Auch im neuen Zimmer gibt es so dieses und jenes ulkige Problem. Die Indonesier sind allesamt richtige Wecker-Opfer. In meinem Raum jedenfalls. Darrens Handy klingelt, in mittelgroßen Abständen. Jedes Mal, wenn ich denke, er hat ihn ausgestellt, meldet sich der Wecker wieder. Schließlich geht er aus und ich werfe einen Blick um den großen Schrank herum. Er liegt auf der Seite, Mund offen, schwarzes Display in der Hand, es wird ihm in wenigen Sekunden runterfallen. Da kann ich nur den Kopf schütteln, obwohl ich selbst manchmal so bin. In Taiwan habe ich es bisher aber geschafft, nur einen zweiten Wecker zu benutzen, und der klingelt auch schon eine Minute nach dem ersten.
Allmählich habe ich das Gefühl, das Mensapersonal will mich mästen. Vielleicht, weil ich kein Fleisch esse, aber der Eierpfannkuchen wird gefühlt von Tag zu Tag fettiger. Manchmal muss ich mich richtig anstrengen, ihn runterzubekommen, so auch heute. Der gesüßte schwarze Tee hilft.
Um halb elf nehmen Verena und ich den Kenting Express ab Zuoying. Selbst einstellbare AC, Beinfreiheit und wunderschöne Blicke nach links (Berge) und rechts (Meer) sorgen für eine angenehme Fahrt, auf der ich vor allem den Blog von gestern nachhole. Es fühlt sich immer noch ein bisschen kriminell an, nicht zum Unterricht zu gehen, bis mir einfällt, dass die Kurse weder Credits bringen noch etwas mit meinem Fach zu tun haben. Alibimäßig halte ich meine Streak in der Vokabel-App am Laufen.

Die Unterkunft ist nah an der Busstation, allerdings müssen wir noch knapp drei Stunden auf den Check-In warten. Na gut, dann müssen wir uns leider an den leeren Strand vor der Haustür setzen. Mit einem zweiten Frühstück vom 7/11, zu dem ganz sicher kein deutscher Hausarzt raten würde. Aber der Ort ist wie ausgestorben, geöffnete Alternativen nicht in Sicht. Gute Sicht gibt es dafür auf die Natur, eine großes weißes Tor erzählt vom Nationalpark, der sich über den gesamten südlichen Inselzipfel erstreckt.

Das Wetter ist ziemlich bewölkt, um nicht zu untertreiben, und es windet recht stark. Es schafft einen ungewohnten Abkühleffekt zu den 30 Grad, die trotz dessen herrschen. Am Strand, der sich weit erstreckt, sieht man eine handvoll Leute, die unter der Woche entweder als (wahrscheinlich deutsche) Touristen Urlaub machen oder als Taiwanesen Müll einsammeln, sehr löblich. Nach fast zwei Stunden im Sand liegen nehmen wir uns YouBikes und erkunden die Küste Richtung Süden. Nach jeder Bergkurve erscheint ein neuer Abschnitt, der weichen Sandstrand, witzige Hügelformen und natürlich, Hotelanlagen bietet. Kein sehenswertes Strandparadies ohne die üblichen Massentourismusbunker. Wenigstens sind es in Kenting aber keine Betonburgen, was man anhand der wie Unkraut sprießenden Hochhäuser im restlich Ländle durchaus vermuten könnte, sondern halbwegs schmucke Balken in der Landschaft.







Auf der breiten Asphaltzunge, die kaum von Fahrzeugen genutzt wird, begegnen uns mehrheitlich Fahrradfahrer. Viele Sporträder, die nach Tagestour aussehen, wenige Tourbikes, die nach Inselumrundung aussehen und ein mittelaltes Pärchen auf einfachen Rädern, die verdächtig deutsch aussehen. An einer Ausblick-Ausbuchtung halten die beiden ebenfalls. Verena fragt intuitiv auf Deutsch, ob sie ein Foto der beiden machen soll. Fast richtig: sie kommen aus Salzburg. Das strenge Asien-Urlaubsprogramm wurde durch schlechtes Wetter entschieden gestört. Palau musste deshalb gänzlich abgesagt werden, entsprechend schlecht ist die Laune der Frau. Auch Taiwan hat in ihrer bisherigen Woche an den bisherigen Orten nur Regen zu bieten gehabt, Pech. Für Kenting haben sie aber einen Tipp: die Bergwanderung hinter dem weißen Torbogen soll zu Bergkorallen führen, das klingt faszinierend.
Der Wind und die Müdigkeit bringen uns dazu, umzukehren. Nach Balkon mit Meerblick sieht das Häuserensemble von außen nicht aus, aber wer weiß. Hauptsache ein Platz für die Sachen, ein Bett und die Nähe zum Meer. Tatsächlich befindet sich im Zimmergeflecht des Hauses eines im Obergeschoss mit 3qm-Dachterrasse, die auf ein bestehendes Blechdach gesetzt wurde. Und man kann sogar das Meer sehen, wow. Ansonsten entspricht das Ganze dem niedrigen Budget von 11€ pro Nacht. Auch die Freundlichkeit der Rezeption passt sich dem Budget an. Die Fensterläden sind anscheinend so locker, dass sie vom Wind durchweg klappern, als würde jemand konstant an die Tür klopfen oder einen Schrank öffnen. Ich will ja nicht von Geistern reden, aaaber… das wäre keine gute Idee für viele Taiwanesen, nichts für schwache Nerven.



