Dienstag, 14. Oktober

Die Stiche im Rücken, mit denen ich aufwache, sind leider nicht besser als gestern. Ein Stück Stoff unter meinen Rücken zu legen, hat gefühlt mehr geschadet als geholfen, auch mit mehreren Positionswechseln. Meine Mutter vermutet einen Hexenschuss, in jedem Fall muss ich dringend mal zum Arzt. Eine weitere Schmerztablette soll mir erstmal durch den Vormittag helfen.

Eine willkommene Ablenkung ist der Unterricht ab 9:10 Uhr. Wie letzte Woche bekommt Danny, der Prof, das Mikro lange nicht eingestellt, sodass er uns übersteuerten Bässen aussetzt. Jetzt bin ich endgültig wach. Heute geht es um intrinsische und extrinsische Motivation und was diese Fremdwörter überhaupt bedeuten. Um das zu veranschaulichen, fragt Danny erstmal ein paar Leute, warum sie heute zur class gekommen sind. Die Taiwanesen geben mehrheitlich die Verbesserung ihrer Englisch-Kenntnisse an, einer, dass der Unterricht im Stundenplan steht. Luca spricht erstaunlicherweise nicht über ihre Credits, sondern dass sie sich in der Disziplin des frühen Aufstehens üben möchte. Die anderen Deutschen sind noch nicht da, um eine Antwort geben zu können. Ich finds ganz interessant, nutze die Zeit aber auch, um Nachrichten (wie über den soeben abgeschlossenen Austausch der israelischen Geiseln) zu lesen, Chinesisch zu lernen und Blog zu schreiben. Ist denn niemand wegen dem Inhalt hier? Danny scheint es nicht zu stören, unbetört teilt er seine Begeisterung mit uns.

„Consumer Behavior“ am Dienstagmorgen

Luca hatte mich gestern Abend angeschrieben und gefragt, ob wir in knapp drei Wochen (mit ein paar ihrer Leute) einen Trip machen wollen. Ihr sonstiger Begleiter, Sidecharacter Michael, ist an dem Wochenende noch mit seiner Freundin beschäftigt, weshalb sie wohl einen Ersatz sucht. Es ist ehrlich gesagt schwierig bis unangenehm, auf so eine Frage einfach mit Nein zu antworten, was meine erste Intuition ist. So sehr mir ihre Einstellung zu einem Auslandssemester aber auch zuwider ist, so lustig könnte so ein Ausflug trotzdem werden. Mein persönlicher Kompromiss: Ich bringe Ihsan ins Spiel, vielleicht kann man sich ja zusammenschließen. Er hatte mich auch schon nach einem Ausflug gefragt und beide hatten tatsächlich die Ostküste als Ziel vorgeschlagen, eines, das auch auf meiner Liste steht.

In der heutigen Diskussionsrunde setze ich mal zu einer anderen Gruppe, Sebastian, Michael und vier Taiwanesinnen. Wir sollen dafür argumentieren, dass Luxusprodukte in aufstrebenden Märkten vielmehr dem sozialen Vergleich als der Selbstidentifikation dienen. Nicht allzu schwer, dafür Argumente zu finden, wo ich in Taiwan doch so viele iPhones sehe, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Schlussdebatte ist sehr interessant, anders als zuvor, wo ich einen Großteil der Zeit auf mein Handy geschaut hatte. Den Bogenschießunterricht werdenich heute ausfallen lassen und dafür wahrscheinlich zu einem Physiotherapeuten gehen. Ein Taiwanese aus meiner archery class empfiehlt mir sogar einen.

