Montag, 27. Oktober

Diese Woche starte ich mal ganz anders als sonst und lasse meine Kurse einfach sausen. Wieso denn auch nicht, ich kann’s mir ja leisten. Einen Grund habe ich natürlich trotzdem, ich treffe mich mit Verena, mit der ich plane, ein paar Touri-Sachen nachzuholen.

Um kurz nach 10 treffen wir uns an den Pagoden, für mich persönlich ein wichtiger Checkpoint, den ich endlich abhaken kann. Einmal auf die beiden Türme rauf, Aussicht genießen, Foto von der bewölkten Skyline machen und wieder runter. Wenige Andere machen das Gleiche, alles Touristen. Logisch, wir haben ja auch Wochentag. Auf einem Steg soll ich instagramable Fotos von Verena machen. Ein älterer Herr, der uns reden hört, dreht sich um und sagt, dass er so glücklich ist, „deutsche Stimmen zu hören“. Auch ohne ein Wort von ihm hätte ich sofort gewusst, aus welchem Land er kommt. Typischer kann ein Alman eigentlich nicht aussehen, es sei denn, er heißt André und trägt ausschließlich karierte Hemden. Der Herr hier ist entgegen meiner Erwartung aber kein Deutschlehrer, hat aber natürlich taiwanesisch geheiratet und wohnt schon seit 32 Jahren hier. Als Ingenieur verdient er bestimmt gutes Geld, so kann er es sich leisten, jeden Tag seine 11km-Runde bis zum Lotus Pond zu laufen. Dann kann er die Sprache bestimmt viel besser als wir, fragt Verena, die seit einer Woche im Land ist. Er winkt ab, „nein, nein“. Natürlich, sonst würde er auch nicht mehr ins Klischee passen.

Die Pagoden bei Tag
Bewölktes Kaohsiung von doch nicht allzu hoher Höhe

Trotz des milden Himmels killt die Hitze. Ein Bubble Tea ist nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein, gerade wenn man ohne Kopfbedeckung im Freien herumläuft. Toilettenbesuch nach Toilettenbesuch, und ständig mehr trinken, weil man sich dehydriert fühlt. Was am See besonders auffällt, sind nicht nur die vielen Tempel, sondern auch die sonstigen Statuen und Skulpturen, die alle demselben Stil folgen. Verena, die laut eigener Aussage bereits über 10 Monate ihres Lebens in Asien verbracht hat, bezeichnet diese als die schönsten, die sie bisher gesehen hat. Ich schließe mich zwar grundsätzlich an, habe das mittlerweile aber so satt gesehen, dass die Vermutung aufkommt, es könne sich um billig produzierten Plastikschrott handeln. Natürlich ist das viel zu übertrieben, aber man kann nicht leugnen, dass die unendlich vielen Verzierungen, Details und leicht glänzenden Oberflächen ein bisschen kitschig aussehen. Ich weiß von einem blonden Präsidenten, dem das gefallen würde.

Drachenmaul: Erlebniswalk

Der See ist nicht allzu groß und wir klappern die Attraktionen ab, die ich bisher nur einmal nachts von außen gesehen habe. In einem Buddhatempel werden wir von einem dürren Taiwanesen im auffällig gelben Guide-Shirt angesprochen, der auch schon eine Schweizerin im Schlepptau hat. Er fragt, ob wir wissen, was die tausenden goldenen Buddhastatuen in der großen Wandsäule vor uns bedeuten. Es sind Votivgaben, also Spenden von Gläubigen, die mit Datum taiwanesischer Zeitrechnung (wir schreiben das Jahr 114) versehen sind. Die Zahl vier alleine taucht kaum auf, da sie auf Chinesisch wie das Wort für Tod klingt. Auch die 13 ist schwierig, na klar. Dürfte mich eigentlich nicht wundern in einem Land, das mehrheitlich an Geister glaubt. Der Typ spricht sehr gutes Englisch, aber warum eine Fremdsprache sprechen, wenn er auch Deutsch und Französisch kann? Das Sprachtalent wechselt fließend, sodass alle gut mitkommen, auch wenn ein paar Formulierungen zeigen, dass er keineswegs Muttersprachler ist. Ich studiere Architektur? Das ist ja „bodenlos“, sagt er und strahlt. Er zeigt uns halbmondförmige Steine aus Holz, die Gläubige nutzen, um Ja-Nein-Fragen beantwortet zu bekommen, wenn sie sich in einer wichtigen Frage nicht sicher sind. Dazu kniet man sich erst betend vor den größten Buddha im Raum und wirft das Holz anschließend auf den Boden. Je nachdem, ob die flachen oder konvexen Seiten nach oben zeigen, hat das Schicksal entschieden. Das muss ich unbedingt machen! Nach kurzem Überlegen fällt mir auch eine Frage ein: Sollte ich (nach dem Bachelor) Architekt werden? Kai übernimmt das Beten für mich, trotzdem knie ich mich ehrfürchtig daneben und lege die Handflächen zusammen. Anschließend droppe ich die beiden Monde unter den Tisch, zweimal konvex. Der Buddhismus sieht mein Schicksal also irgendwo anders. Kai ist direkt bemüht zu betonen, das sei nur eine Inspiration, was er sehr französisch ausspricht. Schon klar, keine Sorge.

