Disclaimer: Meine Berichte werden weiterhin in diesem Blog veröffentlicht, den man ab sofort auch über folgenden Link aufrufen kann:
Sky’s Wecker weckt ihn selbst nicht auf, dafür alle anderen im Raum. Vielleicht ist es mir bisher einfach nicht aufgefallen, aber seit einer Weile hat er sich den Alarm besonders laut gestellt, scheinbar ohne Wirkung. Ich warte 5-10 Sekunden, bevor ich einmal laut „Sky!“ sage. „Sorry!“, tönt es verschlafen, und wir haben wieder Ruhe. Nächstes Mal lasse ich die Kulanzzeit aus, ich glaube das ist okay.
Nach und nach stehen auch Heizo und Mike auf, ich bleibe erstmal liegen. Beim Umdrehen schmerzt mein Rücken zwar immer noch ziemlich stark, ich werde aber im Laufe des Vormittags merken, dass es im Vergleich zu gestern schon besser geworden ist. Die Uhrzeit, die mich bindet, ist 10:30 Uhr, ab dann wird kein Frühstück mehr ausgegeben. Ich nehme heute mal nur genau die 55$TD mit, die mein fettiger Eierpfannkuchen und der leckere grüne Tee kosten. Der Pfannkuchenmann hebt wieder die Hand zum Gruß, danach den Zeigefinger, den ich ihm bestätige. Die Kassiererin geht schon gar nicht mehr zum Tresen, ich nicke ihr nur kurz zu, lege das Geld hin und setze mich an einen Tisch zum Warten. Diese Kundennähe kenne ich aus dem städtischen Leben einfach nicht, sehr ungewohnt.
Ich gehe meinen Vortragspart über nordthailändische Asphalttestverfahren kurz durch, einmal muss reichen. Danach lerne ich lieber noch ein paar Vokabeln, mit meiner neuen App Noji macht das echt Spaß. Nach einer sehr unglücklichen und lahmen letzten Woche (abgesehen von dem Ausflug am Samstag) steigt meine Motivation für die Dinge langsam wieder. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich keinen unterschwelligen Druck bzgl. meinen Erfahrungen im Ausland spüren würde, was das Ganze schwieriger macht. Gefühlt jeder erwartet, dass ich eine durchweg geile Zeit habe, schnell Freunde/Freundesgruppen finde, in eine Beziehung komme, viel Feiern gehe, fließendes Chinesisch lerne, quasi ein halbes Jahr auf einem Dopamin-High schwebe. Ich weiß, dass bspw. mein Bruder am Anfang seines Auslandssemesters eine sehr schwere Zeit hatte, es im Laufe der Monate aber nur besser geworden ist. Auch andere hatten mal Schwierigkeiten, aber haben dann schnell Anschluss gefunden und sagen von sich, dass sie zu innerer Ruhe gefunden haben und mehr oder weniger neue Menschen geworden sind. Eine Kommilitonin, die fast mit nach Taiwan gekommen wäre, jetzt aber in Lissabon ist, hat mir gerade erst berichtet, wie sie sich von Anfang an wohlfühlt, eine riesige Freundesgruppe gefunden hat. Bisher hatte ich definitiv auch schöne Momente, aber es fühlt sich mehr nach einem Auf und Ab an; jeden Tag muss ich aufs Neue schauen, wie mein Leben hier funktionieren soll. Auch weil an den Erwartungen aus Deutschland viel dran ist, was ich mir für den Aufenthalt wünsche, allerdings nicht so einfach zu erreichen ist; bspw. die Möglichkeit, Feiern zu gehen, ist durch Angebot, aber auch die Abgeschiedenheit des Campus eingeschränkt, wenn ich nicht jedes Mal bis zur ersten Meteo wachbleiben möchte. Ich will das nicht als Beschweren verstanden wissen, denn ich habe mir ja auch bewusst ausgesucht, in ein Land mit so unbekanntem Schwierigkeitsgrad zu gehen. Aber meine Situation hier beeinflusst natürlich trotzdem, wie ich mich fühle (die letzten Tage waren einfach nicht besonders, um es mal so auszudrücken) und ich sehe mich mir selbst gegenüber in der Pflicht, das auch so festzuhalten.

