Der Tag beginnt langsam, nachdem ich die Nacht mit stärkeren Bauchschmerzen verbracht habe. Bisher hatte ich keine besonderen Verdauungsprobleme, höchstens kleine Anzeichen, aber prinzipiell war mir klar, dass sich die kulinarischen Hochgenüsse früher oder später von ihrer schlechten Seite zeigen würden. Weil es mehr ungesunde Mahlzeiten gibt, als ich die Toilette aufsuchen muss, fällt es mir schwer, eine konkrete Ursache zu finden. Ob jetzt die Zuckerbrötchen, der fettige Eierpfannkuchen, die süßen Tees oder ein etwas zu alter Fisch am schlimmsten sind, vermag ich nicht zu sagen.
Wo wir schon beim Essen sind, damit fängt mein aktiver Tag an. Mittagessen in der großen Mensa mit Sebastian und Mike, auch Sidd gesellt sich dazu. Dadurch, dass Sebastian immer erst etwas später auf den Campus kommen kann, essen wir von 12:30 Uhr bis 13:30 Uhr. Sehr entspannt, weil wir dadurch den großen Ansturm verpassen und einige Beilagen nachgefüllt wurden, die sonst schon aus sind, vor allem das Gemüse. Allerdings heißt das wohl, dass das Gemüse nicht immer das frischeste ist…
Statt meinem Englischkurs schließe ich mich Sebastian an, sein Kurs „Financial English“ klang sowohl interessant (aufgrund des Themas) als auch lustig (aufgrund der Lehrerin). Im IBM-Gebäude geht’s im dritten floor in einen Klassenraum, vor dessen einer Tür ein Eimer steht, es tropft wohl schon seit Wochen. Der Raum selbst sieht aus wie jeder andere hier, ein klassischer Schulraum, allerdings ist er nahezu perfekt von der Temperatur (nicht zu kalt, wie viele andere Räume) und die Stühle sind blaue gut gepolsterte Rollbürositze, in denen man sich entspannt nach hinten lehnen kann. Wir setzen uns nach rechts an den Rand, zweite Reihe, direkt vor die altbekannten Gesichter von Kaan, Fabian und Phillip, dem zweiten Österreicher. Im Rest des Raumes verteilt sitzen ausschließlich Taiwanesinnen und Taiwanesen, meist zu zweit. Die Lehrerin, Tracy, kommt energisch zu spät hereingestürmt und beginnt schon zu reden, bevor sie ganz vorne ist. „Hello, you had homework, let’s talk about it.“ Trotzdem gehe ich schnell zu ihr, sie hat mich noch nicht bemerkt, und frage, ob ich dabei sein darf. Ein verwirrter Blick, „Only for today?“, „Yes, if that would be possible“, ja, für heute ist es okay.
Sehr laut ist sie ohnehin schon, aber durch das Mikrofon, wonach irgendwie alle Lehrer süchtig zu sein scheinen, sprengt ihre Stimme den Raum förmlich. Wenigstens wechselt sie über die Stunde hinweg ab und zu die Tonlage und spricht auch mal ohne technische Hilfe. Ihren Akzent finde ich sehr lustig, der eine Mischung aus schlechter Phonetik und grammatikalischem Faux-pas ist. Sebastian, den sie öfter adressiert, wird „Sebaston“ ausgesprochen und häufig steht am Anfang ihrer Sätze ein „Student!“ oder „Ok student!“, wobei sie aber eigentlich den Plural meint. Das kommt so häufig vor, dass ich mir dazu ohne große Anstrengung ein Trinkspiel vorstellen kann.