Pompöser Zugang eines Buddhatempels
Regeln des Schicksals
Erstes Gebet zu Buddha oder so ähnlich?

Verena hat wie quasi alle deutschen Reisenden ihre Art, Erlebtes zu dokumentieren. Neben dem Versuch eines klassischen Blogs, der bisher aber noch anläuft, interviewt sie auf ihrer Weltreise Locals aus allen Ländern und stellt jedem die gleichen drei Fragen: Was macht dich glücklich? Was bedeutet Liebe für dich? Wenn du deinem jüngeren Ich etwas sagen könntest, was wäre es? Die Schwierigkeit besteht bisher darin, Englischsprachige zu finden, aber Kai bietet sich gerne an.

Zum Schluss will der „Tour Guide at the Lotus Pond“, wie es auf Instagram heißt, uns erstaunlicherweise nichts andrehen. Das Papier, was stapelweise an der Seite liegt und zum Verbrennen bzgl. der Ehrung von Vorfahren verwendet wird, ist nur Deko. Dafür dürfen wir ihm deutsche Schimpfwörter beibringen. In seinem Notizheft steht schon eine große Variation deutscher Ausdrücke, die ihm vermutlich andere Touristen beigebracht haben, darunter allerdings überproportional viele bayerische Wörter wie „Oachkatzlschwoaf“, „Mia san mia“, „Saubeidl“ oder „O‘zapft is!“ Immerhin weiß er schon über das neue Jugendwort des Jahres Bescheid. Aufgrund des großen vorhandenen Wortschatzes müssen wir neue Kaliber aufziehen, als Nächstes lernt er, was „Hurensohn“ und „Wichser“ wirklich bedeuten, natürlich auch auf Französisch.

Aus den Memoiren eines Taiwanesen: „Sprich Deutsch du …“
Das crazy

Bevor wir entlassen werden, gibt es noch ein Erinnerungsfoto, das ich ihm unbedingt auf Instagram schicken soll. Die Pose, gar keine Frage: 🫰, taiwanesisches zum europäischen 🫶. Erstes soll wohl ein biologisches Herz zeigen.

Verena, Kai, Ich

Nach diesem lustigen Encounter geht’s in weitere Tempel, die wir laut Kai unbedingt sehen sollen, ehrlich gesagt aber nichts besonderes sind. Verena, 1,65m, braune Haare, dunkle Augen, wird oft für eine Südosteuropäerin oder Amerikanerin gehalten. Sie hat ihren Job bei Siemens diesen Sommer nach einer schwierigen Phase mit Überarbeitung hingeschmissen, ihre Münchner Wohnung gekündigt (Heimat ist aber eine Provinzstadt im Allgäu) und sich auf Weltreise begeben. Dem Gedanken, in den Zwanzigern seines Lebens etwas zu erleben statt sich für Mindestlohn im Büro abzuschwitzen, kann ich durchaus etwas abgewinnen. Gerade, wenn man wie sie einen Bachelor in der Finanzbranche gemacht hat und prädestiniert ist, irgendwas mit Führungskräften zu machen. Da muss man schon Luca heißen, für den Kapitalismus brennen und nur ins Ausland gehen, um Credits zu sammeln. Im Master will Verena irgendwas Internationales machen, am liebsten zur UNO. Gerade rechtzeitig abgebogen, klingt für mich raus. Der Reisespirit matcht auf jeden Fall, „Do it for the plot“ ist ihr Kredo. Weshalb sie auch schon in einem Ausstellungsspot für Zuckerrohr in Tainan gelandet ist und im November für einen Halbmarathon in Kambodscha angemeldet ist, der durch Angkor Wat führt. Das kommt wohl davon, wenn man seinen Followern regelmäßig neues Material liefern will.

