Das Ziel für heute: 綠島 Lǜ dǎo, Green Island, ein wunderbarer Außenposten des asiatischen Kontinents, bevor der Pazifik in Richtung Osten nur noch von Mikroinseln aufgehalten wird. Der Marianengraben am Rand der Philippinensee liegt nur knappe 2000 Kilometer vor uns.
Kurz bevor wir zum Bus gehen, fällt Ihsan ein, dass er noch Geld abheben muss, um das Hotel auf Lü Dao bezahlen zu können. Die Vermieterin hatte ihn gestern schon vorgewarnt, dass Geld abheben auf der Insel schwierig werden könnte.
Die Fähre kostet für taiwanesische Verhältnisse ein halbes Vermögen: 32€ zahlt man für Hin- und Rückfahrt, außerdem wird der Reisepass kontrolliert. Der Hafen von Taitung liegt nördlich der Stadt, neben einem Militärflughafen, auf dem alle paar Minuten ein lauter Düsenjäger landet. Der Strand vor der Stadt selbst war wohl nicht gut geeignet, um anlegen zu können. Eine Stunde lang schippert der Kahn in Richtung der Silhouette, die man bei gutem Wetter vom Festland beobachten kann. Viele Menschen sind auf der Route nicht unterwegs, über die Hälfte aller Sitzplätze bleibt frei. Die Fahrt selber ist nichts für schwache Nerven: Wild schaukelt das Schiff hin und her, die Macht des Ozeans zeigt sich in voller Gänze. Ich muss richtig aufpassen, dass mir nicht schlecht wird, aufs Handy schauen ist keine gute Idee. Das Schiff hat vier parallele Reihen und nach einer Weile komme ich auf den Trichter, dass das Fenster nicht der optimalste Platz ist. In der Mitte habe ich den Blick auf einen Fernseher gerichtet, der für die dauerbeschallungsgewöhnten Taiwanesen notwendig scheint. Allerdings habe nicht nur ich Probleme mit dem Wellengang: von links hört man Würggeräusche, was die Übelkeit nicht unbedingt erleichtert. Ein Typ kommt während der 50-minütigen Fahrt dreimal nach vorne, um volle Spucktüten in den Mülleimer zu werfen. Fünf Minuten vor Ende nimmt Ihsan einen AirPod aus seinem Ohr und sagt „Ich halt das nicht mehr aus, ich muss kotzen“. Er zieht gleich den Mülleimer zu sich rüber und bricht. Ich weiß noch nichtmal, ob ich froh sein soll, es überstanden zu haben, denn für die nächsten ein bis zwei Stunden bleibt mir sehr übel.
Beim Aussteigen findet Ihsan das Case seiner AirPods nicht mehr, durch die Schräglagen könnte es überall liegen. „Ja, Scheiß drauf, kann ich nichts machen“, nimmt er es hin. Ein Mädchen fragt uns auf Deutsch, was wir suchen. Natürlich, selbst an den entlegensten Orten bleibt man von Deutschen nicht verschont. Draußen versuchen wir, erstmal auf unser Leben klarzukommen, aber es lässt uns keine Ruhe: mehrere sehr aufdringliche Taiwanesen fahren mit Scootern vorbei, hupen und rufen „Scooter, Scooter, rent!“ Das stößt dermaßen auf, dass wir aus Prinzip nicht bei ihnen ausleihen wollen. Wir setzen uns erstmal hin, zusammen mit dem deutschen Mädel, die Sophia heißt und aus Dresden kommt. Mit gerade erst 18 Jahren ist sie auf Weltreise, war bereits zwei Monate in Japan und hat dann spontan beschlossen, Taiwan dranzuhängen. Während sie sich in Japan recht einsam gefühlt hat (teilweise tagelang ohne soziale Kontakte, nur Anrufe mit Familie oder Freunden), hat sie in Taiwan wenigstens einige Leute kennengelernt. Sie ist sichtbar froh, mit uns Gleichgesinnte gefunden zu haben. Ihre Stimme wirkt auf mich nicht nur etwas hell, sondern auch unsicher. Sie reist, so lange ihr Geld und ihre Zeit reichen. Für Lü Dao hat sie auch noch keine Unterkunft, sehr entspannt geht sie das Ganze an. Allerdings bekommt sie ein bisschen Panik, als ich erzähle, dass man hier vermutlich kein Bargeld abheben kann; ihr Rückfahrticket gilt erst in zwei Tagen und in bar hat sie nur 200$TD mehr dabei, als sie vermutlich für einen Scooter brauchen wird. Eine Frau in Jeansjacke fragt schon das vierte Mal, ob wir nicht doch einen Scooter leihen wollen und deutet ungläubig an, dass wir ja sonst zu Fuß laufen müssten. „No! Thank you“ stelle ich klar. Sie zieht langsam von dannen.

