Freitag, 24. Oktober

Der Feiertag „Taiwan‘s Recession Day“ (der Tag, an dem die Republik China, also das heutige Taiwan, 1945 die Verwaltung der Insel von Japan übernommen hat) findet zwar erst morgen, am Samstag statt, aber als Entschädigung wird der freie Tag deshalb um eins nach vorne verschoben. Friedrich Merz hasst diesen Trick.

Neuigkeiten von Henry: Nachdem er durch Susi aus Tainan schwer enttäuscht wurde, weil sie ihn gefriendzoned hat, hat er eine 30-jährige Vietnamesin kennengelernt (ich gehe von Bumble aus), für die er seinen verbleibenden Urlaub opfern und zwei Wochen zu ihr nach Hanoi reisen wird. Seine Botschaft an mich: Sorry, nochmal Taiwan dieses Jahr wird leider nichts. Ich werde es verkraften können. Dazu bekomme ich viele Screenshots von Bildern der Datingplattform, mit dabei das Deutsch-B1-Zertifikat der Vietnamesin, Profile von anderen „verrückten Frauen“, die garantiert Nutten sind, weil sie ihm nach fünf Tagen Chatten ihre Liebe gestanden habe und per Audio ausführliche Beschreibungen seiner Telefonate mit der neuen Perle. Größter Vorteil: neben ihrer Attraktivität kann sie nicht nur Deutsch, sondern will auch nach Deutschland ziehen, bessere Voraussetzungen für eine Beziehung. Denn laut ChatGPT verdiene sie trotz zwei harten Jobs in Vietnam nur so um die 500-700€ pro Monat.

Wenn ich aus dem Haus gehe, ist es mittlerweile nicht mehr ganz so heiß wie zu Anfang meiner Zeit, auch wenn die Wärmewelle spürbar ist und mein Handy immer noch 31 Grad anzeigt. Vielleicht gibt es mehr Wind oder es hat etwas mit der Luftfeuchtigkeit zu tun.

Während die Metro auf hohen Trassen verkehrt, findet der Fernverkehr auf Nullniveau statt

Ich will mich heute mal nach Fahrrädern umschauen. Nachdem das erste Geschäft geschlossen hat und das zweite ausschließlich verkauft, finde ich in einer Giant-Filiale ein größeres Angebot. Allerdings werde ich sofort auf die App verwiesen, über die alles funktioniert, wenn man nicht gerade vor Ort etwas kaufen will. Vor der Tür stehen nämlich eine Menge Räder, die wie perfekt für eine mehrtägige Tour aussehen.

Tourbikes vorm „Giant“

Online kann man einstellen, von wann bis wann, zu welchem Preis und mit welcher Ausrüstung man welches Fahrrad ausleihen kann und in welchen Filialen man dieses gedenkt auszuleihen und zurückzugeben. Je länger man ausleiht, desto billiger wird es pro Tag, ein Vorteil für mich, der sich die Option auf ein paar Tage mehr gerne offenhält. Drei Wochen inklusive Seitentaschen, mobile Pumpe und kleinem Reparaturset umgerechnet 220€, das ist doch schonmal ein guter Anfang. Ich werd’s mir überlegen.

Weil ich schonmal unterwegs bin, fahre ich zu den Sea Caves auf der Westseite des Shoushan Parks, der grünen Oase am Stadtrand. Der Bus fährt nicht besonders oft, aber die meisten anderen sind sowieso mit Motorroller da. Der Name hält leider nicht, was er verspricht, jedenfalls sehe ich keine Spur von Höhlen am Meer. Nichtsdestotrotz ist die enge Bergstraße ihren Ausblick total wert, und an der Küste gibt es auch ein paar coole Spots. Richtig am Wasser ist man wie sonst auch quasi gar nicht, die brachialen Felsen wehren Wellen in der Tiefe ab.

Endhaltestelle Bus O1 Extended
Wichtig, auch in der Natur einen Meter (nicht 1,5m?) Abstand zu halten
Jeder instareife Ausflug braucht ein Verkehrsspiegelselfie

Neben dem Hauptspot, ein Felsen direkt an der Seite des Parkplatzes, führt ein kleiner Waldweg auf eine von Baumkronen überdachte Lichtung, die wiederum Ausgangspunkt für zwei andere Stellen mit Blick aufs Meer ist. Eine davon blickt nach Norden, auf Felsen im Wasser, die wie Krümel aussehen und an ein Ufer mit einer verlassenen Hütte spülen. In der Ferne sieht man das von der Sonne angestrahlte Gangshan. Der zweite Spot fokussiert sich mehr auf die Qualität des Himmels. Ich setze mich dort auf einen löchrigen Stein, Sonnenbrille aufgezogen, und starre eine knappe Stunde in die Wolken, hinter denen die Sonne immer mal wieder auftaucht, zunehmend Farbkleckse im Himmel verteilt und schließlich eine gute Viertelstunde vor Sonnenuntergang endgültig hinter dem weiten, dunklen Schleier verschwindet.