Ausschließlich per YouBike wird die Stadt erkundet, weil man dadurch so viel mehr sieht als mit der unterirdischen Metro. Zwischenstopp zum Wasser kaufen. Ich bin ja der Guide, also bestimme ich einfach mal, dass wir einen großen grauen Tempel nahe Aohzidi ansteuern, den ich schon öfter interessiert beäugt habe, als ich mit der Tram zu Jiangong-Campus gefahren bin. Deutlich monumentaler als klassische Tempel und auch viel dezenter ist er gehalten, dadurch sticht er heraus.

Großer, unbekannter Tempel mitten in der Stadt
Edler Holzboden hinter den Eingangsflügeln

Einfach mal rein, der Vorbereich besteht aus drei komplett offenen Türflügeln. Wir werden gebeten, die Schuhe draußen zu lassen, der gesamte Boden besteht nämlich aus edel aussehendem Parkett. An der Rezeption sitzen vier oder fünf Damen in Uniform, während kaum Besucher zu sehen sind. Sie begrüßen ganz freundlich, Englisch scheint aber kaum jemand zu sprechen. Eine alte, weißhaarige Dame in navyblauer Robe kommt auf uns zu und kann immerhin vermitteln, dass wir roten Tee trinken können. Anders als die anderen Bediensteten strahlt sie natürliche Autorität aus, man könnte sagen, sie hat Aura. Eine lange Rampe führt nach hinten in das Gebäude, an den seitlichen Wänden befinden sich große, bebilderte Infotafeln, die ab und zu sogar englischen Text aufweisen. Es geht wohl um eine gemeinnützige Organisation und ihre Entstehungsgeschichte. Die Gründerin „Cheng Yen“, eine glatzköpfige Frau, sieht auf den Schwarz-Weiß-Bildern aus wie der Messias einer außerirdischen Relegion. Jeden Tag sollten ihre ersten Jünger fünf Cent beiseite legen, damit ein zusätzliches Paar Kinderschuhe pro Tag genäht werden kann, sag die erste Tafel. Warum nicht am Ende des Monats 15 Dollar? Damit man sich jeden Morgen erinnert, den Armen zu helfen.

Nach ein paar Minuten findet eine weitere Frau den Weg zu uns, die sich leidlich als des Englischen fähig erweist. Sie und die weißhaarige Frau versuchen uns gemeinsam jede einzelne Tafel zu erklären, wobei wir Stück für Stück die Rampe hinaufwandern. Der geriffelte Holzboden sorgt gegen Rutschen, ansonsten könnte man hier wunderbar einen Einkaufswagen runterjagen. Im Prinzip versteht man auch so schon ganz gut, worum es geht, aber die beiden sprechen unentwegt in die Übersetzer-App, um sicherzugehen, dass wir wirklich alles verstehen. Dann laufen wir durch Gänge, die nicht so öffentlich aussehen, aber immerhin weitere Poster und Ausstellungsstücke enthalten.

Ausschweifende Führung
Antiquariat? …

Auf einer zweiten Rampe geht es noch höher, die strenge Ordnung der Erschließung lässt keinen Zweifel an der Religiösität, die trotz gegenteiliger Beteuerungen im Spiel zu sein scheint. Auch besteht die Organisation nicht nur aus Frauen, wie ich auf Nachfrage erfahre. Besonders betont wird, in wie vielen Krisen Tzu Chi, so der Name des Vereins, geholfen hat. Kein Erdbeben, kein Taifun an der Ostküste, keine Krankheit wie Ebola ohne Hilfeleistung von ihnen. Ein bisschen angeberisch, aber tatsächlich sind sie auf der ganzen Welt vertreten. Die 10 Millionen Mitglieder glaube ich erst, als ich es gegoogelt habe. Verrückt, und gegründet wurde das Ganze in Hualien an der Ostküste, der Heimat von Cheng Yen.

Das Licht am Ende des Tunnels?

Die Gründerin lebt tatsächlich noch, ist über 90 Jahre alt und war gestern anscheinend sogar hier. Manche Poster an der Wand lassen das Ganze wirklich wie eine Sekte erscheinen, herausgegriffen aus Science Fiction-Filmen oder Ähnliches. Aber ich vertraue auf die Wikipedia-Angabe, dass hier das Meiste mit rechten Dingen zugeht.

