Donnerstag, 23. Oktober

Das erste Mal Aufwachen in meinem neuen Zimmer geschieht nicht durch Dylans kochendes Rind, sondern durch die viel zu kalte AC. Ansonsten fühle ich mich aber sehr wohl und erlebe einen recht unspektakulären Tag. Bis zum Nachmittag bleibe ich im Zimmer, nur zum Essen holen schleiche ich mich raus, und schreibe ein paar Emails und spiele Arena of Valor und Clash Royale. Ich fühle mich ein bisschen gammlig dabei, aber es ist entspannt und tut meinen Beinen nicht weh. Vom Training am Montag habe ich immer noch so starken Muskelkater, dass ich es bei jedem Schritt und jedem Anheben des Oberschenkels merke.

Trotzdem fahre ich zum Training, wenigstens eine sinnvolle Sache will ich machen heute. Allerdings spüre ich meine Beine schon beim Einlaufen so stark, Sprinten wird heute ganz bestimmt nichts. Auch während dem Lauf-ABC muss ich langsam machen oder die Übung auslassen. Die Gruppe muss wirklich denken, dass ich Glasmuskeln habe, so oft wie meine Wehwehchen zuschlagen. Wobei es sich heute eindeutig nicht um eine Verletzung handelt, ich bin nur einfach noch nicht so im Rhythmus wie die anderen und brauche länger zum Regenerieren. Und eventuell habe ich am Montag auch mehr Gas gegeben, Ansichtssache. Die Gruppe ist wieder sehr anders zusammengesetzt als sonst, mehrheitlich Jungs, dazu die beiden Mädchen, die aussehen, als gingen sie in die 7. Klasse. Byron sehe ich auch mal wieder, er hatte in letzter Zeit viel mit einem Zertifikat zu tun. Genauere Fragen traue ich mich fast gar nicht zu stellen, er wirkt so, als hätte er mir das schonmal erzählt, kann mich aber an nichts erinnern.

Als hätte er das Training auf mich ausgerichtet, lässt Edward uns Kraftübungen auf Matten machen. Kettlebell schwingen, Liegestütze mit Core Roller (ein Minirad, durch das eine Stange gesteckt und als Griff verwendet wird) oder Sliding Board (kleines Rollbrett, auf das man die Füße stellen kann, um es sich schwerer zu machen). Alleine dafür hat sich das Herkommen gelohnt, so sehr bin ich am Schwitzen.

Wir abusen das Sliding Board

Im letzten Teil werde ich mal wieder spontan befördert. Als Stab-Coach darf ich Privattraining mit Ray, Byron und einem Jungen machen, dessen Name ich immer noch nicht kenne. Dass sie sich ihren Anlauf markieren sollen, scheint zwar nicht ganz in die Köpfe zu gehen. Aber zumindest Ray und Byron werden innerhalb der Stunde besser, hören auf meine Tipps. Nach ein paar Ratschlägen komme ich nämlich auf den Trichter, dass wir vielleicht erstmal neben der Anlage trainieren, Trockenübungen machen sollten. Der Schlüssel zum Lernerfolg ist zudem wieder Videos zu machen, nach jedem Versuch kann ich analysieren oder zeigen, was falsch lief. Gerade weil ich selbst weder rennen kann noch auf diese kurze Matte springen will, macht das Anleiten umso mehr Spaß. Edward bedankt sich am Ende wieder sehr herzlich, aber „it was a pleasure to me“. Ich werde außerdem über einen weiteren Wettkampf im November in Tainan informiert, bei dem ich Sprint und Weitsprung machen könnte. Das ist ja ein strikteres Programm als ich es in Berlin habe!

Byron rollt schon gut auf
Ray meistert die letzten vier Schritte
Flutlichttraining

Ray, mit dem ich bisher nach jedem Training etwas essen war, muss heute irgendwo anders hin, aber Byron bietet an, mich im Auto mitzunehmen. Er will zu McDonalds, weil es da gute Eiscreme gibt. Ganz vergessen, dass er so gerne Süßes isst. Prinzipiell mache ich keine Freudenspringe, wenn der Schotte vorgeschlagen wird, aber einmal darf schon sein, als kulturelle Erfahrung kann ich mir das vermarkten, denn: Byron meint, das Eis in taiwanesischen McDonalds‘ folge keiner einheitlichen Rezeptur, was es überall leicht anders schmecken lässt. So oder so, für 32$TD (95 Cent) bekommt man eine riesige Waffel mit leckerem Softeis. Ich bestelle außerdem einen Salat mit Filet, eine große Pommes, große Cola. Insgesamt bleibe ich bei ungefähr 8€, wahrlich kein Vergleich zu Deutschland.

