Kaum zu glauben, ich muss heute ausnahmsweise mal Leistung erbringen. Dafür wache ich sogar früher auf als ich das sonst tun würde und gehe meinen Vortrag zweimal durch. Meine Rückenschmerzen sind leider nicht verschwunden, sodass ich das Training für heute absagen muss, sehr zu meinem eigenen Frust. Ich hatte im Frühling diesen Jahres bereits ein ähnliches Rückenleiden, sodass ich definitiv gewarnt bin, zu früh wieder mit Belastung anzufangen, und sei es nur ein Sprinttraining. Zum Glück habe ich noch Tape aus Deutschland, allerdings ein eher schwächeres. Sky und Mike helfen mir netterweise, es so aufzubringen, wie der Physio es damals gemacht hat, ich merke auch eine kleine Verbesserung.


Schon auf dem Weg in die Mensa spüre ich, dass es schlimmer als gestern ist. Jede Bewegung macht sich bemerkbar, und mein Frust steigt. Bei der letzten Rückenverletzung hat es anderthalb Monate gedauert, bis es verheilt war, inklusive drei Physiobesuche und mehrmalige Verschlimmerungen, weil ich zu früh wieder belastet habe. Das heißt, ich lag tage- bzw. wochenlang im Bett, ohne großartig etwas gemacht zu haben. Mir graut davor, das wiederholen zu müssen, gerade in Taiwan. Immerhin habe ich das Gefühl, dass die Schmerzen dieses Mal etwas geringer ausfallen, sodass es hoffentlich schneller verheilt.
Am Mensatisch frage ich Sebastian, ob ich dafür heute Abend bei ihm und Anna chillen kann. Besser als im Bett zu verrotten und die Aussicht von der Dachterrasse wollte ich sowieso einmal sehen. Er hat ja übrigens ein ähnliches Leiden mit seinem Fuß, der beim Laufen schmerzt. So oder so, ein Schmerz dieser Art ist einfach schrecklich. Nicht weil er akut so sehr schmerzt, sondern weil man ihn den ganzen Tag über spürt und extrem eingeschränkt ist. Ehrlich gesagt wiegt das in meinem Kopf schwerer als das verlorene Portemonnaie, von dem ich immer noch nichts gehört habe.
Ein bisschen Ablenkung schafft die Englisch-Stunde. Die erste Hälfte verbringen wir mit dem Thema unserer Präsentation, air pollution, und allgemein Klima und so weiter. Der teacher will wissen, wie viel wir bewusst laufen oder Fahrrad fahren. Als einziger melde ich mich bei ‚häufig‘. Er hat mich schon viel über den Campus laufen sehen, im Gegensatz zu allen anderen, die lieber Motorrad fahren, das findet er lustig. Ansonsten gehen wir die zehn Sätze durch, die meine Gruppe mittels ChatGPT vorbereitet hat, und sprechen sie gemeinsam und sehr langsam wiederholt durch. Nach der Pause präsentieren wir. Mit dem Mikrofon zur Klasse zu sprechen, kommt mir sehr komisch vor, gerade weil ich sowieso eine relativ laute Stimme habe. Außerdem bin ich unerwartet etwas aufgeregt, trotzdem klappt es ganz gut, die Begeisterung bei „JJ“ ist groß. Man könne sehen, wie viel Arbeitszeit in den Vortrag geflossen sei. Na klar. Er redet dann noch viel Chinesisch, was, weiß ich nicht, aber es ist langweilig. Am Ende der Stunde kommt er nochmal auf uns zu und fragt, welchen Aspekt der Präsentation wir selbst am besten finden. Eigentlich ein bisschen Kindergarten, aber im Grunde sorgt er sich vor allem darum, wie wir mit der Aufgabe umgehen. Für Molia bspw. war es der erste Vortrag überhaupt. Im Ernst? Ja. Und ja, sie hat auch in der Schule noch nie etwas vortragen müssen. Selbst bei der Nachbesprechung zittern ihre Hände noch. Jetzt verstehe ich besser, warum sie alles so detailliert durchsprechen wollte. Nicht dass ihr Part besonders gut zu verstehen war für die Zuhörenden, auf den Folien war viel zu viel Text, sie hat ihren Kopf mehr oder weniger hinter ihrem Handy versteckt und ihr Akzent ist wenigstens für mich sowieso äußerst schwer zu verstehen. Aber es geht für sie vor allem darum, es einmal geübt zu haben und der Lehrer spricht ihr gut zu, toll habe sie das gemacht. Mit uns als Gruppe will er noch ein Gruppenfoto machen, warum auch immer. Ich lasse es mir airdroppen, eigentlich ein lustiges Erinnerungsfoto.