Als Tracy anfängt, über Gorillas zu sprechen, registriere ich allgemeines Schmunzeln bei den Deutschsprachigen. Im Vorhinein wurde mir bereits berichtet, dass das Kursniveau nicht nur niedrig ist (wie ich es mittlerweile von den meisten Kursen gewohnt bin), sondern die Lehrerin auch noch keine Ahnung hat. Angeblich hat sie letzte Woche erklärt, dass ETFs großes Risiko beherbergen und man stattdessen lieber alles in Aktien stecken sollte, am besten in eine einzelne. Ich darf mich jetzt selbst davon überzeugen, denn als erstes besprechen wir die Hausaufgaben von letzter Woche. Sebastian hat seine noch schnell im Bus gemacht, zehn Ja-oder-nein- und ein paar Multiple-choice-Fragen. Die Fragen wirken auf mich etwas zufällig, in einigen geht es um Tiere (inklusive Namen), die in der Finanzwelt zu Ruhm gelangt sind, in anderen um sehr allgemeine formulierte Thesen. Ein besonders witziger Rechtschreibfehler hat sich außerdem in den Titel eingeschlichen, und in etwa so ähnlich spricht die Lehrerin die Wörter auch aus.

Anschließend geht es weiterhin um die Affen, und Tracy stellt tatsächlich ohne mit der Wimper zu zucken die These auf, Tiere würden bessere short-term-trades machen als Menschen. Sie bezieht sich auf Experimente, in denen Affen zufällige Aktienkäufe getätigt haben und damit kurzfristig nicht prinzipiell schlechter als menschliche Experten abschnitten, was für die Volatilität der Märkte bezogen auf kurze Zeiträume spricht. Aber sie schreibt es nicht nur an die Tafel, so ähnlich wiederholt sie es auch mehrfach uns gegenüber. „Short term, you can make lot of money with animals, but longterm not. Short term, animals will win.“ Ich finde es richtig beeindruckend, wie selbstsicher sie den größten Unfug verbreitet und so aussieht, als wüsste sie alles ganz genau. Das macht sie in meinen Augen aber nicht einmal unsympathisch, sie ist trotzdem sehr nett und scheint manche Dinge dafür einfach nicht bis ins Detail zu verstehen. Schon an ihren Argumentationen, die oft mit „because it is bad“ oder ähnlichem enden, verfestigt sich mein Eindruck, dass sie in einer weitgehend schwarz-weißen Welt denkt.

Um die Hausaufgaben abzuschließen, soll jede Gruppe jemanden nach vorne schicken, um die Antworten der Multiple-choice-Fragen an die Tafel zu schreiben. „T“ oder „F“, wobei sich bei ihr die Buchstaben zum Verwechseln ähnlich sehen. Wer alle fünf Fragen richtig hat (wer hat das nicht in Zeiten von ChatGPT?), bekommt einen Bonuspunkt. Ihr ganzer Kurs scheint auf den Bonuspunkten aufzubauen, wenn sie davon redet, klingt es so, als würde es sich um ein Leckerlie handeln, das kleinen Kindern oder einem Hund angeboten wird. Und wer sich immer noch unsicher ist, kann einfach die restlichen Gruppen abwarten und anschreiben, heißer Tipp von Kaan. Er ist derjenige, der sich am meisten wegschmeißt; auch wenn er es vielleicht nicht so sagen würde, er genießt das Spektakel in vollen Zügen. Wobei ich auch von Sebastian immer wieder side eyes bekomme, in freudiger Erwartung auf meine Reaktion. Wenn Tracy „metal products“ sagt, klingt es wie „mental products“, Kaan vergräbt den Kopf in seinen Händen, gleichzeitig stöhnend und lachend. Von ihm bekomme ich den Syllabus des Kurses gezeigt, der klassischerweise tausend mal professioneller aussieht als die Realität. Nachdem in der allerersten Stunde Beschwerden von taiwanesischen Studenten eingegangen seien, dass der Kurs zu schwer sei, habe sie ihn angepasst, leichter gemacht. Stimmt, so sieht ein funktionierendes Bildungssystem aus! Sidd hat den Kurs übrigens gedroppt, weil er ihm zu leicht war.