Ein anderer Typ auf einem Scooter wirkt freundlicher, er will und zu einem Verkauf eskortieren. Das ganze Hafenviertel quillt über vor geparkten Scootern, an Saisontagen muss die Insel wirklich rappelvoll sein. Am nächstbesten Stand biegen wir rein und fragen, ob sie uns die Zweiräder vermieten würden. Die drei Leute vor Ort verneinen aber und erklären, ohne ihren Chef könnten sie das nicht machen. Merkwürdig, warum sind sie denn dann hier? Der Scootermensch geleitet uns dafür zu einem anderen Areal, bei dem man für einen elektrischen Roller 600$TD (17€) pro Tag zahlt, ziemlich viel in unseren Augen. Wir ziehen also weiter, aber eine ältere Frau aus dem letzten Laden mit müden Augen und tief ins Gesicht gezogener Maske hat sich auf ihren eigenen Roller geschwungen und verfolgt uns. An jedem Laden, in den wir schauen wollen, ruft sie den Besitzern zu, woraufhin diese ihre Türen verschließen oder angeben, nichts mehr zu vermieten. Das ist doch wohl ein schlechter Scherz? Hunderte Roller vor den Türen sollen angeblich nicht zur Vermietung bereitstehen? Eine junge Dame, die Englisch spricht, übersetzt für uns, was der älteren Dame auf dem Roller ein Anliegen zu sein scheint: ohne Führerschein (sie haben aber noch nicht einmal danach gefragt, und Sophia und Ihsan haben ja sogar einen) kämen für uns nur die teureren Elektroscooter infrage. Ihsan spielt auf Mitleid als armer Student und versucht schon, etwas am Preis zu machen, aber die junge Frau sagt nur: „It’s on our boss, I am sorry.“ Also bleibt uns nur noch, sich der alten Tante anzuschließen und zum Laden von davor zurückzerren zu lassen. Dort setzt die „Boss“-Frau sich in einen Liegestuhl, hält sich aus folgendem Geschehen zwar raus, beobachtet aber, als wäre sie die Patin von Lü Dao. Zu Recht bemerkt Ihsan, dass das Hafenviertel wie ein Kartell funktioniert und versucht es weiterhin dreist mit Feilschen, erfolglos. Nicht dass 17€ für 24h ungeheuerlich viel wären, zumindest nicht für deutsche Verhältnisse. Auf Liuqiu allerdings hat man das Ganze für den halben Preis bekommen und die Art der Vermieter ist so unsympathisch, dass es schwerfällt, ihnen einen Sieg zu geben. Immerhin ist der junge Gehilfe, der der Vermietung anleitet, ganz nett und verweist immer wieder darauf, dass er selbst für den Preis nichts kann. Mir sagt er sogar, für uns komme der beste E-Scooter infrage, mit 65 km/h Höchstgeschwindigkeit. Gerade mal 15 km/h langsamer als Sophias richtiger Roller, so viel Stress um nichts.

