Donnerstag, 16. Oktober

Disclaimer: Meine Berichte werden weiterhin in diesem Blog veröffentlicht, den man ab sofort auch über folgenden Link aufrufen kann:

https://leointaiwan.com

Ich bin heute nur für abends verplant, da findet ein Event statt, das von Ashley und Brian veranstaltet wird. Sie hatten mich schon vor vielen Wochen dazu eingeladen, ich bin also gespannt, wer und was da auf mich zukommt.

Mit Ashley und Lilly, einer Freundin von ihr, die ich letztens schon einmal kennenlernen durfte, verabrede ich mich in der Mensa. Als Ashley „I have a question about your blog“ sagt, ahne ich schon Böses. Ich hatte total vergessen, dass ich ihr am Anfang des Semesters einmal den Link gegeben hatte, genau wie bei Hansen in der naiven Erwartung, sie würde ihn nicht lesen können. Aber ChatGPT & Co. machen‘s möglich. Es geht ihr um unser Mittagessen mit ein paar Taiwanesen vor etwa zwei Wochen. Ich hatte mich da etwas unter Druck gesetzt bzw. fehl am Platz gefühlt und entsprechend darüber geschrieben. Jetzt will sie wissen, was ich damit gemeint habe. Na toll, eigentlich wollte ich genau deshalb niemandem in Taiwan den Link geben. Ich versuche zu erklären, dass ich beim Schreiben kein Blatt vor den Mund nehmen will, das kommt halbwegs an. Naja, nicht mein Problem. Und immerhin scheint sie die anderen Einträge lustig gefunden zu haben. Das Thema wechselt zum Glück und es geht um das Event. Es gibt wohl richtig Programm, mit 30 Leuten und Essen für jeden. Davor haben die beiden Mädels aber noch einen Kurs, zu dem ich herzlichen eingeladen werde. Ich habe sonst nichts zu tun, also warum nicht?

In diesem Teil der Uni sieht alles viel technischer und moderner aus. Weite und saubere Flächen, ausgestellte Projekte, farbige Arbeitsräume, angenehm klimatisiert.

Flurbereich
Arbeitsecken

Der Lehrer des Bastelkurses, so verstehe das Thema jedenfalls, hat überhaupt kein Problem damit, wenn ich mich mit reinsetze. Grundsätzlich ist er die meiste Zeit selbst nicht im Raum, sondern irgendwo anders im Gebäude unterwegs. Der Arbeitsraum ist riesig, mit hohen Tischen und jeder Menge abseilbarer Steckdosen von der Decke.

Sehr langgezogener Werkstättenraum

Bevor ich mich an einem 3D-druckenden Stift versuchen darf, muss ich einmal Ashleys bisherigen Werke wertschätzen. Sie hat schon Brillen, kleine Taiwanflaggen und viele weitere Muster und Formen gedruckt, eine schicke Sammlung. Intuitiv muss ich an meine Schwester denken, die hier garantiert Spaß hätte. Was genau das Ziel des Kurses ist, kriege ich nicht ganz heraus, den Studierenden wird aber offensichtlich sehr viel Freiheit gelassen. Eine richtige Einweisung hat es bisher noch nicht gegeben und eine Betreuung findet auch nicht statt, auch wenn der Prof sehr nett ist und bestimmt jedem hilft, der eine Frage hat.

Filament-Vorrat für die Bastelstunde
Steht mir?

Ich soll den Stift zuerst auf der Tischoberfläche ausprobieren, damit die Zeichnung danach gut wird. Dafür führt man das Filament hinten ein und wartet nicht nur, bis es in der Stiftspitze angelangt ist, sondern auch, bis der Stift sich etwa auf den Wert 200 erhitzt hat. Fast wie bei manchen Vapes, die piepen, sobald sie das Gras auf 170 Grad hochgeheizt haben und ausgehen, wenn man ein paar Minuten lang nichts tut. Das geschmolzene Plastik trocknet innerhalb von Sekunden, sodass ich nach Belieben experimentieren kann. Ich entscheide mich dann nicht für das Flaggenäquivalent. Was will ich denn mit kleinen Deutschlandflaggen, da gibt es viel coolere Dinge. Zum Beispiel ein Berlin-Wappen! Oder das meines Vereins. Und, weil mir langweilig ist und es nicht allzu schwer ist, die Krone aus Clash Royale. Dazu pause ich die Logos von meinem Handy ab und mal mit dem 3D-Stift auf das Papier. Das Ergebnis kann sich doch halbwegs sehen lassen. Ashley zeichnet derweil auf ihrem Ipad und Lilly freestylt einen Kirby, mit dem sie selbst aber nicht zufrieden ist.

