Kenting (Mittwoch, 29. Oktober)

Das Frühstück des Hotels ist erwartungsgemäß bodenlos. Nach unzureichender Wegbeschreibung seitens der Rezeption finden wir schließlich eine Breakfast Bar, die lauter Hangover-Songs spielt und in der Deutsche die Mehrheit bilden. Das Malle-Feeling lässt sich einfach gut verkaufen.

Dieses Sandwich hätte ich mir auch selbst machen können
Beim Frühstück ertappt

Der Plan für heute ist, einige Wegpunkte auf Google Maps abzuarbeiten, da sind in letzter Zeit auf unseren beiden Handys durchaus welche entstanden. Für YouBike sind die Entfernungen aber zu groß, weshalb wir auf Motorroller angewiesen sind. Verena hat zwar einen internationalen Führerschein, aber ich will einfach mal probieren, wie weit man mit ein bisschen Dreistigkeit kommt. Die benötige ich nicht wirklich, denn alles, was unser Hotel für den blauen Roller haben will, sind meine Telefonnummer, meinen Perso und 300$TD (8,60€) für die nächsten 24 Stunden. Schnell ein Video machen für den Schadensfall, dann kann’s auch schon losgehen. Wusst ich’s! Das Geld ist den Leuten hier einfach wichtiger. Prinzipiell weiß ich ja auch, wie das Gerät gesteuert wird: Schlüssel drehen zum Anstellen, für Gas den rechten Lenker drehen und die Handbremsen sind die gleichen wie am Fahrrad. Sogar Gadgets wie Blinker, Rückspiegel und Hupe weiß ich zu benutzen. Natürlich erfordert der Straßenverkehr etwas ungewohnte Konzentration, nach etwa einer Viertelstunde fühle ich mich aber schon recht sicher, zum Glück gibt es nur wenig Ortschaften zwischen den langen Landstraßen an der Küste. Auch wegen des sehr starken Windes wage ich keine Überholaktionen, Schritt für Schritt. Manche Böen wehen so stark, dass man Sand ins Gesicht geschleudert bekommt und ich viel Körperspannung brauche, um das Gleichgewicht aufrecht zu halten. Recht schnell machen wir daher eine Pause an einem 7/11, vor dem ein Hund sich sonnt und das Leben genießt.

Das Fell muss eine wahre Sauna sein
Trinkempfehlung: Yakult-Milch mit gesunden Probiotika
Schokotaschen mit Raspelkruste
Rastplatz mit Blick

Auch danach geht es immer weiter die Küste rauf, links neben uns sehen wir weiße Schaumkronen, so weit das Auge reicht. Ziel ist tatsächlich ein kleiner Wanderweg an der Ostküste, für den man später rechts abbiegen und das Landesinnere überqueren muss. Anders als ich dachte, wird der Wind dort aber nicht wirklich weniger, die Berge fungieren möglicherweise als Zirkulationshub. Die Natur kann sich aber sehen lassen: rundherum grüne Täler, vereinzelte Hütten, kurvenreiche Straßen, die zu befahren ein Heidenspaß ist. Es sind kaum andere Fahrzeuge unterwegs, und die wenigen verschwinden auch, sobald ein Tunnelabschnitt kommt, für den alle Motorräder einen Umweg nehmen müssen.

Thema Geschwindigkeitsbegrenzung: Ziemlich oft wechseln die Vorgaben, mal 40, mal 60, 70, 30 und manchmal sind es auch nur 25 km/h Obergrenze. So oder so hält sich kaum jemand daran, und auch wenn es viele Kurven gibt, oft lassen die sich gefahrlos in höherem Tempo durchqueren. Ab und zu gibt es dreieckige Warnschilder, die vor Blitzern warnen. An den folgenden Ampeln sind auch klassische Überwachungskameras installiert. Ob die im Zweifel auslösen würde, weiß ich nicht, sicherheitshalber bremse ich aber trotzdem runter. Das Motorrad selbst fährt übrigens je nach Wetterlage knapp 85 km/h, bei Gegenwind manchmal nur 60 km/h. Die Anzeige geht bis 150 km/h, aber das scheint utopisch.

Kurvige, einsame Bergstraßen

Am höchsten Punkt eines Passes schlägt das Wetter auf um und die Grundtemperatur sinkt spürbar. Jetzt ist auch die Ostküste zu sehen, an der es noch stärker windet als zuvor und bereits aus der Ferne lässt sich erkennen, welchen Einfluss der offene Pazifik auf die Wellenbewegungen zu haben scheint. In den Serpentinen bergab fahren wir an einer Straßensperrung vorbei, an der vier Männer die überaus komplexe Aufgabe koordinieren, alle Motorräder durchzulassen. In einer Menschenkette winken sie sich gegenseitig zu, um freie Fahrt zu signalisieren. Ganz ähnlich den Winkemännchen an großen Kaohsiunger Kreuzungen. Verena nennt es zu Recht Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Ein paar Kurven weiter stehen eine handvoll Taiwanesen und hacken mit kleinen Hämmerchen an eine Gesteinswand, vor der uns 100 Meter zuvor ein Straßenschild mit „Steinschlag“ gewarnt hat. Mit der wortwörtlichen Auslegung hatte ich nicht unbedingt gerechnet, aber was soll’s. Vielleicht wird hier illegaler Erzabbau betrieben? Bevor wir uns an der Küstenaussicht laben können, müssen wir dringend tanken. Eine komplette Füllung mit dem 95er-Benzin kostet uns zum Glück nur 128$TD, also etwa 3,65€. Interessant: Auch hier muss unbedingt menschliches Personal eingesetzt werden. An der Zapfsäule steht eine Frau in Uniform gerade wie ein Zäpfchen, bereit, der Benzinluke einzuschenken. Sehr komfortabel, und man kann sogar mit Karte zahlen. Wir sind bereits über anderthalb Stunden gefahren, die letzten zehn Minuten an der neuen Küste sind also ein kleiner Schlussspurt. Sehr beeindruckt gucke ich immer wieder nach links auf die tosenden Wellen, die sich bestimmt gut zu Surfen eignen. Baden sollte man darin aber besser nicht.