Die Pause fühlt sich gar nicht so anders an als der Unterricht, umdrehen und quatschen tun wir sowieso. Da fällt nicht auf, dass Tracy mal eben für 20-30 Minuten verschwunden ist. Aber weiter im Text, nächstes Thema: Trump und seine „tariffs“. Zunächst ruft sie an der Leinwand über Bing (wild, wer das benutzt) die aktuellen Kurse der Aktienindizes auf. Von Sebastian weiß ich, dass sie letzte Woche nach einer Zollankündigung Trumps die europäischen Aktienmärkte angeschaut und festgestellt hatte, wow, die Europäer lassen sich davon ja gar nicht beeindrucken! Dabei hatten die Märkte aufgrund der Zeitverschiebung einfach noch nicht geöffnet… Heute bleibt es beim Ah und Oh ihrerseits, hier geht es rauf, hier geht es runter. Was man davon lernen soll? Keine Ahnung. Die ganzen Angaben sind sowieso in Chinesisch, mehr als die Zahlen können wir nicht erkennen.
Um beim Thema Trump zu bleiben, sollen wir jetzt alle die Importgüter niederschreiben, die für unser Land am wichtigsten sind. Alle nutzen ChatGPT, und auch sie fragt die KI live, was denn jetzt die wichtigsten Importe Österreichs sind. Es werden anspruchsvolle Fragen disktutiert, wie bspw. „How will Trump’s tariffs affect the stock market?“ oder „Will tariffs cause inflation?“ Dann schaltet sie auf einmal um auf Instagram, es geht um Kaffeebohnen, die geröstet werden und von Trumps Zöllen bedroht sind. Ich habe, wenn ich so darüber nachdenke, noch nie Reels im Unterricht gesehen, gemeinsam mit der Klasse. Wir erfahren, dass Taiwan 20% Zölle bekommen hat und werden gefragt, wieviele Deutschland und wieviele Österreich auferlegt wurden. Tatsächlich gibt es für die EU einheitliche Zölle von 15%, großes „Ahhh“. Dann sollen wir googeln und drei „headlines“ zum Thema finden, auf CNN oder sonstwo. Tracy selbst demonstriert es: in der Google-Suchleiste gibt sie „how do the tariffs effect the economy“ ein und klickt auf eine der von Google bereitgestellten Kurzantworten, als könnte man so eine komplexe Frage mal eben beantworten.
Weil es gerade um Kaffee ging, kriegen wir, wie es sich für mittelalte bis alte Lehrer gehört, einen Schlach aus dem Privatleben erzählt. Die Kaffeepreise bei „the Starbuck“ sind gestiegen, „they have changed the prices three times!“. Sie will ja eigentlich aufhören mit Kaffeetrinken, aber ein zuckerfreier Latte jeden Morgen gehört halt dazu. „And the salarys never go up…“
Auf der PowerPoint, die Tracy nur „ppt“ nennt, steht meistens sehr viel Text, einmal auf Englisch und einmal auf Chinesisch. Abwechselnd sollen die Studenten vorlesen, es würde mich nicht wundern, wenn sie es uns tun lässt, damit sie sich weniger verspricht. Wenn überhaupt Text draufsteht. Denn später kommen wir an einen Punkt, an dem es einfach keine Folien mehr gibt. Kein Problem, dann erstellt sie diese eben live.
Gegen Ende der Stunde hat irgendjemand von den Taiwanesen etwas an die Tafel geschrieben, das mit Trump zu tun hatte, was Tracy zu einer küchenpsychologischen Spontanstudie veranlasst. „I have no idea about Trumps personality. But her idea sometime hurt his people. You can see a movie about Trumps personality.“ Ihre These: Weil Trump der zweite Sohn seiner Eltern ist und daher (offensichtlich!) keine Liebe von ihnen bekommen hat (Rückschlüsse auf sie selbst?), hat er seine Persönlichkeit geändert. Deshalb macht er crazy things. „That‘s why he puts so much tariff on other countries. Crazy personality.“ Schade eigentlich, dass es keinen Nobelpreis für Psychologie gibt, dafür einen öden für Frieden.