Durchgepaust, wie damals, als Kind
Sich mit der neuen Technologie vertraut machen
Kindergartenartiger Bastel-Workflow
Ergebnisse meiner Beschäftigungstherapie

Um mein Handy aufzuladen, verschwinde ich kurz im Dorm, bevor es dann um 17:30 Uhr mit dem Event losgeht. In der entsprechenden Line-Gruppe sind zwar über 100 Leute, heute sollen aber nur etwa 30 aufkreuzen, was dem begrenzten Platz- und Mahlzeitangebot geschuldet ist. Soweit ich das verstehe, geht es darum, Leute kennenzulernen und vordergründig die eigenen Englisch-Skills zu verbessern. Dafür wurden wir vor ein paar Tagen bereits aufgefordert, uns zu überlegen, was unsere Hobbies und Interessen sind. Ihsan ist nicht angemeldet, er darf aber trotzdem kommen, weil jemand anderes abgesagt hat.

Wir treffen uns in einem kleinen Seminarraum des IBM-Departments; fünf runde Tische, eine Leinwand in der Mitte und eine Mini-Theke am Eingang bestimmen das Raumbild. Auf letzterer stehen eine Liste, in der ich unterschreiben soll, sowie aufeinandergestapelte Lunchboxen aus der kleinen Cafeteria. Brian begrüßt mich wie immer mit einem strahlenden Grinsen und zeigt stolz auf das Essen: „I know you like the fish.“ Mit dem Abendbrot in der Hand darf ich mir einen Platz aussuchen, ich setze mich aber direkt an den ersten Tisch, weil ich niemanden sofort erkenne und nicht so (offensichtlich) wirken will, als würde ich mich aufgrund von Äußerlichkeiten gegen die Gesellschaft jemandes entscheiden. An meinem Tisch sitzen drei Asiatinnen, deren Herkunft ich mich aber nicht zu erraten traue. Kurze Namensvorstellung, die links neben mir heißt Lin, die anderen beiden schweigen oder murmeln so leise, dass ich einfach beim freundlichen Nicken bleibe. Bauchtasche an den Stuhl gehängt, Beine nach Möglichkeit lang gemacht (schwierig bei den Tischen, die am hinteren Ende ein vertikales Gitter haben), dann komme ich dazu, einen Blick durch den Raum zu werfen. Lucy, die Vietnamesin vom BBQ neulich erkenne ich, ansonsten alles fremde Gesichter. Am Tisch neben mir sitzt eine europäisch Aussehende mit hellen Haaren und einem bunten Kleid, die mir zulächelt. Ich dachte, ich kenne schon alle (globalen) Wessis auf dem Campus, erinnere mich aber auch an Französinnen, von denen Sebastian einmal erzählt hat. Interessant.

Dann geht’s auch schon los: Wir sollen mit der Person links von uns ein kleines „ice breaker“-Gespräch führen, um herauszufinden, was deren Hobbies und Interessen sind. So unterhalte ich mich eine Weile mit Lin, die Sport liebt, am Sonntag einen Marathon läuft, aber eigentlich sind es nur zehn Kilometer, okay; sie kommt aus Taichung und will nach ihrer Rente einmal in den Ort ihrer Großmutter ziehen, nach Taitung an der Ostküste. Das nenne ich mal langfristige Planung und muss einfach fragen, wie sie auf den Konflikt mit China schaut. Nicht dass sie es anzweifeln würde, aber man sage ihr bereits seit der Kindheit, dass irgendwann der Krieg komme, also habe sie für sich beschlossen, im Moment zu leben und die Situation so zu akzeptieren, wie sie kommt. Sie wandert gerne, möchte wie ich auch einmal Taiwan mit dem Fahrrad umrunden, studiert seit vier Jahren in Kaohsiung und schließt nächstes Jahr ab, danach will sie nach Singapur gehen, sofern möglich.