In den meisten Situationen versuche ich, die Möglichkeit für neue Erfahrungen zu optimieren. So auch, als ich vor der Mensa auf Sebastian warte. Stelle ich mich an und setze mich einfach irgendwo hin, wo möglicherweise andere in der Nähe sind und mich ansprechen, weil ich alleine bin? Hier entscheide ich mich, lieber stehen zu bleiben, weil das Getümmel groß ist und das Sich-gegenseitig-Finden schwer werden könnte. Nur als Beispiel, wie sehr dieses Denken meinen Alltag bestimmt. Tatsächlich habe ich aber Glück, ein Mädchen, deren Gesicht mir bekannt vorkommt, spricht mich an, ob ich mich zu ihr und ihren Freunden setzen will. Ja gerne, wenn es auch noch ein Platz für meinen deutschen Kumpel gibt? Klaro. Dann stelle ich mich doch an, denn gerade jetzt um kurz nach zwölf wird die Schlange rasend schnell länger.
Am Tisch erkenne ich, dass es sich um zwei Mädels aus dem „Consumer Behavior“-Kurs von gestern handelt. Jess und Rita, außerdem eine schüchterne Freundin, die kein Wort sagt und ihren Körper wegdreht, als ich mich vorstelle. Kein Problem, das habe ich jetzt schon ein paar Mal erlebt und weiß, dass ich es nicht gegen mich verstehen sollte. Ein paar Minuten später kommt auch Sebastian, sowie Michael, der mit den beiden Damen wohl schon enger befreundet ist und den ich heute das erste Mal losgelöst von Luca erlebe. Er tritt ganz anders auf, als ich ihn bisher kenne, sehr überschwänglich befreit macht er Witze über Rita, die von Sebastian und mir verschiedene Dinge wissen will, sich in der Formulierung aber nicht sicher ist. „How big is your cock?“ übersetzt Michael seine Interpretation der Frage. Das beantworten wir vorerst noch nicht, sie will aber von uns wissen, ob wir eine Freundin haben und wie groß wir sind. Es werden eine Menge weiterer Witze gemacht, bis wir schließlich bei den chinesischen Wörtern für schwul und lesbisch landen, „jājā“ und „T“. Eine perfekte Gelegenheit, nach „bad words“ zu fragen. Nicht ganz, was ich mir vorgestellt hatte, aber „dà biàn“ und „xiào biàn“ sind wohl die Äquivalente zu großem und kleinem Geschäft. Eine nettere Beleidigung ist 白痴 „báichī“, was so viel wie Idiot bedeutet. Jess sagt es manchmal zu ihrem Freund, also ist Dummkopf vielleicht auch eine Übersetzungsmöglichkeit. Außerdem lerne ich mein erstes richtiges taiwanesisches Meme. Schon beim Training vorletzte Woche wollten die Jungs mir beibringen, zu sagen, dass ich alles will: „wǒ yào quánbù!“ Warum das so lustig ist, hatte ich aber nie kapiert. Jetzt schon: in einem viralen Streamausschnitt auf YouTube fragt ein (vermutlich) Ami den taiwanesischen Streamer nach Vokabeln. Dieser sagt sie ihm vor, der Kollege spricht ihm nach. Wie gut das klappt, zeigt der vorangegangene Satz, aus dem der Ami ein Pflegeprodukt macht:
Nach dem Essen haben fast alle Kurs oder gehen nach Hause; ich, der noch zwei Stunden Zeit hat, hänge mich bei Jess ran, die für ein Fach in einem Meetingraum an die PCs muss. Selbst einstellbare Klimaanlage, angenehme Bürostühle, stiller Raum, was will man mehr. Mit Jess kann ich mich sehr gut unterhalten, sie hat Englisch im Zweitfach und lernt sogar Deutsch. Ihr Aufgabenheft ist anscheinend dasselbe wie das von Ashley, mit den urkomischen Namen in den Texten. „Hallo, ich heiße Umur Tufan.“ Dass die Schüler bei diesem Fantasienamen am ehesten stocken, wundert mich nicht…
