Sonntag, 26. Oktober

Wie von mir selbst erwartet folgt auf den aktiven, anstrengenden Tag ein Chillertag. Natürlich hätte ich mich für irgendwas aufrappeln können, wenn es einen Plan gegeben hätte. Da dem aber nicht so ist, chille ich im Bett, lese Zeitung, wasche meine Wäsche, lerne neue Vokabeln mithilfe von ChatGPT, zocke ein bisschen und quatsche mit den Indonesiern, die auch zuhause rumgammeln.

Heute sehe ich die Welt mal durch eine andere kulinarische Perspektive und ernähre mich ausschließlich von selbst zubereitetem Essen. Den Start macht das neue Müsli, Spoiler: Es schmeckt genau wie deutsches. Sehr anders ist aber die Milch mit „Grüner Tee“-Geschmack, viel zu säuerlich, ein Fehlkauf.

Frühstück mit „heute show“

Sky kommt aus Chiayi (eine Region südlich von Taichung) zurück, wo er seine Tante besucht hat, die vor 30 Jahren ausgewandert ist und einen Taiwanesen geheiratet hat. Sein Cousin, der aber kein Indonesisch spricht, hilft ihm kurz, ein neues Kissen und Plastiktüten mit neuen Gütern reinzutragen. Darren, mit dem ich noch nicht viel gesprochen habe, zockt die ganze Zeit an seinem PC und fällt mir abgesehen davon vor allem mit lautem Schmatzen auf. Vielleicht bin ich wirklich ein klein bisschen misophon, aber warum können die Indonesier denn nicht vernünftig essen?? An der Wertschätzung des Essens liegt es jedenfalls nicht, das habe ich schon erfragt.

Ne, aber ansonsten fühle ich mich echt wohl hier, wie Sky mich fragt. Wir quatschen kurz über neue Chinesisch-Vokabeln und den Großteil der Zeit höre ich dem schnellen Indonesisch zu, das wirklich faszinierend klingt. Das „R“ rollen sie deutlich besser als wir Deutschen, weshalb ich mich an Portugiesisch erinnert fühle. Die Aussprache wäre bestimmt schwierig zu lernen, auch wenn sie mir versichert haben, dass die Sprache an sich viel einfacher als Mandarin ist.

Am Abend koche ich, ganz wie in der Heimat. Mit der Ausstattung muss ich natürlich ein bisschen improvisieren, aber irgendwie macht es auch Spaß, die Zwiebel mit der Schere zu schneiden, die Tomaten mit einer Gabel zu zerstampfen, den Brokkoli mit bloßen Händen zu zerrupfen. Als Unterlage habe ich meine Müslischüssel und die Tupperbox zur Verfügung. Auch wenn ich bisher keine Mäuse gesehen habe, dem Boden traue ich einfach nicht, schlimm genug, dass der Kochort dort ist. Andererseits passt der Vibe aber auch – jetzt kann ich meinen Nachfahren erzählen, dass ich als armer Student auf dem Boden kochen musste und dabei nicht auffliegen durfte.

Nachdem Dylan und Sky mich gestern wahrscheinlich für dumm gehalten haben, weil ich sie gefragt habe, wie sie ihr Ei im Kocher zubereiten, erwecke ich heute Eindruck mit meinen Berliner Kochkünsten. Die da lauten: Brokkoli kleinrupfen, lange garen, Zwiebeln und Tomaten adden, ein bisschen Gewürze; konstant umrühren, weil der beschichtete Kocher von Dylan schneller auf die Maximalstufe erhitzt, als ich bis fünf zählen kann; und schließlich mit dem Reis mixen, den der Superkocher von James‘ Kumpel in Rekordzeit produziert hat. Die beiden Jungs fragen mich ernsthaft, wie ich das bloß gemacht habe, dabei können sie selber so gut kochen. Weil Dylan schon Zähne geputzt hat, aber etwas probieren will, erkläre ich, dass es nicht auf den Zeitpunkt des Putzens ankommt, sondern darauf, dass man es morgens und abends überhaupt macht. Ich hoffe sehr, dass das stimmt, aber bin mir sicher, es so im Spiegel gelesen zu haben.

Welches Ranking bekommt unsere Dorm-Küche?

Als Dylan mir die Reispackung zeigt, kriege ich einen kleinen Schock. Wenige kleine, schwarze Insekten krabbeln von Reiskorn zu Reiskorn. Kein Problem, die seien nicht gefährlich und sterben beim Kochen ab, aber ich sollte den Reis möglichst bald aufbrauchen. Leichter gesagt als getan, bei einer frisch angebrochenen 2,5kg-Packung. Also bleibt mir nichts übrig, als ihn spendablerweise zu verschenken. Ab sofort darf sich jeder im Raum bedienen. Wir teilen aber sowieso schon Öl, Sojasoßen und Gewürze, also alles im Rahmen. Noch kurz zum Insekt: Reiskäfer legen ihre Eier auf den Körnern, sodass sie dort nach einer Weile schlüpfen. Aus Deutschland kommt mir das deshalb nicht bekannt vor, weil es erstens kälter ist (das mögen die Insekten nicht) und weil manche Produzenten „drugs“ benutzen, vermutlich Pestizide. Durch das Waschen bzw. spätestens durch den Kochprozess schafft man Sicherheit, in einem Stadium hohen Befalls sollte man aber trotzdem davon absehen. Als ob ich das freiwillig essen würde, wenn ich da eine ganze Kolonie sehe. Aber danke.

Gemütlich geht der Tage zuende, nur die Planung für morgen dauert noch kurz. Ich habe ein Hinge-Match mit einer Deutschen, Verena, die am Beginn ihrer Weltreise ist und gerade Kaohsiung erreicht hat. Ein Blick auf ihr Insta-Profil hätte mich eher dazu veranlasst, von einem letzten Stopp der Weltreise zu sprechen, aber sie scheint aus München zu kommen. Keine weiteren Fragen, euer Ehren! Als Quasi-Local kann ich ihr ein paar schöne Ecken zeigen, einen meiner Lieblingshügel vielleicht und am wichtigsten: Orte, die mir selbst noch fehlen! Die Pagoden bspw. habe ich bisher nur von unten bei Nacht gesehen, genau wie den Rest des Lotus Pond. Dafür schenke ich gerne meine Teilnahme am Englisch B1-Kurs oder an Sebastians Financial English her. Nach letzter Woche weiß ich ja eh: Experten ist nicht zu trauen, lieber frage ich die Affen im Shoushan National Park. Weil meine bisherigen Online-Dates in der Regel Reinfälle waren, halte ich die Erwartungen niedrig und enjoye, einfach in der Stadt herumzukommen. Wie ich das Training kläre, entscheide ich dann besser im Laufe des Tages. Verpassen wäre okay, nur Donnerstag würde ich gerne hin, da will Edward wieder Hoch- oder Weitsprung machen. Im Hinblick auf meine Wettkämpfe im November ein dringendes Unterfangen, Sprints dahingehen kann ich auch alleine am First Campus trainieren.

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