Nach und nach tauchen auch Anna, Sebastian und schließlich Ihsan auf, der sich zu uns setzt. Er hofft, das sei das letzte Mal, dass er zum First Campus müsse, über eine Stunde habe er gebraucht. Es gibt vorerst keine weiteren Anweisungen, also quatschen wir zu dritt weiter. Der ice breaker hat also funktioniert. Bei einem WC-Besuch nehme ich mein fast fertig gegessenes Essen mit und entsorge es, leider waren die Beilagen des Fischs normales Fleisch und das Meerestier hatte mehr Gräten, als ich Bisse gemacht habe. Wenn ich mich recht entsinne, war es genau der Fisch, den Sebastian und ich neulich in der Mensa für eine Aubergine gehalten haben und wegschmeißen mussten, weil es mit Stäbchen äußerst schwierig ist, ihn zu verzehren. Mich würde echt die Sorte interessieren, jedenfalls scheint es der unbeliebtere im Vergleich mit dem Standard-Backfisch zu sein. Wie dem auch sei, das Essen war ja gratis und vor allem dazu gedacht, faule Studenten anzulocken. Das Interessante wartet noch auf uns.

Jeder Tisch ernennt einen group leader, wofür auch immer, und wir bekommen Begriffe, zu denen jeder je ein Bild aus seiner Galerie mit den anderen teilen soll. „Most naughty picture“, „memorable moment“, „the person(s) I think most about“, „favorite moment in 2025“, und so weiter. Es ist wirklich lustig, die Bilder der anderen zu sehen, die mal eine Handtasche als Hut benutzen, ihren Bruder verhauen, mit einem Kaninchen spielen, einen sportlichen Erfolg zeigen oder ein emotionales Familienfoto teilen. Sehr coole Art, das Eis zu brechen, man bekommt spannende Einblicke und kann selber spezifisch aussuchen, was man von sich hergeben will.

Dann wird Schere, Stein, Papier gespielt und wir rotieren an den Tischen. Bei einem Toilettengang fällt mir auf, dass Ihsan, der schon seit einer ganzen Weile rausgegangen ist, um mit seinen Eltern zu telefonieren, ohne Kopfhörer in sein Handy starrt, die Miene versteinert. Ob alles okay sei, verneint er. Einem (entfernteren) Familienmitglied gehe es ernsthaft schlecht, und er haut lieber rein. Ich frage noch, ob ich irgendwas tun, aber klar, Ihsan kann ja nicht einmal selbst was tun, bedankt sich trotzdem bei mir.

In der nächsten Tischrunde sitze ich mit Anna, Sebastian, einem mittelalten Taiwanesen namens Joe (der eine U.S.A.-Cap mit Adler trägt), Lucy und Olivia, einer Indonesierin. Wir sollen über unsere Träume sprechen, sprich über die Ziele, die wir langfristig haben. Anna will einen guten Job finden, Lucy möchte sogar finanziell frei leben und ihrer Familie selbiges ermöglichen. Das ist auch der Wunsch Olivias, die aber ergänzt, dass ihr tolle Erfahrungen im Leben besonders wichtig sind. Joe, der sein aktuelles Alter von 44 Jahren betont, macht klar, dass er 120 Jahre alt werden will. Er war lange Zeit Trucker, wenn ich das richtig verstehe, und hat sich (in der vorgezogenen midlife crisis vermutlich) doch noch zu einem Studium entschieden, irgendwas mit Computern und Informatik. Er geht/läuft für sein Leben gerne und daher ist sein Traum, einen Job zu ergattern, der ihm grenzenloses Laufen ermöglicht. An Sebastians interessiertem Lachen kann ich dessen Gedanken ablesen. Und auch ich will Joe nicht zu nahe treten, aber dafür, dass er noch knapp 80 Jahre leben will, reicht Laufen als gesunde Superpower vermutlich nicht mehr aus. Trotzdem: er grinst so niedlich, dass man es ihm einfach wünscht.