Nach dem Unterricht gehe ich sofort in die Unishops 7/11 und den Schreibwarenladen, leider haben beide kein Tape, dafür kaufe ich mir noch zwei neue Stifte, Rosa und Grün erweitern meine Kollektion. Grün ist ein basic need und Rosa könnte mit Schwarz zusammen böse kommen.

Recht bald breche ich zu Anna auf, Buggi ist noch im Jiangong-Gym und macht die Geräte unsicher. Die Suche nach stärkerem Tape gebe ich noch nicht auf, dafür ist das Problem viel zu akut. Doch auch im Cosmed, einer Art Rossmann/dm haben sie von sowas nichts auf Lager. Aber tausend Pflegeprodukte, healthy food, Nahrungsergänzungsmittel und und und. Wenigstens in einer richtigen Apotheke werde ich fündig und bekomme eine Rolle für umgerechnet 9€. Das ist es mir allemal wert. Anna hilft mir, das Tape fachgerecht aufzutragen (jedenfalls so, wie mein Physio es damals gemacht hatte), und schon sehe ich aus, als würde ich aus dem Kitty kommen.

Es wird Zeit für einen kleinen Einblick in ein Kaohsiunger High Life. So, wie es folgende Bilder zeigen, kann man hier also auch leben.





Die Wohnung ist (offensichtlich) nicht großartig eingerichtet, aber die hohe Lage macht das schnell vergessen. Außerdem kann man bei Bedarf den Saloon im 28. Stock besuchen oder gleich eins höher auf die Dachterasse, die drei verschiedene Pools hat.


Mit meinem neuen Powerverband und einer Ibuprofen intus probiere ich mich auf der Pool-Balustrade an Rückenübungen, die ChatGPT mir vorgeschlagen hat und schaue in den Sonnenuntergang. Die aufgewärmten Steine sind sehr angenehm, das tut auch meinen Rückenmuskeln gut.

Meiner Meinung nach sind die Querstreben der Fassade, die bis ca. 2,50m über den Boden ragen, ein großer Fehler, auch wenn sie wohl für eine Komplettierung der Fassade sorgen sollen, siehe das Bild von der Straße weiter oben. Was für eine Aussicht man ohne sie hätte haben können…
Sehr rücksichtsvoll erklärt Anna sich bereit, Essen für uns zu holen, für meinen Rücken ist es am besten, sich so wenig wie möglich zu bewegen. Fast zeitgleich mit Sebastian kommt sie wieder, in der Zeit habe ich Chinesisch-Vokabeln auf dem Balkon gelernt.

Zum Essen ist es draußen aber zu warm. Nach der gesunden Gemüsebowl erledigen Sebastian und ich noch schnell unsere Hausaufgaben für den Chinesisch-Kurs: eine Vokabelliste aufschreiben mit den Wörtern, die wir bereits vor vier Wochen präsentiert bekommen haben. Weiter scheint das Niveau des durchschnittlichen Kursteilnehmers nicht zu reichen, oder Miss Peiti traut es diesem nicht zu. Vermutlich beides. Ich habe mir heute für einen Monatspreis von 5€ eine App-Abo gekauft (App Noji), das mir mit einer KI Karteikarten erstellt, basierend auf einem beliebigen Prompt. Tausend mal besser als wie bisher jedes Schriftzeichen händisch einzugeben, das hatte unfassbar viel Zeit eingenommen. Damit will ich jetzt richtig durchstarten. Sky is the limit oder so in der Art. Irgendwann wird es Zeit, nach Hause zu gehen und das Luxusapartment hinter mir zu lassen. Die Hausherren geben mir als Abschiedsgeschenk noch eine Packung Zuckerzwiebackstangen mit, die angeblich taiwanesische Spezialität sind. Nein, aber im Ernst, die pro Kopf-Miete ist hier sogar deutlich geringer als für mein Erdgeschoss-13qm-Zimmer an der Berliner Hermannstraße. Verrückte Welt. Ein Grund mehr, warum Leute wie André, Ingo, Tom von letztem Mittwoch oder perspektivisch ein Henry gerne in Taiwan bleiben.

Auf dem Heimweg fühlt sich mein Rücken schon deutlich besser an. Ich hoffe auch wirklich, dass es am Tape liegt und nicht nur an der Schmerztablette. Jedenfalls ist mein Rücken jetzt wesentlich straffer und gefühlt richtiger gespannt als noch durch das schwache Tape am Morgen.
Meine Abendroutine (kurzes plank-workout und Dehnen) muss ich leider ausfallen lassen, ich hoffe, dass das in wenigen Tagen wieder gehen wird. Meine Routinen funktionieren am besten, wenn ich möglichst keine Pausen einlege.
Ein weiterer Tipp der KI, auf dessen Effekt ich gespannt bin: für die Nacht ein Kleidungsstück oder Stoff unter den Rücken legen, damit sich die Spannung besser verteilt.
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