Dienstag, 21. Oktober

Zur Abwechslung werde ich von einem schreienden Heizo geweckt. Irgendjemand ist an oder in der Tür, ich höre ihn sagen „Go. Go. This is not your room.“ Schließlich: „GOO!!“ Ja, jetzt bin ich wach. Sky sagt später, dass es Jeremy war, einer der Indonesier, der ihm etwas zurückbringen wollte, das er geliehen hatte.

In Consumer Behavior geht es um „attitudes“ und wie sie unser Kaufverhalten beeinflussen. Ausführlich beschäftigen wir uns mit Dreiecken und einer Theorie, wonach der Mensch gleichmäßige Beziehungen (auf sein Kaufverhalten bezogen) anstrebt. Es ist ganz entspannt, heute sind weniger Leute da als sonst (Fabian, Luca, Michael und Sebastian fehlen aufgrund Krankheit oder sonstiger Beschwerden), der Lehrer Danny bindet mich etwas mehr ein, so wird mir nicht langweilig.

Kaan und Phillip sitzen hinter mir, ein wenig rede ich mit ihnen. Phillip fragt, ob ich mal Lust hätte, im Central Park Tennis zu spielen. Klar, wieso nicht? Die Dreier-WG der Jungs geht wohl jeden Tag spielen, entweder Tennis oder Pickleball, eine Abwandlung auf kleinerem Spielfeld mit löchrigem Plastikball. Phillip kann ich noch gar nicht einschätzen, aber er spricht sehr ernst und ruhig, lächelt nicht allzu viel. Auf Instagram habe ich gesehen, dass er aus Wien kommt. Kaan fragt ihn: „Wann fliegst du mal wieder?“, andauernd machen die drei Trips in andere asiatische Länder, richtig wild. Luca, die krank fehlt, hat sich über das Wochenende in Bankok etwas eingefangen, auch sie ist ungefähr alle zwei Wochen woanders. Das muss ich ihnen lassen, den anderen Deutschen/Österreichern, die sind ziemlich aktiv, auch wenn sie vor allem Sightseeing-Urlaube machen und nichts, wofür man sich irgendwie anstrengen müsste.

Ein Taiwanese im Kurs, den ich auch schon im Jiangonger Gym gesehen habe und der seit ein, zwei Wochen weiß gefärbte Haare hat, versucht relativ erfolglos, eine Konversation mit Phillip und Kaan aufzubauen. „Where‘s Fabio? Doesn‘t he come because I will steal his girlfriend? Haha“. Keine Reaktion, es folgen weitere Fragen. Auf eine davon, wo die Jungs in der Stadt so wohnen, antwortet Kaan so langsam und klar und deutlich, als würde der Typ schwerhörig und alt sein. Irgendwie witzig, das mit anzusehen.

Am Ende gibt es wieder Gruppenarbeit, wir sollen zu sechst jeweils in einer halben Stunde einen Vortrag mit PowerPoint ausarbeiten. Keine Schwierigkeit im Zeitalter von Canvas. Ich werde leider an den Tisch mit den schlecht unmotivierten Taiwanesen gesetzt, nur zwei von ihnen bringen die Gruppe voran. Ich habe eigentlich keine Lust, als Kurszuschauer besondere Verantwortung für einen Vortrag zu übernehmen, also erstelle ich meine Folie und chille danach auf Instagram. Charly, ein unsicherer Taiwanese, dessen Nervosität ich schon im Gym öfters beobachtet habe, rastet förmlich aus, als er das sieht. „What the fuck, Man?!“ zischt er und stößt mir gegen die Schulter. Auch Sidd meint später, dass manche den Kurs viel zu ernst nehmen. Tatsächlich ist die Gruppe nicht besonders weit und die Präsi sieht am Ende wirklich nicht gut aus. „Fuck, fuck, fuck!“ stöhnt Charly, ich habe schon Angst, dass er anfängt zu hyperventilieren. Im Endeffekt sagt jeder von uns zwei Sätze und Danny ist zufrieden, seine Nachfragen sind eher interessiert als kritisch gemeint. Ganz viel heiße Luft um nichts.

Jess und Rita, mit denen ich letzte Woche schon essen war, gehen heute leider nicht mensen. Ich stelle mich alleine an, treffe aber schnell auf Sidd und Mike. Mit Mike rede ich über die Situation von heute früh. Zu dritt mit Sky haben wir seit ein paar Tagen eine Chatgruppe, und in der hat Sky geschrieben, dass Heizo ihn später aus dem Schlaf geschrien hat, um ihm seine Meinung über den anderen Indonesier zu geigen.