Scientology oder Tzu Chi?

Es folgt das Prunkstück des Hauses: ein riesiger Saal, sakral wie eine Kirche, eine Bühnenfläche wie im Theater. Dazu jede Menge Stühle und Polster zum Knien. Wir befinden uns in einem Veranstaltungsraum der Tzu Chi Organisation, ab und zu finden hier Konferenzen und Feiern statt. Die nächste, wenn ich es richtig verstehe, ist irgendwann gegen Ende des Jahres. Abwechselnd sind Hualien, Taipei, Taichung und Kaohsiung Veranstaltungsort. Wenn man dahin kommt, kann man auch Cheng Yen selbst sehen. Der Raum sieht aus, als könnte ab und zu auch ein kleiner Parteitag der KP stattfinden. Gerade die Holzkonstruktion an der Decke ist so unfassbar auffallend, dass ich gleich nach dem Architekten fragen muss. Sie wissen nichts genaues, aber es war eine Gruppe, die das gemeinsam geschafft hat. Natürlich, das entspricht den Werten des Vereins, auch die nachhaltige Bauweise, zumindest die Materialien betreffend. Ein Merkmal ist die Fensterform, der Tropfen ist gleichzeitig das Symbol der Organisation, ich vermute mal, dass er für Wasser steht. Ein äußerst schönes Piktogramm. 20-30 Jahre ist das Ding alt und hebt sich so dermaßen von allen anderen Gebäuden ab, ich bin jetzt schon ein riesiger Fan. Das Einzige, was da mithalten kann, ist das Kunst- und Kulturzentrum, mit dem weißen, geschwungenen Dach.

Imposanter Eingang
Wahnsinns-Räumlichkeit
Die (noch lebende) Gründerin ist einfach schon ne Heilige. Das Wandbild im Hintergrund hat angeblich fünf Jahre gedauert und besteht aus extrem kleinen Mosaiksteinchen.
POV: Du sprichst zu deinen Jüngern

Als Nächstes kommt, was ich bereits erwartet hatte: Spenden. Allerdings wird uns nichts großartig aufgeschwatzt, sondern wir entscheiden selber, wieviel Geld wir in die große Spendenbox werfen. Allerdings richtet die weißhaarige Frau ihr Handy auf uns, kein Druck. Zwei Münzen werfe ich ein, ansonsten habe ich nur Tausender dabei, die ich vorerst behalten will.

Dann gehen wir auf eine Terrasse, immer noch auf Socken, der Boden immer noch Parkett. Der Merchandise-Store am Rand bietet uns endlich jemanden, mit dem wir vernünftig reden können. Eine nette Frau mit großer Brille und einer extrem weiten Dreiviertelhose übersetzt ab sofort, Übersetzer ade. Sie zeigt uns die angebotenen Produkte, allesamt bestehen sie aus recyceltem Plastik. Sneaker, Hosen, Tshirts, Regenschirme, Sonnenbrillen, Rucksäcke. Und nicht nur das, es stammt auch noch aus eigener Produktion. Verena hat eine gute Idee: Dann können sie doch gleich unsere leeren Plastikflaschen nehmen und recyceln. Wir müssen keinen Mülleimer suchen und tun der Umwelt auch noch was Gutes dabei. Gerne werden die Flaschen angenommen und eine Frau zeigt uns stolz, dass ihr T-Shirt auch 100% recycelt ist. Anschließend interviewt Verena die Englischkönnende für ihr Projekt, ich schaue mir derweil ein paar Zeitschriften an, die wir geschenkt bekommen haben.

100% recycelt-Store
Verena interviewt, ich gucke die Zeitschriften an

Und dann wird es noch verrückter: Wir können uns selbst davon überzeugen, keinen Schmarn erzählt bekommen zu haben. Ein Teil der Recyclinganlage befindet sich nämlich auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Mit hässlichen schwarzen Crocs, maximale Schuhgröße ist 42 (ich hab 46,5), bekommen wir eine Führung wie am Wandertag, in Begleitung der Englischsprechenden und der alten Frau in navy. Die alte Frau macht weiterhin fröhlich Fotos von uns, auch sollen wir regelmäßig auf Sachen zeigen. Fast würde ich wetten, dass wir nächste Woche auf der Titelseite der Organisation als Werbemodels landen. Es gäbe Schlimmeres für mich. Ein paar Fotos macht sie auch mit Verenas Handy, leider unglaublich schlecht belichtet und gezoomt. Aber die Geste zählt. In dem Recycling-Bereich arbeiten hauptsächlich Freiwillige, die echt schwerfällige Arbeit verrichten. Aus jeder Plastikflasche wird der Print herausgeschnitten, jedes Etikett muss ab. Am schlimmsten ist vermutlich der Job, das angekarrte Plastik zu sortieren, denn der Haufen stinkt gewaltig.

