Disclaimer: Meine Berichte werden weiterhin in diesem Blog veröffentlicht, den man ab sofort auch über folgenden Link aufrufen kann:
Mein Plan für heute: ein vorsichtiges Training im Jiangonger Gym. Ich bin sogar etwas vor der Öffnungszeit um 13:30 Uhr da. Als es aufmacht, wiege ich mich wieder und beginne ein Beintraining, das meinen Rücken wohl am wenigsten belastet.

Tatsächlich funktioniert es ganz gut, ich habe keine Beschwerden, sogar wenn ich versuche, den Rücken zu beanspruchen, ist das kein Problem. Ich bleibe aber lieber vorsichtig. Mir fällt wieder auf, in was für eigenartigen Klamotten die Jungs (ja, ausschließlich Jungs) trainieren. Ein ultimativer Discopumper ist mal wieder mit Skinny Jeans und Gürtel da, stöhnt bei den schweren Gewichten, die er demonstrativ stemmt. Aber auch viele andere trainieren in elastischen Cargohosen mit tausend Seitentaschen, dazu langärmlig. Angenehm stelle ich mir das nicht vor, abgesehen von der Stylefrage. Aber das ist etwas anderes, Cargoklamotten sind in Taiwan einfach voll im Trend.
Ich probiere ein paar neue Maschinen aus, zum Glück sind die Beschreibungen immer auf Englisch. Am besten gefällt mir ein kleines Gerät, mit dem man sich auf acht verschiedene Arten dehnen kann, indem man sich auf dem beweglichen Sitz zurücklehnt und jeweils andere Körperteile kreuzt oder anwinkelt.



Gegen Ende meiner Session sehe ich sogar ein Mädel, das sich in die Testosteronstube mit ungefähr 20 mutmaßlichen Junggesellen wagt. Als ich am Gehen bin, spricht mich ein Typ mit weiß gefärbten Haaren an, der mir dunkel bekannt vorkommt. Er fragt, ob ich alleine trainiere. Ja, aber ich bin leider schon durch. Achso, na dann, bye bye. Später erinnere ich mich, dass er auch im Consumer Behavior-Kurs sitzt. Auf dem Weg nach Nanzih suche ich nochmal den Bowl-Laden an der Kaohsiung Arena auf, den mir Anna und Buggi gezeigt hatten. Für 2€ bekommt man hier das Gesündeste, was ich bislang in Kaohsiung gesehen habe. Es macht mich nicht ganz satt, aber ich hole mir später beim 7/11 noch Vorrat für den Unterricht.

Die heutige Chinesischstunde wurde vorab als besonders wichtig angekündigt, alle sollten on time sein. Zum ersten Mal unterschreiben wir die Anwesenheitsliste mit unseren chinesischen Namen, was bei manchen besser klappt als bei anderen. Es sind richtig viele Leute da, Sascha hat mit einem gewissen Thomas sogar einen Neuen dabei, der erst seit zwei Wochen in Kaohsiung ist. Wie es sich für einen Alman gehört, hat er ein Karohemd an, kurze beige Hose, seine hellen kurzen Haare legen die Geheimratsecken offen. Ich hatte ihn vorhin schon am Straßenrand auf einer Mauer hocken sehen; wir hatten uns knapp zugenickt, einfach aus Solidarität mit anderen Fremden, aber ich hätte nicht erwartet, ihn im Kurs wiederzusehen. Wie Sascha ist er Mitarbeiter an der Uni, genauer teaching assistant, also ein Kollege. Er wird auch nächste Woche Mittwoch bei einem Konzert dabei sein, zu dem Sascha mich überredet hat.
Locker die Hälfte des Kurses besteht aber aus der Indergruppe, die der Versammlung Leben einhauchen. Ein paar wenige Spaßvögel treiben den Lachpegel immer wieder nach oben, auch Miss Peiti wird davon erfasst. Die Stunde ist wohl deshalb so wichtig, weil wir noch mehr in die Praxis des Sprechens gehen. Nicht nur wiederholen wir einfache Phrasen, wie unsere Mitleute nach ihren kulinarischen Vorlieben auszufragen, sondern in schnellerem Tempo als sonst lernen wir neue Vokabeln und Formulierungen und sollen sie im interaktiven Unterrichtsgespräch direkt anwenden. Das macht richtig Spaß und bringt meinen Kopf endlich mal, vielleicht nicht gerade zum Rauchen, aber wenigstens zum Dampfen, 气 „qì“.