Ich zeige, wie ich mit kleinen Konjugationstabellen damals für Englisch und Französisch gelernt habe, ohne es genau zu wissen empfehle ich das aber auch für Deutsch. Für alle Chinesischsprachigen ist das Neuland, hierzulande bleiben die Verben immer gleich. Ansonsten hat sie viele Fragen zur Aussprache. Anhand Querschnittszeichnungen und Ansichten des Mundes diskutieren wir, wie man welche Buchstaben ausspricht. Bspw. kann man das „r“ entweder mit der Zunge am Gaumen oder durch durch das Pressen von Luft im hinteren Mundbereich aussprechen, nicht so wie im Englischen, wo es ganz verflüssigt wird. Fällt den Taiwanesen schwer, aber ich habe einen Trick: anstelle des „r“, das ja selbst im Deutschen häufig verschluckt wird, kann man ein winziges „a“ sprechen, das simuliert fast das Gleiche. Ob man „nur“ oder „nua“ sagt, macht sprachlich kaum einen Unterschied. Dafür fällt mir als Europäer das chinesische „e“ schwer, das man mit an den hinteren Gaumen gepresster Zunge wie einen Laut irgendwo zwischen „a“ und „ö“ spricht. Jess gibt mir außerdem Tipps für das chinesische Neujahr, das am Ende meiner Zeit im Februar stattfindet. Sie kommt aus Taipei und schickt mir neben hilfreichen Apps auch Standorte für die Feiern des Festes. Wenn ich nach Taipei komme oder plane, hinzufahren, soll ich sie unbedingt nach mehr Tipps fragen. Nach gut 90 Minuten ungeplantem Deutschunterricht gehe ich schnell noch einmal meinen Präsentationspart durch, dann muss ich rüber.

Die AC im kleinen Vorlesungssaal ist dermaßen kalt, dass ich wie andere schnell friere. Aber erst nach einer guten Stunde erbarmt sich ein Student in Windbraker mit Kapuze, die Fernbedienung zu suchen und machtvoll anzuwenden. Währenddessen starten die Vorträge, Gruppe für Gruppe. Mister Lin setzt sich in die erste Reihe und öffnet seinen Laptop für Notizen, während die gut 16 Studierenden in den hinteren Reihen gammeln und mehrheitlich in die Quadratkiste glotzen, mich eingeschlossen.
Denn die Vorträge erstaunen mich auf einem neuen Level und erhärten meinen Verdacht, dass der Kurs auch deshalb auf Englisch unterrichtet wird, um Leute wie mich anzulocken. Gegen diese Stunde ist mein Englisch-B1-Kurs ein professionelles Seminar. Auf der großen Leinwand werden klassisch die Powerpoints angezeigt, aber statt danebenzustehen und zur Klasse zu sprechen, versammeln sich die jeweils zwei bis drei Gruppenmitglieder gedrängt hinter dem an der Seite stehenden PC, lesen durchweg vom Handy ab und sprechen in ein Mikrofon, dessen Kabel locker bis zur Mitte des Raumes reichen würde. Die Flüssigkeit der Aussprachen variiert, in den meisten Fällen ist mein Aufmerksamkeitsfaden aber schnell gerissen. So tausche ich mich leise mit Ray, der neben mir sitzt, über die Merchanfragen des Leichtathletikclubs aus, er berät mich zur Größenwahl der Produkte. Ich bestelle jedes angebotene Produkte (2 Tshirts, eine Trainingsjacke und ein Wettkampf-Tanktop) einmal, so teuer wird das schon nicht sein, wenn so viele andere das auch kaufen. Bestellungen laufen über Kommentare auf Bilder in unserer Line-Gruppe, sodass jeder die bestellten Größen der anderen einsehen kann. Erst mache ich mir darüber keine Gedanken. Für den Kollegen, der alles in 3XL bestellt, muss das aber voll unangenehm sein.