… Dreirad in interessanter Ausführung
Recycling-Hinterhof
Freiwillige erledigen die Drecksarbeit
Ganz großer, stinkender Haufen
Kleines Gruppenbild mit der alten Frau

Und es ist immer noch nicht vorbei: Zum Abschluss trinken wir in der Eingangshalle mit den beiden Damen roten Tee (紅茶 hóngchá), der praktisch sekündlich nachgeschenkt wird. Ich bin aber auch sehr dehydriert und schon etwas erschöpft, das kann ich jetzt gut gebrauchen. Natürlich werden wir gefragt, ob wir zusammen sind, die most predictable Frage aller Zeiten. Nein, aber Verena interessiert sich für die Freiwilligenarbeit in Hualien bei der Katastrophenhilfe und tauscht Nummern aus, eventuell will sie das für zwei, drei Wochen machen. Klingt echt gut; wenn ich am Ende meiner Zeit hier keine Pläne mehr habe (was eigentlich sehr unwahrscheinlich ist), würde ich mir das auch überlegen.

Schließlich dürfen wir aber auch gehen, das reicht jetzt echt. Fünfmal auf Wiedersehen und Danke am Ausgang, natürlich werde ich allen meinen Freunden davon erzählen, dass sie hierher kommen sollen (also kommt alle hierhin!), und so weiter. Langsam wird die Temperatur besser, die Sonne knallt nicht mehr ganz so sehr und mit einem weiteren Tee fahren wir das YouBike in Richtung Hafen, entlang des Radwegs am Love River. Der Shoushan Park als Skyline fasziniert mich immer wieder, das letzte Stück führt als Tunnel durch ihn hindurch. Dort kommen wir am Campus der NSYSU raus, die einen der wenigen Strände in Kaohsiung zu bieten hat. Der University Beach ist zwar nicht voll, aber voller foreign students. Es gibt keinen wirklichen Sonnenuntergang, aber bei der frischen Brise in die Wolken zu starren, ist auch okay.

Das Studium an der NSYSU muss schon anders geil sein

Als letzten Tagespunkt müssen wir natürlich noch einen Night Market besuchen. Der erste hat keine Sweet Potato Balls, also geht’s weiter, bis wir am Liuhe Night Market landen, den Klassiker der Stadt. Kein Wunder, dass Verena in Kaohsiung so viele Ausländer beobachtet hat, als Tourist klappert man ja auch die Touristenorte ab. Da ist heute auch nur der Tzu Chi-Tempel aus dem Raster gefallen.

Seit dem späten Nachmittag plagen mich leider wieder Rückenschmerzen. Keine Tragbelastung, ich bin den ganzen Tag mit leichter Bauchtasche unterwegs gewesen, aber das viele Rumlaufen und vor allen Dingen Stehen hat meinen unteren Rücken so sehr beansprucht, dass ich auf den Fahrrädern schon in Liegeposition gefahren bin; statt den imaginären Rennradlenker habe ich einfach an den Plastikkorb gegriffen. Leider werden die Schmerzen auch im Sitzen nicht besser, also suchen wir mit ein bisschen Essen den Häuserblock auf, der nebenan freie Fläche hat. Eine Mini-Laufbahn hat am Rand Metallbänke, dort lege ich mein Zeug ab und lege mich dann auf den Rücken. Die spazierenden Hobbysportler, wie es sie auf jeder Bahn gibt, machen bereitwillig einen Bogen um mich. Verena sitzt hingegen auf der Bank, das gibt bestimmt ein lustiges Bild ab. Und erwartungsgemäß werden wir eher früher als später angequatscht. Ein älterer Herr mit Cap breitet seinen gesamten Englisch-Wortschatz aus und fragt uns nicht nur nach der Herkunft, sondern auch gleich, ob wir verheiratet sind. „You beautiful. You handsome“, bekommt jeder von uns ein Kompliment. Klar sind wir verheiratet, was ist das denn für eine Frage? Jedenfalls ist es die viel einfachere Antwort. Ich gönne mir eine Paracetamol 500mg, drehe mich auf die Seiten, knacke und dehne meinen Rücken; und fast jede Runde hält der Herr an, um seufzend stehen zu bleiben oder noch etwas zu erzählen. Er hatte irgendeine Art von Verletzung oder Unfall, von der er sich kuriert, indem er jeden Abend ganz viele Runden läuft. Sehr lobenswert, „好 hǎo“. Er sei alt, aber innen, er zeigt auf sein Herz, „young!“ Wir beide, er zeigt auf uns, „Good. Together.“ Er selber, beantwortet er die Frage, die zwar keiner gestellt hat, aber trotzdem süß wirkt: „I am… one.“ Dazu ein Finger in die Luft. Joa, was antwortet man darauf? Tut mir natürlich Leid, aber es ist trotzdem schön zu sehen, dass er sich unbedingt für andere freuen will.