Nach knapp drei Stunden ist Schluss, Kaan und die beiden Ösis verschwinden sogleich. Tracy heißt mich jetzt herzlich willkommen, ich hatte mich auf der Namensliste einfach mal frech dazugeschrieben. Ich könne gerne nächste Woche wiederkommen, sagt sie, als hätte ich auch nur einen Beitrag geleistet und mich nicht die halbe Zeit durch verschmitztes Grinsen über den Inhalt der Stunde lustig gemacht. Tatsächlich hoffe ich und verstehe es auch so, dass man davon außerhalb der deutschen Reihe nichts mitbekommen hat, ich will ja niemanden verletzen, außer vielleicht im Blog. Außerdem will ich wirklich gerne wiederkommen, das war pure Comedy!
Im Dorm spiele ich drei Runden Arena of Valor, bevor ich zum Training losmuss. Das ist das League of Legends-ähnliche Spiel und der Name deutet schon irgendwie Trashigkeit an. Ich muss das Land meiner gewünschten Liga auswählen, klassische Regionen wie Deutschland oder die USA gibt es dabei nicht, schließlich ist es eine antiwestliche Alternative zum beliebten Dauerbrenner. Also wähle ich Vietnam, denn Taiwan wird nicht als Land aufgeführt und vielleicht kann ich so mit Mike zusammenspielen. Das Spielprinzip ist wie im Original, die Map ist zwar ein wenig kleiner, funktioniert aber genauso. Ich kenne mich zu wenig aus, um beurteilen zu können, ob die Helden detailgetreu nachempfunden sind, aber sie sehen für mich sehr ähnlich aus, wie ich das schon kenne. Größter Pluspunkt ist, dass man es auf dem Handy spielen kann, schließlich ist point-and-click nicht allzu schwer zu bedienen. Meine ersten Runden dauern aufgrund der kleinen Map und der äußerst schlechten Gegner (die nach einer Anfangsrunde tatsächlich keine Bots mehr sind) höchstens 10 Minuten, eine KDA von 32/0/8 macht halt auch einfach Spaß.
Auf dem Weg zum Training beginnt es zu regnen, nach und nach halten die Motorroller um mich herum an und zaubern ihre lustigen monochromen Ponchos hervor, mit denen sie wie Teletubbies aussehen und durch die Straßen cruisen. Mich im Gymshark-Tanktop auf einem YouBike könnte es metaphorisch kalt erwischen, aber es bleibt glücklicherweise beim Niesel. Es hört sogar zeitweilig wieder auf, sodass die Trainingsgruppe ihre Sachen im Freien liegen lässt.
Das Einlaufen geschieht wieder weitgehend schweigend, aber solidarisch laufen wir zusammen unter dem rasch dunkler werdenden Himmel, bis das Flutlicht angeht. Heute sind schon wieder andere Leute da als letztes Mal; eine gewisse Kerntruppe bleibt natürlich bestehen, aber bestimmt fünf oder sechs Leute kommen mir unbekannt vor. Von Ryan und Byron fehlt jede Spur, schade, weil ich mich mit ihnen wenigstens unterhalten konnte. Meine Hauptbezugspersonen sind daher Ray und Momo, die mir ein gutes Gefühl geben, meistens ein Lächeln und bisher auch immer da waren.