Ray ist mit seiner Partnerin als zweites dran und hat offensichtlich keine Lust. Seine Ausdrucke sind sowohl auf Englisch als auch auf Chinesisch, und er hat sich im Englischen bestimmte Silben unterstrichen, vermutlich zur Betonung. Er übernimmt den ersten Part, es geht um irgendwelche wissenschaftlichen Untersuchungen zur Molekülstruktur von verschiedenen Asphalten. Er redet stockend, bestimmt an die zehn Minuten, ich sehe ihm beim Leiden zu. Seine Teampartnerin ist ein bisschen schneller, schaut aber auch nur auf den Bildschirm. Nach dem Ende zeige ich einen Daumen hoch, Ray ist die Erleichterung ins Gesicht geschrieben.
Mister Lin fragt nach jedem Vortrag, ob es Fragen aus dem Publikum gibt. Natürlich nicht, das macht es besonders unangenehm. Auch wird kaum geklatscht, mein akademisches Klopfen fügt sich in vereinzelte Pegelausschläge ein (weil so langsam applaudiert wird). Anschließend hat er aber selber einige Fragen, die stotternd beantwortet werden. Manche switchen komplett ins Chinesische, was den Lehrer nicht zu stören scheint. Warum ein Messgerät so heißt, wie es heißt? Oder warum jene Studie dieses nicht untersucht hat? Jeder Vortrag geht nämlich über eine Studie (Thema: Asphaltbinder), die vorgegeben wurde. Naja, jedenfalls „thank you for listening“. Stille, ich schaue nach rechts. Ray spielt auf seinem Handy das League of Legends-ähnliche Spiel, das ich schon bei Mine gesehen habe. Dann sind wir endlich dran.

Meine Teammates sehe ich gefühlt erst zum zweiten Mal, aber egal, unsere Folien sind ja getrennt voneinander. Der Kopf der Gruppe, Morgan, setzt sich an den PC, schnappt sich das Mikro, und los geht’s. Fünf Seiten Folien, fünf Seiten lang direkt von ihnen ablesen, ohne diesen lästigen Mittelsweg namens Notizzettel. Dann bin ich dran. Mit dem Tonverstärker vor meiner Fresse höre ich mich schon wieder selbst aus den Ecken des Raumes schallen. Weil weder jemand aus dem Publikum schaut noch es irgendwen zu stören scheint, versuche ich gar nicht erst, frei zu sprechen. Allerdings muss ich meine Stichpunkte noch zu ganzen Sätzen verwandeln, was mir ein wenig kreativen Spielraum gibt. So sehe ich Mister Lin aus dem Augenwinkel immer mal nicken, was er bei den anderen nicht gemacht hatte. Sehr schön. Am Ende habe ich sogar das Gefühl, zu wissen, worüber ich gesprochen habe. Kurz gesagt war es meine Aufgabe, die Studie vorzustellen und die Unterschiede in den alten und neuen Messverfahren zu differenzieren. Der dritte Mann im Boot, Namen habe ich leider nicht mehr parat, ist als drittes dran. Schon nach dem zweiten Wort macht er eine lange Pause, Morgan flüstert etwas, er ahmt es nach, dann geht es weiter. Immer wieder stockt es, er tut mir richtig Leid. Unangenehm wird es aber erst, als die Fragen des Profs kommen: Warum unsere Grafik am Schluss denn das alte und nicht das neue Testverfahren zeigt? Langes Schweigen, dann antwortet Morgan (dem ich zutraue, alles alleine gemacht zu haben): „We don’t know.“ Irgendeine andere Frage. „We didn’t search for that.“ Dabei schauen die beiden immer wieder auf ihr Handy, auf dem ich ein Chatfenster ähnlich dem einer KI erkenne. Das ist next level, ChatGPT einfach während dem Vortrag offen zu haben. Am liebsten würde ich irgendwas sagen, aber inhaltlich war ich nicht involviert. Morgan hatte das netterweise auf sich genommen und mir in erster Linie das Sprechen überlassen. Bei einer Verständnisfrage, was welche Balken in einem Diagramm bedeuten, kann ich aber einspringen. Ich reime mir zusammen, was „average“ in Bezug auf andere „average“-Balken bedeuten könnte, der Lehrer findet es plausibel, aber auch „weird“. Am Ende bekommen wir wie jede Gruppe Feedback in dritter Person Plural, „I think group five put a lot of effort in this, I appreciate that.“ Verhaltenes Klatschen. Beim Blick in die Klasse bemerke ich, dass fünf oder sechs Leute fehlen, haben die den Unterricht einfach schon verlassen? Ist mir nicht aufgefallen. Und sonst auch niemandem.
