Ein Urlaub folgt auf den nächsten. Um halb eins treffe ich mich mit Ihsan an der Koahsiung (Main) Station. Er hat genau wie ich den KI-Kurs sausen lassen, ist einfach zu müde gewesen. Versorgung kommt vom ansässigen FamilyMart; Brötchen, Nigiri und Yakult-Milch, meine neue Lieblings-Flüssignahrung. Wenn schon keinen Kefir gibt, muss etwas Neues aushelfen. Das motiviert mich außerdem umso mehr, in Berlin einen Pilz zu kaufen, der mich dann persönlich mit Probiotika versorgen kann.
Die Kaohsiung Station ist zwar ziemlich groß und unübersichtlich, wenigstens aber gut ausgeschildert. Das Zugmodell, das uns nach Taitung bringen soll, könnte man mit einem besseren deutschen IC vergleichen. Kein ICE, aber auch keine bodenlose Local Train. Tze-Chiang Limited Express heißt die smoothe Kiste, die fast so viel Beinfreiheit lässt wie die HSR (High Speed Rail) und für die man eine Reservierung benötigt. Essen und Trinken ist erlaubt (es kommt sogar ab und zu jemand zum Mülleinsammeln vorbei), auch über Gespräche regt sich niemand auf. Für die knapp 3-Stunden-Fahrt zahlen wir an die 13€, das geht schwer in Ordnung. Nach einer großen Kurve in Richtung Südküste schwenkt die Strecke zuckelnd durch Tunnel in den Bergen und erreicht bald die Ostküste. Unsere Plätze sind die hintersten im ganzen Zug und nach links, also ins Land gerichtet. Besonders auffallen tun mir die vielen leeren Flussbetten, über deren Brücken wir so langsam fahren, dass genug Zeit zum Staunen bleibt. Unfassbar breite Kiesrinnen, ich bekomme sie teilweise nichtmal auf ein einziges Foto, brechen aus den ausufernden Tälern hervor und führen das unsichtbare Flusswasser ins Meer. In der Regenzeit muss es brachiale Fluten geben, so sieht es jedenfalls aus. In jedem dieser Flussbetten sind mehrere Baustellenfahrzeuge zu sehen, die Kies transportieren und, reine Vermutung, die Fläche weiter ausheben?


Nicht viel später erreichen wir den Taitunger Hauptbahnhof. Nicht nur ist es hier sehr bewölkt, auch die Klima ist ganz anders. Die deutlich geringere Luftfeuchtigkeit bei immer noch 27 Grad und leichtem Wind senkt sich von der drückenden Hitze in Kaohsiung stark ab. Dabei sind die Städte gerade einmal 75 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Als Nächstes nehmen wir uns zwei YouBikes und mir fällt der nächste Unterschied auf: die Berge sind deutlich näher, selbst bei schlechter Sicht sind die nächsten Gipfel klar als Silhouette zu erkennen. Außerdem hat Taitung eine sehr geringe Stadtdichte, die Straße führt uns erstmal an vielen Reisfeldern und sonstigen Grünflächen vorbei. Erst ganz spät beginnen die Häuser, innenstädtische Straßen mit erhöhtem Verkehrsaufkommen zu formen. Die Größe dieses Bereichs beschränkt sich aber auf ein Gebiet, das vielleicht so groß ist wie eine typische europäische Altstadt. Kommt man dort heraus, warten weite Flächen und großzügige Blicke in die Natur. Die kühlere Atmosphäre, deckende Wolken und ein wenig Meeresluft wecken Kindheitserinnerungen an Den Haag. Bei Taitung habe ich sofort ein gutes Gefühl.


Unser 3-Sterne-Hotel für 22€ pro Nacht und Person bietet ein Zimmer im 6. Stock, das links auf die Berge und rechts aufs Meer schauen lässt. Ich freue mich unfassbar über die dreckigen Fenster, denn sie lassen sich tatsächlich öffnen, im Gegensatz zu dem, was ich bislang aus dem Dorm und Hotels/AirBnBs gewohnt bin. Die Luft ist auch wirklich frisch und wenn ich den Kopf rausstrecke, habe ich sogar ein halbes Panorama.


So lange die Sonne sich noch über der imaginären Horizontlinie hinter den Bergen befindet, was nicht mehr als eine gute Stunde der Fall ist, erkunden wir den Strand. Dazu fahren wir eine viel zu breite graue Straße runter, die irgendwann im Nichts enden wird. Ich finde es faszinierend, wie man ohne das Meer zu sehen bereits wissen kann, dass es auf einen zukommt, allein weil sonstige Umgebungsphänomene wie Häuserumrisse, Bäume oder Erhebungen des Terrains verschwinden. Einzig die Ferne und wenige Bäume versperren noch die Sicht.