Die nächste Aufgabe ist, gemeinsam einen Text zu lesen, dessen Kopien rumgereicht werden. Joe als einziger Muttersprachler der Runde reißt sich den chinesischen Part ab, der Rest teilt sich die wenigen Sätze auf. Eine Geschichte über einen Vater, einen Sohn und einen Esel. Vier aufeinanderfolgende Situationen: Der Vater reitet auf dem Esel, die Leute regen sich auf, wie kann er seinem Sohn nur antun, zu laufen. Sie wechseln, der Vorwurf wird von den nächsten Leuten umgedreht, wie könne man seinen alten Vater nur gehen lassen. Sind beide rittlings unterwegs, wird das Leid des Tieres beklagt und als alle drei laufen, kommt die Frage: „Wie kann man nur so dumm sein und ein Nutztier nicht nutzen?“ Mir kommt die Story schwer bekannt vor und auch Anna realisiert: „Das ist doch aus der Bibel!“ Wir sollen das Problem der Geschichte und ihre Lektion diskutieren: Man kann’s einfach nicht allen recht machen! Daraufhin kommen Ashley und Brian richtig in Fahrt, die Veranstaltung nimmt Form an: Ashley erklärt: Es kommt darauf an, eigene Ziele zu setzen und diese mithilfe von Zwischenschritten, sogenannten „smart goals“, zu verfolgen. Wenn beispielsweise das übergeordnete Ziel sei, 3kg abzunehmen, könne man als smart goal setzen: einen Monat lang keine Eiscreme essen. Das wäre allerdings schrecklich, fügt sie hinzu. Ein besseres Beispiel sei Brian, der NBA-Player werden will (!) und als smart goal mit hartem Training beginnen sollte. Auf der Leinwand spielen sie uns ein tiktok-artig geschnittenes Motivationsvideo vor, ein Business-Mann spricht in knappen und harten Sätzen in die Kamera, sinmgemäß etwa so: ‚Du willst dein Leben verändern? Dann setze dir (fünf) Ziele! Wenn nur eines von ihnen bis morgen einträte, welches würde dein Leben am stärksten verändern? Schreib dir Zwischenschritte auf, Fristen, Belohnungen, Bestrafungen, geh raus, tu etwas!! Du kannst alles schaffen!!‘ Ganz leichte „Komm in die Gruppe“-Vibes, vor allem, weil wir alle vollkommen überrascht auf das Video starren, aber Recht hat er. Klingt nur so schön einfach.

Motivationsvideos auf den Donnerstagabend

Genau seine Anweisung sollen wir jetzt befolgen: Auf der Rückseite eines neuen Zettels schreiben wir erst fünf allgemeine Ziele auf, das wichtigste definieren wir dann genauer. In meinem Fall landen darauf auch ‚nie wieder verletzt sein‘ und ‚alleine reisen‘, wobei einem tausend Sachen einfallen würden. Schreibt man jetzt lebenslange Gesundheit, eine glückliche Beziehung, allgemein Glück, Spaß im Leben oder doch konkretere Dinge wie Lottogewinne/Reichtum, Fleiß und fünf Meter Bestleistung auf…? Ich versuche, die Führungskräfteausbildungsvibes zu ignorieren und gehe die Sache ernst an. Hundert Prozent ehrlich, am meisten würde mich voranbringen, wenn ich von heute auf morgen keine Fliegenschiss mehr auf die Meinung anderer Leute geben würde. Mit anderen Worten: Ich will in meinen Entscheidungen unabhängiger werden, so stelle ich mir das Leben deutlich einfacher vor.

