch hinterher, dass die Naturgeister nicht physisch erscheinen, sondern eher spirituell gedacht sind. Okay, jetzt verstehe ich besser, was er meint. Und auch, warum er mit Religion nichts zu tun haben will. Irgendwo glaube ich ja auch an eine deutlich abstraktere Form von Metaformen. Wenn man in einem Land mit so wunderschöner Natur lebt, hat man vermutlich einfach einen anderen Draht zu dieser, das habe ich bei meinen Erfahrungen in der Natur auch schon gemerkt. Jedenfalls bin ich sehr froh, dass er mir die Fragen und mein Schmunzeln, das ich nicht verborgen habe, nicht übel nimmt.

Dann geht’s auch schon auf den Rückweg. Weil wir uns um eine Stunde vertan haben, entspannen wir uns in dem unter 100-Seelen-Dorf mit einem stark gesüßten Milchtee, Mochirollen und großartiger Aussicht. Eine weitere Stunde kommt hinzu, als Sky mir beim Durchfahren unseres Busses versichert, es sei ein anderer. Kein Problem, einen gibt’s ja noch, die Zeit nutze ich für einen kurzen Videocall mit meinen Eltern, bei der Landschaft muss ich einfach mal flexen. Allerdings weist Google mir die kryptische „Bus Taxi“-Beschreibung zu, die uns auf dem Hinweg schon im Stich gelassen hatte. Nachdem wir schon überlegt haben, wie wir am besten in den Bergen übernachten könnten (auf den Campingplatz legen, im Pavillon pennen, den Teeverkäufer nach seinem Sofa fragen), fährt ein grauer SUV mit dem Smiley der YouBikes vor, kurbelt das Fenster runter und sagt oder fragt etwas auf Chinesisch. Ohne Sky wäre ich vermutlich aufgeschmissen, er klärt für uns die Rückfahrt. Der Typ ist quasi der Rausschmeißer der Berge, als letztes Gefährt klappert er abends die Landstraße einmal ab, danach ist Flaute. Wir setzen uns auf die beiden Hintersitze (für mehr Personen wäre praktisch kein Platz mehr) und halten unsere EasyCard an den Sensor, den dieser PKW tatsächlich eingebaut hat.

Das Flussbett sieht mir stark nach Abenteuerwanderung aus
Grüße aus den Bergen Taiwans

Der Fahrer rät uns an (bzw. übersetzt Sky für mich), beim nächsten Ausflug vorher zu überlegen, wie wir wieder zurückkommen. Als hätten wir das nicht getan, aber ich verstehe seinen Punkt. Mit leichter Ironie, so verstehe ich es, fügt er noch hinzu, dass er uns sehr mutig findet, so ohne genaueres Ziel irgendwo hinzufahren. Er ist uns aber freundlich gesonnen und bietet sogar an, dass wir fünf Minuten Pause bei einem 7/11 machen können (von denen hatten wir heute ja auch noch nicht so viel). Das nenne ich mal einen Busservice, und zwar zu normalen Buspreisen, nicht etwa die 600$TD, vor denen wir gewarnt wurden. Am Ende der Pause, die unser Chauffeur zum Rauchen genutzt hat, stelle ich fest, dass wir bereits 4:30 Stunden Fußweg von der Ausgangsstation entfernt sind, Laufen wäre also keine Option gewesen. Im Wagen, der übrigens äußerst sauber ist und wie neu wirkt, dürfen wir essen, auf Nachfrage winkt der Fahrer ab, als ob das selbstverständlich wäre. Schließlich darf man ja nicht einmal in den U-Bahnen essen oder trinken. Er ist aber generell sehr entspannt, ich bin als Einziger im Auto angeschnallt, meine Kopflehne lässt sich nicht nach oben schieben. Der Kollege gurkt sich durch die mittlerweile komplett durchziehende Finsternis, schaut immer mal wieder auf eins seiner zwei Smartphones. Die ganze Situation erinnert mich an eine Taxifahrt in Montenegro vor einer Bergbesteigung, bei der der Taxifahrer sich für ein paar Sekunden, in denen die Polizei rüberschaute, angeschnallt und sich danach demonstrativ wieder abgeschnallt hat.

Zwei Handys, der EasyCard-Sensor rechts – taiwanesischer Ersatz-„Bus“

An einem Busbahnhof mitten im Nirgendwo trennen Sky und ich uns, er will unbedingt nach Hause in sein Bett, ich will noch auf das Festival am Lotus Pond. Es dauert mich noch eine ganze Weile, aber gegen 20 Uhr bin ich wieder in der Zivilgesellschaft angekommen.