Zur Unterkunft, die vier Minuten weg ist, nehmen wir Sophia einfach mal mit, vielleicht gibt es da noch ein Zimmer, in das sie kann. Wir fragen auch gleich nach der Möglichkeit für Scuba Diving, das man in Lü Dao wohl besonders gut machen kann. Eine Antwort wird uns für später versprochen, sodass wir erstmal in die Stadt können. „In die Stadt“ ist in dem Fall als Euphemismus, eine lange Straße bildet das Stadtzentrum, in dem auch zwei Convenience Stores ihren Platz haben. Erste Mission für meine Begleiter ist aber die Bargeldsuche. Nach 7/11 und FamilyMart werden wir zum Post Office geschickt, der dortige ATM nimmt aber nur taiwanesische Karten, man man man. Jetzt haben Ihsan und Sophia jeweils nur noch fünf, sechs Euro in bar, dabei bin ich derjenige ohne Kreditkarte. Sophia leihe ich das Geld für die Unterkunft, das sollte reichen. Scuba Diving ist damit leider nicht mehr möglich, allerdings sei es wohl sowieso zu spät am Tag und bei dem kühlen Wetter reizt es mich auch nicht prickelnd, abgesehen davon, dass ich vorm Tauchen riesigen Respekt habe und mich überwinden müsste, mit Sauerstoffflaschen unter Wasser zu gehen.


In der restlichen Wartezeit fahren wir einmal auf die Nordseite und entdecken eine echt tolle Stelle. Neben dem Hangfriedhof einiger Bewohner und ihren Trucks hört die Straße endgültig auf und weicht einem Strand. Dieser ist gänzlich frei von Menschen und während Ihsan ihn erkundet, klettern Sophia und ich auf die eingrenzenden Bergfelsen, um eine bessere Aussicht auf die Küste zu bekommen. Es ist recht windig, und neben der Bewölkung fühlen sich die 25 Grad gerade noch optimal an, um es genießen zu können.



Danach ziehen wir auf die anderen Strandseite, um eine Höhle zu finden, die vorher bereits ausgeschildert ist. Auf dem Strandbild (s.o.) kann man bei den hinteren Felsen eine Art Loch erkennen, das ist sie. Durch die Felsen zu klettern, macht so viel Spaß, auch weil der Grip stimmt. Ich könnte das den ganzen Tag machen. Die Höhle ist vielmehr ein enormer Überstand des Berges, fast kreisförmig erzeugt sie einen überdachten Bereich, in dem es von manchen Stellen an der Decke tröpfelt, man aber vor dem Nieselregem draußen verschont bleibt. Verfallene Treppenstufen und wenige aufgereihte Steine weisen darauf hin, dass die Höhle schon früher als Unterschlupf gedient hat. Es kommt genug Tageslicht rein, um grünen Boden gedeihen zu lassen, der aber auch rutschig sein kann.

Am Rand kann man weiter hinaufklettern, der Berg ruft mich. Der Regen macht mir nichts aus, vorsichtig setze ich Schritt für Schritt, bis ein Steilhang verhindert, dass ich nach ganz oben gelange. Bei gutem Wetter und mit Wanderschuhen würde ich mich vielleicht trauen, denn es gibt genug Griffe und Setzstellen, aber ich will nichts riskieren und kehre um.



Dann geht’s zurück, den Regen sitzen wir im Hotel aus. Drei bis vier Hunde sowie eine Ziege gehören zur Familie, die hier und- und ausgeht sowie Mittagessen im Gemeinschaftsraum veranstaltet. Nachdem wir gestern schon schlechte Erfahrungen mit Hunden gemacht haben, halten die hiesigen unsere Abneigung aufrecht. Ohne Grund bellen sie uns ständig an, versperren den Weg, sind einfach blöde Köter. Ihsan schreckt mehrmals aus dem Schlaf auf, weil der kleinste ihn ankläfft und Anstalten macht, ihn anzugreifen. Wenn du deine Hunde nicht im Griff hast, dann halte sie doch bitte auch nicht im Hotel. Abgesehen davon sind die Besitzer aber nett, eine der Frauen kann sogar etwas Deutsch, sie hat mal in Göttingen studiert.