Die Küste ist ein echtes Highlight. Fuß- und Fahrradweg schlängeln sich auf einer Erhebung, die entweder als Ufer in stürmischen Zeiten oder als Damm bezeichnet werden könnte; vermutlich verfließen die Grenzen der Definition. Neben wenigen Skulpturen, die mal wieder ein echtes Plus sind, tun viele Menschen es uns gleich und schauen auf die einbrechenden Wellen, spazieren an der frischen Luft oder lassen ihre Papageien steigen. Einer kommt uns so nahe, dass wir zusammenzucken. Der gemeinsame Lacher führt zu einem kurzen Austausch mit einem Teipeier, der die Verwandtschaft seiner Frau besucht. Er interessiert sich für unseren Aufenthalt in Taiwan und hat eine hohe Meinung über Deutschland. Erst Ende letzten Jahres war er in Heidelberg, um sich dortige für Jura berühmte Universität anzuschauen. Die gesamte Familie besteht aus Juristen, er selbst ist Anwalt. Sein Professor hatte in Heidelberg studiert und angeblich sind die meisten taiwanesischen Gesetze von den deutschen Äquivalenten kopiert, exakt so sagt er es zumindest. Das war mir überhaupt nicht klar, aber wenn der Jurist von hier es so sagt, vertraue ich darauf. Jedenfalls kann ich mir gut vorstellen, dass es gute Vorlagen gibt und bestimmte Prinzipien übernommen werden; schon klar, dass die Rechtslage in beiden Ländern nicht die identische ist und somit schon gar keine Gleichheit herrschen kann.

Mit den Bikes cruisen wir ein wenig weiter, an Zähnen fletschenden Straßenhunden vorbei (sie bedrohen sich aber nur gegenseitig), bis zu einer Stelle, an der weniger Menschen und mehr Wellenbrecher sind. Woraus die wohl gemacht und wie schwer die sind? Sehen wie Stein aus, aber Beton wäre logischer. Eine Tonne, zwei, drei? Das Wasser hat jedenfalls eine ziemliche Macht. Naturgewalttätig bauen sich die zwei bis drei Meter hohen Wellen auf und schmettern sich John Cena-mäßig auf den Grund. Man kann sich kaum vorstellen, wie die sechs bis sieben Meter hohen Wellen während des Taifuns vor einigen Wochen ausgesehen haben. Eins ist klar: an diesem Strand sollte man vielleicht lieber nicht baden gehen.

Dann wird es sehr schnell dunkel und wir brauchen unbedingt etwas zu essen. Fündig werden wir in der Nähe des Hotels, ein „Low Budget Restaurant“ bereitet die Speisen vor dem Speisetresen auf Blechgrund auf. Jeder Mitarbeiter hat eine feste Routine. Wie die größten NPCs aus Sims oder Overcooked findet man den Algorithmus raus, wenn man nur lange genug hinschaut. Der Typ vor uns brät den Salat und die Sprossen wie am Fließband, zwischendurch immer dasselbe Cleaning-Prozedere mit Wasser und Öl. Letzteres schiebt er nach jedem Reinigungsvorgang, also ca. einmal pro Minute, in ein Abflussloch. Was für eine riesige Verschwendung, im 10-Minuten-Takt muss er eine neue Flasche öffnen. Ab und zu kommt ein Sonderauftrag, wo er dann Zwiebeln mit Fleisch und Sojasoße braten soll. So oder so sitzt jeder Handgriff, kein Roboter könnte es schneller oder besser machen, da bin ich mir sicher. Ein mit Kundenkontakt beauftragter Mitarbeiter kann gutes Englisch und erklärt uns ausführlich die Bestellregeln: das Basisgericht bestimmt den Preis; Suppe, Gemüse (also Salat und Sprossen), Reis und Getränke sind dafür gratis. All you can eat verstehe ich wie sonst auch eher als Aufforderung denn als Option, und so lande ich neben Krabbenfleisch, unzähligen Wintermelonen-Tees, neuen Gemüseaufträgen für die Koch-Marionette vor uns und ein paar pochierten Eiern auch bei drei Schüsseln Reis. Das Ganze für unter 6€, Schnapper nenne ich das. Ihsan lobt seinen Fisch als besten, den er bisher in Taiwan gegessen hat und will nach Möglichkeit nochmal dahin.