Taiwanesische Gas Station

Etwa fünf Minuten vor unserem Ziel endet die Straße abrupt in einem Kies-Parkplatz mit Wendemöglichkeit. Wir steigen ab und schauen erstmal auf die Warnschilder, die sich auf den anschließenden Kiesweg beziehen. Jede Person, die sich ohne Erlaubnis der Behörde in die „Natural Reserve area“ begibt, kann mit einer Geldstrafe zwischen umgerechnet 850€ und 4300€ belegt werden, das macht Eindruck.

Hohe Geldstrafen für unerlaubtes Betreten

In einer weit entfernten Kurve sehen wir aber eine Gruppe Jungs, weshalb wir uns trotzdem reinwagen. Auf Nachfrage erklären sie, Geologen zu sein, auch sie hämmern in die angrenzenden Felsen. Da sie nichts weiter sagen, gehen wir weiter, bis wir später an einen Punkt gelangen, an dem das Schild vom Anfang wiederholt auftritt. Eine Handskulptur macht auf Plastikmüll aufmerksam und wenigstens können wir hier schon das Meer genießen, denn weiter trauen wir uns nicht, zu hoch das Risiko für eine Geldstrafe.

Ein Blick, der mich an das Computerspiel „Tomb Raider“ erinnert
Fürs gute Gewissen: Skulptur aufstellen
Natur
Schon aus der Ferne brechen die Wellen sichtbar stark

Eine Google Recherche ergibt, dass man sich für eine Erlaubnis vorher anmelden muss, täglich werden nicht mehr als 300 Touristen in den Nationalpark gelassen. Und tada, als wir uns auf den Rückweg machen, kommt ein großer Shuttlebus an, aus dem jede Menge Senioren steigen. Eine Stärkung beim 7/11 später geht es dann den selben Weg zurück.

Ankommende Rentnergruppe
Verzehrempfehlung: Bubble Tea-Eis

Früher oder später sehen die bewachsenen Tropenberge alle gleich aus, trotzdem macht das Cruisen noch Spaß. An der tiefer stehenden Sonne merkt man, wie lange wir schon unterwegs sind, und auch meine Konzentration erfordert mehr Anstrengung als noch auf dem Hinweg. Wir werden wohl kaum die anderen Punkte an der Südküste noch schaffen, kommen aber rechtzeitig an einen Spot auf der „Katzenhalbinsel“. Ein großer Parkplatz, ein geschlossene kleine Einkaufsmeile und große Massen Schülerinnen und Schüler, die das Areal gerade verlassen. Ein Glück, so sind die Aussichtspunkte nicht so dermaßen überfüllt und etwas leiser. Ans Meer kommt man leider nicht, aber der weite Blick von oben hat auch etwas.

Nachmittagssonne
Verena sagt, dass es sie am Madeira erinnert
Gezähmte Katze
Sonnenuntergang

Kurz bevor die Sonne dann wirklich untergeht, karren ganze neun Tourbusse neue Schülermassen an. Auf die kann man gut verzichten, einen farbigen Himmel hatten wir schon. Da es schnell dunkel wird und die Gesäße vom vielen Gefahre außerdem schmerzen, war’s das für heute. Ich finde sogar ohne Navi nach Hause, einfach die Küste entlang. Ich hätte nicht gedacht, dass Motorradfahren so viel Spaß machen kann. Vor allem, dass man so viel sieht, ist ein riesiger Vorteil. Wenig Ampeln, weitläufige Natur und angenehme Fahrtemperaturen tun ihr Übriges dazu.

Völkerwanderung
Skyline der Tropen

Das Abendessen besorgen wir uns wieder auf dem Night Market, der heute deutlich stärker besucht ist als noch gestern. Ich probiere zum ersten Mal die Spieße mit Kartoffelringen, kein schlechter Snack. Ausgestattet mit Laktasetabletten vertrage ich diesmal auch Milchbällchen am Spieß sowie den anschließenden Bubble Tea. Meine Squidportion ist so riesig und übersalzen, dass ich die Beilagen (Zwiebeln, Frühlingszwiebeln und weitere Gewürze), die sowieso nur als Gewürzzusatz gedacht sind, ausnahmsweise nicht mehr esse. So viel übrig zu lassen, tut meinen deutschen Augen nämlich immer noch weh.

Deutlich voller als gestern: Kenting Night Market
Lecker aussehender Seafood-Stand: Den merke ich mir für nächstes Mal

Kennzeichen des Kenting Night Market ist der Versuch, durch nach Aufmerksamkeit schreiende Musik an jedem Stand ebendiese der Touristen zu ergattern. Besonders nervig ist, dass alles durcheinandergespielt wird und meine Reize komplett übersättigt. Erster Gedanke: Das wäre nichts für meine Mutter.

Extrem nervige Beschallung am Tintenfisch-Stand

Den Rest des Abends wird Blog geschrieben, ein wenig Musik gehört und gepackt, morgen geht’s nämlich wieder nach Kaohsiung.

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