Für das Lauf-ABC stellen sich alle in Dreierreihen auf. Ich werde kurz komisch angeguckt, als ich mich als viertes in die erste Reihe stelle, aber wieso nicht die Bahnen nutzen, die man hat? Den Programmstart machen Koordinationsübungen an den Hürden, die üblichen Abfolgen von beide Füße Bodenkontakt / einer der beiden Füße Bodenkontakt in allen möglichen Variationen. Mir macht’s Spaß, es ist nicht zu fordernd, aber trainiert die Bewegungen der Beine zueinander. Einige haben aber Probleme und schmeißen die Hürden um, nicht zuletzt Momo, die vor mir in der Reihe tanzt (die Übungen sehen teilweise wirklich so aus, als würde man tanzen). Edward, der Coach weist sie an, irgendwas zu ändern, was nicht so gut klappt. Ich gebe danach auch einen Tipp, der aber sprachlich nicht ganz ankommt. Egal, ich will eigentlich auch nicht der streberhafte Lehrling des Trainers sein. Zum Glück kam es nicht so an, auf jeden Fall versucht sie trotz der Sprachbarriere, mit mir zu reden. Ihr Englisch scheint ihr ja peinlich zu sein, also zeigt sie auf Sachen oder sagt einfach etwas auf Chinesisch. Eigentlich ist das auch für mich der beste Weg, dann lerne ich sogar noch etwas und im schlimmsten Fall verstehe ich nichts. Der Regen scheint Momo zu stören, soviel reime ich mir zusammen. 雨 „yǔ“ ist das chinesische Wort dafür und mit 要 „yào“ / 不要 „bù yào“ kann ich zwischen mögen und nicht mögen unterscheiden. Unangenehm ist es mir nur, als ich zwei Jungs später frage, welche Disziplinen sie im Wettkampf im November machen. Beide verstehen null Komma null von meinem Gelaber, wenden sich an einen Dritten, der mich aber auch nicht versteht. Jetzt gucken alle schon hin und irgendwie will ich auch gar nicht mehr, dass jeder genau hört, wie ich Smalltalk versuche zu betreiben. Ich fühle mich normalerweise nicht als primitiver Mensch, aber eine gewisse Komplexität wird die Wortwechsel wohl einfach nicht überschreiten. Um hier zu bestehen, muss ich in möglichst einfacher englischer Sprache reden, ja keine schwierigen Wörter und auch auf Grammatik lohnt es sich manchmal zu verzichten, Stichpunkte gehen so viel einfacher ins Ohr.
Der Hauptteil des Trainings findet mit Startblöcken statt. Man kann sich aussuchen, ob man auf einer Bahn mit Hürden oder ohne startet. Ich nehme natürlich die mit den Teufelsblockaden, schon lange wollte ich mich mal wieder meiner größten Angst innerhalb der Leichtathletik stellen. Jeder hat ausreichend Zeit, seine Einstellung zu finden (bei mir ist das auch schon gute sechs Jahre her, ein Wettkampf mit Startblock). Dann starten wir acht Mal, wobei Edward mit einer Pistole aus dem letzten Jahrhundert Startschüsse abfeuert. Er hatte mir im Vorfeld erzählt, dass Schüsse mit Platzpatronen in Taiwan erst seit drei Jahren legal sind. Davor hat man angeblich entweder „Go!“ gebrüllt oder den Klickmechanismus der Pistole walten lassen, der tatsächlich ziemlich laut ist und mit dem Edward so seine Freude hat. Allerdings scheinen seine Patronen, die er mir so stolz gezeigt hat, als wäre er ein kleiner Junge mit Silvesterfeuerwerk in den Händen, nicht perfekt zu funktionieren. Mehrfach bricht er Starts ab, weil nur das Klicken ertönt, dann probiert er es weiter und schießt aus Versehen neben mir ins Gras. „It‘s fun!“ sagt er und lacht. Die nächsten Male, die er die Pistole zückt oder mit ihr wackelt, zucke ich immer zusammen, als Einziger aber. „Russian Roulette!“, rufe ich ihm zu.
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob er die Hürden adäquat aufgestellt hat, und vielleicht liegt es auch einfach nur an mangelnder Übung meinerseits, aber ich habe große Probleme, in eine gute Schrittabfolge zu kommen. 8 Schritte nach Start sind eindeutig zu nah an der Hürde, 7 Schritte sind eigentlich zu weit. Dunkel erinnere ich mich daran, früher 7 gemacht zu haben, und da war ich ja noch deutlich jünger, aber anscheinend auch konsequenter im Start. Nach ein paar Malen klappt es sogar halbwegs. Das Ganze ist so anstrengend, dass mein Wasser schnell aufgebraucht ist.
Die Jungs schauen parallel die ganze Zeit auf einem Handy einen Livestream, der ein Leichtathletik-Event überträgt, das offensichtlich in Taiwan stattfindet. Frauen laufen 1500 Meter, verschiedene Staffeln und einige Sprint-Wettbewerbe. Ich sehe später auf Insta, dass Ryan vor Ort ist und bei der Weitsprunggrube arbeitet, es sind wohl so etwas wie taiwanesische Meisterschaften. Mit einer ganz besonderen Leistung: Ein Läufer bricht nicht nur den taiwanesischen Allzeitrekord auf 100 Meter, sondern mit 9,99 Sekunden damit auch gleich die 10 Sekunden-Marke. Aufgrund von 2,7km/h-Rückenwind (bis 2,0km/h wäre es gültig) darf die Leistung aber nicht als Rekord erfasst werden, sonst wäre der Kollege mit Owen Ansah gleichgezogen, der erst letztes Jahr für Deutschland die selbe Marke erreicht und damit den deutschen Allzeitrekord aufgestellt hat.