Solange es helle ist, was nur bis kurz nach fünf Uhr nachmittags der Fall ist, zwingen wir uns nochmal auf die Maschinen, um die Insel zu erkunden. Jetzt schon merke ich, dass eine Übernachtung eigentlich zu wenig ist, morgen Mittag müssen wir ja bereits zurück. Der Rollerladen lässt uns immerhin gratis die Batterien austauschen, nach einer Stunde Fahrt sind diese nämlich bereits halb leer. Diesmal fahren wir in Richtung Süden, gegen den Uhrzeigersinn. Wunderschöne Blicke auf Klippen, Strände und vollständig bewachsene Berge bieten sich auf der windgeschützten Seite der Insel. Ab und zu halten wir an, um die Augen schweifen zu lassen. Es sind kaum Fahrzeuge unterwegs, und die meisten sind sowieso Motorräder, weshalb man ohne Probleme auf der Straße stehen kann. An einem klaren, sandfarbenen Strand beschließe ich spontan, ins Wasser zu springen, auch wenn die Badehose noch im Hotel liegt. Weit traue ich mich noch rein, denn auf eine zweite Seeigelerfahrung kann ich verzichten. Das Wasser ist wärmer als jede Mittelmeererfahrung und bei dem lauwarmen, aber kräftigen Wind trockne ich innerhalb weniger Minuten. Weiter geht’s, an alleinstehenden Hotels oder Ferienwohnungen vorbei, die in so geringer Stückzahl das Landschaftsbild kaum beeinflussen.

An der Südspitze von Lü Dao erlebe ich mein persönliches Inselhighlight. Neben einer Therme, die auf den „Zhaori Hot Springs“ fußt, führt eine Treppe auf den wahrscheinlich südlichst erreichbaren Punkt der Insel. Auf der Aussichtsplattform ist es unwahrscheinlich windig, man kann sich ungelogen in den Wind legen, ohne umzufallen. Begeistert lachen wir und spielen damit wie kleine Kinder. In Windrichtung zu spucken katapultiert den Speichel in unsichtbare Ferne. Ihsan lacht sich tot, wenn der Wind uns Gehfehler gibt, denn die Böen stoßen unregelmäßig zu. Das Beste ist aber die Grünfläche, die sich in Richtung Ozean auf den Klippen ausbreitet und für Sophia wie schottische Highlands wirkt. Alle 50 Meter warnt ein rotes Schild am Rand, dass Absturzgefahr besteht, wegen des Windes trauen wir uns nicht mehr als fünf Meter an die Ränder.



Ich muss natürlich an die äußerste Spitze, über die weiche Wiese laufen, an seelenruhigen Ziegen vorbei und an Rand der Welt schauen. Der Wind ist so heftig, dass das Meerwasser uns sogar auf dem gut 20 Meter hohen Plateau erreicht. Wellen, die auf der Westseite entgegen der Windrichtung an die Felsen schlagen, kommt die oberste Gischtschicht abhanden und weht in die Ferne. Generell zieht alles nach Südwesten, die tausenden, Millionen Schaumkronen sehen aus der Ferne aus wie ein Volk, das vor den Weiten des Pazifiks flieht oder wie eine Kuhherde, die in einer Naturdoku langsam, aber stetig neues Weideland suchen.
Die Gewalt, mit der das Wasser die Küste erreicht, ist entsprechend auf der Ostseite am stärksten. So stark, dass ein Abschnitt des schäumenden Wassers entlang des Klippenbereichs konstant türkis eingefärbt ist. Wenn die Felsen nicht so gefährlich wären, könnte man bestimmt sehr gut surfen.
