Südostküste (Montag, 3. November)

Ihsan und ich werden um viertel nach zehn von Klopfen an der Tür geweckt, die Hoteltante will das Zimmer reinigen. Den Check-Out haben wir verpasst, aber kulanterweise dürfen wir noch Zähne putzen und unsere Sachen packen, ohne draufzahlen zu müssen.

Sophia war schon unterwegs und wartet auf uns beim 7/11. Das Frühstück enthält brutto mal wieder fast so viel Plastik wie das eigentliche Essen, aber etwas anderes bleibt uns nicht. Ihsan ist schlau und gibt sich nur zwei Bananen. Die Stärke in ihnen soll seinen Magen zusammenhalten, wenn es ab 14:30 Uhr wieder auf die Fähre des Grauens geht. Mein Appetit siegt über meinen Verstand und mit einem Eiersandwich, einem süßen Brötchen und Kaffee gehe ich voll ins Risiko. Die Roller müssen wir leider schon um zwölf abgeben, wollen daher noch ein bisschen rumdüsen. Da fällt Ihsan allerdings auf, dass er seine Brille nicht aufhat. Ob ich sie habe? Wieso sollte ich. Vielleicht ist sie ja in seinem Rucksack in der Hülle? „Ne, ich hab keine Hülle.“ Das crazy. Also zurück ins Hotel, die Frau hilft ihm sogar beim Suchen, aber nope, kein Fund. Vermutlich ist sie ihm gestern aus seinem Shirt gefallen, in das er sie bei der Scooterfahrt kurzzeitig gesteckt hatte. Jetzt hat der Junge innerhalb von 30 Stunden kaum noch Bargeld ohne Abhebemöglichkeit, sein AirPods-Case verloren, genauso seine Brille. Wahnsinn, auf dieser Insel gehen vermutlich wirklich Geister um, genau wie Byron gesagt hatte, nur halt diebische Geister. Wie kann man nur so schusselig sein?

Ab einem gewissen Punkt gibt Ihsan es auf: „Ja, ne, ist gut jetzt, ich hab sie verloren, ich muss mir ne neue kaufen.“ Die verbleibenden 20 Minuten rasen wir die Küste runter bis zum Strand, machen ein Gruppenfoto, versuchen, die Aussicht aufzusaugen, und kehren dann um. Ihsan hat zwar schlechte Laune, redet nicht besonders viel, man kann es ihm aber auch nicht verdenken. Wirklich bitter, so viel zu verlieren.

Heute ist besseres Wetter
Strand ganz in der Ferne, mit Motorrad allerdings in wenigen Minuten erreichbar
Insel-Squad

An der Fährstation verabschieden wir uns, Sophia hat noch eine Tauchstunde gebucht, zu der sie jetzt geht. Sie kommt nach einer Weile aber wieder zurück. Vor Ort war niemand, sie fordert ihr Geld zurück und hat sich spontan entschieden, doch heute zurückzukehren und nach Hualien zu fahren. Ihsan und ich dürfen in ihrem Tagebuch einen Eintrag hinterlassen, wobei der von Ihsan recht schmallippig bleibt. Außerdem fällt ihr ein, dass sie Reisetabletten dabei hat, die bei der Querung durchaus helfen könnten. Wieviel Leid sie (sich) gestern hätte ersparen können, wow. Aber besser spät als nie. Dazu ist die heutige Fähre, „Welcome to Uranus 21“, eine zweikufige. Hoffentlich wackelt sie dafür weniger. Falsch gedacht, wie eine Wippe taumeln wir von links nach rechts und umgekehrt. Dazu fährt der Kapitän leichte Kurven, beschleunigt und bremst. Sophia vermutet, um den größten Wellen auszuweichen. Da heute viel mehr Passagiere an Bord sind, hört man die Kotzgeräusche auch entsprechend öfter, von allen Seiten ertönt es hin und wieder. Entweder ist es die Tablette oder wir haben uns schon daran gewöhnt, so schlimm wie gestern ist die Überfahrt trotz allem nicht.