Bei Mensa sind die anderen Deutschen bekanntlich raus, dafür winkt Sascha mich an seinen und Andrés Tisch. Lange nicht mehr miteinander geredet. Sebastian scheint nicht ganz erfreut, aber da muss er jetzt durch. Wir tauschen uns ein bisschen darüber aus, was wir so gemacht haben und noch vorhaben, u.a. nimmt Sascha ziemlich viele Kulturangebote wahr. Er hat sich mit einigen Indern aus dem Chinesischkurs angefreundet, hat mit ihnen gekocht, gemeinsam werden sie versuchen, zu einem K-Pop-Konzert zu gelangen, er war schon in Musikzentrum, einer Art Philharmonie und hat sich dort ein Orgelkonzert angehört. Nächste Woche soll es noch eins geben, ich bin herzlich eingeladen, mitzukommen. Ich überlege es mir mal. Außerdem pflanzt Sascha auf seinem Balkon etwas an, von dem ich noch nicht ganz weiß, ob es Gras ist, oder ob es Gras ist. Eine WhatsApp-Story neulich ließ Letzteres vermuten, aber er beteuert, dass das ganz normales Gras ist. Ob Gras oder Gras, er fragt uns nach Tipps bzgl. Düngemittel, also ob er noch mehr Samen im store nachkaufen muss oder nicht, wobei wir aber alle nicht helfen können. Hauptsache, wir dürfen mal ‚schauen’ kommen, wenn es fertig gewachsen ist. André scheint als Einziger nicht zu verstehen, dass um die Frage geht, ob Sascha nur Gras anpflanzt oder nicht. Egal, seine Gedanken schwirren dafür relativ frei und gehen von Weltpolitik (Donald Trump), einen angeblichen Dengue-Ausbruch im Nanzih District über den Monatspass für die Metro und das Schulessen, für das es am besten auch ein Monatsabo geben sollte. Interessant ist unsere unterschiedliche Zeitwahrnehmung: die sechste Woche des Semesters läuft bereits und für André ist es eine Ewigkeit, während ich mich frage, wie jetzt schon ein Drittel vorbei sein kann. Na gut, an seinen kommenden vier Unterrichtsstunden heute sehe ich schon, offensichtlich ist unsere Arbeitslast verschieden zueinander.

Der Physio nahe der Uni ist ausgebucht und schickt mich zu einer anderen Praxis, an der ich 90 Minuten im Park warte, bis sie öffnet. Ein Wohnmobil spielt chinesische Schlager und zwei alte Herren spielen Runde um Runde ein Brettspiel, das mir nicht bekannt ist.

Reges Treiben im Stadtpark

Der Laden ist anscheinend der falsche und schickt mich weiter zu einem, der wiederum geschlossen hat. Ich irre weiter durch die Stadt und gelange schließlich in eine orthopädische Klinik, in der ich ein verwirrtes Gespräch mit einem Arzt führe. Er will mir zuerst eine „x-ray“ andrehen, woraufhin ich versuche klarzumachen, dass ich nicht hingefallen bin und sicher nichts gebrochen ist. Schonmal 20€ gespart, so viel hätte das wohl gekostet. Ich hätte vor allem gerne eine Massage, die ich auch zugesagt bekomme, am wichtigsten sind ihm aber eine Injektion für bessere Heilung oder Entzündungshemmung oder so, und mal wieder ein paar Pillen, die ich dreimal täglich einnehmen soll. Außerdem seine praktischen Tipps an mich: beim Nächsten Mal schwere Tasche tragen soll ich vorher ein Warm-Up durchführen und, am wichtigsten, nicht nochmal so viel Gewicht tragen. Da wäre ich nie drauf gekommen!! Bevor es losgeht, soll ich schonmal zahlen, 1100$TD, also knapp über 30€. Das ist mehr, als er vorher gesagt hatte, aber im Moment würde ich viel zahlen, um endlich schmerzfrei zu werden. Ich bekomme eine Quittung, die ich nach Deutschland schicken kann. Die Damen an der Rezeption waren ganz überrascht, dass ich weder ARC noch taiwanesische Krankenversicherung habe.