Der Abend ist noch früh, und im Nieselregen ziehen wir weiter. Eine kurze Verschnaufpause auf Treppenstufen am Straßenrand, dann gehen wir in einen Tempelkomplex nahe des Hotels. Ihsan und ich sind uns zwar einig, uns an den meisten Tempeln sattgesehen zu haben, aber bei Nacht erhalten viele noch ein gewisses Glow-Up.


Die 100.000-Einwohner-Stadt hat nur zwei Nachtmärkte, davon hat aktuell nur einer geöffnet. Besonders groß ist er nicht, aber man findet, was man braucht. An einem Waffelbällchenstand sprechen wir mit zwei älteren, bierbäuchigen Europäern, die aus Belgien kommen. Auf ihren Urlaub angesprochen, zeigt der eine vielsagend auf die Rundung seines Bauches, genauer auf das T-Shirt, das eine taiwanesische Landkarte zeigt. Drei Wochen haben sie sich Zeit genommen, das Land zu umrunden und dabei alle größeren Orte mitzunehmen. Der andere, etwas gesprächiger, erklärt, er sei vorher in Qatar und in Japan gewesen, geht nach Taiwan aber wieder drei Wochen nach Japan. Nicht weil er dort wohnt, sondern weil er noch nicht alles gesehen hat. Achso, na dann bleibe ich wohl auch noch ein paar Jahre in Taiwan. Ihsan merkt danach aber geistreich an, dass die beiden vielleicht schon in Rente sind und einfach viel Kohle haben. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass sie einen Job haben, der langes Arbeiten am Stück und langes Urlauben am Stück beinhaltet: z.B. Mitarbeiter auf Kreuzfahrtschiffen oder Bohrinseln, Projektarbeit in verschiedensten Bereichen oder ganz simpel, Remote-Jobs. Auch wenn sie nicht so gewirkt haben, als würden sie aktuell arbeiten.


Grundsätzlich sieht man auf dem Night Market ein paar Ausländer, während mir davor in der Stadt quasi keine aufgefallen waren. Das ist nochmal eine Stufe härter als Kaohsiung; wer hier kein Chinesisch kann, ist echt am Arsch.
Auf Erkundungstour finden wir einen kleinen Markt für Schmuck mit Bühne, auf der chinesische Soli gesungen werden und einen alten Zugbahnsteig, dessen Plakatrenderings für eine Umnutzung als Park ich stark auseinandernehme. Ihsan beteiligt sich gerne an der Diskussion über die Kritik, äußert seine Gedanken. Eine Weile reden wir über Politik, Medien und welches Bild der Welt sie uns vermitteln, danach geht’s durch den bestehenden Park in Richtung Stadthügel, der im Dunkeln aber eher nicht zu besteigen ist.

Auf dem Rückweg besorge ich mir neue Kontaktlinsenflüssigkeit aus dem FamilyMart, dessen Melodie Ihsan und mir schon den ganzen Abend durch den Kopf schwirrt. Wir wollen beide am Ende der Zeit in Taiwan Rankings über unsere Lieblingssounds des Alltags machen. Spoiler: Der von FamilyMart wird nicht auf der eins landen… Apropo Sound: die Müllabfuhr hat in Taipei angeblich Für Elise als Soundtrack, weshalb ich dachte, es sei in jeder Stadt anders. Tatsächlich wird sowohl in Taitung als auch in Kenting dasselbe wie in Kaohsiung abgespielt, Taipei hat wohl die Sonderwurst.
Wir setzen uns zum Doomscrollen bzw. Blog schreiben in die Hotelrezeption, wo ein älterer Mitarbeiter des Etablissements scheinbar ein Interesse daran hat, uns zu verscheuchen. Auf Chinesisch plus stichwortartigen Englischvokabeln und ausladenden Gesten fragt er uns, ob wir nicht schon schlafen gehen wollen. Es ist halb elf, nein danke, ist echt gemütlich gerade hier. Vielleicht will er der Rezeptionistin einen früheren Feierabend verschaffen, aber er kommt immer wieder vorbei und ist so nervig, dass wir aus Prinzip sitzen bleiben. Erst ein leerer Akku zwingt uns, die Stellung zu räumen.
Ganz nebenbei: Neben einer Halloween-Dekoration eines Spielwarengeschäfts bekommt man in Taitung rein gar nichts von diesem doch sehr westlichen Event mit. Auch in Kaohsiung sollen es vor allem Studenten-Partys sein, wo Leute sich verkleiden. Abgesehen davon: ein Tag wie jeder andere.
Hinterlasse einen Kommentar