Vivek, der sich mit Sebastian und mir in eine Reihe gesetzt hat, erbringt mal wieder seine Leistung: wie er laut und undeutlich versucht, alles Gesagte nachzusprechen, ist einfach zu witzig, um nicht darüber lachen zu müssen. Er selbst lacht auch mit, was die Sache noch komischer werden lässt. Er fragt uns heute sogar, ob wir mit ihm und Anderen (Indern) Volleyball spielen wollen. An sich habe ich mega Bock darauf, aber ich wollte unbedingt noch in die Stadt, vielleicht auf einen Night Market. Minda hat auch schon ein thailändisches Restaurant vorgeschlagen, zu dem wir uns später zu viert aufmachen. Vorher frage ich Frau Peiti aber noch, ob sie mir zeigen kann, wie man sich eigene Memory-Levels mit den Schriftzeichen erstellt, wie es auf ihrer Website ist. Sie verspricht, mir den Code bis zur nächsten Stunde zu geben. Ich weiß, das klingt ultra streberhaft, aber so lerne ich nun mal am besten und anscheinend erwartet sie kein bisschen, dass wir da schnelle Fortschritte machen.
Das thailändische Restaurant ist ganz nett, während die anderen Phat Thai bestellen, bekomme ich den spicy seafood salad, mittelscharf. Die Küche hat sich aber offensichtlich an taiwanesische Verhältnisse angepasst, besonders scharf ist es dann auch nicht. Ich bin schon so sehr von den taiwanesischen Gaststätten verwöhnt, dass es mir übel aufstößt, keine all you can drink-Auswahl zu haben, und sei es nur grüner Tee. Okay, Limettenwasser gibt es, aber alles andere muss man kaufen. Einen Liter thailändischen Saft bestellen wir gemeinsam und diskutieren lange, ob man ihn mit Wasser mischen darf (eigentlich eine obsolete Debatte angesichts der Tatsache, dass im Saft bereits Eisstücke schwimmen, just saying).