Sky und Heizo werden keine Freunde mehr

Dass Heizo schreit, muss ich einmal kurz analysieren. So knirpsig, wie er ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass er damit in der Schule mal Erfolg hatte und es sich bewährt hat. Daraus ergibt sich in meinen Augen eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er das Verhalten von seinem Elternhaus oder anderen nahestehenden Personen kopiert. Ich meine, laut zu werden, bringt ihn seinem Ziel ja auch nicht näher. Wir alle agreen, dass er es wenigstens mal mit Argumenten oder ruhig vorgetragenen Beschwerden hätte probieren können. Mike hat dabei noch am meisten Verständnis. Er findet, dass Heizo ein „almost normal guy“ ist, der seine Ruhe haben will und ansonsten auch nicht groß stört. Das sehe ich anders: Sicherlich hat er diesen Wunsch, aber normal ist sein Verhalten auch abseits des Schreiens nicht, er beteiligt sich nie an irgendwelchen Konversationen, wobei sein Englisch definitiv gut genug wäre. Ich bin der einzige, den er sehr wenige Male von sich aus angesprochen hat. Er grüßt fast gar nicht, wenn man ihn irgendwo sieht, auch häufig lächelnde Leute wie Sidd, auf mich wirkt es so, als würde er sich selbst bewusst von allen anderen abkapseln. Was Sidd dazu sagt, entspricht zu 100% meiner Meinung: „Come on, we‘re boys. We can chill with each other.“ Ganz ehrlich, wer damit nicht klarkommt, sollte halt auch einfach nicht ins Dorm gehen, erst recht nicht in ein Viererzimmer ohne Privatsphäre. Natürlich kommt man da mit allen möglichen Leuten in Kontakt. Ich weiß, dass Heizos Familie in Kaohsiung wohnt, er könnte also theoretisch bei ihnen leben, auch wenn mir bewusst ist, dass ich seine weiteren Umstände nicht kenne. Ich kann dafür aber nur bedingt Verständnis haben, schließlich bin ich nicht ins Auslandssemester gegangen, um mich ein halbes Jahr mit vier Leuten anzuschweigen und möglichst keine Gruppengefühle aufkommen zu lassen. Wenn ich so darüber nachdenke, werde ich richtig sauer. Ständig muss ich leise sein, weil Heizo ab frühem Abend Powernaps macht, Essen darf nicht zu sehr riechen, Licht muss früh ausgemacht werden, Leute mal aufs Zimmer einladen geht sowieso nicht (z.B. zum Karten spielen oder einfach mal Quatschen) und die Quelle der Schweigsamkeit aus der Ecke muss ertragen werden. Aber er kann stehend in die Toilette pissen, ist klar. Auch die Vorwürfe gegen Indonesier im Allgemeinen gehen gar nicht klar. Anscheinend hat er sie als „bad people that suck“ beschrieben.

Nachdem Mike und Sidd weitermussten, setze ich mich kurz zu André und Sascha, der mich aus der Ferne hilfesuchend heranwinkt. André hatte mir vor kurzem einen Podcast über KI als Jobkiller geschickt und mich nach meiner Meinung gefragt. Sein neues Thema spielt auch jetzt eine Rolle, heute früh hatte ich schon wieder eine Nachricht bekommen: „Wird denn deine spätere Arbeit von KI revolutioniert? Mein Job schon.“ Mein Grübelemoji bringt ihn stark zum Lachen, aber im Ernst, „werden unsere Jobs von KI übernommen?“ „Boah, keine Ahnung, ich kenne ja noch nichtmal meinen eigenen zukünftigen Job.“ „Alle Jobs werden von KI übernommen!“ Alles klar, haha. Nach ein wenig Geplänkel erzähle ich auch von dem Zimmerstreit bei uns, Sascha ist ja der Deutschlehrer von Heizo. Auf dessen Verhalten angesprochen, entzieht er sich aber mit „Schweigepflicht“ usw. Ich sehe ihm trotzdem an, dass er sich bestätigt fühlt.

Sky schreibt, dass er das Zimmer wechseln möchte, im Nebenraum A202 sind noch zwei Betten frei, eines hatte James gehört, der letztens ausgezogen war. Die zwei aktuellen Bewohner sind auch Indonesier und sollen in Ordnung sein. Da brauche ich nicht lange überlegen: Sky, nimm mich mit!!

Im Bogenschießkurs stehen die Ziele mittlerweile noch weiter weg, bestimmt acht oder neun Meter. Das Treffen der Punkte gebenden Bereiche wird immer schwieriger, aber auch das Tempo hat sich erhöht, sodass man häufiger drankommt. Für die Wartenden hat der Coach ein Dehn-Messgerät mitgebracht, mit ausgestreckten Beinen soll man schauen, bis zu welcher Markierung die Arme reichen. Trotz Muskelkatereinschränkung merke ich: mein regelmäßiges Dehnen zahlt sich aus.