Nachdem die letzte der sechs Gruppen nach insgesamt drei Stunden durch ist, draußen ist es schon dunkel, bittet Herr Lin mich noch zum Gespräch. Auf dem Flur betont er, wie wichtig es ihm ist, dass ich in Taiwan eine gute Zeit habe und wenn ich mich unwohl fühle, dass ich dann etwas sagen oder ihm eine Email schreiben soll. Explizit bittet er um Verständnis, dass seine Schüler keine native speaker sind, eine auf witzige Weise maßlose Untertreibung. Offensichtlich ist es ihm sehr peinlich, er lobt außerdem mein Englisch. Die Schüler hätten noch nie einen Vortrag auf Englisch gehalten, beim zweiten Mal liefe das erfahrungsgemäß schon deutlich besser ab. Ich versichere ihm, kein Problem, das kenne ich ja auch von anderen Orten und Leuten in Taiwan. Mein Thema sei eher der Inhalt. Auch ein Literaturstudent würde in etwa so viel davon verstehen wie ich, da diese ganzen Formeln genauso wenig mit Konfuzius zu tun haben wie mit Sou Fujimoto. Im IBM-Department habe ich ein paar besser verständlichere Kurse gefunden, erzähle ich. Dort will ich mich mal ausprobieren und gebe ihm dann nochmal Bescheid. Ich stoße auf Verständnis, Hauptsache, ich hätte eine gute Zeit. 謝謝 „xièxiè“, bedanke ich mich, und gehe meiner Wege.
Später am Abend fahre ich erneut nach Nanzih, um in diversen Polizeistationen nach meinem Portemonnaie zu fragen, von dem ich leider nichts mehr gehört habe. In einer größeren Station, in der auf dem Empfangstresen eine offene, fast leere Nudelbolognese steht und das Großraumbüro stark an Sitcom erinnert, weiß niemand von nichts. Netterweise rufen sie aber eine zentralere Stelle an. Ich höre, wie der Polizist meinen chinesischen Namen vorliest, aber ich kann nicht verklickern, dass der auf keinem meiner deutschen Ausweise zu lesen sein wird. Sei‘s drum, sie bekommen meine Handynummer, falls es sich irgendwie noch findet. Auch in der Station direkt neben dem Verlustgebiet gibt es nichts, sehr niederschlagend. Kurz vor meiner Ankunft dort habe ich auch noch fast einen Unfall. Bei dunkelgelb (das werde ich bestimmt nicht nochmal tun) bekomme ich eine Ampel gerade noch und trotz kräftigen Tretens wird es für die Querseite so schnell grün, dass ich fast mit den Motorrädern kollidiere, die in ihrem auf die Straße gepinselten Kasten gewartet haben, weit vor den Autos. Nur eine Vollbremsung beider Seiten verhindert, dass wir zumindest aneinanderdängeln. Ein Zusammenstoß wäre nicht heftig gewesen, da gerade erst beschleunigt, aber mein Herz klopft danach trotzdem ziemlich hoch. Der Verkehr ist wirklich nicht für Fahrräder gebaut, heiliger Scheibenkleister.