Vor der Tür fährt die Müllabfuhr, was die fantastische Gelegenheit für eine Nahaufnahme bietet. Die stets laut gespielte Melodie ist das allgegenwärtige Erkennungszeichen des Abfalldienstes und ich habe das Thema jetzt schon so oft gehört, dass es vermutlich nie wieder vergessen werde.
Ich will Freitagabend um 21 Uhr noch nicht nach Hause, also schreite ich voran und kündige an, in die Stadt fahren zu wollen. Minda zweifelt kurz, aber kommt dann auch mit. Angeblich findet auch heute eine Lichtershow statt, die über mehrere Tage geht. Allerdings wurden wir gescammt, was das angeht, an der Kaohsiung Main Station findet gar nichts statt. Dafür chillen wir uns dort in den Dachgarten. Mit Geld, das jemand beim Aussteigen aus der Metro auf dem Sitz liegen gelassen hat, wir ihm aber nicht mehr geben konnten, gönnen wir uns einige Snacks. Neben Käsechips und einem Heineken für Sebastian und mich jeweils will Minda das erste Mal in ihrem Leben den Geschmack von Bier probieren. Einem alkoholfreien natürlich. Nach einem winzigen Schluck bekommt sie einen Würgereiz, steht auf und übergibt sich fast in die gut gepflegten Beete auf dem Stationsdach. Es scheint ihr nicht zu munden. Mir war bereits klar, dass sie als praktizierende Muslimin aus Indonesien keinerlei Erfahrung damit hat und das Thema auch ganz so auf die leichte Schulter nimmt wie wir Deutschen, aber mich überrascht die Reaktion trotzdem und erinnert an Leute, die der Aufmerksamkeit wegen überreagieren, was man Minda aber nicht unterstellen kann. Ungläubig fragt sie uns, wie wir das trinken können, ohne dizzy zu werden. Noch verwunderter ist sie, als sie erfährt, dass Gras in Deutschland legal ist und wir es schon einmal probiert haben, was in meinem Fall gut und gerne als Untertreibung bezeichnet werden darf. Fast schon stolz erzähle ich davon, aber auch Minda hat Storys parat. Ihr Vater ist Polizist und bei einer „night club razzia“ hat er einmal starken Alkohol beschlagnahmt und mit nach Hause gebracht. Er und Mindas Geschwister sowie die Mutter hätten das m.E. wahrscheinlich selbstgebrannte Zeug an einem Abend geleert. Alle waren so „dizzy“ und haben sich am nächsten Tag nicht ganz so gut gefühlt. Na da erzählste mir aber was. Wir sitzen da also Freitag Nacht auf dem Boden des Hauptbahnhofs und entleeren unsere Biere zu Geschichten aus‘m Paulaner Garten. Mein bisher asozialster Moment in Taiwan, aber ich fühle mich glücklich an Berlin erinnert.
Ein Thema, das Anna und Buggi fast mehr als mich beschäftigt, sind die Mormonen von gestern Abend. Hatte ich mich schon ausführlich über sie bzw. ihre Anwerbungsstrategie im Blog ausgelassen, so tippen die beiden das nochmal mit mehreren Dokus und von KI erstellten Podcasts, die simulieren, wie ich mit sister McMaster diskutiere. Das fiktive Gespräch muss ich mir bei Gelegenheit unbedingt anhören. In den Dokus und durch weiterführende Recherche haben sie übrigens in Erfahrung gebracht, dass die Mormonen junge Mitglieder der Kirche auf Missionen schicken, auf denen sie (wie die beiden „Schwestern“ gestern) Fremde missionieren und währenddessen in bester Sektenmanier den Zehnt ihrer Einkünfte an die Kirche spenden. Die Mitgliedschaft kann wohl für gute Joboptionen sorgen und zudem sei die Führungsstruktur stark männlich geprägt ohne Aufstiegschancen für Frauen. Alles nichts, was uns einen Besuch schmackhafter machen würde. Sebastian hat zu meinem Vergnügen auch das Bedürfnis, eine kleine Diskussion anzufangen und wir überlegen fieberhaft, was er auf die Einladung von sister McMaster zu ihrem Gottesdienst antworten könnte, um eine Debatte ins Rollen zu bringen oder jedenfalls die Gelegenheit zu bekommen, einmal die eigene Meinung zu deren Konzept kundzutun.



Mit Minda tuckere ich per YouBike durch die nächtliche Vorstadt nach Hause, leider schaffen wir nicht ganz den Ampeltakt, sodass wir mehr Zeit zum Sternegucken haben. Tatsächlich sieht man ein paar wenige durch die Lichtverschnutzung hindurch.
Der Abend wird noch sehr spät, als mich ein Anruf aus Deutschland beim Blog schreiben erwischt. Zwei Freunde wollen mal hören, was bei mir so los ist und entgegen meines Versprechens, nur fünf Minuten zu quatschen, werden es am Ende glatte anderthalb Stunden Hin- und Herlaufen im Flur mit Videocall. Mich wundert, dass so viele Leute noch wach sind. Um drei Uhr nachts föhnt sich mal wer die Haare, andere duschen erst, laufen in Gruppen durch die Treppenhäuser, waschen ihre Wäsche und auch Sidd zeigt sich; wahrscheinlich eine kleine Pause in seiner Nachtschicht.

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