Am Abend erkunden wir den Kenting Night Market, ein Teil des Pflichtprogramms. Anders als ich ihn von Kommilitonen beschrieben bekommen habe und auf Instagram gesehen habe, ist er heute fast komplett leer. Längst nicht jeder Stand hat geöffnet, nur ein paar Einheimische und wahrscheinlich die Europäer, die man auch schon am Strand gesehen hat, sind zu sehen.


Zum ersten Mal probiere ich frittierte Pilze, ohne Wirkung, abgesehen von den sättigenden Kalorien und dem Salz in Quantität einer Wochenration. Würde ich wieder essen, aber frühestens in einer Woche.

Am Pilzstand bedient uns ein junge Taiwanese, der Englisch spricht, gefundenes Fressen für Verenas Interviewprojekt. Er muss sich bei einem Stuhlgang erstmal die Antworten überlegen, antwortet auf alle drei Fragen (What makes you happy? What does love mean to you? What would you Tell your younger self?) Aber überraschend das Gleiche: Zeit mit der Familie bzw. mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, in dem Fall seine Omas. Er interessiert sich auch für unsere Lebenswege und erzählt, er habe seinen Master an der NSYSU in Kaohsiung gemacht. Auch wenn er womöglich nur aushilft, in meinen Augen ist es irgendwie bezeichnet, so jemanden am Night Market arbeiten zu sehen.
Auf einem Spaziergang durch die Stadt gibt ein Milchtee meinem Bauch den Rest, die Laktoseintoleranz kickt in Taiwan stärker, als ich es aus Berlin gewohnt bin. Es reicht aber noch, um am Strand den auf dem Wasser reflektierenden Mond anzuschauen. Dort sind mehr Leute als tagsüber, viele kleine Lichter weisen auf Angler hin, die bei ruhigem Wellengang ihr Glück versuchen.

Im Zimmer schreiben wir beide an unseren Blogs. Verena schreibt nicht nur für einen Travelblog, sie hat auch noch ein Online-Meeting mit der Redaktion, in dem es um ihre Probearbeit dafür geht. Der Typ am Ende der Leitung gibt ihr Feedback zu ihren Texten über Georgien, Armenien und Taiwan und erklärt detailliert, was sie noch ändern sollte. Am Ende steht grundsätzlich aber eine Auftragslage, die ihr künftig wohl ein kleines zusätzliches Einkommen bescheren wird, große Freude.
Um 1 Uhr nachts telefoniere ich noch mit einer Freundin in Deutschland, wo es nach der Zeitumstellung letztes Wochenende sogar 7 Stunden hinterhergeht. In Jena ist es ebenfalls schon dunkel, dazu kommen fröstelnde Herbsttemperaturen, laublose Bäume und angehende Winterblues. Auch auf Instagram sehe ich den Unterschied: Zwar werden die bunten Bäume und Sonnenuntergänge heroisiert, es kann aber nicht darüber hinweggetäuscht werden, dass für viele eine unangenehme Jahreszeit anbrechen wird. Ich will hier keine Schadenfreude verbreiten, höchstens ein gegen Null konvergierendes Bisschen, aber ich frage mich ernsthaft, wie mich ein warmer Winter beeinflussen wird verglichen mit dem üblichen Berliner grau. Wenn ich im März zurückkehre, wird es zwar noch kalt sein, aber es wird bergauf gehen und auch die Tageslänge wird zu dem Zeitpunkt bereits wieder länger sein als sie es gerade in Taiwan ist. Das ist in meiner Vorstellung also fast schon wie ein erneuter Sommer, sodass ich mich erst 2026/27 wieder damit beschäftigen muss. Wird es mich längerfristig glücklicher machen oder hat es keinen Effekt? Die Zeit wird es erzählen. Um halb drei kann ich endlich schlafen gehen.
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