Sonntag, 19. Oktober

Ein Stromausfall erfasst das Dormitory. Prinzipiell nicht schlimm, weil das Haus nicht so modern ist, als dass unser 8K-Fernseher auf einmal nicht mehr gehen würde. Zuerst bemerke ich es in der Toilette am Licht, denn die kleine Zelle hat kein Fenster. Dann muss ich wohl oder übel mit offener Tür pinkeln, die anderen stört das nicht. Sky probiert sich am Sicherungskasten, aber ich rate ihm davon ab, „the problem will be more general“. Der Kühlschrank geht nicht und selbst die Hochsicherheitskontrolltür am Eingang fällt aus, sodass ich endlich mal wieder durch die alte Drück-/Ziehtür laufe. Die Cafeteria hat zu, vermutlich auch wegen des Stroms. Von weitem hört man lautes Getöse, vielleicht versucht jemand, einen Generator anzuschließen.

Der ohrenbetäubender Lärm kommt vom Generator

Tatsächlich sehen wir in der Line-Gruppe, dass es einen unerwarteten Stromausfall gegeben hat und die Backup-Generatoren aus irgendeinem Grund nicht fähig sind, die Anfrage des Dormitorys zu erfüllen. Also hole ich mir mein Frühstück vom FamilyMart, das Mittagessen wird zum Glück in der Mensa ausgegeben.

Ich hatte definitiv zu wenig Schlaf die letzten beiden Nächte, also muss ich mich nochmal hinlegen. Obwohl es heute sehr bewölkt und eigentlich kühler als sonst ist, schwitze ich aus ganzer Seele, selbst im Ruhezustand perlen die Schweißtränen an mir herunter. Ich fühle mich schlapp, will aber unbedingt noch rauskommen. Einen Anruf von Sidd, der in die Stadt wollte, habe ich schlafend verpasst, also ziehe ich alleine los. Etwas „me time“, wie Sky sagen würde, kann ich gut gebrauchen. Mit YouBike fahre ich in unbekanntes Gebiet nach Norden, Ziel ist ein Wasserreservoir, das ich letztens auf Google ausfindig gemacht hatte.

Auf dem Weg muss ich das kilometergroße Gelände umfahren, das direkt neben dem First Campus liegt und eine einzige Baustelle ist. An einer Stelle zweigt ein staubiger Pfad ab, eine Frau in gelber Weste bewacht den Eingang, den wahrscheinlich nur Berechtigte passieren dürfen. Ich frage sie, was hier gebaut wird, aber sie zuckt nur unbeholfen mit den Schultern. Wenigstens steht ein Plakat in der Nähe, das ich so verstehe, als wenn die Regierung Ministerialstruktur errichten lässt.

Der weitere Weg führt mich über eine lange Landstraße, auf der ich von Öllastern und schnellen Motorrädern überholt werde. Rechts und links sehe ich mal Bruchbuden, Bauernhöfe, mal Fabrikanlagen, Werkstätten. Irgendwas sagt mir, dass man die Luft dieser Gegend nicht zu lange einatmen sollte.

Landstraße Kaohsiung
Quasi frei zugängliche Förderbänder am Straßenrand

Nach insgesamt knapp 30 Minuten gelange ich an einen großen Parkplatz, der vor dem See steht. Eine Art Grundschule hat hier ihren Campus, viele Kinder in gelben Shirts spielen auf den Wiesen vor den mutmaßlichen Lehrgebäuden.

Am Ufer des Gewässers sind Solarpanels aufgereiht, die man leicht selbst als kleinen See betrachten kann. Eine entspannte Menge an Leuten sitzt auf einer kniehohen Mauer oberhalb des Ufers, unter einem Pavillon oder spaziert um den See. Wie ich es mittlerweile schon gewohnt bin, hört man ab und zu Musik aus den Lautsprechern der Smartphones. Auch wenn die Wolken kein bisschen Sonne geschweige denn eine sichtbare Transormation zur Nacht zulassen, ist es ein sehr schöner Ort, der Ruhe zulässt und ein interessantes Panorama zu bieten hat. Das unmittelbare Highlight ist eine Fußgängerbrücke, deren tragenden Stahlelemente rot lackiert sind und die selbst ohne meine Schritte wackeliger ist als die Suspension Bridge, auf der ich letzte Woche mit Sky war. Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees steht ein Hügel, den man auch aus der Metro sehen kann und von hier erkenne ich einen Skywalk, der garantiert einen Besuch wert ist.

Skywalk und Landschaft um das Wasserreservoir
Sumpfartige Randlandschaft
Die Kamera hält still, die Brücke wackelt
Ich liebe diese schmalen Brücken einfach

Auf der anderen Uferseite setze ich mich auf eine Bank und gucke vor mich hin, während andere Leute vorbeispazieren, bis die Mücken kommen und ich zurückgehen muss. Ich merke, dass es mir einerseits gut tut, alleine zu sein, fühle mich unterbewusst aber auch schlecht, weil alle anderen, die ich sehe, nicht alleine sind. Allgemein ist mir schon oft aufgefallen, dass kaum Taiwanesen alleine Ausflüge machen, wenn es nicht gerade eine Joggingrunde ist. Natürlich mache ich das selber in Berlin auch nicht, ich wünsche mir im Moment aber trotzdem, dass andere das machen würden. Auch, weil man mit Alleinreisenden gut connecten kann, auf die Pärchen oder Rentnergruppen hier habe ich keine Lust.