Das ist ungelogen einer der schönsten Orte, die ich in meinem Leben gesehen habe, auf den Bildern und Videos kommt es nicht ansatzweise so eindrucksvoll zur Geltung, wie es in real wirkt. Wenn ich auf meiner Radtour im Januar die Möglichkeit habe bzw. das Wetter akzeptabel ist, will ich unbedingt nochmal herkommen. Ich wäre auch jetzt noch länger geblieben, aber Sophia und Ihsan wollen zu Recht den Rest der Insel sehen, bevor es dunkel wird. So cruisen wir auf den Rollern durch die Kurven der Bergstraßen, teils auf Seelevel, teils hoch zwischen den Gipfeln. Die Ostseite ist am leersten, keine Häuser, keine Dörfer. Auch der Flugplatz liegt wie der Hafen im Westen, dem Festland zugewandt. Selbst mit dem Motorrad dauert eie ganze Umrundung eine knappe Stunde, bei uns mit den vielen Pausen noch deutlich länger. Ein taiwanesisches Ehepaar im Auto hält mehrfach neben uns an und zeigt auf die verschiedenen Aussichtspunkte. Zu Anfang ganz lieb, aber irgendwann nerven sie, wir sind ja keine kleinen Kinder und sind auch nicht zu blöd, gute Spots zu erkennen. Auch bei einer Pinkelpause halten sie neben mir an, das reicht jetzt wirklich. „No, thank you, xièxiè!“ rufe ich und mache eine abweisende Handbewegung. Endlich Ruhe.
Als wir die Umrundung abschließen, dämmert es schon nicht mehr, das Schwarz der Nacht liegt über unseren Köpfen. Da Lü Dao weder einen Night Market noch sonstige nennenswerte food places hat, nehmen wir das einzige, aber auch attraktive Aktivitätsangebot wahr: die Zhaori Hot Springs.
Durchs Dunkle jagen wir mit hellem Hauptscheinwerfer, nach zehn bis fünfzehn Minuten sind wir im Süden. Zu dieser Tageszeit muss man dann doch Pulli tragen, endlich finden meine langärmligen Oberteile Verwendung. Ihsan muss sich eine Badehose kaufen, nachdem er dafür aber zu wenig Bargeld und zunächst erfolglos zu feilschen versucht hat, erbarmt sich die Frau am Tresen und lässt ihn eine Badehose zum niedrigeren Preis ausleihen. Diesen Erfolg feiert er in der Umkleide wie ein kleines Kind, streckt jubelnd die Fäuste in die Luft. Außerdem brauchen wir alle eine Badekappe, ich kaufe sie mir für wenige $TD. Wir fragen uns, warum man die braucht. Bestimmt hat es etwas mit Hygiene zu tun, von der Pflicht zur hässlichen Gummischicht habe ich schon öfter gehört. Wahrscheinlich sind die Kopfhautschuppen nicht ganz in Ordnung, jedenfalls gewöhnt man sich schnell dran, wenn alle anderen das auch tun.
Wie schon auf dem Bild weiter oben zu sehen ist, gibt es mehrere Becken im Freien, die alle unterschiedliche Temperaturen im kühlen Bereich haben, sowie einen recht warmen Pool unter dem Pavillondach und und sehr heißes Becken in einem offenen Raum an der Seite. Die Besucherzahlen halten sich moderat, vielleicht fünfzehn andere sitzen oder liegen in den verschiedenen Becken. Wir starten draußen, im nicht einmal knietiefen Wasser kann man vor allem liegen, entweder rücklings oder vorwärts. Für den Nacken ist kann das unangenehm werden, wenn man nicht gerade sitzt, was wiederum sehr kalt ist. Also gehen wir in das heiße Becken, das fast einen Meter tief ist. Eine digitale Temperaturanzeige wechselt sekündlich im Bereich zwischen 41 und 46 Grad, das Quellwasser hat auf jeden Fall ne Menge Energie. Ihsan legt sich sofort rein, ich hingegen brauche bestimmt fünf Minuten, um meinen Körper an die Hitze zu gewöhnen. Das Problem habe ich aber auch sonst: In der Regel dusche ich kühl, sobald der Duschkopf etwas warmes ausspuckt, ist es bei mir vorbei mit Spaß. Am Ende bin aber auch ich komplett im Geothermiebecken, umgeben von gefühlt brodelndem Wasser. Bloß keine Bewegung, das erzeugt viel zu viel Hitze. Nach einigen Minuten wird einem leicht schwummrig, ein Zeichen, sich an den Rand zu setzen und zu warten, bis einem wieder danach ist. Ganz ähnlich wie eine Sauna, fällt mir auf. In Deutschland gehe ich ja öfter, alle ein bis zwei Wochen, und bisher war mir gar nicht aufgefallen, dass ich dieses Gefühl ein wenig vermisst habe. Besonders wenn man aus dem Wasser geht (oder der Sauna), hat man dieses besondere Gefühl von Unverwundbarkeit, vergleichbar mit dem Stern in Mario Kart oder dem Kreativmodus in Minecraft. Die Haut dampft, Dopamin wird ausgeschüttet und selbst der kälteste Wind oder das kälteste Wasser kann dir für zwei, drei Minuten nichts anhaben.