Zum Abschluss hauen wir nochmal alles rein und legen zwei 250 Meter-Sprints hin. Tatsächlich kann ich auf der Distanz mit Ray mithalten, der mich zuletzt auf 100 Metern ziemlich alt hat aussehen lassen, interessant. Lange habe ich nicht mehr so um Luft gerungen wie nach den Läufen. Das ist ein ziemlich cooles Gefühl, alles gegeben zu haben, traditionell verknüpfe ich diesen Vibe mit den letzten Draußentrainings im Oktober und November, bevor man in die Halle geht. Das Nieseln im Flutlicht sieht auch aus wie Schnee, nur dass man voll verschwitzt druntersteht und 28 Grad nicht unbedingt Herbstgefühle erzeugen.
Nach und nach verabschieden sich einige, so kenne ich das schon. Ein paar bleiben noch kurz und quatschen, während ich mittendrin sitze und lausche. Manchmal glaube ich meinen Namen zu vernehmen, aber ich kann auch total falsch liegen und einfach eine ähnliche Silbe hören. Momo und ein anderer Typ scheinen sich vielleicht zu streiten oder eine meinungsstarke Auseinandersetzung zu haben. Sie klingt, als würde sie über etwas jammern; die Körpersprache würde das bestätigen, wie ein kleines Kind beugt sie sich nach vorne und stampft mit den Füßen auf, zeigt auf ihr Handy. Der Typ, dessen Name ich noch nicht kenne oder vergessen habe, ist ein bisschen ruhiger und macht merkwürdige Bewegungen mit seinem Kopf, die ich gar nicht zuordnen kann. Zum Zuhören verdammt zu sein ist schon sehr interessant und das meine ich gar nicht prinzipiell negativ. Auf dem Weg zu den Motorrädern frage ich Ray, worüber die beiden ‚geargued‘ haben, aber er lacht nur und schüttelt den Kopf.
Momo und weitere verabschieden sich (auf die Frage, ob sie nicht mit zum Essen kommen wollen, kommt nur ein „no, byebye“ zurück), übrig bleiben Ray, Ich und zwei Jungs. Mit einem von ihnen laufe ich zum Restaurant, sein Motorrad ist gerade in der Werkstatt. Sein englischer Name lautet einfach „Healer“, wie cool ist das denn. Ich will wissen, wie man dazu kommt, sich als Taiwanese den englischen Namen auszusuchen, er versteht nur leider meine Frage nicht. Kein Problem, ich frag irgendwann mal wenanders. Wir besuchen wieder das Restaurant von letztem Mal und gucken dort das Leichtathletikevent weiter, zu Fischsuppe, Reis und Homigwasser.


Zum Nachtisch für Zuhause lassen sich alle an einem Straßenstand so Bällchen geben, ich kann es wirklich nicht besser beschreiben. Unterschiedlicher Geschmack, nicht unbedingt mein Ding, aber es macht satt und schmeckt halbwegs in Ordnung. Der Nachhauseweg ist immer noch von rieselndem Niesel im Laternenlicht geprägt, vorweihnachtliche Gefühle…
Ein Telefonat mit einem alten Freund in Berlin hält mich zwar noch eine Weile wach, ich merke aber auch, wie es mir gut tut, ich hatte lange nicht mehr mit ihm geredet und er spricht mir Mut zu bei den Herausforderungen, die ich habe.
Als ich dann endlich schlafen gehen will um halb fünf, sehe ich einfach Heizo, wie er an seinem Handy irgendwas spielt. Der Junge hat so verrückte Schlafzyklen, eieiei…
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