Dankbar betreten wir den festen Boden (so lange es keine Erdbeben gibt, bleibt der immerhin auch so) und suchen einen Bus. Eine taiwanesische Reisegruppe bietet uns an, in ihrem Bus gratis mit zum Bahnhof zu kommen. Sie waren auf Lü Dao, weil sie berufliche alle irgendwas mit human rights machen, haben sich das alte Gefängnis und das memorial angeguckt, das wir gestern auch gesehen hatten. Ein Mädchen in der Reihe vor uns schaut unentwegt rüber und lächelt, als wären wir etwas ganz Besonderes. Nach dem Ausstieg wollen viele mit uns sprechen, auf gutem Englisch erzählen sie von ihrem Trip und wollen wissen, was wir in Taiwan machen. Unbedingt sollen wir unseren deutschen Freunden sagen, dass sie nach Taiwan kommen sollen, hier seien alle willkommen. Also, kommt her! Mit dabei sind sogar zwei ältere Herren, die Überlebende des Gefängnisses sind, in das die Guómíndǎng (KMT) letztes Jahrhundert viele Gefangene zu unmenschlichen Bedingungen eingesperrt hat. Einer von ihnen redet kurz mit uns, er war acht Jahre lang eingesperrt, redet sehr gutes Englisch und war schonmal in Düsseldorf. Mehr Zeit bleibt leider nicht, an uns wird appelliert, über taiwanesische Geschichte zu lernen (viele taiwanesische Kinder wüssten heute kaum noch etwas über die KMT und die Schreckensherrschaft von damals), dann sind sie weg. Nach dem Ticketkauf verschwindet auch Sophia endgültig und Ihsan und ich setzen uns nach einer Weile in den Tze-Chiang Limited Express, der uns ganz ruhig und gemütlich nach Kaohsiung bringt.

Ich nutze die Zeit zum Vokabeln lernen. Schließlich haben wir exam week und immerhin der Chinesisch-Kurs führt morgen eine Prüfung durch, deren Anforderungen Sebastian an mich durchgesteckt hat, nachdem ich letzte Woche in Kenting war und gefehlt hatte. Unter anderem sollen wir die Nummern von eins bis zehn können, unseren eigenen Namen schreiben können, nach dem Namen des Gegenübers fragen können. Wow, da komme ich ja richtig ins Schwitzen.

Sidd freut sich, mir im Dorm zu begegnen. Mit Handschlag begrüßt er mich, erstmal ungewohnt, denn physischen Kontakt zur Begrüßung habe ich in Taiwan bisher eigentlich nur mit Deutschen, die anderen sind da etwas zimperlicher. Ich erzähle von Lü Dao und warne vor der Fähre, aber Sidd ist die Übelkeit erregende Bergluft Indiens gewohnt und macht sich deshalb keine Sorgen. Irgendjemand im Dorm habe nach mir gefragt, Sidd kann sich aber nicht erinnern, wer.

Sky erzählt, dass er für die jetzige exam week (mid terms) nächtelang wach bleibt und immer noch fünf Prüfungen vor sich hat. Ich finde ihn mal wieder im Bett auf, entweder schläft er, schaut Reels oder paukt sichtbar leidend für die Uni. Er weist mich später darauf hin, dass Heizo mit dem „senior“ (Floor Manager) in der Waschküche ein ernstes Gespräch über sein Verhalten hat. Ich entleere mein Wasser und gehe es ganz langsam auffüllen, um zu lauschen. Das Mandarin verstehe ich natürlich nicht, aber nach Streit klingt die Unterhaltung nicht unbedingt. Ich bilde mir sogar ein, dass die zwei kurz Lachen, Heizo steht oberkörperfrei lehnend am Waschbecken, auch der senior hat eine entspannte Haltung. Sky meint im Zimmer, er hätte früher am Abend schon im Erdgeschoss beobachtet, wie die Unterhaltung angefangen hat. Man müsse Heizo ein komfortables Umfeld geben, um keine Wutrede zu triggern. Klingt smart. Allerdings sei es auch da schon um sein Verhalten gegangen, Heizo hätte beteuert, dass er nichts falsch gemacht habe. Ob es jetzt um den Ausraster im alten Zimmer oder sein Abbleiben vom Reinigungsdienst geht, wissen wir auch nicht. Eigentlich ist es auch egal, aber der tea will gespillt werden.

Als letzte Aktion kümmere ich mich heute mal wieder um die deutsche Uni und kontaktiere den Prof, bei dem ich meine Bachelorarbeit schreiben will. Er hatte mir Anfang des Jahres gesagt, dass ich mich ab November bei ihm melden soll. In der Hoffnung, Pluspunkte zu ergattern und einen Betreuungsplatz zu bekommen, schicke ich ihm in der Mail auch gleich mein Portfolio und meinen Lebenslauf, die ich beide kurz vor meiner Abreise nach Taiwan fertiggestellt hatte. Eigentlich sollen sie vor allem für Bewerbungen nützlich sein, die ich ab Januar verschicken will.

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