Billiges Fastfood

Ich erzähle Byron von meinen Reiseplänen, Tainan, Taitung + Lü Dao und Taipei stehen zunächst an. Auf Lü Dao, eine pazifische Insel vor Taitung, war Byron nur einmal. Er ist ein bisschen „scared“, weil es da Geister gibt. Na, zum Glück machen Geister mir keine Angst, gebe ich ironisch von mir, bis mir klarwird, dass er es ernst meint. Wie er darauf kommt? Früher hat die Insel als Gefängnis gedient, und dessen Insassen sind das bestimmt. Das eine Mal, dass er dort war, hat er eine Erfahrung mit einem Geist gemacht. Ah, interessant, was ist denn passiert, frage ich ernsthaft. Eine Seele habe Besitz von ihm ergriffen (er zeigt, wie etwas in seinen Körper übergeht) und ihn gezwungen, irgendwo entlang zu gehen. Jetzt fällt es mir ziemlich schwer, nicht zu grinsen. Also, sage ich, volle Kanne am Lächeln, er habe es also durch seine Augen gesehen, konnte es aber nicht steuern? Ganz genau. Wenig später fügt Byron hinzu, dass er sich nicht erinnern kann, aber seine Mutter ihm genau erzählt hat, wie es abgelaufen ist, er war damals nämlich noch kleiner. Ich fühle mich stark an die Geschichte von Sky erinnert, die in Inhalt und Begründung (Mutter hat es erzählt) ähnelt.

Ich frage Byron nach der Trainingsgruppe. Der Unterschied zu meinem Berliner Pendant besteht darin, dass sie immer noch zur Universität gehört und die Leute nur solange Mitglied sind, wie sie an die Uni gehen. Klar kommen manchmal sehr unterschiedliche Leute zum Training, aber die Kerngruppe bzw. diejenigen, die ich bisher kennengelernt habe, wirken vielmehr wie eine eingefleischte Truppe. Ich erzähle, dass ich in Berlin trotz sieben Jahren Dabeisein noch eher einer der Neueren bin. Wo wir schon bei Sport sind, erzählt Byron gleich mal, was er alles schon gemacht hat: Tischtennis, Badminton, Fußball, Billard, Leichtathletik, Klettern, Basketball, Volleyball, Fahrradrennen, um nur eine Auswahl seiner Vereinsaktivitäten zu nennen. Dabei ist die Frage eher, was er noch nicht gemacht hat. Nach kurzem Überlegen fällt ihm ein: Tennis und Baseball kann er nicht, jedenfalls noch nicht. An dem mit Anna und Sebastian geplanten Tainantrip hat er Interesse, schließlich hatte er mir ursprünglich mal vorgeschlagen, dahin zu fahren. Er kennt dort gute Foodspots für süßes Essen und hat auch gleich ein architektonisch interessantes Museum parat. Ich frage die beiden Deutschen mal.

Im Dorm gibt Sky mir Eier, die er nicht mehr haben will. Guter Moment, um endlich mal zu kochen! Dylan ist auch interessiert, vor allem, wie ich meine Zwiebel ohne Messer schneiden will. Zu dritt bereiten wir alles vor: Reis dauert zu lange, aber Eier, Sojasoße, indonesisches Salzgewürz namens MSG, das himmlisch gut schmeckt, Ölkanister und die Zwiebel macht Dylan mit seiner Schere klein. Nachdem wir viel zu lange an meinem Reiskocher drehen und ihn für kaputt halten, fällt uns auf, dass er nicht wie ein Kopftoch funktioniert und immer nur bis zu einem gewissen Punkt heizt. Wie es der Zufall will, hat Dylan so einen, teflonbeschichtet, also bitte ja kein Metall verwenden, in dem kocht er alles. Am Ende teilen wir brüderlich, er moniert aber, dass es verrückt sei, so spät noch zu essen. Sorry, das liegt glaube ich in meiner Familie.

Fliesenküche
MSG-Gewürz, Zwiebeln und Eier
Mitternachtssnack

Nur weil Sky es nebenbei erwähnt, finde ich heraus, dass Dylan auch erst dabei ist, Mandarin zu lernen, wenn auch auf höherem Level. Da muss ich mich doch gleich mal vorstellen: „我姓雷。我叫雷柏恩。你呢?“ Von Sky lasse ich mir direkt ein paar Sachen für meine Vokabelapp diktieren und Dylan bringt mir bei, wie ich den Namen unserer Uni auf Chinesisch ausspreche: „國立高雄科技大學“, also Nationale Kaohsiung Wissenschaft Technologie Universität, wobei z.B. das Wort Universität wörtlich eigentlich großer Student bedeutet. Nicht alles macht zu 100% Sinn. Aber ich habe Hoffnung, in diesem Zimmer mehr Chinesisch lernen zu können als in dem davor, und das, obwohl hier kein Muttersprachler wohnt.

Außerdem tauschen wir die wenige chinesische Musik aus, die wir bisher kennen. Immer mal wieder shazame ich Tracks in Restaurants. Zum ersten Mal benutze ich meine JBL, ich dachte schon, ich hätte sie umsonst mitgenommen. Dylan kann gar nicht glauben, dass ich ein Original habe, er kennt nur die Fakes.

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