Parkplatz vor den angeblichen Seehöhlen
Geschützter Platz
Erster Austritt an die Küste
Zweiter Spot: Blick nach Gangshan und eine verlassene Baracke

Fast alle Leute um mich herum sind Paare, nur zwei Jungs sehe ich, die kurz für ein Foto stehenbleiben und recht schnell weitergehen. Niemand würdigt mich eines Blickes, alle sind mit Aussicht, Partner oder Handy beschäftigt.

Sonne -> Glück
Wunderbarer Untergang
Über dem Schiff erstrahlt das Auge des Sauron

Auf dem Rückweg ist die Straße auf einmal von riesigen Affen besetzt, ich hänge mich an ein Motorrad ran, das mich durch die feindliche Armee eskortiert. Auch der Hund im Fußraum des Rollers bekommt Panik und kläfft. Nur das Motorengeräusch verscheucht die Viecher für ein paar Sekunden.

Ich will auf jeden Fall noch etwas machen und gehe mit Sebastian auf Barsuche. Mit den Fahrrädern, die er und Anna per Facebook-Gruppe frisch erworben haben, geht’s durch den Zuoying District, bis wir bei einer Anime-Bar fündig werden. Markenzeichen neben den vielen Plüschtieren in jeder Ecke: es gibt ausschließlich Einzelplätze, also Tische für jeweils eine Person und eine lange Bar, dass man zumindest mit dem Barkeeper reden kann. Uns bleibt nichts anderes übrig, als sich an diese zu setzen, aber ein Bildschirm an der Wand, der nach einer One Piece-Episode die Netflix-Serie Wednesday zeigt, sorgt für Ablenkung. Zudem gibt es spezielle Handyhalter für Leute, die sich beim Single-Besaufen vorm Bildschirm auch noch einen zweiten Bildschirm geben wollen. Wir aber fallen natürlich nicht auf diesen Trick der dopamingetriebenen Konsumgesellschaft rein und spielen anständig Karten. Arschloch mit einem Doppelkopfdeck macht auf den ersten Blick keinen Sinn, auf dem zweiten auch nicht, aber auf den dritten mit einem Bier ist es irgendwie lustig. So sehr, dass wir den Großteil des Abends damit verbringen. Eine Risikopartie verliere ich und muss das nächste Bier ausgeben. Der Barkeeper möchte mit uns über Animes reden, welche wir am liebsten mögen und so weiter. Begeistert ist er anscheinend von meiner Empfehlung Steins:Gate, die auf Chinesisch anders heißt und endlich mal ein Anime ist, den er noch nicht kennt. Meine anderen Lieblingsanimes, Death Note und Attack on Titan kennt hier jeder. Etwa fünf andere Gäste sind da, die meisten Frauen. Sebastian und ich rätseln, warum sie teilweise alleine in die Bar gehen, ob sie den Barkeeper kennen und wie oft sie wohl hier sind. Sich alleine ein paar Cocktails auf den Freitagabend zu geben, ist ja gerade in Taiwan nicht das Allernormalste. Das Bier, das wir trinken, ist übrigens japanisches. Ganze zwei Biersorten hat der Kollege da, der sein Geschäft wohl gerade so über Wasser halten kann, letztens war die Bar für eine Weile geschlossen. Bevor wir gehen, verwickeln wir uns in ein Gespräch mit zwei Mädels, die der Barkeeper so beschreibt, als würden sie sämtliche Animes kennen. Wir lassen uns beraten, „Demon Slayer“ und „Dan Da Dan“ sollen wir auf jeden Fall gucken. Na gut, Befehl ist Befehl. Und wenn ich mir wirklich etwas davon reinziehe, habe ich auch guten Gesprächsstoff für den nächsten Barbesuch. Gerne komme ich wieder, die gesprächige Atmosphäre zwischen den Besucher(innen) und dem Barkeeper hat mehr wie eine Freundesgruppe als wie ein Geschäft gewirkt.

Orion-Bier aus Osaka – nicht von schlechten Eltern

Bevor es nach Hause geht, schenken wir unserem Bierhunger ein ausgiebiges McDonalds-Mahl. Denn morgen wollen wir früh aufstehen, möglichst viel von Tainan mitnehmen.

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