Ein Sehtest an der Wand der orthopädischen Klinik

Im Massagezimmer behandelt mich ein junger Mitarbeiter auf einer Liege. Er kann etwas Englisch, es reicht, um mir Anweisungen zu geben. Er fragt alle paar Sekunden nach, ob ich Schmerz fühle. Ja. Dass mein Rücken vollgetapt ist, scheint kein Problem zu sein, es wird nicht infrage gestellt. Die Massage dauert gerade einmal 15 Minuten, nicht besonders lange, aber ein ganz kleinen Effekt spüre ich, der Schmerz im unteren Rücken ist etwas zurückgegangen. Während mein Kopf im Kissen der Liege halb versinkt, hält die Rezeptionsfrau mir ihr Handy mit Google Translate vor die Nase: „You will get a injection soon.“ „M-hm“ erwidere ich. In der Zwischenzeit soll ich wieder Platz nehmen, der Chefarzt kommt nochmal kurz zu mir. „You know, health care in Taiwan is much cheaper than in… Germany. I have been to the U.S., it is sooo expensive.“ Dabei lehnt er sich leicht nach hinten und schlägt die Hände über seiner Stirn zusammen. In Amerika hätte ich nicht 1100$TD gezahlt, nein, viel mehr. Ja, gebe ich ihm Recht. Das ist doch was Gutes hier.

Warum das Gesundheitssystem in Taiwan so billig ist, merke ich aber auch. Schon im Krankenhaus letztens war die Austattung dürftig (zur Erinnerung: ich musste mein Behandlungswerkzeug selbst kaufen/bezahlen), auch hier habe ich nicht den besten Eindruck. Auch weil die Kommunikation so schwierig ist, fühle ich mich ehrlich gesagt nicht so gut. Dann ist aber schon die Spritze dran. Arm horizontal legen, weggucken, Stich, Spritze rein. Die Assistentin wechselt die relativ große Spritze auch noch aus, sodass echt viel von dem Zeugs in mich reingeht. Was das denn genau ist, frage ich sie. Sie spricht in ihr Handy und zeigt es mir: Ketorolac und Alinamin F, sind zumindest zwei Zutaten der Mischung. Letzteres wird laut Google gegen Vitamin B-Mangel eingesetzt, schon eine gute Sache. Ketorolac hingegen ist ein mittelstarkes Schmerzmittel, das 6-8 Stunden anhält und normalerweise nach Operationen eingesetzt wird, um den körpereigenen Stoff zu hemmen, der für Schmerzen zuständig ist. Außerdem ist es laut Wikipedia in Deutschland seit 1993 nicht mehr im Einsatz, nachdem es tödliche Magen-Darm-Blutungen gegeben hat. Wie ich gesagt habe, genau deshalb ist das Gesundheitssystem hier so billig. Ich bin echt gespannt, wie stark ich dadurch in den Wolken schweben werde. Die Spritze hat übrigens sehr streng gerochen, was laut Arzthelferin aber normal sein soll. Die Einstichstelle brennt nach der Behandlung noch eine Weile, als wäre mildes Chili auf meiner Haut gelandet.

Der Chinesischkurs ist ein Déja-Vu der letzten Woche. Immer wieder repetieren wir die Vokabeln von zu Beginn, die meisten können sie immer noch nicht, wissen teilweise nicht, was sie auf die Frage antworten sollen, was ihr Name ist. Frau Peiti scheint aber nicht sauer zu sein, sondern hat sich damit abgefunden. Freudig lässt sie uns ein Buchstabierspiel am Whiteboard spielen, auch da landen die meisten keine Punkte. Neu lernen wir heute, wie man größere Zahlen (alles fünfstellige) ansagt, und nach dem Preis von Gegenständen fragt. Das könnte tatsächlich sehr hilfreich sein für den Night Market. Am Ende rechnen wir noch das kleine Einmaleins auf Chinesisch, das war’s. Ab sofort verlasse ich mich lieber auf meine Apps, mit denen komme ich wirklich deutlich besser voran.

Zählweisen im Chinesischen

Meine Laube verschlechtert sich auch, weil die Spritze keinen schmerzlindernden Effekt hat, keinen spürbaren. Ich traue mich aber nicht, darauf eine andere Schmerztablette einzuschmeißen.

Komplettiert wird der Down-Tag dadurch, dass ich noch in Hundescheiße trete und dass mein Datenlimit für den Blog erreicht ist. Ich muss mir also etwas einfallen lassen, wie ich weiterschreiben kann. Eventuell erscheint morgen auf dieser Seite ein Verweis auf eine andere Seite, die den Blog fortsetzt. Oder auch nicht, mal schauen.

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