Was mir an der Therme (oder auch an Saunen) gefällt, ist die Gelegenheit zu quatschen. Kein Handy im Wasser, kaum sonstige Ablenkungen, außer die Konzentration auf sich selbst und eventuell auf das Gegenüber. Entsprechend reden wir darüber, unseren Social-Media-Konsum begrenzen zu wollen (Instagram nach Taiwan löschen), agreen über ein Social-Media-Verbot bis 16 Jahre und verteufeln die kurzlebige Online-Welt von Tiktok & Co. Ansonsten ist Folgendes auch noch Thema:
Sophia weiß trotz ihrer jungen Jahre schon, dass sie nächstes Jahr ihr Psychologie-Studium beginnen will, möglichst in Graz, da ihr 2,0er-Schnitt für viele Unis zu schlecht ist. Die weit über 200 Seiten Test-Vorbereitung will sie sich ab und zu auf der Reise anlesen, in der Hoffnung, dass der Test damit leichter fällt. Am Ende paukt man trotzdem immer, da bin ich sicher. Ihsan und ich berichten über unsere Studienerfahrungen, vielleicht hilft ihr das ja. Auf jeden Fall sollte man einen Plan B parat haben, finde ich. Ihsan erzählt von seinem Traum, den ich schon am Freitag zu Ohren bekommen habe und wirklich inspirierend finde: Ihn stört, dass viele junge Menschen nicht wissen, was sie in der Berufswelt erwartet bzw. dass ihnen keine Institution wirklich hilft aufzuzeigen, was sie später einmal machen könnten. Mit dem Berufsinformationszentrum habe er keine guten Erfahrungen gemacht. Sie rieten ihm zu einer Ausbildung, mit seinem Studium ist er aber viel glücklicher. „So etwas wie die Bundeszentrale für Arbeit?“ fragt Sophia. „Nee, das ist für mich alles derselbe Haufen.“ Er hat aber einen Punkt, auch ich habe in der Schulzeit keine hilfreichen Angebote zur beruflichen Zukunft bekommen bzw. waren die, die es gab, fern und kompliziert. Konkret ist bisher nichts, aber Ihsan will einen Weg finden, Jugendlichen bei der Frage zu helfen, ein sehr ehrwürdiges Ziel.
Später gehen wir noch in den Pavillon-Pool, von dem aus man theoretisch ins Meer starren könnte, wäre nicht alles ringsrum dunkel. Drei Französisch sprechende Frauen und eine Taiwanesin sind bereits da, allerdings jeweils in ihrer Ecke, wir können entspannt an die Meeresseite. Mich fasziniert der Gedanke, dass wenn man sich nach Osten begibt, für viele viele tausend Kilometer alleine ist und das nächste Festland Mexiko ist, sofern man vorher nicht zufälligerweise auf einen mikronesischen Staat stößt. Der Wind ist kühl, aber das Quellwasser, das übrigens leicht erdig riecht, lässt es sich richtig bequem machen. Ich könnte hier theoretisch auch einschlafen, wenn es in der Wand kleine Nischen mit Kissen für den Kopf gäbe.
Dafür schließt die Therme aber schon zu früh, im 23 Uhr. Drei Stunden Aufenthalt reichen uns aber auch, nach einem letzten Mal im heißen Becken, das mittlerweile nur noch knapp 41 Grad warm ist, geht es ein ebenfalls letztes Mal ins Kalte. Dann hauen wir rein.

Im Hotel will ich noch am Blog schreiben, aber neben Ihsan, der nach wenigen Minuten wegratzt, tun meine Augen es ihm gleich und ich penne ebenso mit Klamotten auf der Decke ein.
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