Später wird es nebelig, eine besondere Stimmung zieht über die Sumpflandschaft

Ich bekomme gerade noch so ein YouBike für den Rückweg, und entscheide mich, fürs Abendessen auf dem Nandu Night Market vorbeizuschauen, einer der wenigen, der Sonntags auf hat und der in Nanzih liegt. Das Fahrradfahren ist heute die schönste Aktivität, ich düse die lange Straße mit den Autos und Motorrädern mit und lasse die Gedanken frei kreisen. In Berlin hätte ich mir bestimmt AirPods reingesteckt, das ist hier undenkbar. Die Reizüberflutung könnte ich bestimmt nicht managen, jedenfalls würde sie mich stressen. Ich nehme eine Abkürzung durch den Stadtdschungel, die zwar als privat und als Fremder nicht zu betreten gekennzeichnet ist, ich sehe aber schon von außen, dass es sich nur um einen Waldweg handelt, der an der Seite ab und zu mal eine Einfahrt plus Haus enthält. In einem Garten sehe ich sogar ein Lagerfeuer, sehr gemütlich.

Fahrradweg durch ein kleines Waldstück in der Stadt

Auf der Fahrt fallen mir ein paar städteräumliche Besonderheiten auf. Zuerst sehe ich zwei Gelände, die wie gated communities aussehen. Betonmauer mit Stacheldrahtrolle obenauf, massive Tore. Okay, beim Übersetzen des Schildes erkenne ich, dass es sich um ein Militärgelände, vermutlich mit Kasernen handelt. Aber einige weitere Bauten sind mit Ziehharmonika-Toren aus Stahl oder Blech verriegelt, als wenn akute Einbruchgefahr bestünde. Aus meiner Perspektive leicht ironisch, wo die Industriegelände mit den Silos und Förderbändern ja frei zugänglich an der Straße liegen.

„Militärgelände“. Könnte auf den ersten Blick auch ein Asylheim unter Polizeischutz sein
Tore, …
…Tore, …
… und noch mehr Tore…
Uber Eats und foodpanda scheinen nicht nur zusammengehören, sie tauschen auch Maskottchen und Logos
Gesündester Supermarkt Taiwan West
Die perfekte Baulücke. Zum Leid der Nachbarn, deren Fenster allerdings mitnichten legal verbaut sind.

Vor dem Night Market hole ich mir einen Tee, Geschmack Wintermelone. Das schmeckt so unglaublich gut, vermutlich werde ich das für immer mit Taiwan verbinden. Der Night Market bietet mir Süßkartoffelpommes und Tintenfisch mit Zwiebeln, ich laufe ein paar Mal hin und her, dann geht’s nach Hause. Ich bin jetzt auf jeden Fall wacher als heute Mittag, aber ein bisschen schlapp fühle ich mich trotzdem noch. Außerdem scheine ich immer noch nicht ganz damit klarzukommen, dass ich auch mal alleine bin. Ich habe mich nicht getraut, Leute anzusprechen und eine Gruppe habe ich auch nicht. Klar gibt es ein paar Deutsche, aber ich verbringe schon recht viel Zeit mit ihnen und will eigentlich auch mal Aktionen mit anderen Nationalitäten machen.

Apropos, die Wander-Line-Gruppe, in die ich letztens von einem Typen aus dem Bogenschießkurs gefügt wurde, schreibt heute Abend viel miteinander, u.a. über einen Getränkestand, von dem ein Mitglied schwärmt. Ich frage nach und werde aufgefordert, dazuzukommen, allerdings würde ich knapp 100 Minuten dahin brauchen, das ist den anderen dann zu spät. Aber sie wollen am Mittwoch etwas essen gehen, da kann ich gerne dazukommen. Das erleichtert mich sehr, endlich eine Gelegenheit, mehr Taiwanesen kennenzulernen. Diejenigen, die ich bisher beim Leichtathletik kennengelernt habe, sind abgesehen von Byron (mit dem ich das Moon Festival gefeiert habe) meistens zu busy und kommen größtenteils nicht mal nach dem Training mit, um etwas zu essen.

Der Strom geht mittlerweile wieder, auch das Passieren der Haustür funktioniert wie gewohnt nur mit Karte.

Ich setze mich zum Blog schreiben und chillen wieder in den Gemeinschaftsraum. Die meisten Taiwanesen machen aber Schulaufgaben oder führen schnelle Gespräche auf Chinesisch, deren Inhalte mir versperrt bleiben.

