Bevor es gegen Mittag zurück nach Kaohsiung geht, nutzen Verena und ich die Zeit noch, um die Wanderroute vor unserer Haustür auszuprobieren. Den Roller müssen wir erst um elf zurückgeben, also trägt er uns noch die zehn Minuten Fahrtweg bergauf. Der Eintritt in den Park kostet und jeweils knapp 3€. Eine Wanderkarte auf dünnem Papier soll bei der Orientierung helfen.

Neben vielen kleinen Bänken, Gewächshäusern und sonstigen Dekorationen sind Höhlen die Hauptattraktion. Zuerst die „Stalagmite Cave“: Fette Warnschilder lassen auf eine große Attraktion hoffen, allerdings gibt es nur einen etwa runden Raum. Eine Leiter führt auf den lehmigen Boden, auf dem man ein paar Schritte laufen kann. Die Tropfsteine sehen ganz nett aus, aber nichts, was man nicht schon gesehen hätte. Krasser sind dafür die hunderten Fledermäuse an der Decke, die zuerst unbemerkt geblieben sind. Ungestört fangen manche an, umherzuflattern und erschrecken uns damit ziemlich. Die schiere Masse an schwarzen Viechern beeindruckt schon sehr.



Quer durch den Park ziehen sich die „Korrallenfelsen“, die uns die Österreicher vorgestern empfohlen hatten. Steine mit Löchern? Ja gut, sowas habe ich schonmal gesehen. Trotzdem ganz schön.

Spannender sind die übrigen Höhlen. Besonders die mit dem Beinamen „Drachenzahn“, durch den sowieso engen Gang ziehen sich spitz nach oben laufende Felsen, die gut und gerne riesige Zähne sein könnten. Faszinierend: in den Höhlen ist es so still, dass man nicht einmal den sonstigen rauschigen Unterton Umgebung hört.

Außerdem sind über den Park viele Affen verteilt. Nicht überall sieht man sie, aber wenn, dann wirken sie gewaltig. Viel wuchtigere als ich sie aus Kaohsiung kenne, leicht angsteinflößend. Schnell weiter. Der letzte Stopp ist ein Aussichtsturm, in dem uns mal wieder viele sofort erkennbare Deutsche begegnen. Sie brauchen kein Wort zu sagen, schon die Art zu gehen oder die Bekleidung sagen alles. Abgeranzte Wanderschuhe, kurze enge Stoffhose und kariertes Hemd, sowie eine weit vorne auf der Nase sitzende Brille. Oben auf der Plattform sind wir aber weitgehend allein und können den Ausblick auf die Südspitze Taiwans in Ruhe genießen. Ein Stockwerk weiter unten beobachten wir zwei Fensterputzer, die bei bester Aussicht labern und die Scheiben reinigen.

Fristgerecht können wir den Roller zurückgeben, knapp 14€ hat der Spaß inklusive zweimal Tanken gekostet, nicht zu glauben. In den zwei verbleibenden Stunden, bevor unser Bus kommt, erkunden wir nochmal mit dem YouBike. Diesmal geht’s die Küste rauf, einen anderen Strand angucken und im kühlen 7/11 Mittag essen.