Anders als ich ist Verena ja auf ständiger Rumreise, um möglichst viel zu sehen. Schon bei Henry hatte ich festgestellt, dass er ein ganz anderes Tempo hatte, Sehenswürdigkeiten abzuhaken. Wir hatten schon vor dem Treffen überlegt, nach Möglichkeit gemeinsam nach Kenting zu fahren. Tatsächlich verstehen wir uns so gut, dass Dienstag bis Donnerstag eingeloggt wird. Apropo eingeloggt: Verena hat als Jugendliche mehrmals bei „Wer Wird Millionär“ teilgenommen und einen vergleichsweise niedrigen Preis gewonnen, ein Teil ihrer Weltreise wird auch durch gut angelegtes Geld finanziert. Ich muss mich erst überwinden, meinen ganzen Stundenplan über den Haufen zu werfen, aber nach kurzem Überlegen bin ich mir sicher, dass ich die verpasste Möglichkeit bereuen würde. Ich kann ja machen, was ich will. Besonders bei Übernachtungspreisen von 11€ die Nacht, unter der Woche. Außerdem fragen wir im Chinesisch-Kurs bestimmt sowieso wieder ab, wie man heißt, welche Töne auf welchen Buchstaben kommen und müssen im Radical Matching Game von Frau Peiti ungefähr bei Level 10 einsteigen (Sebastian und ich haben sämtliche Level schon vor drei Wichen gemacht).

Den Weg nach Hause ertrage ich nur unter Schmerzen, auch weil Paracetamol quasi gar nicht gegen Muskelschmerz hilft. ChatGPT gibt mir aber gute Dehntipps und so verbringe ich den Abend mal nicht mit Workout und Blog schreiben, sondern mit Packen und Entspannen, kleiner Widerspruch. Darren hat eine Feuersalbe parat, die meinen unteren Rücken erhitzt wie ein Hochofen. Sofort spüre ich Verbesserung, das hilft auch mental enorm. Ein Urlaub unter Schmerzen wäre höchstens halb so spaßig. Die Jungs freuen sich für mich, so spontanen Urlaub können sie sich zeitlich nicht leisten. Dylan ist erst verwirrt, weil versteht, ich fahre zwei Wochen in die Kantine. Als Leckerli gegen den „pain in the back“ bekomme ich von ihm Oreo-Eis im Toastbrot, eine Spezialität aus Hab-Ich-Vergessen-In-Asien (Singapur?).

Nachtisch-Geschenk von Dylan

Heizo hat mir geschrieben, wo ich denn heute früh geblieben sei. Er ist traurig, weil ich nicht zu seinem Deutsch-Kurs bei Sascha gekommen bin und fragt, ob ich wütend sei. Höchste Zeit, ihm zu antworten, dass ich den Kurs leider total vergessen hatte und auch zu begründen, warum ich das Zimmer A203 verlassen habe. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: Mir ist er definitiv nicht böse und entschuldigt sich fast schon für seine Schüchternheit, er hat wohl auch keine einfache Vergangenheit, so klingt es raus. Aber dafür eine ganz eigene Auslegung des Streits mit Sky, bzw. generell zu Indonesiern:

Der Sozialismus ist schuld!

Am Ende wünscht er mir noch Glück und ich sage ihm, dass er mir natürlich jederzeit Fragen stellen kann. Einschlafen tue ich in Stufenlagerung. Stuhl aufs Bett und Beine rauf, das soll wohl die Lendenwirbelsäule entlasten.

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