Als ob das Portemonnaie da noch liegen könnte, laufe ich die Strecke von letzter Woche erneut ab. Großes habe ich heute nicht mehr vor, schließlich lande ich beim Stadion auf dem Campusgelände. Dort winkt mir ein Inder zu, den ich aus dem Sprachkurs kenne. Er ist zum Zuschauen der Sportler gekommen, weil er selber auch nichts zu tun hat. Also laufen wir ein paar Runden. Elumalai, der aber lieber Mohan genannt wird, kommt aus dem Süden Indiens, kann also kein Hindi, dafür Tamil, eine angeblich 3000 Jahre alte Ursprache der Region. Bisher ist mir Mohan vor allem aufgefallen, weil er sich mit Chinesisch so schwer tut, selbst im Vergleich zu seinen Landsleuten. Auf Englisch, seiner ersten Fremdsprache, kann ich mich aber sehr gut mit ihm verständigen. Ich komme ja aus Deutschland? „Germany, there is only one thing that comes to my mind…“ Er lacht und richtet den rechten Arm nach oben. Immerhin ballt er dabei die Faust, sodass es mehr nach Black Lives Matter aussieht. Haha, ja genau, und Cars natürlich.
Auf dem Campus ist viel los, nicht nur wegen des Sports, auch wegen der städtischeren Lage. Eine sehr große Gruppe junger Studierender versammelt sich in einer Ausbuchtung, eventuell eine Tanzveranstaltung? Auf einmal springt einer von ihnen hervor und kommt mit ausgeholter Hand auf mich zu. Tiger gibt mir einen saftigen Handschlag, „What do you do here?“ Selbe Frage zurück. Sie organisieren neue Aktivitäten für die taiwanesischen Erstis. Wie ich jetzt zum First Campus komme, fragt er noch, bevor er wieder zurück muss. Mit YouBike?? Bin ich verrückt?? Das ist doch viel zu weit. Ob er selber schonmal gefahren ist? Nein, er hat ja ein motorcycle. Beachte, Tiger ist schon seit über zwei Jahren hier.
Mohan zeigt mir, dass man im 7/11 dieses Campus mit dem Guthaben auf seiner student ID zahlen kann und lädt mich auf einen 100ml-Joghurtdrink ein, eine liebe Geste. Wir tingeln ein wenig umher, dann zeigt er mir kurz sein Dorm.

Dort gehen wir kurz in sein Zimmer, ein länglicher Raum im Erdgeschoss, der aussieht, als könnte er auch schonmal von Mäusen oder Ratten heimgesucht worden sein, besonders, weil die Mülltonnen direkt vor der Wand stehen. Das Zimmer hat vier Hochbetten mit Schreibtisch unten darunter sowie ein doppeltes Hochbett. Ein Roommate sitzt mit Kopfhörern an seinem PC und scheint uns nicht zu bemerken, sodass ich ein Foto machen kann.

Mohan öffnet eine Schublade und drückt mir ein silbern glänzendes Plastikpaket in die Hand. „I brought this from India. It’s a sweet, you should eat this when you have a craving for sweet.“ Unfassbar freundlich, ich nehme es dankend entgegen und bin auf den Inhalt sehr gespannt.

Bevor ich mich auf den Rückweg begebe, setzen wir uns noch kurz nach draußen. Mohan ist am Samstag wie wahrscheinlich alle Inder in Taiwan auf Cijin Island, um dieses indische Festival zu feiern, zu dem ich schon von Sidd eingeladen wurde. Er will mich dort auch finden, sagt er. Für meinen Blog machen wir noch ein Selfie.

Ich will meinem Onkel eigentlich persönlich zum 60. Geburtstag gratulieren, allerdings stelle ich fest, dass ich sein Tastenhandy aus Taiwan fast nicht erreichen kann ohne WLAN (WLAN-Anrufe). Also wird‘s eine Email, auch fein.
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