Der Kenting Express fährt an uns vorbei, weil wir eine Kurve vor der richtigen Haltestelle stehen. Unbekannte Busstationen sind in Taiwan einfach eine Pandora-Büchse, auch in dem Fall gab es immun großes Bus-Zeichen an der Stelle, an der wir gewartet hatten. Der nächste kommt aber zuverlässig und schleppt uns zurück nach Kaohsiung. Dort verabschiede ich mich von Verena: für sie geht es auf ein Festival in Teipei, nach Hualien an die Ostküste und dann irgendwann nach Hongkong. Und dann in viele, viele weitere Länder, voraussichtlich für die nächsten zwei Jahre.
Für mich hingegen geht es vor dem Training kurz ins Dorm. Erwartungsgemäß finde ich die Indonesier in ihren Betten am Doomscrollen. Sky, der most tired guy in wahrscheinlich ganz Asien wacht verschlafen auf, „you are back.“ Ja, genau. „How was the trip? How is your relationship?“ Manchmal weiß ich nicht genau, ob er Sachen inhaltlich nicht versteht oder sein Englischvokabular so begrenzt ist, dass er es nicht anders ausdrücken kann. „It’s over“, sage ich, um es mal als Fakt auszudrücken. „But that is okay.“
Beim Training fehlt heute wieder die englischsprachige Crew. Ich kenne jetzt natürlich ein paar mehr (Ray, Momo, Healer und zwei, drei, deren Name mir immer noch fehlt), wodurch ich mich im sozialen Gefüge der Gruppe deutlich wohler fühle als am Anfang, das ändert aber nichts daran, dass mein Anteil meistens Schweigen, Zuhören und Lächeln bedeutet. Während dem Aufwärmprogramm stelle ich Müdigkeit und Hunger fest, ebenfalls nicht ganz optimal. Als Edward danach wieder die Hochsprungmatte holen lässt und die zwei Stäbe bringt, habe ich auch nicht mehr Lust. Stabhochsprung auf die gefährlich kleine Matte ist einfach genau das: gefährlich. Was mich freut, sind ein paar sinnvolle Dehnübungen an den Hürden und tatsächlich soll ich den vier Jungs, die es brauchen, am Reck Übungen für Stabhochsprung zeigen. Das macht richtig Spaß, ungefähr zehn Variationen von Aufrollern, Wolkenschieber, Scheibenwischer und Vorübungen dazu kann ich vormachen. Die anderen haben zwar große Probleme, es nachzumachen (nichts, was ich damals nicht auch gehabt hätte), aber sie checken, welche Muskeln sie trainieren müssen. Allein diesen Lerneffekt zu sehen, macht Freude.
Weniger Freude macht, dass ich mittlerweile wohl als gesetzt für den Stabhochsprungtrainerposten bin. Während alle anderen nämlich Sprints mit Edward machen, soll ich an der Amateurskonstruktion Wunder vollbringen. Schwierig, denn die Jungs haben sich mal wieder keinen Anlauf von letztem Mal gemerkt und springen einfach drauf los. Die relativ hohe Schnur lässt nicht nur die Ständer wackeln, sondern mich auch zittern, wenn ich manche Sprünge sehe, die fast ins Aus gehen. Ich selbst werde auf keinen Fall springen, ich bin ja nicht dumm. Nach fünf Minuten Ärgern beschließe ich, rüberzugehen und mich den Sprints bzw. Starts aus dem Block anzuschließen. Es wird akzeptiert, richtige Entscheidung, auch weil hier mehr Interaktion auf mich wartet.
In der Sprintgruppe lobt ein Junge meine Starts, der sich als Alex vorstellt. Er war bisher meist in einer anderen Gruppe, ich habe noch nie mit ihm geredet. Grundlegende Kommunikation scheint aber möglich. Er rennt seit der Grundschule, ist definitiv schneller als ich und freut sich darauf, am 22. November gegen mich 100 Meter zu rennen. Momo fragt mich, was Hürden auf Englisch bedeuten, und bringt mir bei, dass ich auf Chinesisch „kuàlán“ sagen kann. Eigentlich nichts besonderes, aber mir fällt auf, dass sie entweder ein bisschen mehr Englisch spricht als bisher, oder sich mehr traut.
Vier Läufe à 200 Meter komplettieren die Trainingseinheit, einmal so richtig schön verausgaben. Edward fragt mich, ob mit der Schulter alles in Ordnung sei. Klaro, aber dann wird klar, dass er den massiven Sonnenbrand meint, den ich mir wahrscheinlich heute Früh zugezogen habe. Sehr naiv hatte ich keine Sonnencreme benutzt, weil ich sicher war, nach zwei Monaten alle Resistenzen aufgebaut zu haben. Dass das für die bis dato bleichen Schultern nicht gilt, hätte ich mir ja denken können. An den Kapitän der Mannschaft zahle ich heute 2300$TD, also etwa 65€, für vorbestellte Sportkleidung der Mannschaft. Nicht schlecht, schließlich habe ich an die vier Kleidungsstücke geordert.
Dass ich ab morgen Taitung und Lü Dao anfahre (die Hotels haben Ihsan und ich erst am Nachmittag gebucht), scheint die Allgemeinheit zu begeistern. Ein Typ, dessen Name mir nicht einfällt, der aber schon oft dabei war und sehr extrovertiert ist (u.a. hatte er einmal auf meinen Versuch, Chinesisch zu reden, mit „Which language are you speaking?“ geantwortet), explodiert förmlich vor Begeisterung. Die wenigen Stichworte, die ihm auf Englisch einfallen, brüllt er dafür umso stärker heraus. „Here! Beautiful! Fish!“, sagt er und zeigt auf sein Google Maps. „Cheap. Apartment!“ Und so weiter.
Zum Essen kommen heute ausnahmsweise mehr Leute als sonst, bestimmt acht oder neun sind es letztlich. Auch Momo und eins der anderen Mädchen sind dabei. Gegessen wird in der bekannten Foodgasse der Nachbarschaft. Nur Healer, dessen Motorrad noch zwei Wochen in der Werkstatt verbringen wird und ich dürfen zu Fuß gehen. Ähnlich wie in der mongolischen Küche am Ruifeng Night Market darf man sich hier verschiedene Zutaten in eine Metallbowl tun, die dann abgezählt und abgerechnet werden, bevor das Personal sie zurechtschneidet und erhitzt. Salatsorten, Tofu, Nudeln, Eier und Pilze bilden die Grundlage meines Gerichts. Besonders finde ich, dass ich aufgefordert werde, mir das Wechselgeld meines Tausenders selbst zu nehmen, allerdings unter den Augen des Kassenwärters. Momo klappt die Kinnlade runter, als sie sieht, dass ich 210$TD (6€) zahle, verglichen mit ihren 60$TD (1,70€). Ich werde über die Zutaten des Gerichts belehrt: das Eigelb der Eier soll sehr süß schmecken, die Nudeln sind die besten der Auswahl bezüglich des Tofus werde ich gefragt, ob ich Stinky Tofu mag. Nein, aber ich werde auch darüber belehrt, dass meine Referenz kein richtiges war, sodass ich es wohl nochmal probieren muss.

