Ich wache mit Rücken- und Kopfschmerzen auf. Erstere kommen ziemlich sicher davon, dass ich meinen schweren Beutel gestern vor allem auf einer Seite getragen habe, letztere vermutlich eher von Dehydration. Grundsätzlich gilt eigentlich: Fast egal, wie viel ich trinke, das Urin bleibt gelblich. Man schwitzt tagsüber so viel, dass man den Bedarf nur selten zeitig reinholt. Weil meine Präsentationsgruppe im Englischkurs sich um 17 Uhr in einem Google Meet für den Vortrag morgen treffen will, bin ich zeitlich leider gebunden. Allerdings habe ich ansonsten auch nichts vor.
Den Großteil des Tages verbringe ich mit YouTube, Clash Royale, Aufräumen und Chinesisch-Vokabeln. Sonntags hat in der Cafeteria immer nur eine Theke offen, die auch nur ein vegetarisches Gericht haben, allerdings ein gutes Curry, das ich gerne wieder esse. Beide Male sitze ich mit Mike dort, muss mein Essen aber entweder schnell essen oder warten, bis er fertig ist. Seine Schmatz-Geräusche finde ich ziemlich widerlich (eine Chance auf Überzeugung rechne ich mir nicht aus, da er auch weiterhin im Stehen pinkelt), genau wie bei Sky. Der hat immerhin eine Zahnspange als Begründung. Klar bin ich da ein wenig empfindlicher als andere, aber ist ein geräuschloses Verspeisen des Essens denn zu viel verlangt?
Für die Präsentation habe ich mir auf einem Zettel ein paar Stichpunkte gemacht und hoffe, dass das Meeting schnell vorübergeht. Falsch gedacht. Molia, die ich bisher fälschlicherweise für eine ‚Maria‘ gehalten habe, ist über Kopfhörer noch schwerer zu verstehen als gedacht. Sie und Waverly (die dritte in der Gruppe) reden die meiste Zeit auf Chinesisch, sodass ich zum Lauschen verdammt bin. Beim Einhaken erfahre ich, dass es die ganze Zeit darum ging, welche Fragen wir dem Publikum stellen sollen. Da hätten sie mich miteinbeziehen können, aber was soll’s. Es ist beiden extrem wichtig, in welcher Reihenfolge wer was sagt. Schon zu Beginn merke ich, dass wir mit über 30 Folien wahrscheinlich viel zu lang brauchen werden. Wir einigen uns darauf, dass ich die Gruppe am Anfang vorstelle, aber die beiden stellen sich als ersten Satz ihrer Parts nochmals vor. Genauso wollen sie die Gliederung runterrattern und lesen quasi alle Sätze ihrer Folien von der Präsentation ab. Wichtig ist auch, wer den Part übernimmt, „And here are our sources“ zu sagen. Molia ist sich erkennbar unsicher, fragt uns sehr detailliert, wie sie was sagen soll, z.B. den ersten Satz ihres Parts. „It is up to you, your decision“ hilft ihr nicht besonders, aber ich sehe mich auch nicht darin, noch mehr Zeit zu investieren, allein schon, weil wir für einmal Durchgehen deutlich über eine Stunde gebraucht haben. Blöderweise muss ich bei den meisten Sachen auch noch nachfragen, weil ich es akustisch so schlecht verstehe. Spürbar steigt mein Stresspegel, irgendwann klinke ich mich dann aus.

In dieser Woche hatte ich echt ein paar Tage, mit denen ich nicht so glücklich bin, aufgrund fehlender Beschäftigung. Ich nehme mir vor, das nächste Woche zu ändern. Zum Glück sind ein paar Sachen auch schon geplant, ein Event von Ashley und Brian am Donnerstag, laut Sidd veranstaltet die indische Comminity der ein kleines Festival am Samstag und Ihsan hat auch Lust auf einen Trip.
Gegen Abend finde ich meine wortwörtlichen Homies wie meistens im Bett vor. Sky sagt, dass er gelangweilt ist, also schlage ich ihm vor, nach dem Billardraum zu sehen, da wollte ich sowieso hin. „How much is it and how far?“ „I think it’s for free and it‘s about five minutes from here.“ Ist wohl nicht attraktiv genug, er bleibt lieber liegen. Er wird es nicht bereuen, der Raum ist nämlich abgeschlossen. Allgemein lungern im Mensagebäude nur eine Handvoll Studis rum, die tanzen oder Musik laufen lassen und mich schweigend anstarren. Dann setze ich mich noch raus auf die Treppen des Theaters und genieße die Luft.