Dehnmaßband – bis 37cm schaffe ich es schon
Anfang der Stunde…
…Ende der Stunde

Die Eskalation von heute früh hat sich (zumindest unter den Indonesiern) bereits wie ein Lauffeuer verbreitet, sodass ich Nachrichten bekomme, ob ich schon umgezogen sei. Ganz so schnell geht es dann doch nicht. Wenn es überhaupt klappt.

Der Chinesischkurs beschäftigt sich mal wieder mit Zahlen, mit Mohan aus Südindien übe ich lange die richtige Aussprache der Silben, die wir eigentlich seit über einem Monat behandeln. Eingeteilt in Gruppen sollen wir dann fünfstellige Zahlen am Whiteboard ausschreiben. Für die Silbe „yī“, also ‚eins‘, gelten ab dreistelligen Zahlen besondere Regeln. Eine richtige Übersicht haben wir aber nie bekommen und ich mache gefühlt alle Fehler, die man machen kann. Leicht angesäuert frage ich jedes Mal nach, was und warum etwas falsch ist. Kennt ihr das, wenn jemand etwas erklärt, aber ständig Extraregeln auftauchen und man stattdessen eigentlich mal eine gute Übersicht bräuchte? Nein, ich meine nicht mich selber beim Erklären von Doppelkopf, sondern Frau Peiti, die diese blöde Übersicht ruhig mal mit uns hätte teilen können. Je nachdem, welcher Ton auf der nachfolgenden Silbe gesprochen wird, verändert sich das „yī“ zu „yí“ oder „yì“, aber erst ab der Zahl hundert. Bei zwei aufeinanderfolgenden Silben mit jeweils dem dritten Ton spricht man die erst wie den zweiten Ton aus, ohne aber diesen zu schreiben. Und ab hundert wird die Vorsilbe „èr“, also ‚zwei‘, zu „liǎng“. Alles kein Hexenwerk, aber ich wäre glücklicher mit einem Regelblatt, an das ich mich halten kann anstelle loser Aussagen. So ganz vertraue ich der Lehrerin auch deshalb nicht mehr, weil einige Wörter, die wir im Unterricht lernen, von taiwanesischen Mitschülern als alte, nur von Senioren benutzte Begriffe abtun. Als würde man im Deutschen ständig ‚Vehikel‘, ‚einst‘ und ‚genehm‘ sagen. Bitte was, würden da auch die meisten Deutschen fragen.

Mit Sebastian und Anna, die dazustößt, statte ich mal wieder dem Ruifeng Night Market einen Besuch ab. Mongolische Küche vom feinsten, immer wieder gut. Zufällig sehen wir Julia und ihren Freund Sandro, die Wiener, die am ersten Montag des Semesters mit dem gesamten Deutschlehrerkollegium in der Mensa saßen, von denen wir danach aber komischerweise nichts mehr gesehen haben. Die beiden Wiener sind für eine Zitronenmilch auf den Markt gekommen, da schließen wir uns gleich an. Beim Bestellen erfahre ich, dass Julia halbe Taiwanesin ist, fließend ordert sie unsere Milch. Danach müssen sie aber schnell weiter, vielleicht könne man ja mal etwas nach unserem Chinesischkurs freitags machen, also essen gehen. Anna erzählt später, dass sie von Sascha erfahren hat, es gebe grundsätzlichen Beef im Kollegium und die Kommunikation sei dort sehr schlecht. Vielleicht ein Grund, warum wir Julia nie mehr in der Mensa gesehen haben.

Als ich um kurz vor Mitternacht ins Dorm zurückkehre, ist Sky schon umgezogen. Bei einem kurzen Zimmerbesuch erklären seine neuen Roommates, dass ich auch willkommen bin und sie das Bett bis morgen freihalten, sofern sie das dürfen. Prinzipiell würde ich schon jetzt umziehen, aber Heizo und Mike liegen schon in ihren Betten und ich will keinen unnötigen Stress produzieren. Morgen Mittag will ich mich mit Sky zusammen offiziell ummelden. Besonders für Mike tut es mir Leid, ich kann aber auch nicht wirklich sagen, wie sehr ihn das stört, schließlich will er laut eigener Aussage ja auch seine Ruhe haben. Auch auf Heizo bin ich nicht sauer im klassischen Sinne, auch wenn die Situation nervig ist. Wer weiß, was er für eine Vorgeschichte hat und Anna meinte auch zu Recht, dass wenn man die ganze Zeit schweigt und evtl. Wut anstaut, es umso mehr aus einem herausplatzen kann.

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