Für Getränke laufen wir kurz zu einem Teeladen rüber. Ray explodiert sein Drachenfruchttee (lóngguāchá) beim Runterfallen, und sozial wie die Taiwanesen sind, fragt er ordentlich nach Wischmopp und Wasser. Hätte in Deutschland bestimmt niemand gemacht, zumal die pinke Flüssigkeit auf dem Fußgängerweg in den Gulli rinnt. Ein Teil der Jungs raucht übrigens, das war mir noch gar nicht aufgefallen. Krass, nach einem so anstrengenden Sprinttraining…
Das Restaurant hat einen ganz süßen Hund, dessen Rasse bestimmt alle außer mir kennen, irgendwas super Bekanntes halt. Jedenfalls löst er bei mir ausnahmsweise keine Schreckhaftigkeit aus, sondern lässt sich gerne streicheln und wedelt die ganze Zeit mit dem Schwanz. Momo erzählt (mithilfe von Healer) von ihrem eigenen Hund, der gestorben ist, weshalb sie jetzt gerade eine Katze hat. Meine Katze in Deutschland interessiert sie auch, vor allem wie alt sie ist. Bezüglich Deutschland hat sie sogar ein paar Phrasen parat: Dass sie aus Taiwan kommt und Momo heißt sowie „Tschüss!“ kann sie sagen. Ob sie Deutschunterricht jetzt hatte, hat oder haben wird, verstehe ich nicht, aber die Geste zählt. Vom extrovertierten lauten Typen, der mir Lü Dao näher erklärt hatte, bekomme ich auch noch Vokabeln: „zàn!“ soll ich immer sagen, wenn etwas gut ist. „hǎohǎo“ übrigens wird mit tödlichen Blicken abgestraft, vielleicht ist das so, wie in Hamburg „Moinmoin“ zu sagen.

Da nächste Woche Examenwoche ist, fällt da das gesamte Training aus. Schade, ich würde gerne öfter mit der Leichtathletiktruppe was machen. Gefühlt müsste das so sein, damit ich mich enger mit ihnen Zusammenwachsen kann.
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