Goal Card: Wie in einer Selbsthilfegruppe, aber lowkey hilfreich
Alle denken über ihre Ziele nach: Buggi, Anna, Joe, Lucy

Meine Notizen sind für mich nichts prinzipiell Neues, vieles versuche ich gerade, seit ich in Taiwan bin, sowieso schon umzusetzen, aber der Reminder tut mir gut, ganz sicher. Jede Karte darf noch von jemandem beglaubigt werden, Sebastian darf mich überprüfen. Wir dürfen uns auch mit anderen Tischen austauschen. Ein Typ, der die Stunde über lustigerweise immer wieder Wörter wie „Ahh!“, „Yes“, „Right“ oder „hǎo!“ reingerufen hatte, hat sich fleißig vorgenommen, mehr paper zu lesen, zu schreiben; und im Falle eines Misserfolgs will er sich mit „1km jogging“ bestrafen. Das sei soo langweilig, erklärt er, „terrible“.

Das offizielle Programm, das laut Email im Vorhinein übrigens minutiös durchgeplant wurde, ist damit beendet. Es folgt Werbung für eine Halloweenparty, die nächste Woche Samstag von 19 bis 21 Uhr gehen soll, das wird bestimmt eine ganz wilde Feier. Daran, dass Feiern nicht mit open end ausgeschrieben werden, werde ich mich vermutlich einfach nicht gewöhnen können. Es tauchen aber noch weitere Line-QR-Codes für andere Events auf: offiziell erneut zum Englisch lernen, allerdings nimmt das Ganze eine interessante Wendung: Ashley erwähnt, dass ein (oder mehrere, ich verstehe es nicht ganz) Event nicht am Campus, sondern in der Kirche in Nanzih stattfindet. Zur Erinnerung: sie ist Mitglied in der Mormonenkirche, deren zentrales Ziel die Missionierung Außenstehender ist, wenn man einer schnellen Internetrecherche Glauben schenken darf. Dazu fragt sie die beiden Kirchenmitglieder, die heute auch anwesend sind: ein dunkelhäutiges, mir bisher nicht aufgefallenes Mädchen und die Strohblondine, die mir direkt aufgefallen war. Sie erklären, dass alle eingeladen sind, bei ihnen vorbeizuschauen und an ihren Veranstaltungen teilzunehmen. Nachdem alle aufgestanden sind, kommen wir Deutschen mit ihnen ins Gespräch. Woher wir kommen und warum wkr nach Taiwan gegangen sind, beantworten wir mit Gegenfragen. Die blonde Missionarin kommt aus Utah und lebt für eineinhalb Jahre in Taiwan (oder wurde zugeteilt, wer weiß), Chinesisch kann sie schon deutlich länger. Die andere bleibt eher still, aber für mein Gespür geht es sowieso vielmehr darum, uns in die Nanzih’er Kirche zu bekommen. Die christlichen Veranstaltungen inkludieren normalerweise eine Stunde Gottesdienst, danach ein gemeinsames Mahl, wobei viel geredet (oder missioniert) wird. Ich weiß, dass ich keinen besonders guten Eindruck von dieser Kirchenausrichtung habe und vielleicht auch ein wenig vorschnell urteile, es liegt auch nicht am Glauben per se, aber dafür habe ich schon zu viele „Komm in die Gruppe“-artigen Pyramidensysteme und Freunde von mir deren Opfer werden sehen. Ich hatte kein ernsthaftes Problem damit, als Ashley mir von ihrer Aktivität in der Mormonenkirche erzählt hatte. Ich finde es ja sogar gut, dass man gesellschaftliche Aktivitäten für verschiedene Altergruppen anbietet, deshalb mag ich meine evangelische Gemeinde in Berlin auch so gerne und bereue es nicht, Konfirmandenunterricht genossen zu haben, auch wenn ich seitdem wenig bis nichts mit der Kirche am Hut habe. Aber mir stößt übel auf, dass eine Uni-Kennlernveranstaltung anscheinend als Hintertür für kirchliche Missionierung genutzt wird. Die beiden Mädels wurden ja auch bewusst in die zusammengewürfelte Truppe reinplatziert, mit der Uni haben sie gar nichts zu tun, wie sie uns frei heraus mitteilen. Ob die Uni darüber Bescheid weiß, mag ich gar nicht philosophieren. Schließlich stellt diese das Budget für die Veranstaltung, auch wenn es vermutlich nicht besonders hoch ist und vor allem für das Essen ausgegeben wird. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen finde ich das Ganze höchst spannend. Mich würde z.B. brennend interessieren, ob Brian auch zur Kirche gehört. Wie sie eigentlich heißen, frage ich die beiden Mädels. Mir war schon vorher aus dem Augenwinkel das schwarze Badge aufgefallen, das an den Kleidern der beiden Glaubensboten angebracht ist. Die Amerikanerin erwidert: „Actually, you can call us by our last names, we only use our last names. I am sister McMaster and this is sister Soriano.“ Ich kann nicht mehr. Ich traue mich gar nicht, sie so anzusprechen, so komisch witzig wirkt die Situation auf mich. Schwester McMaster bietet ihr Line an, falls wir mal Lust auf ein gemeinsames Gebet bzw. Gottesdienst haben. Ich schaue zu Anna und Sebastian nach links und rechts, der Junge erbarmt sich und added die Schwester. Auch ich zücke meinen QR-Code, aber in der Konversation geht das Vorhaben unter, na gut. Bei Buggi sehe ich den Line-Hintergrund der amerikanischen Predigerin, deren Vorname Isabela dort übrigens verraten wird: Jesus Christus, wie er eine Herde Schafe von der einen auf die andere Seite des Bildschirms führt. Außerdem werden im Anschluss über 70 Bilder des Events von Brian in die Gruppe geschickt, ein kleiner Auszug:

Gruppe am Arbeiten
Ashley erklärt, was Smart Goals sind
Gruppenselfie von Brian

Leider wollen alle direkt nach Hause oder verschwinden anderweitig, ich hätte gerne noch mit Leuten wie Joe oder Lucy gequatscht. I guess, wenn man im Rahmen von Events Bekanntschaften machen will, muss man sich in Taiwan auch an die Uhrzeiten halten.

Auf dem Weg über den Campus diskutiere ich mit meinen beiden deutschen Vertrauten, was ich angemessenerweise über den Abend in den Blog schreiben sollte. Einerseits fand ich das Treffen irgendwie cool, es war relativ einfach, mit den fremden Leuten am Tisch zu sprechen und ich habe sehr lustige Sachen erfahren. Außerdem hat die Veranstaltung mich ernsthaft dazu gebracht, tiefere Gedankengänge anzuregen und zu überlegen, was ich (vor allem in meiner Zeit in Taiwan) an mir verändern möchte. Ich will aber auch kein Blatt vor den Mund nehmen und den Fiebertraum auch als solchen benennen. Es macht mir einfach unheimlichen Spaß, Leute literarisch zu zerlegen, und sowieso, das habe ich heute gelernt: Man kann’s nicht allen recht machen.

Der FamilyMart bekommt noch einen Besuch von mir, kalorientechnisch muss einfach noch nachgelegt werden. Weil ich mich heute mal gegen eine Plastiktüte entscheide und alles in den Händen trage, ziehe ich einige ungläubige Blicke auf mich. Zum Essen und genüsslichen Blog schreiben setze ich mich unten in den Gemeinschaftsraum, umgeben von taiwanesischen Kleingruppen. Ich habe ja eh zu tun, es stört mich also nicht, dass niemand von mir Notiz zu nehmen scheint. Aber es ist mir wichtig, sich einfach mal unterzumischen, von nichts kommt schließlich nichts.

Als wäre es ein Zeichen, hängt in unserem Raum auf einmal ein Tshirt mit religiösem Emblem

Meinem Rücken geht es verglichen mit einem 50-Stunden-Flashback übrigens blendend! Ob es an der Spritze Ketorolac, der kurzen Massage, den Tapes, den bunten Pillen oder einfach der Zeit liegt, vermag ich nicht zu urteilen. Aber ich freue mich einfach, dass Wahnvorstellung einer Wiederholung der letzten Rückenverletzung (eineinhalb Monate Erholungszeitraum) wohl ausbleibt. Mein Workout lasse ich heute dennoch aus, weil manche dynamische Bauchübung auch an den hinteren Rumpf geht. Aber ich dehne mich wieder weitgehend ohne Schmerz und fühle mich wie unbesiegbar. Das schwarze Klebeband auf der Rückseite meiner Vorderseite ist nur noch ein Relikt aus vergangenen, dunklen Zeiten.

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