Ich frage Sky später, ob er irgendeine Krankheit oder ein Syndrom hat, das seine Müdigkeit verursacht. Darauf erwidert er eine sehr tiefgehende Antwort, mit der ich überhaupt nicht gerechnet habe. Sein Englisch ist zwar flüssig, aber nicht besonders wortschatzreich, es kann also sein, dass manche Sachen etwas anders rüberkommen, als sie gemeint sind. Jedenfalls hat er eine „broken family“, seine Eltern sind getrennt. Er als (mit 18 Jahren) älterer Bruder von zwei jüngeren Geschwistern hat ziemliche Lasten zu tragen. Die Familie hat wohl nicht besonders viel Geld, was sein sehr fixiertes Geldsparen erklärt. Er macht sich viele Gedanken, welchen Teilzeitjob er in den Ferien machen könnte, denn er muss es für seine Geschwister sparen, ab nächsten Jahres braucht er dringend eine Einnahmequelle. Wofür genau, verstehe ich nicht, vermutlich aber für deren Bildung, denn die Eltern liegen im Streit und der ganze Geldfluss läuft über ihn. Sie haben sich vor sechs Jahren ziemlich plötzlich getrennt, und, irgendwie klischeehaft, der Vater hat sich lange Zeit geweigert, Unterhalt für die Kinder zu zahlen. Angeblich hat er sogar ein Haus (ob seins oder von der Familie, höre ich nicht raus) heimlich verkauft und das Geld in „gambling“ gesteckt, sprich Casinos. Die Mutter war nach der Trennung so geschockt, dass sie auch so „tired“ war wie Sky, wenn sie nach der Arbeit nach Hause gekommen ist, sodass sie ihre Kinder geschlagen hat. Bitte was? Ja, sagt er mit einem für ihn typischen Lächeln, als hätte er einen Witz erzählt. Ich frage nach, wie doll er das meint. „In a bad way.“ Ich hab ihn ja schon öfter nur in Unterhose gesehen, so laufen wir hier ja fast alle rum, bleibende Wunden wie Narben habe ich zum Glück nicht bemerkt, aber das klingt schon super heftig. Vor allem, weil er bisher immer gut über seine Mutter geredet und auch öfter schon mit ihr telefoniert hat. So ein inniges Verhältnis, wie sie es ja anscheinend trotzdem haben, lässt mich zweifeln, ob ich das Ganze richtig verstanden habe. Tut mir Leid, sage ich ihm, aber „it‘s okay“. Das sei bloß der Grund, warum er immer so müde sei. In Indonesien ist es wohl auch anders, da musste er noch nicht so viel organisieren und sich kümmern. Mit dem „tired lifestyle“ identifiziert er sich aber schon ziemlich, er lacht und zeigt mir einen Social Media-Account, auf dem er sich einen Namen gegeben hat, der auf indonesisch ‚tired guy‘ bedeutet. Sky sagt sogar noch, dass er nicht so viel complainen möchte. Ich biete ihm an, dass er mit mir immer darüber reden kann, wenn ihm danach ist, das ist das Mindeste und prinzipiell auch Einzige, was mir spontan dazu einfällt. Vielleicht ab und zu mal was ausgeben. Er bedankt sich, dass ich ihm (5 Minuten) zugehört habe.
Heute höre ich auch mal wieder von Henry aus Mannheim. Sein future wife Susi hat ihm geschrieben, dass die Entfernung für sie zu groß ist (eine Beziehung also ablehnt), gerne aber ihre „special friendship“ erhalten möchte. Sehr special, nach zwei Treffen in der echten Welt. Ich wurde mal wieder mit ausreichend Chat-Screenshots versorgt, sodass ich wohlwissend wörtlich zitieren kann. Sie spricht ihm auf diesen (so wie ich letzte Woche schon) ihr Beileid aus, denn seine 18 Jahre alt gewordene Katze ist verstorben. Angeblich war sie einen Tag, nachdem sie seine Koffer für die Abreise gesehen hat, krank geworden. Als er zurückkam, war sie blind und ist durch die Gegend getorkelt (auch davon habe ich damals Videos bekommen). Er nimmt das zum Anlass, um über das Schicksal zu fantasieren. Ihm stößt nämlich schon länger übel auf, wie hart sie für TSMC schuftet. Tägliche Schichten von 8 bis 20/21 Uhr, manchmal am Wochenende, die Überstunden unbezahlt. Zugegeben, das klingt wirklich nach Ausbeutung und ich kann mir das gut vorstellen. Genau wie berühmte Architekturbüros weiß auch TSMC, dass jeder bei ihnen arbeiten will, daher können sie sich fast alles erlauben. Henry mit seiner 4-Tage-Woche an der Mannheimer Uni hingegen ist ein starker Kontrast dazu. Er erzählt Susi von seiner Katze und von seinem Vater, der nach mehreren Tagen harter Arbeit mit Krebs diagnostiziert wurde. Sie solle sich nicht überlasten, gerade da sie (mit 37) noch eine Familie gründen wolle. Gesundheit, Frieden, Zeit sind nicht wiederholbar, wenn sie einmal gegangen sind. So hochgestochen das erstmal klingt, im Grunde hat Henry damit recht. Aber sie scheint andere Beweggründe zu haben, wer weiß, vielleicht hat es auch mit ihm zu tun. Nur eine Vermutung. Er schreibt ihr noch, dass er ihre Entscheidung natürlich respektiert und seine Tür immer offen stehe. Natürlich. So von sich aus loslassen kann er nicht, das Phänomen kenne ich auch von Freunden aus Berlin. Der Text an Susi sieht nebenbei bemerkt sehr professionell aus, nicht nur inhaltlich, sondern auch vom Schreibstil, der gar nicht zu seinen sonstigen Nachrichten passt. Ob er das mit ChatGPT, einem seiner engsten Freunde, geschrieben hat, traue ich mich aber nicht zu fragen. Und er bedankt sich für das Kompliment bzgl. des Textes, es wäre also schon ein bisschen dreist, wenn er es wirklich nicht selbst geschrieben hätte.
Heizo war heute übrigens den ganzen Tag weg, ist erst abends nach Hause gekommen. Manchmal vergesse ich, dass er ja aus Kaohsiung kommt und auch Familie in der Stadt hat. Allzu oft scheint er aber nicht bei ihnen zu sein, jedenfalls wenn ich selber im Dorm bin, um es bemerken zu können. Wer weiß, was für Storys hinter seiner Fassade schlummern. Ich vermute mal nicht, dass ich das jemals erfahren werde.
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