Per YouBike bahne ich mir meinen Weg in Richtung von Sebastians Live-Standort, allerdings sind viele Straßen gesperrt und eine Menge, eine große Menge Leute unterwegs. Die ganze Westseite des Sees ist Aktionsgebiet, neben unzähligen Night Market-ähnlichen Ständen gibt es Hüpfburgen, eine große Konzertbühne, Hunderte Sitzgelegenheiten (davon kann Deutschland sich mal eine Scheibe abschneiden) und einzelne Aufführungen. Am Rand des Getümmels treffe ich nicht nur Anna und Sebastian, sondern auch Minda und zwei ihrer indonesischen Freundinnen. Während wir Deutschen und alles brav anschauen, bleiben die Mädels meist stehen, auch wenn sie wie ich noch nie hier waren. Angeblich waren sie heute sechs Stunden lang shoppen, nicht nur angesichts ihrer dafür wirklich sehr kleinen Tüten wäre ich auch ziemlich erledigt. Die eine, ihren Namen weiß ich nicht mehr, hat wohl erzählt, dass sie vor allem deshalb nicht mehr zum Chinesischkurs kommen wird, weil er ihr etwas zu weit weg ist und sie dafür zu faul sei.

Riesige Statue am Lotuspond
Schildkröten im See – Achtung!

Wir schaffen es gerade noch so in die beiden Pagoden rein, die bei Nacht beleuchtet übrigens so krass aussehen, das wird kein Tageslicht schaffen.

Die beiden Pagoden der Stadt schimmern funkelnd im Wasser, in dem übrigens auch Schildkröten schwimmen, mitten in der Stadt

Gerade so schaffen wir es noch hinein. Für mich das erste Mal, schaue ich mich gut um. Zuerst läuft man durch die Schlund/Körper des Tieres, um auf die Pagode zu kommen. Die Aufgänge sind vermutlich wegen der hohen Besucherzahl gesperrt, aber das macht nichts. Die Pagoden sind schöner als ihre Umgebung, die von außerhalb zu bewundern ist im Endeffekt vielleicht sogar das bessere Erlebnis. In welche man rein und durch welche raus, wird mit Pfeilen großflächig beschrieben. Durch den Drachen rein, durch den Tiger raus. Und das Sahnehäubchen: beim Rausgehen darf man sich noch etwas wünschen. Gesagt, getan.

Im Bauch des Drachen
Tigerpagode von unten

Im Anschluss lassen wir uns zu sechst ein paar Mal knipsen, danach trennen wir uns aber auch schon. Die drei Indonesierinnen fahren nach Hause, Anna, Sebastian und ich auf die andere Seeseite, in der Hoffnung, einen leereren Night Market vorzufinden. Das tun wir auch, allerdings wird teils schon abgebaut, mir bleibt ein Knoblauch- Sandwich sowie eine Sprite, die ich zum Kühlen an Stirn, Wange und Nacken halte. Die Bediensteten des Wagens, ein Junge und ein Mädchen, lachen . Der Junge drückt nur wenig später eine zweite Dose Sprite in die Hand und sagt etwas, das ich als ‚Trink das andere schneller aus‘ verstehe. Nett bedanke ich mich, dann setzen wir uns an die Promenade auf eine Bank mit Blick auf die Pagoden. Wir reden darüber, ob wir uns vorstellen könnten, eine längere Zeit in Taiwan zu leben und ob es Sachen gäbe, die unsere Einstellung dazu verändern würden. An sich ist das ein Thema für ein anderes Mal, aber bei mir hängt das stark von sozialen Faktoren ab, bspw. Freundesgruppen, potentielle Beziehung usw.).Außerdem fantasieren wir über weitere Trips in Taiwan, bspw. nach Taipei oder Taichung und darüber, wo man die besten Fahrräder für welche Preise kaufen kann.

Gruppenfoto vor den Pagoden

Auf dem Rückweg mit YouBike fahren wir über den bisher bodenlosesten Bürgersteig, und das meine ich wörtlich. So viele Pflastersteine sind lose, dass die Reifen mit ihnen eine Art Xylophon-Symbiose eingehen. Mehrfach fällt mir ein Brötchen vom 7/11 aus dem Korb, aber zumindest im Bemerken dieser Tatsache bin ich jetzt sehr geübt. Beim zweiten Mal gerät es direkt unter den Reifen und platzt auf wie eine leere Chipstüte. Natürlich noch essbar, außerdem habe ich noch nie so unkonventionell eine Plastikverpackung geöffnet.

Im Dorm hat Mike eine tolle Nachricht für mich: im Stockwerk über uns gibt der Wasserspender bei der Einstellung ‚kalt‘ tatsächlich halbwegs kaltes Wasser ab. 16 Grad machen jedenfalls einen riesigen Unterschied zu den 31 Grad bei uns. Erster Gedanke: den hätte man ruhig mal früher entdecken können. Zweiter Gedanke: Heilige Scheiße, wir haben einfach kaltes Wasser, womit haben wir das verdient? Das wird mein Leben definitiv positiv verändern.

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