Ich sehe Heizo, wie er aus der Gemeinschaftstoilette kommt und winke ihm zu. Wie immer hebt er kurz und ausdruckslos den Kopf, öffnet seine Finger zur Winkbewegung und geht weiter. Dann kommt er aber zurück und fragt, was ich mache. „Just chillin‘, looking what the people do.“ Er fragt, ob mir langweilig ist. Wäre gelogen, wenn ich verneinen würde. Ich solle Schulaktivitäten machen, er wird mir was schicken. Oh, da bin ich aber gespannt. Eine halbe Stunde später kommt Heizo wieder und schickt mir einen Text auf WhatsApp, den er vermutlich in der Zwischenzeit verfasst und übersetzt hat.

Google Übersetzer klingt manchmal wie ein Bot auf Telegram

Auf Nachfrage erfahre ich schnell, dass Sascha sein Lehrer ist. Deutsche Lehrer, die ich nicht kenne, gibt es vermutlich gar nicht mehr. Ich weiß, dass Heizo es gut meint, aber ich vertraue nicht unbedingt auf seine Fähigkeit, soziale Situationen einzuschätzen (in dem Fall, ob es wirklich angebracht wäre, als native speaker an einem Deutschkurs teilzunehmen). Gut möglich, dass Sascha sich wegcringen würde, wenn ich als Student in seinem Deutschkurs auftauchen würde. Ehrlich gesagt will ich ihn mal fragen, ob es vielleicht wirklich geht, eventuell kann ich ihm ja auch mal helfen, aus Jux und Dollerei. Aber für morgen früh hatte ich sowieso erstmal geplant, mich in einen weiteren Kurs von Sebastian reinzusneaken. Langsam, aber sicher infiltriere ich das IBM-Departement. Heizo schreibt mir dann noch, dass er hofft, mein Leben in Taiwan werde noch besser. Da hat er mich aber gut gelesen! Jedenfalls meine heutige Laune.

Ein anderes Thema, das mich gerade beschäftigt, sind Telefonate mit Freunden. Ein paar haben in letzter Zeit gefragt, ob wir mal telefonieren wollen und mit manchen habe ich auch schon gesprochen. Einige Gespräche haben sich sehr gut angefühlt, aber bei wenigen anderen hatte ich auch das Gefühl, Belege dafür vorlegen zu müssen, dass ich eine gute Zeit habe. Auf der anderen Seite will ich mich auch nicht beschweren, das macht mir selbst auch keinen Spaß. Kurz: Ich habe keine Ahnung, ob ich telefonieren sollte, ein starkes Bedürfnis danach verspüre ich eigentlich nicht. Vielleicht gehört zum Leben an einem fernen Ort auch dazu, den digitalen Kontakt mit Freunden aus der Heimat zu reduzieren.

Mike zockt schon wieder das LOL-Äquivalent aus dem asiatischen Raum, jetzt muss ich mir das auch mal runterladen. „It will be fun playing with your girlfriend“, lässt er verlauten. „I did this in Vietnam, and often, you have to call each other stupid.“ Das klingt wirklich nach League of Legends. Auf meine Rückfrage erklärt Mike, dass es in Taiwan keine Freundin sucht, dafür sei er zu busy. Aber er bleibt doch mindestens drei Jahre?? Ja genau, und danach will er vielleicht noch nach Europa, Deutschland oder Frankreich… Danach dann, und seine nächste Freundin ist im Optimalfall seine künftige Frau. Er sei mittlerweile alt genug, mit heute 32 Jahren bzw. dann eher Ende 30. Verständlich für mich. Nicht aber, die nächsten fünf bis sechs Jahre aktiv nicht auf der Suche zu sein, gerade, weil Mike oft über Frauen redet. Er erzählt, dass er letztes Jahr für ein Jahr mit einer Anfang 20-Jährigen zusammen war, aber sie sei ihm viel zu kindisch gewesen. In einem Restaurant habe sie ein scharfes Gericht bestellt, obwohl sie kein scharf mochte. Nach einem Bissen ausgespuckt und nichts mehr gegessen. „It’s not about the money, I had a job with a very good salary“, selbstverständlich, aber er fand das Verhalten sehr nervig. Einmal hatte er eine Freundin, die drei Jahre älter war, mit ihr war er deutlich besser klargekommen. Wir reden außerdem über Fußball, wir hätten beide Lust mal wieder zu spielen und versprechen, uns Bescheid zu sagen, wenn wir eine Gruppe finden. Leider ist der Sport in Taiwan nicht so beliebt wie Basketball, Baseball oder Volleyball, aber vielleicht ergibt sich ja wirklich noch etwas. Mike erzählt, dass er sich für relativ gut hält, erstmal eine interessante These, wenn ich ihn mir so anschaue, aber wer weiß. In Vietnam hat er in einer Gruppe gespielt, fünf gegen fünf oder sieben gegen sieben. Ah, diese Matches auf kleineren Feldern, dann kann er bestimmt ein paar Tricks mit dem Ball? Nein, keine Tricks, das hatte der Trainer nicht erlaubt, schon klar. Außerdem schaut Mike Bundesliga und Premier League, die in Vietnam sehr beliebt ist. Jeden Freitag, sagt er. Sein Lieblingsclub ist Manchester United, die hätten damals noch richtigen Fußball gespielt. Ah, der Nostalgiker.

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